Tame Impala – The Slow Rush

Tame-Impala

Ein ganzes Menschenleben in zwölf Songs. Klingt nach einem gewagten Experiment, aber für die ist Kevin Parker, der Mastermind hinter Tame Impala, schließlich seit jeher bekannt. Alleine die beiden letzten Alben „Lonerism“ und „Currents“ gelten als stilprägend, die Vermählung von klassischem Psychedelic Rock und sphärischen Electro-Spielereien und Parkers unverkennbarer Stimme sorgte für einen kometenhaften Aufstieg in die obersten Reihen von Festival-Line-ups der Welt. Headliner-Slots verlangen aber eben auch nach neuen Songs und Sounds und die sind Tame Impala den Fans seit nun mehr fünf Jahren schuldig. Dabei widmet sich „The Slow Rush“ nicht nur textlich der Retrospektive und kommt dem Versprechen seines Titels nach. Langsamkeit ist hier die Tugend, die dem Rausch den Weg ebnet.

Aller Anfang ist Melancholie

In der New York Times berichtete Parker von seiner Eingebung, das neue Album um den Rückblick auf das Leben und das Beobachten der Zeit kreisen zu lassen. Im Lebenslauf dieses Albums gibt es einige Selbstfindungsphasen, aber eben solche, deren Weg das Ziel ist. Kaum dringen die zerdrechselt-verfremdeten Gesänge an den Gehörgang, kaum steigt der satte Beat ein, kaum spricht Parker das erste Wort des Openers „One More Year“ weiß man, woran man ist. Bei Tame Impala kommt es nicht auf den nächsten großen Refrain an, nicht auf die Spotify-Tauglichkeit und auch nicht auf den einen zentralen Song. Viele der zwölf Stücke erstrecken sich über fünf oder sogar sechs Minuten, lassen den elektronischen Sphären Raum, weichen von der klassischen Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Bridge-Refrain-Vorgabe ab. Dazu gibt es mal 80s-Einflüsse inklusive Kopfstimmen-Hintergrundchören („Instant Destiny“), mal besonders ruhige Songs, die sich erst am Ende von den Beats einnehmen lassen („Posthumous Forgiveness“), mal steht ein Barklavier als Hauptsample im Zentrum („Breathe Deeper“), mal ein tropischer Beat („Tomorrow’s Dust“).

Ein Rausch ohne Ecken und Kanten

Ein bisschen fungiert „The Slow Rush“ wie das Ziehkind von „Currents“ und „Lonerism“. Denn gerade Songs wie „Lost In Yesterday“ verheimlichen ihr organisches Instrumentarium gar nicht, der Psychedelic-Entwurf, den Tame Impala hier präsentieren, trägt den Geist des 21. Jahrhunderts aber in jeder Faser. Soundelemente wie Laserpistolen („Lost In Yesterday“) oder Sirenen („It Might Be Time“) sind gerade im letzten, im aufwühlendsten Drittel des Albums nur ein Teil der großen Soundwand und eben nicht die Effekthascherei um der Effekthascherei willen. Was sich über sieben Songs langsam anbahnt, sorgt dann gerade in den letzten fünf Schritten für die poppigen, drängenden Momente, die den Tanzflächen der Welt auch trotz all der nachdenklichen Melancholie genug Material zur Bewegung liefern. Ganz langsam kommen die Songs auf den Punkt, werden eingängiger, bis die Beats im Closer „One More Hour“ sogar majestätische Ausmaße annehmen.

„The Slow Rush“ mag für einige zu langatmig sein, wegen der minimalen Akzente entwickelt sich über weite Strecken gar eine gewisse Form von Langeweile. Tame Impala haben aber eben schon immer für den minimalistischen Gegenentwurft zum überladenen nächsten Hype der Stunde gestanden und als solche eher mit ausgedehnten, zurückgelehnten Arrangements begeistert. Auch wenn der Soundentwurf nicht so revolutionär ausgefallen ist wie auf den beiden Vorgängern, wird auch das vierte Werk der Australier für unvergessliche Festivalabende sorgen. Und diesem Rausch werden sich auch 2020 unzählige nicht entziehen können.

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