Zwischen Hero und “Heartstopper”: Orla Gartland ist für die Indie-Welt seit vielen Jahren eine große Bereicherung. Als völlig autonome Indie-Künstlerin steht Garland für klug arrangierten Sound zwischen schnellen Riffs und Pop-Affinität – und mehr Identifikationspotential als in der besten Netflix Highschool-Serie. “Woman on the Internet” war dafür der Startschuss, mit ihrem zweiten Album “Everybody Needs A Hero” geht dieser Weg weiter & die einzige Schande an diesem Abend ist, dass Gartland in Deutschland im Luxor und nicht auf einer größeren Bühne stattfindet.
Indie fürs Herz
Schon ein Blick ins Publikum lässt an diesem warmen März-Sonntag das Wort ‘wholesome’ in den Kopf schießen. Viele Fans haben sich heute in Schale geworfen, eine Person trägt das Blumen-Headpiece aus dem Video von “Kiss Your Face Forever”, andere haben Orlas OG-Make-up aufgetragen, man sieht viele Krawatten und bunte Outfits. Das Luxor ist schon seit einigen Wochen ausverkauft und so wird es schnell muckelig.
Für Emma Harner, die heute das “Warm Up” übernimmt, also ein Live-Set vor vollem Haus. Statt Aufheizen ist heute erstmal voller Fokus auf Atmosphäre angesagt. Die bringt die Multi-Instrumentalistin aus Nevada, die auch Gartlands Schwester sein könnte, mit ihrem warmen Timbre und mehrschichtiger Sanftmut auf die Kölner Bühne. Dass Harner von einer Musikhochschule kommt, wundert bei den gezupften Arrangements kaum, die Songs sind widerspenstig und komplex. Die Fans zollen ihren Respekt mit viel Applaus – sicher auch weil Harner wahnsinnig charmant und lustig ist. Ich meine: Es gibt zu wenig Songs über verstorbene Hühner!
Zu viele Hits
Ganz klassisch ist es dann um 21 Uhr Zeit für den Haupt-Act, der sich heute mit einem Neon-Schild ankündigt. Den Rest der Bühnen-Deko ist der merkwürdigen Architektur des Luxors wegen nur für die erste Reihe ersichtlich. Aber egal – Gartland schafft auch ohne aufwendiges Drumherum einen erstklassigen Konzertabend. Gestartet wird mit dem Opener des neuen Albums, “The Sound Of Letting Go”, der elektronische Verzerrungen und Beats in den sonst doch oft analogen Sound der Irin bringt.
Ab jetzt gibt es kein Halten mehr: Jeder Song ist ein Highlight, Gartlands Hit-Appeal sei Dank. Egal ob neue Banger wie “Kiss Ur Face Forever”, “Three Words Away” oder “Late To The Party” oder Klassiker wie “Codependency”, “Why Am I Like This?” oder “Zombie!” – Langeweile, who is she? Die Refrains bauschen sich mit knackigen Riffs auf, die Melodieführungen sind ungewöhnlich aber unkaputtbar, die Themen immer mit relatable Szenerien erzählt und on point. Nur der Queer-Hit “Oh GOD!” hat es nicht in die Setlist geschafft.
Natürlich gibt es auch noch mehr als das: Einen Gänsehaut-Chor zu “Madison”, ein wunderbares Cover von Chappell Roans “Red Wine Supernova”, eine Emma Harner featuring Orla Gartland Version von “Over Your Head” – und ein Glücksrad, das den ersten Zugabe-Song festlegt. Wie gesagt: wholesome. Ginge es nur um Songwriting-Talent und Sympathie, Gartland stünde auf Festival Line-ups ganz oben. So bleibt immerhin eins zu sagen: Für all diese liebenswürdigen Menschen im Luxor ist Gartland die Antwort auf “Everybody Needs A Hero”.
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Beitragsbild von Julia.
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