Rosenstolz – Kassengift [Extended Edition]

Zum 20-jährigen Jubiläum bringt das erfolgreichste Duo Deutschlands, Rosenstolz, ihr erstes Nr. 1-Album "Kassengift" erneut heraus.

„Ich bin zu alt, um jung zu sein – ich bin zu jung, um alt zu sein! Fall‘ durch aller Herren Raster, sagen “Ja”, doch meinen “Nein”“. Kampfansage und Attitüde. Mit diesen krawalligen Worten beginnt sowohl Album als auch gleichnamiger Titeltrack der siebten Rosenstolz-LP Kassengift. Eine Zäsur.

Sprung in die Vergangenheit. Sie waren zwar schon längst kein Geheimtipp mehr, aber immer noch irgendwie Alternative und Underground. AnNa R. und Peter Plate machten bei dem genannten Album bereits neun Jahre zusammen Musik. Waren die frühen Versuche äußerst erfolglos und Longplayer Nr. 1 bis 4 ohne jegliche Chartplatzierung, sollte es nun erstmalig auf die Spitze gehen. Kassengift ist nicht nur die erste Platte der Band, die Platz 1 sehen durfte, sondern gleichzeitig auch vergoldet wurde. Der Weg dorthin zeichnete sich schon ab, so schafften es die zwei Berliner mit ihrem Antreten beim deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest 1998 zwar Guildo Horn nicht von seinem Favoritenthron zu stoßen, aber mit ihrer Zweitplatzierung von einem wesentlich breiteren Publikum die Aufmerksamkeit zu bekommen, die sie eigentlich schon längst verdient hatten.

Denn das Duo, das bis heute die kommerziell ungeschlagene Zweierkonstellation in deutschen Gefilden darstellt, hatte den nötigen Biss, Durchhaltevermögen, Kreativität und einen unverwechselbaren Charme. So unverwechselbar, dass eben viele mit ihm nichts anfangen konnten. Dimensionen, die heute wie aus einem anderen Leben wirken und auch sind – oder wie oft gibt es Gruppen, die dermaßen lang und optimistisch auf Erfolg hoffen und bangen und an ihrer Vision festhalten? Der Vorgänger „Zucker“ (1999) kletterte bereits bis auf Rang 2, mit Kassengift sind 2000 aber die letzten, einengenden Ketten gesprengt. Die Ketten, endlich im Radio und Musikfernsehen laufen zu wollen. Die Ketten, ausschließlich deutschsprachig zu singen. Und die Ketten, endlich akzeptiert zu werden. Stattdessen findet man sich mit der Rolle, Kassengift zu sein, einfach ab. Etwas, das irgendwie geduldet wird, aber für viele ein Dorn im Auge ist. So spielt MTViva Rosenstolz nicht, weil sie zu alt und das Schlagerfernsehen sie nicht, weil sie zu edgy sind.

Doch mit einer gewissen „Fuck You“-Haltung ist das Kunststück ein Selbstläufer. So entstehen Ergüsse der Extraklasse von allein statt auf Bestellung. Die Vorabsingle „Amo Vitam“ pfeift auf Erwartungen und kommt mit einem lateinischen Text daher – und was ist? Eine Single der Band geht erstmalig in die Top 20 und das klinische, stilvolle Video ist doch auf den mainstreamigen Clipsendern zu sehen und kommt an. Gewollt ungewollt. Die optische Gestaltung der LP sind schick angezogene Protagonist*innen, die mit knallorangenen Lettern überklebt sind. Sexyness und Eleganz schließen sich nicht aus. Genau dieser Umgang mit Kontrasten zieht sich auch klangtechnisch durch das Album.

Denn wer nun gute 20 Jahre nach dem ersten Erscheinen am 4.9.2000 das Werk wieder auflegt, wird merken, dass nahezu nichts so klingt, wie ein Sound, der vor zwei Dekaden anherrschte. Kassengift ist zeitlos und könnte, ohne zu floppen oder als altertümlich aufzufallen, heute auf den Markt kommen. Es ist elektronisch, mutig, sehr traurig, politisch, kritisch, rotzig und anders. Wahrscheinlich ist es das Album, das den meisten Anhänger*innen gefallen sollte, da es das Zentrum der gesamten Schaffensperiode von AnNa R. und Peter ist. Vor ihm kamen sechs Alben, danach noch fünf. Seit 2012 herrscht Stillstand. Zwar machte eine 2018 erschienene große Werkschau mit einigen bis dato unveröffentlichten Titeln von sich reden – so richtig was Neues lässt jedoch fast ein Jahrzehnt auf sich warten.

Kassengift ist das, was Rosenstolz ausmachte. Deutsche Musik zu einer Zeit, in der niemand sie wollte. Deutsche Musik mit Aussage statt stumpfen Aneinanderreihungen von schlechten Wandtattoo-Sprüchen. Musik, die an eine konkrete Situation gebunden ist und nicht zu jeder Lebenslage passt. Lyrik, die klug gedichtet wurde und nicht „Maus“ auf „Haus“ reimt. Verpackt in melodischen Momenten und Beats mit Suchtpotenzial.

Zum Jubiläum dürfen Fans und Musikkenner*innen, die vielleicht einfach den passenden Moment damals verpassten, zu einer aufwendigen Wiederveröffentlichung greifen. Vinyl-Liebhaber*innen können es sich endlich auf den Teller legen, CD-Sammler*innen die Extended Edition wählen, die neben dem klassischen Album mit einer Bonus-CD und einem Fotobuch mit teils unbekannten Schnappschüssen auffährt. Wen das noch nicht befriedigt, hat noch die Möglichkeit ein Bundle mit einem T-Shirt, auf dem der Albumtitel prangt, für sich zu gewinnen. Wo wir wieder bei Kampfansage und Attitüde wären.

Wie wählt man Anspieltipps aus einer Platte aus, die insgesamt kein Anspieltipp, sondern ein Stück Deutsch-Pop-Geschichte in sich trägt? Denn nicht weniger ist Kassengift. Wer das metaphorische „Bastard“ nicht gehört hat, sollte das partout nachholen. Selten war das abhängige Verhalten in einer Beziehung stimmiger in Worte verpackt. Mit „Total Eclipse“ wagen Rosenstolz einen Ritt in englischsprachige Welten und machen aus dem Klaus Nomi-Brett ihr ganz eigenes Ding, das an Irrsinn und Drama nicht spart, und genau dadurch so cool wirkt. „Es ist vorbei“ und „Sag doch“ erzeugen authentische Trauer – egal, ob man sie vorher bereits verspürte oder nicht. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, legt „Septembergrau“ noch einen Batzen an Depression obendrauf, reicht aber das nötige Taschentuch dazu. Mit einem Stimmverzerrer schließt Kassengift ab – „Mir graut’s vor diesen Leuten“ ist Outro und im selben Moment das Opening 2.0, nur mit mehr Selbstsicherheit und dem Abwenden von denjenigen, die es einfach nicht verstehen wollen. Als hätte das Ich der Platte im Laufe des Mithörens dazugelernt.

Dass sich die Anschaffung für Menschen lohnt, die Kassengift bisher nicht besitzen, sollte geklärt sein. Ob sie sich für die immer noch treuen Fans lohnt, die bereits alles von der Kultband besitzen, ist eine persönliche Entscheidung. Denn nüchtern betrachtet, bietet die Doppel-CD keine bisher unbekannten Songs, Remixe oder Demoversionen. Trotzdem ist aber auf der 19 Songs umfassenden Zugabe eine volle Ladung an Material zu finden, an das man nicht so leicht herankommt. Den eröffnenden „Es könnt‘ ein Anfang sein“, der am Ende der Kassengift-Ära entstand, sollte jede*r sein Eigen nennen dürfen, so oft ist er auf Live- und Best-Of-Ausgaben zu finden – doch im Anschluss folgen gleich sieben B-Seiten diverser Singles, drei Duett-Versionen von Albumtracks und acht französische Variationen. Multilingual scheint für die Beiden äußerst en vogue gewesen zu sein.

Und unter diesen Zusatzstücken sind einige dabei, die definitiv der Qualität des eigentlichen Albums in keinster Art nachstehen. Allein die Neuaufnahme eines damals schon alten Songs, „Sanfter Verführer“, zu entdecken, ist Pflichtprogramm – ebenso das verletzliche „Ganz unten (Oktober)“, die sehr ergreifende Marlene Dietrich-Hommage „Paff, der Zauberdrachen“ und die fesselnd-hypnotischen Gastbeiträge von Marc Almond („Amo Vitam“, „Total Eclipse“) und Nina Hagen („Die schwarze Witwe“). Das gewisse Mehr voller Abwechslung, Größenwahn, Sonderbarkeit und gekonnter, kreativer Ausnahmeerscheinung. 19 Songs aus insgesamt zehn unterschiedlichen Veröffentlichungen, die zwischen 2000 und 2004 auf den Markt kamen. Da ist es schon möglich, dass dem*der einen oder anderen etwas fehlt. Warum aber „La descente“, die französische Version von „Ganz unten (Oktober)“, nicht beachtet wurde, kommt negativ überraschend. Ansonsten hätte man nämlich wirklich von absoluter Vollständigkeit sprechen können.

Kassengift ist buchstäblich sensationell. Laut, schrill, aneckend, giftig, kitschig, fragil, unglaublich musikalisch und 2000er-Trends weit voraus. Um auf die Frage zurückzukommen, ob die, die alles besitzen, auch hier zuschlagen sollen – tut es! Denn womöglich führen all diese Zeichen, die ihr damit an AnNa R. und Peter Plate schickt, dazu, dass sie irgendwann doch wieder gemeinsame Sache machen. Doch nun: Mittelfinger in die Luft, Fliege geraderücken, nochmal kurz am Kleid zuppeln, verschmitzt lächeln, den durch Tränen verschmierten Eyeliner ignorieren und die Regenbogenfahne mit Stolz tragen. Ob Hetero oder Queer, ist irrelevant geworden. „Und wenn ich lauf‘, dann lauf‘ ich heimlich zwischen 12 und Mitternacht – diese unverschämten Gene haben mich zum Kassengift gemacht.“ Eat this, Bitches und Toxiker, und macht erstmal nach!

Das Album kannst du dir hier kaufen.*

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