Interview mit Blond über „Perlen“

Pressefoto von Blond

„Eine Perle ist ein fester, oft runder Fremdkörper aus Perlmutt, der in bestimmten perlbildenden Muscheln, seltener auch Schnecken heranwächst.“ So viel sagt Wikipedia, wenn man dort nach „Perlen“ sucht. Gleichzeitig heißt so aber auch das neue Album von Blond – und das hat mehr mit der Definition gemeinsam, als man vielleicht zuerst meinen könnte. Wir haben vor Release mit Nina und Lotta aus der Band gesprochen und neben ihrer neuen Platte unter anderem über weibliche Vorbilder, Festival Line-Ups und Parasiten gequatscht.

minutenmusik: Euer letztes Album ist ja kurz vor Corona erschienen – wie ist euer neues Album denn entstanden? Habt ihr alle Songs nach dem letzten Release geschrieben oder auch schon parallel dazu?

Nina: Die sind auf jeden Fall alle nach dem ersten Album entstanden. Und viel auch so richtig in dieser „Corona Corona Zeit“. Johann hat sich auch Produzieren beigebracht während Corona und deshalb konnten wir diesmal richtig viel schon zu dritt in Chemnitz aufnehmen und unsere Demos richtig weit ausproduzieren. So haben wir dann die Songs geschrieben, in Chemnitz quasi. 

minutenmusik: Einer der Songs, die mir von dem Album am meisten im Gedächtnis geblieben sind, ist der erste richtige Song des Albums – „Durch die Nacht“. Da geht es ja vor allem um weibliche Vorbilder und in dem Song gibt es ja auch schon so ein paar Hinweise, wen ihr damit konkret meinen könntet. Ich habe da jetzt vor allem LaFee und Wir sind Helden rausgehört – gibt es noch mehr Musiker*innen an die sich der Song richtet oder die euch zu dem Song inspiriert haben?

Nina: LaFee und Wir sind Helden hast du richtig erkannt. Das waren immer schon unsere weiblichen Vorbilder quasi. Aber man könnte da jetzt noch mehr aus der Zeit aufzählen. 2RaumWohnung, Juli oder auch Missy Elliott, Peaches und Beth Ditto. Das waren alles Frauen, die uns sehr beeindruckt haben, als wir angefangen haben, Musik zu machen.

minutenmusik: Wünscht ihr euch, dass ihr mit eurer Musik jetzt auch selbst Vorbilder sein könnt für Mädchen und Frauen, die gerne Musik machen würden?

Nina: Das ist natürlich immer ein Wunsch, wenn man Leute dazu ermutigen kann. Und ich glaube, man muss da ja auch gar nicht so viel zu erzählen, sondern es reicht, wenn man auf ein Festival geht und dort nicht nur Männer sieht. Man muss gar nicht sagen: „Hey, ich bin jetzt ein Vorbild!“. Man ist in dem Moment ja einfach da und sichtbar. Und es wäre natürlich schön, wenn man dadurch ermutigen könnte, dass ein Mädchen sich entscheidet, Schlagzeug zu lernen oder so. 

Lotta: Genau. Und wenn man das mitbekommt, dann freut man sich natürlich und fühlt sich auch sehr geehrt dadurch. 

minutenmusik: Habt ihr das schon mal mitbekommen, dass Fans mit so etwas auf euch zugekommen sind?

Lotta: Ich habe auf jeden Fall schon relativ viele junge Mädels kennengelernt, die gesagt haben: Ich habe jetzt angefangen Schlagzeug zu spielen, weil ich dich auf der Bühne gesehen habe. Oder Eltern, die sagen: Meine Tochter möchte jetzt Schlagzeug spielen, weil sie Blond-Fan ist. Und das ist natürlich eine Riesenehre. Das ist einfach ein sehr schönes Gefühl, wenn man merkt, dass man da ein bisschen Einfluss nehmen kann. 

minutenmusik: Ihr habt das Thema FLINTA*-Beteiligung auf Festivals gerade schon angesprochen und darum geht es ja auch in eurem Song „Männer“. Ihr spielt ja auch dieses Jahr auf einigen Festivals. Sucht ihr euch Festivals auch danach aus, ob auf die FLINTA*-Beteiligung geachtet wird? Oder würde das das Problem vielleicht sogar noch verstärken, wenn ihr dann absagt – wie so ein Teufelskreis?

Nina: Wir spielen gerne viele Festivals und ich finde, das ist gar nicht unsere Verantwortung, darauf zu achten. Das müssen Booker*innen machen.

Lotta: Ich glaube, man würde das schon gerne machen, aber wir sind einfach noch nicht an dem Punkt, wo man so viel Einfluss nehmen kann. Und es gibt natürlich Festivals, die einfach wie eine Art Ritterschlag sind. Auf diesen Festivals spielt man natürlich gerne und beißt dann vielleicht auch in den sauren Apfel, dass man sagt: Okay, mal sehen, ob man sich da übelst wohl fühlt. Aber trotzdem ist es ja sehr wichtig, dass unsere Inhalte auf diesen Festivals stattfinden. Deshalb hast du das schon richtig gesagt mit dem Teufelskreis. 

Nina: Man darf auch nicht vergessen: Das ist ja unser Beruf. Das ist ja auch immer an Gagen und so was gebunden und es gibt natürlich Vorstellungen oder Sachen wie „Auf diesem Festival spielen wir nicht, weil das Festival nicht unsere Werte vertritt“. Da würden wir natürlich Nein sagen, aber ansonsten ist das auch ein Job, wo wir auch einfach arbeiten wollen. 

minutenmusik: Habt ihr denn das Gefühl, dass sich das Ganze in den letzten Jahren besser geworden ist? Dass es mehr ein Bewusstsein dafür gibt und sich der FLINTA*-Anteil auch erhöht hat?

Lotta: Also ich habe das Gefühl, dass die Konsument*innen immer mehr darauf achten, das merkt man zum Beispiel in den Kommentarspalten, wenn Festival XY sein Line-Up postet. Da fragen dann schon Menschen: Was ist denn da los mit der FLINTA*-Beteiligung? Das merkt man schon. Aber was ansonsten die Diversität auf Festivals angeht, sind wir noch lange nicht an dem Punkt, wo wir gerne wären. Man merkt, dass es in die richtige Richtung geht und dass eine gewisse Aufmerksamkeit auf dem Thema liegt, aber es muss auf jeden Fall noch viel mehr passieren. 

Nina: Mich nervt das auch. Weil es gibt jedes Jahr Leute, die das kritisieren. Dann schreiben die Festivals jedes Jahr dasselbe Statement. Und so zieht sich das seit Jahren. Und das ist mir einfach ein bisschen zu langsam. Ich will ja nicht, dass man eine faire Geschlechterverteilung auf einem Festival in 2080 oder so hat. Ich will das jetzt bald erleben. Das nervt mich immer ein bisschen. Denn ich habe das Gefühl, es wird sich erfolgreich rausgeredet und dann ist auch wieder gut. 

minutenmusik: Vor allem, weil das Argument „Wir würden ja gerne, aber es gibt einfach nicht genug FLINTA*-Musiker*innen“ so langsam nun wirklich nicht mehr zählt.

Nina: Und ich denke dann auch immer: Wenn ihr so gerne würdet, dann kümmert euch doch drum, dass ihr wenigstens eure Eröffnungs-Slots, eure Vorband-Slots, diese ganzen kleinen Newcomer-Stage-Slots, dass ihr die wenigstens mit FLINTA*-Personen besetzt. Damit ihr wenigstens die nächsten weiblichen Vorbilder großzieht auf euren Newcomer-Bühnen. 

Lotta: Oder auch sowas wie Moderator*innen-Jobs. Das hört ja bei den Bands, die auf den Bühnen stehen, nicht auf. Sondern das ist ja auch hinter den Kulissen der Fall. Und da wünscht man sich schon, dass das ein bisschen stärker angetrieben wird in den nächsten Jahren.

minutenmusik: Die beiden Songs, über die wir jetzt gesprochen haben, sind ja schon ganz gute Beispiele für die Themen, die auf dem Album dominieren: Feminismus, Empowerment, Toxische Männlichkeit, Erwartungen an Frauen, sexualisierte Gewalt. Habt ihr euch bewusst dafür entschieden, dass diese Themen auf dem Album so präsent sein sollen oder hat sich das einfach so ergeben, weil das Dinge sind, mit denen ihr euch viel beschäftigt?

Nina: Das hat sich einfach so ergeben. Wir sind gar nicht so organisiert, dass wir sagen: Wir machen ein Album – was sind die Themen? Sondern das entsteht alles während man das Album schreibt, oder bei uns ist das zumindest so. Deshalb ist das einfach so entstanden, weil uns diese Themen in unserem Alltag auch einfach beschäftigen. Deshalb verarbeiten wir die dann auch in Songs. Die Songs sind ja auch sowohl musikalisch als auch inhaltlich sehr unterschiedlich. Wir nehmen uns das dann einfach raus, dass wir sagen: Wir knallen das jetzt alles auf eine Platte und das passt irgendwie, obwohl es irgendwie auch nicht passt. Aber genau so wollten wir das. 

minutenmusik: Wo ihr gerade schon sagt, dass die Songs alle sehr unterschiedlich sind: Ein Song auf dem Album sticht finde ich auch sehr heraus und das ist „toxic“. Der ist super catchy in der Hook, hat dann aber auch irgendwie super weirde Parts mit diesen gesprochenen Elementen drin, wo ihr von irgendwelchen Parasiten erzählt. Wolltet ihr da einfach mal was neues ausprobieren oder wie ist dieser Song entstanden?

Nina: Ich hab das mal der Lotta in unserem Podcast erzählt, genau so wie ich es in den Strophen von dem Song erzähle: Es gibt da so einen Pilz und dann bricht der aus der Ameise raus und so weiter. Und dann sind wir in diesem Podcast auf die Idee gekommen, daraus mal einen Song zu machen. Und das war quasi die Geburt von „toxic“, das kann man sich im Nachhinein sogar nochmal anhören. Weil wir einfach gesagt haben, dass das klingt wie eine toxische Beziehung oder so. Und so haben wir das dann in den Song übernommen, genauso wie diese Vortragsweise, diese Erzählweise. 

minutenmusik: Ich mochte auch diese kurze Britney-Spears-Hook am Ende des Songs sehr gerne. 

Nina: Die könnte bestimmt auch viel zu toxischen Beziehungen erzählen. 

minutenmusik: Im Herbst geht ihr mit dem neuen Album auf Tour – wie viele Outfitwechsel und Aerobic-Sessions wird es geben?

Lotta: Es gibt dreieinhalb bis vier Outfits, es wird wieder Aerobic-Sessions geben, na klar. Wir haben brandheiße neue Choreos einstudiert.

Nina: Es gibt ein neues Bühnenbild…

Lotta: …und natürlich werden alle unsere neuen Songs gespielt. Also es ist alles neu. 

minutenmusik: Ich bin auf jeden Fall auch gespannt, wie so Songs wie „toxic“ dann live wirken – habt ihr euch da schon Gedanken über die Live-Versionen gemacht?

Nina: Wir sind glaube ich genauso gespannt wie du.

Lotta: Bei „toxic“ finde ich es voll interessant: Dadurch dass die Strophenstruktur so anders ist, bin ich da voll gespannt, wie das so ankommt.

Nina: Man singt ja mit auf Konzerten und ich frage mich, ob Leute dann bei „toxic“ mitsprechen. Das finde ich echt interessant, ob da dann alle wie in so einer Sekte ganz monoton so einen Text aufsagen. Da bin ich übelst gespannt. Plötzlich krabbelt es bei allen auf der Kopfhaut und alle müssen sich kratzen, weil sie das Gefühl haben, dass irgendwelche Kriechtiere bei denen in den Klamotten sind. 

minutenmusik: Vor der Tour steht aber jetzt erst mal euer Albumrelease an – worauf freut ihr euch denn da in den nächsten Wochen und Monaten am meisten?

Nina: Wir freuen uns aufs Live spielen, auf Festivals, auf die Tour. Wir freuen uns aber auch auf die ganzen Sachen, die wir in der Release-Woche machen. Also unsere ganzen Überraschungen, die wir noch vorhaben. Das wird glaube ich schön.

minutenmusik: Könnt ihr schon ein bisschen anteasen, was das für Überraschungen sein werden?

Nina: Es hat was mit Perlen zu tun und mit Wasser.

Lotta: Es wird Prelistening-Events geben, das kann man sagen. Das ist eine von vielen Aktionen. 

Nina: Aber wir wollen ja auch nicht zu viel spoilern. 

Hier geht’s zur Rezension von „Perlen“

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Beitragsbild: Sarah Storch

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