Zwischen Wut und Hoffnung – im Gespräch mit Mario Radetzky (Blackout Problems)

Blackout Problems in der Münchner Muffathalle

Noch vor der Bundestagswahl meldeten sich die Blackout Problems mit ihrer Single „FRONTROW“ zurück und präsentierten musikalisch gewohnt hart und eingängig, während sie sich inhaltlich klar positionierten. Wenige Wochen nach der Bundestagswahl führten wir nun ein ausführliches Gespräch mit Sänger und Gitarrist Mario Radetzky, um über die Wahl, die politische Verantwortung als Band, ihre Konzerte als eine Art Mikrokosmos, die Zusammenarbeit mit Moses Schneider, die weiteren Pläne und vieles mehr zu sprechen. Viel Spaß bei der Lektüre!

minutenmusik: Gehen wir mal direkt in die Vollen… Die Single „FRONTROW“ habt ihr absichtlich vor der Bundestagswahl veröffentlicht. Wie blickt ihr im Nachhinein auf die Ergebnisse zurück?

Mario Radetzky: Gute Frage. Ganz schön gespalten ehrlich gesagt. Ich weiß nicht, ob ich schon so abgestumpft bin, aber man hat ja schon damit rechnen können, dass die CDU gewinnt. Man hat damit rechnen können, dass die AfD wieder zulegt. Was ich überraschend fand, war, wie stark die Grünen und die SPD an Stimmen verloren haben. Bei der SPD war es mir ein bisschen klar, die fand ich nicht so überzeugend. Was mich aber total gefreut hat, war, dass Die Linke so zugelegt hat und vor allem, dass jemand, der so nah an jungen Leuten dran ist wie Heidi Reichinnek, so einen Impuls gesetzt hat.

Ansonsten fand ich den Wahlkampf ganz schön ermüdend. Dass Migration Thema Nummer eins ist… Das ist selbstverständlich ein sehr wichtiges und sehr spannendes Thema, aber gleichzeitig hat es auch dazu geführt, dass unterste Schubladen bedient wurden. Das hat man mehr denn je in der CDU gemerkt und das finde ich sehr unangenehm. Dass es in der AfD genutzt wird und dass alles, was in irgendeiner Weise mit Migration oder mit Geflüchteten zu tun hat, genutzt wird, um Ängste zu schüren und den Wahlkampf zu führen, das haben wir ja in den letzten Jahren schon mitgekriegt, das wurde jetzt nur noch hässlicher.

Ich finde, der Wahlkampf hat echt gezeigt, was für hässliche Werte teilweise in der deutschen Politik stattfinden. Umso schlimmer, dass diese Parteien so stark gewählt wurden. Das ist wirklich erschreckend. Aber ich finde, es war nicht alles nur schlecht. Es gab auch positive Bewegungen und positive Momente, wo man gemerkt hat: Cool, hier ist etwas in Bewegung, hier passiert etwas.

minutenmusik: Wie würdest du dir die 20% AfD erklären? Ich denke immer, dass 20% eine gewaltige Zahl ist, das ist jeder fünfte. Da denke ich, wenn ich mit mehreren Leuten in einem Raum bin, es muss ja einer dabei sein.

Mario Radetzky: Absolut, ich denk mir das auch. Ich denke mir das auch, wenn wir Konzerte spielen und da kommen 500 Leute, oder lass es 100 Leute sein… Rein statistisch ist da jemand dabei, der die AfD wählt. Aber wenn wir Konzerte geben, haben wir immer einen sehr freundlichen, familiären Vibe. Ich habe das Gefühl, ich komme sehr wenig mit diesen 20% in Berührung. Ich sehe die in der U-Bahn, im Bus… Im alltäglichen Leben begegnet man denen vermutlich auf einer anderen Ebene und nicht auf der politischen, wo man in den Austausch geht. Ich habe diesen ganzen Wahlkampf über meines Erachtens nicht mit AfD-Wähler:innen gesprochen und mich damit auseinandergesetzt, weil die nicht in meinem Kreis sind. In meiner Welt bewege ich mich in einer viel offeneren „Mini-Gesellschaft“. Deswegen kann ich mir diese 20% manchmal einfach nicht so gut erklären, weil ich mich frage: Wer sind diese Leute? Und warum sind die so überzeugt von den Werten dieser Partei, dass sie die wählen?

minutenmusik: Und dazu die Frage: Haben die überhaupt mal in das Wahlprogramm geschaut?

Mario Radetzky: Das ist auch so ein Punkt, dass viele Menschen, die die AfD wählen, überhaupt nicht von dem Wahlprogramm profitieren würden. Das macht es noch unwirklicher.

Aber was man auch merkt, nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern, vor allem in den USA, ist die Art und Weise, wie Trump seine Wahrheiten verkauft. Der behauptet einfach „ja, das ist so.“ Der Golf von Mexiko heißt dann einfach „Golf von Amerika.“ Punkt. Und die Leute applaudieren und sind so auf ihr eigenes Recht und ihren eigenen Vorteil fixiert, dass sie vergessen, dass es auch Menschen gibt, die anders denken. Diese republikanische erzkonservative Welt, die in Amerika herrscht, kriegen wir hier überhaupt nicht anders mit außer aus Podcasts, aus den Nachrichten, aus dem Fernsehen. Mit diesen Menschen kommen wir gar nicht in Kontakt. Ich kann mir diese Weltsicht nicht erklären. Ich bin anders aufgewachsen, anders erzogen, anders sozialisiert worden. Ich versuche immer, für andere Menschen Verständnis aufzubauen und versuche auch, mich nicht komplett ignorant zu verhalten und zu sagen, nur meine Meinung zählt. Es gibt auch andere Meinungen, die zählen, und ich versuche auch, die Gründe dafür herauszufinden. Sie sind nur für mich manchmal einfach nicht zu erklären.

Blackout Problems in der Münchner Muffathalle

minutenmusik: Gibt es bei den Wahlergebnissen Hoffnungen oder Wünsche von dir oder von euch als Band, die daraus hervorgehen?

Mario Radetzky: Als Band wünschen wir uns natürlich, dass die Gesellschaft in Deutschland offen bleibt, in jegliche Richtungen, auch dem Fortschritt gegenüber. Dieses Wahlergebnis ist das eine, aber wir wünschen uns, dass die Augen nicht verschlossen werden vor Dingen wie dem Klimawandel und der Migrationspolitik. Dass man da wachsam bleibt und drauf achtet, dass die deutsche Gesellschaft nicht nur durch dieses Wahlergebnis repräsentiert wird, sondern dass wir mehr sein und offen sein können.

Als Band treten wir mit vielen Leuten Austausch, wenn wir Konzerte spielen. Da erleben wir oft so ein kleines Utopia, eine Mini-Gesellschaft, in der die Leute – egal, wo sie herkommen, egal, wie groß/klein/dick/dünn sie sind – einfach miteinander eine gute Zeit haben können. Das ist ein total schönes Gut, das da entsteht. Wir würden uns wünschen, dass das nach außen getragen wird und in unseren Alltag übergeht.

minutenmusik: Würdest du sagen, dass das auch das ist, was bei „FRONTROW“ die relevante Message ist? Ihr habt das Stück ja nicht nur geschrieben, um auf die Bundestagswahl hinzuweisen, würde ich mal behaupten.

Mario Radetzky: Nein, nicht nur, aber als Mo – von ihm kam die Initialzündung zu dem Song – mit dem Demo und dem Refrain kam, habe ich mir gedacht, das ist schon ganz schön dystopisch. Ich habe gespürt, dass da eine Art Enttäuschung und gleichzeitig eine Wut ist, aber auch das kämpferische Nicht-aufgeben-Wollen hat und ich glaube, dieser Song, der ja schon sehr hart und sehr direkt ist, der musste so raus, wie er ist. Aber er hat auch nicht nur negative Seiten. Er hat auch etwas Positives. Das merkt man nicht nur an der textlichen Seite, sondern auch an der musikalischen Seite, wenn wir zusammen spielen, Spaß haben, eine Energie erzeugen, ballern und merken, dass der Song auch live total gut funktioniert. Diese Ambivalenz zwischen dem positiven Vibe, der live im Raum passiert und den teilweise harten und negativen Texten – das ist ein spannendes Zusammenspiel. Wir schließen die Augen nicht vor den negativen Dingen, sondern benennen diese und versuchen, klar zu stehen, eine Meinung zu haben und trauen uns auch, diese kundzutun. Gleichzeitig verlieren wir nicht die Lebensfreude dabei, was durch unser Spielen repräsentiert wird.

minutenmusik: Du hast die musikalische Seite gerade angesprochen. Wie ich gelesen habe, ist es das erste Stück, das ihr zusammen mit Moses Schneider erarbeitet habt. Wie kam es dazu? Und wie hat es den Sound beeinflusst?

Mario Radetzky: Nachdem wir in Südfrankreich Videos für unsere letzte Platte gedreht hatten, wurden wir angefragt, weil manchmal Bands gesucht werden, die bei Produzenten-Workshops als Beispiel-Band dabei sind. „Habt ihr da Bock drauf? Der Workshop wird von Moses Schneider gemacht.“ – „Logo, Moses ist doch auf unserer Bucketlist. Klar wollen wir mit ihm arbeiten.“ Dann kam dieser Workshop nicht zustande, wir waren aber dadurch schon mit Moses in Kontakt und hatten die Tage, an denen der Workshop stattgefunden hätte, im Kalender schon geblockt. Da haben wir gesagt, wir nutzen die Zeit und treffen uns in München in unserem Proberaum und machen da etwas. Es war gar nicht von Anfang an der Plan, dass wir einen Song aufnehmen, das ist in diesen Tagen entstanden. Wir haben gemerkt, dass wir gut miteinander harmonieren und da habe ich ihn gefragt, ob er sich vorstellen könnte, dass wir gemeinsam im Proberaum einen Song aufnehmen. Er meinte „ja klar, das machen wir.“ Aber er meinte, unsere digitalen Kemper Amps müssten erst einmal weg und wir brauchen wieder die Röhrenverstärker, die richtig laut im Raum sind und dann nehmen wir ganz klassisch auf, wie er auch mit Tocotronic, mit den Beatsteaks und vielen anderen Bands aufgenommen hat. Ohne Klick, ohne alles. Wir haben einfach gespielt und das aufgenommen. Diesen Take haben wir genommen und unsere elektronische Seite drüber produziert, was total interessant war. Das hat den Sound sehr geformt und wahnsinnig Spaß gemacht.

Moses ist ein cooler Typ, der ist total positiv. Er sitzt im Raum, steckt dich mit seiner Energie an, bringt Ideen ein, hört deinen Ideen zu – das ist ein toller Austausch. Gleichzeitig macht er nicht zu viel. Er ist nicht so einer, der auf einmal das Ruder komplett übernimmt und sagt „ich nehm dir jetzt deinen Song weg“, sondern er hilft dir dabei, deinen Song fertigzumachen. Das war ein schönes Zusammenspiel.

minutenmusik: War das eine einmalige Geschichte oder gibt es da schon weitere Pläne?

Mario Radetzky: Wir wollen uns wieder treffen. Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir noch gar keine Songs geschrieben. Wir haben nach „Riot“ bisher nur das Feature mit Lake Malice und „FRONTROW“ geschrieben. Wir sind gerade ein leeres Blatt und fangen bald wieder an, neues Material zu sammeln – und wir haben uns mit Moses so gut verstanden, dass wir uns auf jeden Fall wiedersehen. Wie sehr und wie viel er in neue Musik von uns involviert sein wird, wissen wir noch nicht hundertprozentig, weil wir uns immer ein bisschen offen lassen, wo es eigentlich hin geht. Wir hören immer sehr auf das, was uns aus herauskommt, womit wir arbeiten können. Bei uns ist jedes Album ein bisschen anders. Das liegt hauptsächlich daran, dass wir immer erst einmal drauf los spielen und dann gucken, wo es sich gerade hin entwickelt: Was fühlt jeder und in welchem Sound sieht uns gerade jeder? So langsam gehen die Gedanken los. Ich freue mich auf jeden Fall sehr, wenn Moses mal wieder mal hierher kommt und wir wieder etwas zusammen machen können.

Blackout Problems in der Münchner Muffathalle

minutenmusik: Also ist eine Richtung wahrscheinlich auch noch gar nicht abzusehen, oder?

Mario Radetzky: Nicht wirklich. Es gibt so ein paar Leute, bei denen ich sagen würde, das wäre spannend, mit denen einmal zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig ist Blackout Problems etwas sehr Persönliches, eine Art Spielwiese für uns, wo wir uns entfalten und machen können, was wir wollen. Beim letzten Album hatte ich so zwei drei Sessions mit anderen Songwritern und da habe ich gemerkt, dass mir das nicht so getaugt hat, dass da etwas versucht wurde aus, uns zu machen oder an einen Punkt zu kommen, wo ich vielleicht gar nicht sagen würde, da will ich jetzt hingehen. Und dass es Mo, Markus und Jo vielleicht genauso gehen würde. Wir haben uns immer am besten verstanden, wenn erstmal nur wir etwas gemeinsam gemacht haben und dann geguckt haben, wer noch dazukommt. So war es zumindest beim letzten Album. Da ist sehr viel im stillen Kämmerlein entstanden und das hat gut funktioniert, die Vision weiterzubringen, was Blackout Problems alles sein kann. Ich glaube, dass unsere Band sehr davon profitiert, dass sie so frei ist. Wir sind genre-frei und auch unsere Hörer:innen sind uns gegenüber sehr offen. Die haben natürlich alle ihre Lieblinge und Sachen, die sie besser und schlechter finden an uns, aber die haben sehr viel Akzeptanz, was unsere Ausflüge in verschiedene musikalische Abenteuer betrifft. Das würde ich gerne weiter ausreizen.

minutenmusik: Daran lag es dann auch bei Sony nicht. Ich musste gerade dran denken, weil ich euch letztes Jahr beim Konzert in der Muffathalle gesehen habe. Du hattest dort eine Ansage gemacht, in der du erzähltest, dass alle Partner euch verlassen haben. Da habe ich mich jetzt gefragt, ob das Thema „der böse Major“ mit im Spiel ist oder ob das keine Komponente ist. Was ist damals passiert? Gab es eine Begründung, warum alle von euch weg sind?

Mario Radetzky: „Böser Major“ würde ich tatsächlich gar nicht sagen. Sony war immer cool mit uns und wir haben eine gute Zeit miteinander gehabt. Wir haben da Spaß gehabt. Wir waren da natürlich die Paradiesvögel, die Sonderlinge. Eine Band! Wir sind da mit richtigem Schlagzeug und allem angekommen, das ist ja bei Sony mittlerweile selten. Bands wie uns haben die einfach nicht so viele. Manchmal werden es wieder mehr, manchmal weniger.

Für uns war es ein krasser Schlag letztes Jahr, als uns unser Management rausgeworfen hat. Die haben uns eine Woche nach Rock am Ring/Rock im Park eröffnet, dass sie nicht mehr sehen, wie es mit uns weitergeht. Wir waren gerade mit wehenden Fahnen von Rock am Ring und Rock im Park gekommen und dachten, das war unglaublich, was da los war, wie viele Leute da waren… Das war für uns ein riesiger Erfolg. Dann haben die uns einfach rausgekickt. Das war für mich unverständlich, aber ich glaube, das waren Business-Entscheidungen. Das war bei Sony denk ich dasselbe. Das war einfach so eine Zahlen-Entscheidung: Wie viel kostet diese Band? Wie viel bringt diese Band? Dann ist es einfach so, dass du sagen musst, du bist da raus. Aber es gab da kein böses Blut, das war alles fein.

Für mich war schon, als wir dort gesigned wurden, klar: Irgendwann werden die uns raushauen. Irgendwann wird dieser Punkt kommen. Das hatte ich immer im Hinterkopf, weil die wenigsten Bands ein Leben lang bei einem Label bleiben, schon gar nicht bei einem Major-Label. Wenn man sich Biografien großer Bands anschaut oder vor allem von Bands, die lange Bestand haben, dann gab es da immer mal so Phasen: „Ah, jetzt sind sie beim Major. Ah, jetzt sind sie es nicht mehr. Wie geht es weiter?“ Und weil wir vorher schon alles DIY mit dem eigenen Label Munich Warehouse gemacht haben, wusste ich, dass ich dieses Label weiter aufbauen will, während wir bei Sony gesigned sind, damit es uns, wenn Sony nicht mehr mit uns zusammenarbeiten wird, sofort auffangen kann. Das ist passiert. Direkt, als die gesagt haben, wir sind raus, war unser erster Move zu sagen „okay, es geht weiter mit Munich Warehouse und wir machen uns keine Sorgen und keine Gedanken“. Auf Munich Warehouse ist mittlerweile auch das Album von Heisskalt erschienen, es kommt ein Album von Van Holzen… Das ist sehr stimmig, das passt sehr gut mit uns zusammen.

Blackout Problems in der Münchner Muffathalle

minutenmusik: Auf dem besagten Konzert gab es noch eine zweite Ansage, die bei mir hängengeblieben ist. Ich fand es für mich total nachvollziehbar, aber wie würdest du es in eigenen Worten beschreiben? Du hattest drum gebeten, dass auch die Männer bitte ihre Shirts anlassen sollten. Was steckt dahinter?

Mario Radetzky: Dahinter stecken unsere weiblichen und non-binären Fans und Trans-Personen, die auf die Konzerte kommen und sich dadurch gestört fühlen, wenn sie im Moshpit von nassgeschwitzen oberkörper-freien Männern umgenietet werden. Deswegen bitten wir die, beim Konzert erstens ihre Shirts anzulassen und zweitens, sich auch dementsprechend zu verhalten. Wir merken immer wieder, dass unsere Musik laut, aggressiv und emotional ist und sehen oft, dass unsere Pits sehr männlich sind. Wir versuchen, auf den Shows immer wieder drauf aufmerksam zu machen, dass auch FLINTA-Personen ihren Raum haben. Das gelingt in der Realität mal besser und mal schlechter, aber wir versuchen, daran zu arbeiten und sind alles andere als perfekt, was das betrifft. Aber wir versuchen, darauf hinzuweisen und hinzuarbeiten. Das ist ein Prozess, der uns wichtig ist.

Was uns vor allem am Herzen liegt, auch wenn es mit Sicherheit nicht immer funktioniert in der Realität: dass jeder, der auf unsere Konzerte kommt, eine gute Zeit hat und sich dort aufgehoben und safe fühlt. Das ist uns wirklich ein Anliegen. Die Menschen kommen, um uns zu sehen und einen geilen Abend zu verbringen. Das ist der Respekt, den wir denen entgegenbringen wollen und darauf achten, dass alles möglichst gut läuft.

Ich betone und sage das alles so vorsichtig, weil ich auch weiß, dass es in der Realität immer Ausnahmen und Momente gibt, in denen sich jemand nicht wohlfühlt, in denen es jemandem zu wild ist oder wo jemand crowdsurfen geht und ihn jemand in der ersten Reihe abbekommt… Solche Momente gibt es auf Konzerten immer und deswegen will ich mich nicht hier hinsetzen und so tun, als wäre bei uns alles super safe und super cool. Es gibt immer Ausnahmen. In unserer Verantwortung sehen wir es, den Leuten, die auf unser Konzert kommen, einen möglichst guten Abend zu ermöglichen. Da gehört dazu, dass man darauf hinweist, wenn sich jemand gestört fühlt. Dass man sagt, das ist uns ein Anliegen, weil wir wissen, dass sich jemand dadurch gestört fühlt. Deswegen achtet darauf und verhaltet euch so, dass ihr bei niemandem eine Grenze überschreitet.

minutenmusik: Jetzt hast du mir die Frage, warum man unbedingt zu euren Konzerten kommen sollte, schon mit beantwortet. Die Frage zur Tour wäre noch: Wonach habt ihr die Städte ausgewählt, in denen ihr tourt? Ein paar fand ich unüblich. Töging lese ich zum Beispiel selten in Tourdaten.

Mario Radetzky: (lacht) Ja, ich weiß, Töging springt da schon richtig raus. Aber in Töging gibt es einen Club, der heißt Silo1 und der wird von einem Bekannten von uns geführt. Der heißt Tom und der macht dort gute Arbeit und probiert, Kultur und Konzerte an einen Ort zu bringen, wo nicht unbedingt immer Bands hinfahren. Der probiert schon seit zwei oder drei Jahren, uns zu holen. Dieses Jahr haben wir gesagt, lasst uns mal an Orten spielen, wo wir noch nicht so oft waren, wo wir immer mal wieder hin wollten und wo wir vielleicht noch nie waren. Oder wo wir vielleicht den Club cool finden und supporten wollen. Da war Töging beispielsweise so ein Ort. Oder das p.m.k. in Innsbruck, da waren wir ewig nicht. Wir waren auch schon lange nicht mehr in Linz. Wir haben in den letzten Jahren oft Touren gespielt, wo wir wahnsinnig schöne Städte bespielen konnten wie Zürich, Paris, Amsterdam, London, Wien, Berlin… In Deutschland spielt man dann noch in Hamburg und München, aber vergisst so Städte wie Stuttgart. Beziehungsweise vergisst man sie nicht, aber hat sie nicht auf dem Tourplan, weil irgendwann die Energie ausgeht. Dieses Jahr wollten wir die Energie in diese Orte stecken. Deswegen haben wir gleich mal Stuttgart und Hannover geplant, haben Essen dabei, Dresden… Es kommen auch noch zwei Konzerte, die noch nicht veröffentlicht sind – die kommen nach Hurricane und Southside dazu. Wir haben auf der letztjährigen Tour eine richtig gute Zeit gehabt, das hat wahnsinnig viel Spaß gemacht. Dieses Jahr wollen wir daran anknüpfen.

minutenmusik: Ich hoffe natürlich, dass unter einem der beiden Streifen noch München steht…

Mario Radetzky: Tatsächlich steht es nicht unter den Streifen. Aber wir sind, das kann ich verraten, an einer Jahresabschluss-Show dran. Wir probieren dieses Jahr, eine in München zu machen. Dadurch, dass wir 2022 und 2024 jeweils so große Jahresabschluss-Shows in der Muffathalle hatten, was letztes Jahr wirklich ein Riesen-Highlight für uns war, wollen wir dieses Jahr eine etwas kleinere, intimere Show machen.

Wir haben das Feedback von Leuten gehabt, dass es total schön ist, dass wir jetzt teilweise so große Konzerte wie das Carlswerk Victoria in Köln oder die Muffathalle spielen können, was wir auch als große Ehre sehen, aber gleichzeitig kennen uns ganz viele aus kleinen Mini-Clubs. Die wollten wir nicht vergessen. Deswegen haben wir dieses Jahr einen Mittelweg zwischen kleinen und großen Locations uns ausgewählt. Da wollen wir hinfahren und einfach spielen, egal ob p.m.k. in Innsbruck oder Southside Festival: Wir wollen einfach spielen, in allen Variationen.

Blackout Problems in der Münchner Muffathalle

minutenmusik: Welchen Stellenwert haben für euch die München-Shows, die Heimspiele?

Mario Radetzky: Es hat schon etwas Besonderes, weil wir uns hier viele Freundschaften aufgebaut haben und daher eine besondere Nervosität vor der Show haben. Gleichzeitig ist es auch nicht die leichteste Stadt, um Konzerte zu spielen. Es ist nicht so, dass es bei uns von vornherein immer voll war, wenn wir hier gespielt haben. Das war ein extrem langer Weg. Keiner von uns ist original aus München, keiner ist hier zur Schule gegangen. Wir sind alle hingezogen und sind hier „gelandet“, deswegen wissen wir das jetzt schon sehr zu schätzen, wenn da immer mehr Leute kommen und es immer einen kleinen Schritt größer wird. Das ist schon abgefahren. Ich habe jahrelang an der Bar in einem Live-Club gearbeitet und mir dort Konzerte angeschaut und zu der Zeit kam fast niemand auf unsere Konzerte. Ich habe immer gewünscht, auch mal vor so vielen Leuten zu spielen und zu gucken, ob wir das als Band überhaupt können. Ob wir die Leute überhaupt zwei Stunden entertainen können, ob wir da einen Spannungsbogen haben beim Konzert. Die letzten Jahre haben uns gezeigt, dass das geht und dass uns das total Spaß macht.

minutenmusik: Wir haben jetzt über Live-Spielen und Touren geredet, über die Platte, die noch in den Kinderschuhen steckt… Gibt es sonst etwas, bei dem du schon einen Ausblick geben kannst, was bei euch oder auch bei Munich Warehouse passieren wird?

Mario Radetzky: Ja, wir arbeiten parallel auch immer mal mit anderen Menschen zusammen. Jetzt ist hier gerade das neue Album von Umme Block entstanden, das dieses Jahr bei Munich Warehouse erscheinen wird. Was Blackout Problems betrifft, arbeiten wir gerade an einem Livevideo aus der Muffathalle und fangen an, den Sound zu mischen. Ich will da jetzt nicht zu viel verraten, weil ich nicht weiß, ob wir es schaffen werden, aber für uns war es immer eine Vision, dass wir Konzerte von uns mischen und rausgeben können. Bis wieder neue Musik von uns kommt, wird es vielleicht noch ein bisschen dauern – vielleicht aber auch gar nicht so lange, wir lassen uns da ein bisschen reinfallen und überraschen. Wir wollen auch mal unsere Archive durchkramen, ob es vielleicht noch den einen oder anderen Song gibt, der vielleicht noch veröffentlicht wird. Es ist gerade alles sehr unkonkret. Wir lassen uns reinfallen und gucken, wo wir landen. Dieses Jahr konzentrieren wir uns drauf, neues Material zu sammeln. Langsam, aber sicher – ganz entspannt. Wir wollen uns die Zeit nehmen, denn wir haben einen großen Anspruch an uns selbst und gleichzeitig auch Respekt davor, Musik zu machen. Wenn wir etwas rausbringen, sollte es auch unseren Ansprüchen genügen. Wir sind sehr bedacht drauf, keine Schnellschüsse hinzulegen.

Wir haben immer viel vor. Was am Ende davon wirklich passiert und was nicht, sieht man immer erst dann, wenn es passiert ist.

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Die Rechte an den Bildern (aufgenommen bei der Show in der Münchner Muffathalle am 07.12.2024) liegen bei Marius Meyer.

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