Kat Frankie – Shiny Things

Schöne, funkelnde Dinge bringen uns im 21. Jahrhundert in eine Zwickmühle: Zum einen wollen wir ihre Hintergründe hinterfragen, erkennen in ihnen die böse Fratze der Ausbeutung, des Kapitalismus, der Ungerechtigkeit. Als Menschen sagt uns das Herz aber auch etwas anderes, es fühlt sich unweigerlich von ästhetischer Schönheit hingezogen, möchte sich in einer feinen Aura suhlen. Diese beiden Seite der Albumtitel-Medaille greift Kat Frankie auf ihrer neuesten Platte gleichermaßen auf. Was die neun Stücke im Hörgenuss an Intensität und Wohklang aufbauen, entpuppt ihr Inhalt als begehrenswertes trojanisches Pferd für tiefe Gesellschaftskritik. Eine Verbindung, die umhaut.

Genug vom Hedonismus

Mit Selbstgefälligkeit will die in Berlin lebende Australierin nichts zu tun haben. Ihr Sound ist deswegen spätestens 2022 eine Art Diskurs-Pop, einer mit Anspruch in Klang und Inhalt. Doch, natürlich streicheln die feinfühlig orchestrierten Streicher die gepeinigte Seele, vor allem wenn sie dann noch mit einer zarten Melodie und großen Chören vermählt werden, wie etwa in „Riverside“. Aber in diesem zwischen imposanter Opulenz („Shiny Things“) und sinnlicher Zärte („Love“) pendelnden Klangkosmos bleiben die Themen irdischer als ihre übernatürliche Schwermut vermuten lässt. „Spoiled Children“ etwa verschmäht die eigenen weißen Privilegien, fühlt sich doch als Teil dieses kaputten Systems nicht wohl, bleibt dennoch lediglich mit den Mitteln eines minimalen Indie-Entwurfs zurück. Sich aus der Realität entkoppeln wollen und gleichzeitig ein Horcrux ihrer sein – es ist ein beklemmendes Drama.

Eine Lichtfigur

Aber Kat Frankie hat eben auch diese Kraft, die nur wenigen Musiker*innen zu teil wird: Sie führt selbst durch den düstersten Sturm. Ob alles besser wird? Man weiß es nicht, Frankie selbst hat auch kein Geheimrezept in der Manteltasche. Aber bis dahin müssen wir uns der Gegenwart stellen, auch ihren düstersten Auswüchsen. „Be Like Water“ steht sinnbildlich und inhaltlich für die Proteste aus Hongkong, Frankie wird zur Stimme des Widerstands, nicht wütend, sondern feinfühlig. „Natural Ressources“ klingt so schwerelos und verzweifelt gleichzeitig an der Menschheit, wie sie der Natur nur dann einen Sinn zuschreibt, wenn sie der Wirtschaft etwas taugt. Widersprüche, die man aushalten können muss. Aber eben auch: Liebe, das Verlangen nach etwas, das zum Weitermachen aufruft. „Love“ mit dem weichen Timbre von Fama M’Boup verleiht diesem Gesuch Ausdruck, auch das finale „Road Movie“ schließt im versöhnlichen, gigantischen Ton mit diesem Projekt ab. Ja, es ist alles schlimm. Aber wenn wir uns dem Ganzen schon stellen, dann bitte nur mit Kat Frankie als Anführerin.

Das Album „Shiny Things“ kannst du hier (Vinyl) oder hier (digital) kaufen.*

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Rechte am Albumcover liegen bei Grönland.

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