„Duo Duo bleibt Duo Duo“ – Interview mit den Düsseldorf Düsterboys

Pressefoto von den Düsseldorf Düsterboys in Schwarz-Weiss

Bei ihrem Debütalbum waren sie zu viert, bei International Music kennt man sie zu dritt, jetzt haben Peter und Pedro ein Album zu zweit gemacht. Auf „Duo Duo“ erforschen The Düsseldorf Düsterboys nicht ihre Freundschaft, sie bildet vor allem die Grundlage. Ein Gespräch über ebendiese, über Geschichten erzählen und Geschichten wahrnehmen, die Beatles und wie sich International Music und The Düsseldorf Düsterboys unterscheiden und überschneiden.

Leonie: Pedro, du bist eine Hälfte der Düsseldorf Düsterboys und ein Drittel von International Music. Die erste Band gibt es seit 2012, die zweite hat sich erst drei Jahre später gebildet. Euer erstes Album ist 2018 im Internationals Kontext erschienen und „Nenn Mich Musik“, das Düsseldorf Düsterboys Debüt, folgte anderthalb Jahre später. Trotzdem: Als Duo gibt es euch schon länger als als Trio. Auf eurem neuen Album „Duo Duo“ beschäftigt ihr euch genau damit. Was bedeutet eure Freundschaft und das Dasein als Duo denn für das Projekt Düsseldorf Düsterboys?

Pedro: Es ist so ein bisschen der Kern, der Startpunkt, der Anfang von allem. Wie es angefangen hat — das waren wir zu zweit, weil wir gerne miteinander Musik machen.

Leonie: Ihr sagt in anderen Interviews, dass einige der Songs auf dem Album bis 2012 zurückreichen, andere sind während der Aufnahmen entstanden. Das klingt nach einer langen Zeit. Habt ihr euch irgendwann einfach hingesetzt und gesagt: Okay, wir machen jetzt ein Album, auf dem wir uns sehr genau mit uns beiden und unserer Beziehung und dem gemeinsamen Wachsen beschäftigen?

Pedro: Es ist eher so, dass ich gar nicht weiß warum wir das bisher noch nicht gemacht haben. Irgendwie waren die anderen Sachen einfach aktueller. International Music war, als das Album rausgekommen ist, in unserem Leben sehr aktuell. Bei „Nenn Mich Musik“ hatten wir die Idee, zu viert die Düsterboys zu erweitern und wollten das aufnehmen. Jetzt hatten wir Lust nochmal den Kern unserer Arbeit einzufangen — wie es ist, wenn wir zu zweit Musik machen, auch thematisch. Es sollte nicht das Thema des Albums sein, sondern die Grundlage. Viele Songs, wie beispielsweise „Korn auf Korn“, thematisieren das ja gar nicht.

Leonie: „Korn auf Korn“ ist eins der ältesten Lieder, was es von euch gibt. Wieso macht man 2022 ein Album und nimmt da zehn Jahre alte Lieder mit drauf?

Pedro: Insgesamt ging es einfach darum zu gucken: was haben wir, was wir ausprobieren können. Vor den Aufnahmen stand noch gar nicht fest, dass „Korn auf Korn“ aufs Album kommt, aber wir haben es probiert und es hat sich gut angefühlt. Genau so war das eigentlich mit den meisten Liedern.

Leonie: Also eine natürliche Entwicklung.

Pedro: Genau. Das Ausprobieren und Experimentieren waren Teil vom Aufnahmeprozess.

Leonie: Wie schön. Auf „2016“ singt ihr: „Ich zieh in die Welt hinein und wieder raus / Und immer wieder führt ein Weg von mir zu deinem Haus“. In dem Song geht es sehr explizit um eure Beziehung zueinander. Gleichzeitig lässt es sich vielleicht als eine, manche würden sagen ‚abgegriffene‘, Liebesfloskel verstehen. Ist es dieses Spiel mit der Doppeldeutigkeit beabsichtigt? Das findet man auch in anderen Texten von euch.

Pedro: Ich glaube, das ist etwas, das wir in Texten mögen und was wir in Worten und Phrasen, die es schon gibt, suchen. Wenn man die dann neu zusammensetzt, ergeben sich meistens neue Situationen oder Wortkombination, die in uns resonieren. Dann wissen wir, dass die gut sind und passen. Es ist kein bewusstes „wir wollen mehrere Bedeutungen haben“, sondern einfach den Spaß an dem Spiel mit der Sprache.

Leonie: Eure Texte sind sehr bildlich und hören sich oft nach Geschichten an. Auf eurem letzten International Music Album gibt es „Den Traum der Ente“, wahrscheinlich wart ihr in dem Moment nicht wirklich eine Ente und habt das geträumt, sondern eher eine Erzählung aufgeschrieben. Schlüpft ihr also auf eine gewisse Art in Rollen oder erzählt ihr einfach die Geschichten von Menschen, die euch begegnen?

Pedro: Das ist etwas, was wir gar nicht machen. Ich glaube, dass wir Texte gerne mögen, die auf verschiedenen Ebenen funktionieren. Du hast eben schon gesagt, es gibt so eine Bildebene, manchmal auch ein Narrativ, eine Geschichtsebene. Manchmal gibt es auch die Sprachebene: wo die Sprache die Sprache thematisiert. Es ist oft sehr schön, wenn in einem Lied verschiedene Aspekte an verschiedenen Punkten rausploppen und ein Netz daraus entsteht, zu dem man von verschiedenen Seiten Zugang finden kann. Das ist das, was ich selbst auch an Musik immer spannend finde und was ich in der Musik auch immer suche: dass mir selbst der Raum für mein Verständnis von der Musik und den Texten gegeben wird. Wenn ich jetzt so in die Rolle der Hörer*innen schlüpfe – das ist das, was ich interessant finde.

Leonie: Auf „Das erste Mal“ singt ihr: „Das Zarte ausgesprochen / Was hell war ist erloschen / Es liegt im nächsten Tal“. Das sagt auch nichts konkret aus, sondern lässt, wie du auch schon meintest, Interpretationsspielraum. Das hhv-Mag hat in einer Rezension über euer Album geschrieben, es sei „zwischen Naivität und Metaphysik wunderbar doppeldeutig“. Ich fand das einen schönen Satz. Aber sind diese Verbildlichungen und Metaphorisierungen vielleicht auch eine Art Versteck, um seine Gefühle nicht geradeheraus zu formulieren?

Pedro: Ich finde eigentlich, dass gerade „Das erste Mal“ sehr, sehr stark Gefühle transportiert. „Was hart war ist zerbrochen, das Zarte ausgesprochen / Das Zarte ist zerbrochen, das Harte ausgesprochen“. Das ist schon ein wuchtiger Satz.

Leonie: Ja, auf jeden Fall. Aber was mit dem Tal gemeint ist, ist ja sehr offen. Das kann sehr viele Bedeutungen haben.

Pedro: Wir sind normalerweise relativ zögerlich damit, auf die Frage „ Was bedeutet dieser Text oder was bedeutet dieses Lied?“ zu antworten. Ich habe dann immer die Befürchtung, dass man den Hörer*innen den eigenen Wert oder die eigene Bedeutung des Songs nimmt, indem man seine eigene fast wie so einen Gewaltakt dahinstellt. Ich glaube, wir sind in gewisser Weise auch Hörer in unserer Musik. Wir wollen auch gerne unseren eigenen Zugang dazu haben. Oft haben Peter und ich auch verschiedene Beziehungen zu denselben Liedern.

Leonie: In einem laut.de Interview sagst du, dass du es sehr spannend findest, Peters Wahrnehmungen und Perspektiven auf eure Arbeit zu lesen. Inwiefern unterscheiden sich denn eure Herangehensweisen an Musik und euer Verständnis davon?

Pedro: Was uns schon mal eint ist, dass wir sehr gerne Musik hören und sehr gerne Musik machen. Wir hören manchmal ein bisschen unterschiedliche Sachen, aber ich kann dir nicht sagen, was uns generell unterscheidet. Vielleicht bin ich jemand, der viel improvisiert und herum versucht und Peter eher jemand, der sich hinsetzt und nachdenkt und dann in den Text schreibt.

Leonie: Die Bildlichkeit und Doppeldeutigkeiten in euren Texten, über die wir eben schon gesprochen haben, lassen sich auch in vielen International Music Texten wiederfinden. Wie sieht da euer Arbeitsprozess aus und wie unterscheidet ihr zwischen den beiden Bands – setzt ihr euch ins Studio und entscheidet: heute schreiben wir für die Düsterboys und heute für International Music? Oder ist das einfach ein natürlicher Prozess?

Pedro: Wenn Joel dabei ist, ist es auf jeden Fall ein International Music Song. Das ist unser Schlagzeuger bei International Music. Dann sind wir auch meistens im Proberaum. Ein Düsterboys Song kann auch allein entstehen, meistens kommt es aber, wenn wir uns zu zweit treffen – uns gegenseitig Zuhause besuchen oder unterwegs sind. Und immer mit einer Akustikgitarre: der Anfang von Düsseldorf Düsterboys Songs ist akustisch, der von International Music Songs eher elektrisch. So lässt sich der Großteil der Songs schon gefühlsmäßig sehr klar zuordnen. Aber es ist durchaus schon vorgekommen, dass ich einen Song aus dem Düsterboys-Universum mal bei International Music reingemogelt hab und andersrum. Also „Tür“ ist eigentlich ein Düsterboys Song und bei International Musicerschienen und von „Kneipe“ gibt’s auch eine Düsterboys Version, ist aber ursprünglich ein International Music Song.

Leonie: Also zwei Bands und zwei Freiräume, um sich verschieden auszudrücken.

Pedro: Ja. Aber ich glaube, du hast das schon richtig gesagt am Anfang: Die Art zu texten ist wahrscheinlich der größte Überschneidungspunkt zwischen den beiden Bands.

Leonie: Was waren denn Einflüsse für „Duo Duo“?

Pedro: Dadurch, dass die Songs über so lange Zeit entstanden sind, ist es schwer, die zwei, drei Einflüsse zu finden. Wir hatten auf jeden Fall ein Vorbild für die Produktion, für die Art, wie wir aufnehmen wollten. Eins davon waren Os Mutantes. Das ist eine brasilianische Band, die psychedelischen Rock in den 60er und 70er Jahren gespielt hat. Die fanden wir interessant, weil sie nicht so klassische Produktionsentscheidungen getroffen haben. Normalerweise will man die Produktion vom Album irgendwie verstecken, das ist in der Popmusik sehr oft so: Das beste Studio ist das, in dem man keinen Raum hört. Man arbeitet nicht mit Kassetten, damit man das Medium nicht hört, man schneidet die Atemzüge zwischen den Gesangsparts raus, man benutzt Autotune, man legt besonders dicke Stromleitungen damit kein Brummen entsteht, und so weiter.
All das haben wir nicht gemacht. Wir haben oft die Art der Produktion auch als musikalisches Mittel eingesetzt. Das ist etwas, das man bei Os Mutantes sehr viel findet. Die setzen auf jeden Fall Wirkung und Spaß im Aufnahmeprozess über die Reinheit der Signale. Da kann eine E-Gitarre viel zu laut sein oder nur rechts oder nur links, irgendwelche Schreie können verzerren, wenn das Equipment nicht richtig eingestellt ist. Aber das Feeling ist geil. Wenn das Feeling gut ist, dann ist auch die Musik gut.

Leonie: Auf „Teneriffa“, ein Song von eurem letzten Album, singt ihr: „Hört euch mal die Beatles an“. Hört ihr euch selbst manchmal die Beatles an?

Pedro: Peter ist großer Beatles Fan.

Leonie: Ich finde, „Duo Duo“ hat stellenweise sehr Beatle-esque Melodien. Und Songzeilen von „Das erste Mal“ erinnern ein bisschen an „For No One“.

Pedro: Auf jeden Fall gefällt uns der Geist, mit dem die Beatles aufgenommen haben. Bei denen kommt auch sehr oft so eine Spielfreude durch, manchmal sind sie ja auch ein bisschen albern, haben dann aber auch ganz ernste und schöne Lieder. Das ist etwas, was ich sehr bewundere, und was uns sicher auch beeinflusst hat.

Leonie: Zum Abschluss: Wie würdest du „Duo Duo“ in drei Adjektiven beschreiben?

Pedro: Das ist unmöglich. Jedes Wort, das ich sagen würde, würde dadurch viel zu sehr mit Bedeutung aufgeladen werden, dadurch, dass es ‚neutral’ ist. Ich glaube, was „Duo Duo“ für mich bedeutet und wie ich „Duo Duo“ hören werde, wird sich je nach Lebenssituation immer ändern. Zum Beispiel „Die besten Jahre“ von International Music ist für mich ein Erzeugnis seiner Zeit und es erinnert mich an eine bestimmte Zeit in unserem Leben, aber „Duo Duo“ ist ein Album, das ich mit mir in die nächsten Jahre nehmen kann. Die Beziehung dazu wird sich mit mir auch weiter verändern können, glaube ich.

Leonie: Ich stelle mir das sehr besonders vor, wenn man ein Album macht und dann ist einfach fertig und man kann nicht mehr so richtig daran rütteln.

Pedro: Ja, gar nicht kann man daran rütteln. Wobei ich glaube, dadurch, dass ja das meiste auf Spotify ist, könnte man auch einfach einen Song austauschen. Aber das haben wir bisher noch nicht gemacht.

Leonie: Es hat einen weirden Playlist-Beigeschmack, wenn man seine fertigen Alben nochmal verändert.

Pedro: Da sind wir uns ähnlich. Ich glaube, Peter würde das anders sehen. Ich glaube Peter würde, wenn ihm in zehn Jahren die „Korn auf Korn“ Aufnahme nicht mehr gefällt, die runternehmen. Aber einigen wir uns darauf: „Duo Duo“ bleibt „Duo Duo“.

Leonie: Vielleicht wird’s irgendwann „Trio Trio“ – von International Music. Eine Art Rework.

Pedro: Ey, das finde ich gar nicht so ne schlechte Idee, ein „Trio Trio“ Album zu machen. Da hast du uns vielleicht auf was gebracht.

Leonie: Ich bin gespannt. Danke, dass du dir Zeit genommen hast.

Mehr The Düsseldorf Düsterboys gibt es hier.

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