Wolf Alice – Blue Weekend

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Szenenwechsel: Wo auf dem Cover des Vorgängeralbums “Visions of a Life” noch eine einsame Tänzerin in einem Wald posiert, warten wir auf “Blue Weekend” nun mit der ganzen Band Wolf Alice auf den Bus. Vielleicht ist diese radikale Neuausrichtung auch nötig, um sich von einem so großen Erfolg einer Platte zu emanzipieren, wie ihm der Zweitling der Brit:innen zuteil wurde. Mit diesem wurden die vier schlagartig zu den Everybody’s Darlings einer neuen Welle an alternativer Gitarrenmusik und machten abgesehen von Gitarrist Joff Odis problematischer Unterstützung der BDS-Bewegung herzlich wenig falsch. Während sich in den finsteren Lichtungen des Tannenwäldchens noch allerlei bizarre Wendungen und aufmüpfige Stilbrüche verbargen, wartet im Dunkeln hinter der Haltestelle von “Blue Weekend” nun: nichts. Allein riesige Weiten mit genügend Spielraum, um auch nach einer Mercury Prize-Auszeichnung noch einen draufsetzen zu können.

Vom Suchen…

Alles auf auf Anfang, alles vergeben & vergessen, ein Ground Zero. Darum geht es im akustischen, von Engelschören getragenen “No Hard Feelings”, das zwar an zehnter Stelle der Tracklist steht, aber genau so gut als Einstieg hätte dienen können. “Blue Weekend” ist nämlich mehr Zäsur als Fortsetzung, mehr Dutzend Level übersprungen als sich an jedem kleinen Gegner die Zähne auszubeißen. Deswegen besteht die Textur der Platte weniger aus reiberischen Materialien denn aus seidenglatten Stoffen zum Reinfallen lassen. Dass diese innere elegische Eleganz aber mitnichten bezeugt, dass bei Wolf Alice nun alles in Butter ist, zeigt schon der Opener “The Beach”. Hier wollen die immer und immer größer werdenen Arrangements das lyrische Ich umarmen, das bittet: “Let me off, Let me in, Let others battle, We don’t need to battle and we  both shall win”. Was bleibt ist aber die Furcht und Skepsis der letzten Worte “Now I’m lying on the floor / Like I’m not worth a chair / I close my eyes and imagine I’m not there”. Brutal.

Deswegen passt auch der Kontrast von “Delicious Things”, dessen an “Formidable Cool” vom Vorgänger erinnernden Sprechgesang-meets-weite-Sphären-Ästhetik nicht die lyrische Beschreibung eines sexuellen Übergriffs vermuten lässt. So wird bei genauerem Hinhören aber eine beklemmende Stimmung deutlich, die Rowsell – dramatisch wie eh und je – mit einem “Hey is mum there? It’s just me I felt like calling” unterstreicht. Sehnsucht und Angst als zwei zentrale Gefühle, die im empowernden Stampf-Hit “Smile” ins Positive umgekehrt werden: “Don’t call me mad there’s a difference I am angry // And your choice to call me cute has offended me // I have power there are people who depend on me // And even you have time you wish to spend on me”. Die hier wohl platzierten bedeutungsschwangeren Riffs stechen aus dem sonstigen Soundfeld genau so hervor wie das noisige “Play the Greatest Hits”, das semi-sarkastisch um den Hedonismus des Feierns kreist.

…und vom Finden

Aber: Wolf Alice sind insbesondere dessen plötzlich nochmal 5 Hausnummern größer geworden, weil auf “Blue Weekend” eben viel mehr geht als reine Innenschau. So lebt das Album vor allem vom Dialog mit einem unbekannten Gegenüber. Dabei gehen Hörer*innen und lyrisches Ich mal durch nahezu operettenhafte Gesangseinlagen von Rowsell (“Lipstick on the Glass”), mal durch weiche Choral-Harmonien, die The Mamas & The Papas so auch gefeiert hätten (“Safe From Heartbreak (if you never fall in love)”), mal kopfüber in eine sexuell aufgeladene Streicherwand (“Feeling Myself”). In allen Stationen verspricht die körperliche und seelische Nähe zum anderen eine Erlösung, die hier so händeringend gesucht wird. Dass Ellie Rowsell im finalen “The Beach II” genau diese aber nicht etwa in den Armen eines männlichen Liebhabers, sondern in einem Strandbesuch mit anderen Frauen findet, ist eine überraschende Wendung, die dem großartigen Soundentwurf entspricht und zudem die kulturelle Synthese des Weiblichen und der Natur positiv umschreibt.

Mit diesem dritten Album verzichten Wolf Alice größtenteils auf die knackigen HIts des Vorgängers und bleiben lieber melancholisch, scheinen gar nicht an der Haltestelle auf eine Reise, sondern viel mehr auf das Warten selbst zu warten. So wird “Blue Weekend” zu einem elegischen Moment des Fortschritts trotz Ruhe, einer gemeinsamen Suche und schließlich einer vertonten Sehnsucht, die wir wohl alle kennen:  einer nach Geborgenheit.

Das Album “Blue Weekend” kannst du hier (Vinyl) oder hier (digital) kaufen. *

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