Interview mit Deutsche Laichen über Queer-Feminismus im Punk

Im von weißen Cis-Männern dominierten Punkbusiness machen Deutsche Laichen mit räudigem Pöbel-Punk die Klappe auf: Gegen egozentrisches Mackertum, gegen ewig gestrige Homphobie, gegen rezessive Strukturen, gegen Misogynie. Wir haben uns mit Bassistin Carla und Gitarristin Bi über die Kraft von Musik, die Problematiken der Subkultur Punk, der Vereinbarkeit von Feminismus und Punk und ihrem Selbstverständnis als Band unterhalten.

minutenmusik: Wie habt ihr euch eigentlich kennen gelernt und seit wann macht ihr schon zusammen Musik?

Carla: Kennen gelernt haben wir uns alle, weil wir in Göttingen wohnen oder mal in Göttingen gewohnt haben und da passiert es schnell, dass man sich mal über den Weg läuft und ein Großteil der Band hat auch mal zusammen gewohnt. 

minutenmusik: Habt ihr da eigentlich direkt gewusst, dass es musikalisch auch passt oder habt ihr da eigentlich andere Hintergründe? 

Bi: musikalisch kommen wir alle aus ganz verschiedenen Richtungen. dass wir eine Band gegründet haben war eher so eine Schnapsidee auf einer Party.

minutenmusik: Habt ihr in der Band denn klare Rollenverteilungen oder macht da jeder so ein bisschen? 

Bi: Ne, Anführerrollen haben wir so gar nicht, wir verteilen die Aufgaben untereinander und jede Person macht das, was ihr oder ihm am besten liegt. 

minutenmusik: Macht ihr das beim Songwriting denn auch so, dass ihr alles zusammen macht? 

Carla: also öfter kommt ein Text rein und dann gucken wir alle zusammen, was man draus machen kann. Aber es sind auch schon Texte und Songs komplett zusammen im Proberaum entstanden. 

minutenmusik: Also kommen bei euch meist Texte zuerst oder das Musikalische oder ist das ganz unterschiedlich?

Bi: Das ist ganz unterschiedlich, manchmal ist es nur ein Satz, wo jemand sagt, den Text will ich da rein haben, der ist mir wichtig und dann gucken alle, was man so drumherum bauen kann. Und manchmal ist es so, dass man ein Riff hat und dass man da drumherum alles baut. “Zu dem Riff passt doch der Text” und dann basteln wir alles so zusammen. Das geht alles immer mega fix. 

minutenmusik: Passend zu eurer Einordnung als queer-feministische Punkband ist mir aufgefallen, dass ihr vom typischen Riot-Grrrl-Sound von Bikini Kill und co jetzt nicht so viel mitgenommen habt. Habt ihr euch selber bewusst für diese Pöbelpunk-Richtung entschieden? Und habt ihr da andere Bandeinflüsse, die ihr am meisten bei euch verorten würdet? 

Carla: Also gerade dieses Label Pöbelpunk ist aus dem Gedanken entstanden, sich eben nicht Riot-Grrl oder so zu nennen, weil das ja immer so eine Besonderheit impliziert, dass da nicht nur Typen stehen und das möchten wir gerne, dass das nicht notwendig ist, das zu sagen. 

Bi: Genau und andere Bands als Vorbilder also man muss dazu vielleicht erwähnen, dass wir alle als wir die Band gegründet haben total unbehelligt waren an unseren Instrumenten oder beim Gesang und das alle noch nicht so richtig konnten. Wir hätten gar nicht, selbst wenn wir wollten, die Referenzen zu Bands herstellen können, weil wir das gar nicht hätten nachspielen können. Das war eher so Learning by doing und je nachdem was ne Person kann, haben wir dann auch etwas reingebracht. Und dann hat sich gar nicht so ein Riot-Grrrl-Sound oder sowas entwickelt. 

minutenmusik: Musikalisch passt dann noch am ehesten internationale Bands wie War on Women oder Petrol Girls. Habt ihr denn das Gefühl, dass es bei uns auf nationaler Ebene auch andere feministische oder queere Punkbands gibt, die zusammen eine kleine Szene aufgebaut haben oder denkt ihr, da ist noch ein bisschen Nachholbedarf? 

Bi: Beides. Wir haben festgestellt, es gibt natürlich viele feministische Bands, nur musikalisch ist das in Deutschland total unterschiedlich. Es gibt ja so Finisterre, Rauchen oder andere Bands, die explizit Feminismus in ihren Inhalten haben. Aber die sind natürlich musikalisch anders als wir. 

minutenmusik: Aber denkt ihr, da besteht trotz der musikalischen Unterschiede eine gemeinsame Szene, dass man da zusammen etwas auf die Beine stellen könnte? 

Bi: Ja auf jeden Fall, ich glaube gerade die Bands, die politisch auf einer Seite sind, ziehen auch alle an einem Strang. Das ist ja das Schöne am Punk, an der Szene, dass man auch verschiedene Bands zusammenschmeißen kann und auf einem Konzert oder einem Sampler zusammenpacken kann. 

minutenmusik: Denkt ihr denn, das geht über Genre-Grenzen hinaus? Im Hip-Hop ist ja momentan auch einiges los, was feministische Thesen angeht. Oder denkt ihr, dass das immer noch voneinander getrennt ist?

Bi: Ich denke, Feminismus ist ein wichtiges Thema und wird gerade viel diskutiert und findet breitere Zugänge gesellschaftlich und deswegen ist es kein Wunder, dass mehrere Musikrichtungen gerade diese Inhalte erobern. Aber wir haben mit Hip-Hop nichts am Hut musikalisch. Aber natürlich feiern wir das auch total ab, wenn feministische Raperinnen auf einmal gefeiert werden, das ist ja voll geil.

minutenmusik:  Anderes Thema ist natürlich auch die Queerness an sich. In der Punk-Szene ist es ja noch immer ziemlich außergewöhnlich, muss man leider sagen. Habt ihr denn da schlechte Erfahrungen selbst gespürt oder von Freund*innen oder Kolleg*innen mitbekommen, dass es da immer noch problematisch sein kann, sich als queer zu outen?

Bi: In der Szene nicht, da gibt es keine Queerfeindlichkeit, die ganz offen gelegt ist. Ich glaub generell so im Gesellschaftsquerschnitt natürlich immer. Von Freund*innen schonmal gar nicht und in der Szene kriegen wir auch keine Queerfeindlichkeit ab. Wir kriegen aber natürlich mit, dass es das trotzdem gibt und ich glaube es gibt viele queere Musiker*innen, auch auf den Bühnen,  die das vielleicht aber gar nicht so unbedingt thematisieren wollen, was ja auch voll okay ist. 

minutenmusik: Dennoch finde ich, dass sich viele Punkbands schon offen gegen Rassismus stellen, aber jetzt gerade was Feminismus und Queerness angeht, gibt es noch relativ viel Nachholbedarf. Habt ihr das Gefühl, wenn ihr Songs schreibt wie “My Cunt, My Business”, dass es dann einigen vielleicht zu radikal ist? Weil das ist ja schon ziemlich ausdrückliche Sprache und ich hab das da selbst schon mitbekommen, dass da einige Frauen sagen “Das muss man jetzt ja nicht so genau sagen, ist doch klar, worum es geht” oder denkt ihr, dass gerade diese radikalen Worte auch sein müssen?

Carla: Also sonst würden wir das auch nicht so machen, ich glaub das tut dem Ganzen gut. 

Bi: Und das ist ja dann auch eine Art konfrontativer Feminismus. Also natürlich im Privatleben würden wir Sachen anders formulieren oder anders debattieren als auf der Bühne. Aber ich glaube unser Stil auf der Bühne ist dann eher dieses konfrontative und Sachen benennen und vielleicht auch ein bisschen polarisieren wollen und dafür natürlich auch radikale Sprache finden wollen. 

minutenmusik: Ich denke auch gerade zur Musikrichtung passt es ja, wenn man genau auf den Punkt bringt, worum es geht. Was würdet ihr denn gesellschaftlich oder vor allem in der Musikindustrie ändern wollen, was diese beiden Bereiche Feminismus und Queerness angeht? Oder denkt ihr es gibt da Wege, was sich gerade in der Musikindustrie schon ändert, zum Beispiel die Keychange-Foundation bezüglich 50% weiblicher Musiker*innen in Festival-Lineups? Wie steht ihr denn zu solchen Aktionen? 

Carla: Ich finde das wird schwierig, weil ich würde mir total wünschen, dass das nicht notwendig ist. Ich hoffe, das ändert sich halt. Also das ist ja ein viel größeres Problem als in der Musikindustrie. Es geht ja viel mehr darum, dass Leute ihre Bühnen nehmen und so heran sozialisiert werden, dass sie sich da wohl fühlen können. 

Bi: Genau und ich denke gerade so Themen wie Feminismus und Queerness, das ist ja auch nichts, was man mit Zahlen irgendwie besser machen kann, jetzt 50:50 und blabla. Nur weil man 50:50 auf die Bühne hinbekommt, heißt das nicht, dass sich da so ein Selbstverständnis draus entwickelt. Das ist ganz viel politische Arbeit, ganz viel drüber reden, den Diskurs irgendwie befeuern. Nur mit einer Quote ist da nichts getan, da muss auch drum herum ganz viel unsichtbare Arbeit geleistet werden und da gehört auch ein bisschen Mut dazu. 

minutenmusik: Ich denke es kann auch gar nicht schaden, wenn man von vornhererein jungen Frauen und queeren Menschen klar macht, dass sie auch einen Platz auf der Bühne verdient haben und nicht nur die weißen cis-Männer. 

Bi: Genau, was ja eben auch super schwer ist. Die Grenze ist ja nicht immer sichtbar. So ein Cis-Boy oder Cis-Band stellt sich ja nicht auf die Bühne und sagen “ha das ist unser Raum und alle Frauen sollen mal weggehen”, das ist ja eher unsichtbar. Das gibt’s bestimmt auch, dass Leute sowas sagen und das ist halt die Crux an der Sache, dass es nicht sichtbar ist. Die sagen dann sowas wie: “hä, wieso, gründ doch einfach ne Band”, aber so einfach ist das nicht. 

minutenmusik:  Wenn ihr selber auf Tour seid, bekommt ihr da irgendwie mit, dass es da Pöbeleien gibt oder so Mackertum während der Show so aufmucken, was ihr da für Musik macht? Ich schätze mal bei eurer eigenen Show wird es nicht so sein, aber wenn ihr mal auf Festivals oder als Support gebucht werdet? Oder sich vielleicht auch anderen Leuten im Publikum gegenüber nicht so verhalten haben wie ihr euch das gewünscht hättet? 

Carla: Ja, das ist ja gerade im Punk nicht ungewöhnlich, dass zum Beispiel es einen Moshpit gibt und da dann so Dudes sind, die alle umboxen. Dann weisen wir die auch darauf hin und dann kommt es auch manchmal vor, dass uns Sexismus vorgeworfen wird oder dass Leute mitten in der Show, während wir auf der Bühne sind, mit uns diskutieren möchten. Das machen wir dann eher hinterher in der Regel, aber jetzt auf Texte bezogen also inhaltlich hab ich das bisher noch nie mitbekommen, dass die gekommen sind und gesagt haben “ey, was redet ihr denn da?”. Bei dir?

Bi: Also ich erinnere mich schon an ein paar Situationen, wo danach Leute kommen und konfrontativ sind, so “ey wir brauchen doch keinen Feminismus, ist doch alles geil hier” – das kommt dann immer von cis-Männern. Ich interpretiere das so oder möchte es so interpretieren, dass sie sich vor den Kopf gestoßen fühlen, weil sie denken “hä für mich läufts doch” und nicht auf dem Schirm haben, dass es für andere nicht läuft. Ich interpretiere das dann als eine Art Rechtfertigungsmoment, dass sie dann unbedingt mit uns diskutieren wollen, was wir da so machen, weil die machen ja alles richtig. Also so eine Konfrontation hatten wir schon ein paar Mal und das ist nur das, was wir mitbekommen. Ich glaube da läuft noch ganz viel, was wir gar nicht mitbekommen. 

minutenmusik: Ich glaube, es kann auch gar nicht schaden, dass Leute, die sich selbst als nicht queer identifizieren auf der Bühne schon mal klar machen, was nicht geht an Verhaltensweisen im Publikum. Das hatte ich zum Beispiel bei Frank Carter dieses Jahr, der hat sich auch explizit für Safe Spaces für Frauen und queere Menschen eingesetzt, weil das eben auch da passiert ist, dass Leute da rumgepöbelt haben. Denkt ihr denn, dass Kommunikation auch schon während der Shows helfen könnte, dass man da vielleicht sichere Räume schaffen könnte? 

Carla: Eine Bühne ist auf jeden Fall ein Ort in einem Raum, auf den man schon viel Einfluss drauf nehmen kann. Wir versuchen auch, von der Bühne aus zu sagen, wir machen jetzt zusammen diesen Raum. Wir wollen uns jetzt alle wohl fühlen zusammen irgendwie. Lasst uns versuchen, das zusammen hinzukriegen. 

Bi: Es geht ja nicht darum, Leute auszuschließen. Es ist ja genau das Gegenteil, es geht darum, Leute mit einzubeziehen, die halt ausgeschlossen sind.

minutenmusik: Ihr singt sowohl auf englisch als auch auf deutsch, wie kommt’s denn dazu? Fühlt ihr euch in einer Sprache auch wohler? 

Bi: Keine Ahnung, das ist so eine Gefühlssache, in welcher Sprache man worüber singen will, oder? 

Carla: Ja, genau. Das hat sich immer so komisch entwickelt.

minutenmusik: Also könntet ihr euch jetzt vorstellen, einen Song, den ihr auf deutsch geschrieben habt auch auf englisch zu singen oder geht das gar nicht?

Bi: Doch ich glaub in die Richtung geht das. Aber andersherum stelle ich mir das schwieriger vor, weil die deutsche Sprache ist oft so brachialer. Gerade wenn man so über Emotionen singt. Also mir ist es aufgefallen, wenn ich einen Text schreibe, der irgendwie emo-mäßig ist, dann kann ich das besser auf englisch schreiben, ohne dass es mich zu sehr mit einbezieht. Also die deutsche Sprache, vermutlich weil ich mit der Sprache aufgewachsen bin, ist mir einfach viel näher. Also wenn ich ein deutsches Wort nehme, wie Liebe oder Gewalt  oder Ausgrenzung finden, das fällt mir viel schwerer. 

minutenmusik: Also es gäbe schon theoretisch die Möglichkeit, zu switchen zwischen den Sprachen? Weil das finde ich schon interessant, weil manche Bands machen ja ein ganzes Album nur auf englisch oder deutsch, das ist ja so schon recht außergewöhnlich. 

Bi: Doch, da haben wir auch schon drüber nachgedacht!

minutenmusik: Bezüglich der Queerness: Nachdem die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt wurde, habt ihr das Gefühl, dass die Offenheit auch in der Gesellschaft größer geworden ist oder dass es wieder zurückgeht? 

Carla: Ich glaube es gibt gegenläufige Strömungen. Gerade mit so Neonazis. Ich glaub, das ist voll aufgeteilt. 

minutenmusik: Also dass auch die Mitte der Gesellschaft wieder zurückrudert. Auch das mit Frankfurt mit dem Herrn, der jetzt das Kind und die Frau vor den Zug geworfen hat, da sind ja auch die schlimmsten Kommentare wieder aufgetaucht, da musste ich direkt an euren Song “Menschen = Scheisse” denken. Ich habe mich dann so gefragt, was passieren würde, wenn ihr solchen Leuten euren Song vorspielen würdet? Ist es nicht generell in der Punk-Szene dieses “Preaching to the Converted”, dass man gerade was Antirassistisches angeht, das Leuten sagt, die eh selbst so denken? Wie wäre es denn, wenn ihr auf einem Stadtfest spielen würdet?

Carla: Ich glaube, da würde es mehr um so eine Performance-Sache gehen. Da wäre es eher so ein Provozieren. Ich finde, dass wir da auch einen okayen Mittelweg gefunden haben, indem wir zum Beispiel andere Bands supporten, die andere thematische Schwerpunkte haben. 

Bi: Und apropos so “Preaching to the Converted”, also ich glaub das ist noch gar nicht so. Ich glaub gar nicht, dass wir alle so super aufgeklärt sind. Es ist eher so eine stetige Auseinandersetzung, die man mit sich und seinen Friends führen muss. Es ist ja nicht so, als hätte man es irgendwie gecheckt. Ich glaube, da gibt’s auf jeden Fall noch viel Arbeit. Wenn ich so gucke, was heißt denn bei “Preaching to the Converted” ‘Converted’? Die meisten in der Szene sind halt weiß, man redet gar nicht über Homophobie, Frauen sind unterrepräsentiert, sowohl auf den Bühnen als auch in den Strukturen, wie den Konzertgruppen, es ist ja nicht so, als wäre die Szene total converted. 

minutenmusik: Das stimmt, vor allem regen sich die Leute ja teils auch bei Bands, die explizit politisch sind auf, wenn die Musiker*innen sich dann kritisch äußern. Also eigentlich kann kein Wort eins zu viel sein.

Bi: Ja, das gibt’s auch voll oft, dass Leute dann sagen, ich bin auf einem Konzert, um Spaß zu haben, ich hab keinen Bock mir jetzt erzählen zu lassen, was Feminismus ist. Das kann ja auch eine Einstellung sein. Das ist nicht unsere Einstellung, weil gerade die Leute, die denken, das ist zu viel oder macht keinen Spaß, wenn die sich das anhören müssen, die müssen sich vielleicht fragen, warum denen das Unbehagen bereitet. 

minutenmusik: Ihr habt ja auch ein paar Songs, die das Thema Liebe und Dating aufgreifen. Und gerade heutzutage mit tindern und TV-Shows wie der Bachelor und co, habt ihr das Gefühl, dass das mit Feminismus und Queerness vereinbar ist? Ist das für euch eher so ausgrenzend? Weil ich glaube, gerade queere Personen haben da mit sowas wie Tinder schon eher Probleme als weiße Cis-heterosexuelle Menschen. Denkt ihr das solche Bereiche dann eher eigentlich veraltete romantische Bilder wiederkäuen oder gibt es da Möglichkeiten, Leute zu integrieren? 

Carla: Also ich hab jetzt nicht so viel Tinder-Erfahrung, aber ich hab auch nicht den Eindruck, dass das romantische Bilder wiederkäut. 

minutenmusik: Ja, wahrscheinlich eher das Gegenteil. Aber beim Bachelor zum Beispiel oder diesen ganzen TV-Shows?

Carla: Ja da auf jeden Fall, die Kleinfamilie ist ja auch irgendwie der Kern der Nation. Ich glaube, was bei uns wichtig ist und was unsere Themen zu Liebe und Sexualität umkreisen, ist, dass man sich das einfach aussuchen könnte, je nachdem wie man Bock hat. Es gibt ja dieses “Man muss ne romantische Zweierbeziehung führen, die muss heterosexuell sein und dann und dann ist die erwünscht”. Das ist eine Option und die ist ja auch voll okay. Klar, wenn Leute da voll Bock drauf haben und dadrin voll aufgehen, ist das ja auch total geil, nur sobald das für einen keine Option ist oder irgendwie nicht zugänglich, dann ist es halt irgendwie scheiße.  So ein weißes heterosexuelles Paar geht ins Standesamt und kann heiraten, migrantische Menschen, Geflüchtete, homosexuelle Menschen, die können das halt nicht. Ich glaub es geht halt darum, allen Menschen eine Zugänglichkeit zu ermöglichen, so zu lieben und zu leben, wie sie wollen und sich das aussuchen zu dürfen. Das besingen wir so. Egal ob queer oder hetero, ist ja auch scheiß egal. 

minutenmusik: Bezüglich eurer ganzen Themen habt ihr ja schon relativ krasse Einstellungen, gibt es denn jetzt Sachen, die ihr als Band niemals machen würdet? Irgendwelche Deals, die ihr nicht annehmen würdet oder Shows, die ihr nicht spielen würdet? wann würdet ihr ein Konzert zum Beispiel abbrechen?

Carla: Also wir sagen schon mal Shows, zu denen wir angefragt werden, ab, die sagen, wir brauchen noch paar Frauen auf der Bühne, weil das ist ja hip und cool, dass man irgendwie die Quote erfüllen soll, das ist irgendwie scheiße. Ist ja auch wichtig so eine Quote zu erfüllen und so eine Quote auf dem Schirm zu haben. Aber die Quote ist nicht das Ziel, sondern nur so ein nerviges Zwischending, was man halt fahren muss, bis es irgendwie ausgeglichen ist. Und wenn man sich als Mittel zum Zweck fühlt, sowas würden wir ungerne machen. Shows, die nicht auf explizite Weise einen politischen Anspruch haben, die würden wir nicht direkt absagen, aber wir sagen schon eher Shows zu, wo wir wissen, da supportet man irgendeine Struktur oder feministische Inhalte. Auf solche Anfragen reagieren wir schon positiver als auf so kommerzielle Festivals, wo ein Ticket 80€ kostet, wo sich das keiner leisten kann und auf der Bühne nur Männer stehen. Da sagen wir auch nicht zu, weil wir uns da als Quote fühlen und nicht wegen der Musik gebookt.

minutenmusik: Wurde euch das denn schonmal wirklich gesagt, dass Veranstalter oder Booker explizit Frauen buchen, weil noch welche fehlen also wurde euch das schonmal so plakativ gesagt oder habt ihr das nur gelesen, weil das Line-up sonst so aussah?

Carla: Das gab es schon in Anfragen. Ja, das ist schon ein bisschen krass (lacht). 

Bi: Man kann’s auch irgendwie netter verpacken. 

minutenmusik: vor allem weil man das Gefühl bekommen könnte, dass die gar nicht die Musik gehört haben, sondern nur geguckt haben, wer so in der Band spielt. Das geht natürlich echt nicht. Was wäre denn das Ende eurer Band? Also wenn ihr auf einmal bei irgendeiner Band im Vorprogramm spielt oder eine*r von euch sagt, lass mal Synthesizer in unsere Songs packen?

Bi: Hatten wir schon und wurde abgelehnt (beide lachen)

 minutenmusik: Oder ein Majorlabel-Vertrag, sind das alles Sachen, die bei euch gar nicht auf dem Plan stehen würden?

Carla: Ne, aber auch eher weil wir machen Musik ja auch nicht nur weil wir Bock haben, unsere Inhalte auf einer Bühne zu repräsentieren, sondern auch primär weil’s Spaß macht. Wir wollen das so lange machen, wie wir Bock haben und ich glaube, wenn das irgendwann kommerziell wird oder Majorlabel oder Konzerte, mit denen wir nichts anfangen können inhaltlich, dann brauchen wir da nicht spielen. Wir fahren da ja auch nicht hin, um Geld zu verdienen oder irgendwie auf großen Bühnen zu stehen oder so, wir machen das ja, weil wir Bock auf diese Strukturen haben. Wir haben in den letzten Jahren so viel in Mini-AZs gespielt. Das macht halt einfach mega Bock. Man lernt coole Leute kennen, man lernt coole Leute kennen, man lernt die Strukturen kennen und das ist genau das, wofür unser Herz schlägt, und deswegen machen wir solche Shows und nicht Shows, wo wir denken, das ist nicht unser Platz. Warum sollten wir etwas machen, was uns nicht interessiert?

Und so hört sich das an:

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