Interview mit KLAN über “Sommerseite”

Der Sommer ist zugegebenermaßen so gut wie vorbei – die beiden Jungs von KLAN bringen aber nun noch eine Platte raus, die mit ihren sommerlichen Vibes immerhin ein kleines Trostpflaster für den ausgefallenen Festivalsommer ist. “Sommerseite” heißt dieses “Halbum”, wie das Duo die zweite Hälfte ihres Doppelalbums nennt, passenderweise und vereint auf acht Songs alles, was einen guten Sommer ausmacht. Wir haben uns mit Michael, der einen Hälfte von KLAN, darüber unterhalten, warum sie sich für ein Doppelalbum entschieden haben, wie es ist, als Brüder zusammenzuarbeiten, ob die beiden nun endlich bei TikTok sind und warum er es langweilig findet, Musik zu machen wie Dieter Bohlen. 

minutenmusik: Nächsten Freitag ist Release – seid ihr schon ein bisschen aufgeregt, gerade in dieser besonderen Zeit, wo es erst langsam wieder mit Album-Releases los geht?

Michael: Also ich bin gerade echt aufgeregt. Gar nicht unbedingt, weil die Musik jetzt auf CD und digital rauskommt, sondern noch mehr wegen der Konzerte, die jetzt anstehen. Wir haben da jetzt relativ spontan noch ein paar Open-Air-Konzerte organisiert unter Corona-Bedingungen. Und das ist natürlich für uns das erste Mal unter diesen Voraussetzungen. Und es ist natürlich ein ganz neues Set, eine ganz neue Musik. Das ist eigentlich immer der spannendste Moment, wenn wir die neue Musik live spielen und dann direkt was zurückkommt. Das ist eigentlich auch der schönste Moment für mich, der Moment, wo man die Musik am meisten lebt. Davor bin ich ziemlich aufgeregt.

minutenmusik: Also ist es wirklich das erste Mal seit Corona, dass ihr wieder auftretet?

Michael: Wir haben, als es mit Corona losging, erst Mal total diesen Run auf das Internet mitgemacht. Da haben wir alle möglichen Instagram-Festivals gespielt und Spenden gesammelt und das alles. Aber das ist natürlich etwas ganz anderes, als ein Live-Konzert zu spielen. Mit Leuten, die wirklich physisch da sind. Und das ist jetzt wirklich das erste Mal, das wir das wieder machen.

minutenmusik: Wie habt ihr denn so die letzten Monate wahrgenommen oder vielleicht auch genutzt, so ohne „richtige“ Konzerte kurz vor und einige Monate nach euren Album-Releases?

Michael: Da hatte Corona eigentlich auch etwas Gutes. Unsere Freundin Mine hat vor kurzem mal gesagt, dass sie in der Zeit von Corona ein bisschen erwachsener geworden ist. Und ich glaube, das ist bei mir auch ein Stück weit passiert. Stefan und ich haben beide gemerkt, dass wir einfach ein bisschen mehr gecheckt haben, was eigentlich wichtig ist. Und ich habe zum Beispiel angefangen, mal wieder ein bisschen mehr Gitarre zu spielen und spiele jetzt auch live mehr Gitarre. Dann haben wir Songs geschrieben und Musik gemacht. Und dafür war diese „Pause“, in der man nicht ständig unterwegs war und sich nicht ständig präsentiert hat, eigentlich ganz gut.

minutenmusik: Ihr veröffentlicht ja jetzt euer neues „Halbum“, wie ihr es nennt – warum habt ihr euch denn überhaupt dafür entschieden zwei getrennte Alben zu veröffentlichen statt eins?

Michael: Also ich bin schon so „Generation illegale Downloads“ und später dann Spotify. Und ich habe Musik deshalb schon immer viel in Songs oder EPs gehört, also in viel kleineren Einheiten als auf einem Album. Und so wie wir jetzt Musik machen, in den letzten zwei Jahren vielleicht, ist es auch mehr und mehr so, dass wir die Songs in kleineren Zusammenhängen denken, als jemand, der ein Album mit zwölf Songs schreibt, die alle einen gemeinsamen Körper bilden. Und deshalb hatten wir eigentlich Lust, dass wir zwei Pole haben – deshalb auch Sommerseite und Winterseite – zwischen denen wir Sounds, Inhalte und Songs ein bisschen auftrennen können und da ein neues Spannungsfeld haben. Für uns ist es spannender, die Musik in kleineren Portionen rauszubringen. Das entspricht mehr dem, wie wir Musik machen.

minutenmusik: Die Songs auf „Sommerseite“ klingen ja auch deutlich sommerlicher als die auf „Winterseite“ – habt ihr da schon beim Schreiben drauf geachtet oder hat sich das einfach zufällig so ergeben und ihr habt das dann aufgeteilt?

Michael: Also vor der Winterseite haben wir eigentlich einfach losgeschrieben und dann hat sich das so ergeben, mit diesem Konzept. Und seitdem ist das auf jeden Fall im Hinterkopf. Aber ich kann da tatsächlich als Künstler oder Songschreiber auch nur bedingt Einfluss drauf nehmen. Denn am Ende kommt einfach immer das, was kommt. So ein Song wie „Hollywood“, der voll sommerlich ist, der ist halt entstanden, weil ich jetzt aus Berlin geflüchtet bin und in so einem kleinen Landhaus in Thüringen war. Da entsteht dann eben so ein Song. Das passiert irgendwie von allein. Dass die Gefühle und Gedanken, die in mir sind, zu Songs werden. Deswegen gibt es ja zum Beispiel auch noch so einen Song wie „Rot Blau Grün“, der eigentlich was mit dieser Situation zu tun hat, mit dieser Isolation, die durch Corona gekommen ist und mit diesem ganzen Bildschirm-Gestarre. Der Song passt aber nicht so richtig auf die Winterseite und auch nicht so richtig auf die Sommerseite, sondern eher zu dieser Zeit dazwischen. Und daran sieht man dann auch, dass das einfach so passiert. Wahrscheinlich wäre die Sommerseite noch sommerlicher, wenn es dieses Jahr ein ganz normaler Sommer, ein Festivalsommer, gewesen wäre.

minutenmusik: Und welche Jahreszeit mögt ihr lieber – Sommer oder Winter?

Michael: Also Stefan und ich sind beide totale Sommermenschen. Auf jeden Fall. Wir und unsere Emotionen sind auch echt total saisonal, das ist schon krass. Der Winter ist immer eine harte Zeit für uns.

minutenmusik: Du hast gerade schon erzählt, dass du auf das Songwriting teilweise gar keinen Einfluss nehmen kannst, sondern dass das einfach so kommt. Ist es bei dir denn eher so, dass du erst eine Melodie im Kopf hast und dann kommt der Text oder andersrum?

Michael: Das hat sich jetzt bei den letzten Songs und bei diesem Halbum ein bisschen verändert. Bei unserem ersten Album bin ich ganz stark von Texten und Begriffen ausgegangen, und auch von Themen. Und jetzt bei der Winterseite und der Sommerseite gab es öfter mal einen anderen Ansatz, der vielleicht weniger kopfig und mehr emotional oder musikalisch ist. Dass zum Beispiel ein Beat im Vordergrund steht, oder eine Melodie als erstes kam und sich die Begriffe dann darumgelegt haben. Und ich glaube das macht es auch spannend, Musik zu schreiben. Wenn man diesen Ansatz ein bisschen verändert. Ich will auf jeden Fall nicht wie Dieter Bohlen sein, der einfach sein Standard-Rezept jahrelang durchzieht. Ich glaube das ist voll langweilig, Musik so zu schreiben wie Dieter Bohlen, auch wenn er damit sehr erfolgreich war. (lacht)

minutenmusik: Zu ein paar Songs von „Sommerseite“ gibt es ja auch schon Musikvideos und ihr dreht eure Videos ja oft in Anspielung an bekannte Filme – wie zum Beispiel bei „Schön“ oder „Lichtgeschwindigkeit“. Wie seid ihr darauf gekommen?

Michael: Das ist für uns so ein langfristiges Projekt, das mega Spaß macht und wo wir uns voll austoben können. Ich weiß, dass für viele Musiker*innen dieses Musikvideos machen, Konzepte dafür ausdenken, Budgets dafür planen, ein pain in the ass ist. Aber uns macht es mega Spaß und da bin ich voll happy mit. Und das ist eigentlich gekommen mit dem ersten Video, das wir in diesem Stil gemacht haben, nämlich das zu „Bei Dir“. Da hatten wir diesen Song und wir hatten die Idee, dass wir einfach das Gefühl des Songs darstellen. Der ist irgendwie viby, sommerlich, man fährt abends unter Palmen in einer nicen Karre rum, so Standard halt. Dann kam aber eine Freundin und meinte: „Ey, dieser Song hat den gleichen Beat wie dieses Lied aus ‚Reservoir Dogs‘, wo der eine dem anderen das Ohr abschneidet.“ Dann haben wir geschaut und das mal übereinandergelegt und es hat tatsächlich total gut gepasst. Und dann haben wir einfach gesagt, dass es viel spannender und geiler ist, das miteinander zu kombinieren: Diese eigentlich brutale Szene, die aber auch von einer Zweierbeziehung handelt, von einer sadistischen Zweierbeziehung, und dieses Liebeslied. Das hat sich für uns dann auch einfach richtig angefühlt. Und das haben wir dann zum Konzept gemacht und mit der Zeit immer mehr gemerkt, dass es uns unheimlich Spaß macht, zu schauspielern. Ich habe auch früher in Leipzig geschauspielert in einer Gruppe, das aber dann irgendwann gelassen und hatte dann meine erste Indierock-Band. Aber jetzt habe ich meine Liebe zum Schauspielern wiederentdeckt.

minutenmusik: Du hast es gerade schon angesprochen: Es geht in euren Songs ja schon viel um Liebe, Beziehung, Verliebtsein, und so weiter – stecken da auch viele persönliche Geschichten, Gefühle und Gedanken in den Texten?

Michael: Die Songs sind eigentlich alle ziemlich autobiographisch. Es geht schon viel um Beziehungen, es gibt aber auch so einen kleinen Trugschluss manchmal, glaube ich. „Tut mir Leid“, ein Song von der Winterseite, in dem es eigentlich ums Streiten geht, ist zum Beispiel ein Song, den glaube ich sofort alle auf eine Liebesbeziehung münzen. Aber eigentlich geht es da um Stefan und mich. Und deswegen ist dieses Thema von so einer Beziehung manchmal ein ganz anderes, als das einer Liebesbeziehung. Aber es ist manchmal auch das, was man sich vorstellt. Und die Texte sind eigentlich immer autobiographisch. Ich glaube man checkt das gar nicht immer, weil man nicht immer weiß, was das heißt, aber es gibt auf jeden Fall immer Geschichten hinter den Zeilen.

minutenmusik: Wie ist es denn so als Brüder zusammen zu arbeiten – eher einfacher oder schwieriger als mit jemandem, mit dem man nicht verwandt ist und den man nicht schon sein ganzes Leben kennt? Du hast ja gerade schon erzählt, dass es da schon mal Streit gibt…

Michael: Also ich kann natürlich nicht für alle sprechen – ich weiß nicht wie das zum Beispiel bei den Bruckner-Brüdern ist. Aber ich glaube schon, dass es eine andere emotionale Stärke hat, diese Verbindung. Und dass es an vielen Stellen intensiver ist, weil die musikalische Beziehung und auch die geschäftliche Beziehung krass mit dieser Bruder-Beziehung interagieren. Wenn wir streiten zum Beispiel, ist das immer krass. Ich glaube das wäre anders, wenn ich mich mit jemandem auseinandersetzen müsste, mit dem ich nicht verwandt bin. Diese Intensität ist natürlich ziemlich anstrengend. Gleichzeitig gibt es aber natürlich auch Vorteile. Wir haben auf jeden Fall musikalisch ein sehr großes Verständnis füreinander. Wir sind einfach gleich aufgewachsen und haben die gleichen Sachen gehört über unsere Eltern. Und wir haben natürlich schon lange zusammen Musik gemacht. Deswegen hat das auf jeden Fall Vor- und Nachteile.

minutenmusik: Ist es denn dann nicht auch schwer, privates und musikalisch-berufliches zu trennen?

Michael: Es gibt da so ein bisschen unterschiedliche Ansätze bei uns. Ich habe das immer schon früh eingefordert und zum Beispiel eine zweite WhatsApp-Gruppe aufgemacht, in der wir die persönlichen Sachen besprechen. Irgendwie geht es ja auch darum sich Zeit zu nehmen für alles andere, was eben nicht KLAN ist. Das fällt aber manchmal gar nicht so leicht. Auch weil es einfach extrem viel Arbeit ist, gerade wenn man alles selbst macht, so wie wir. Wenn Stefan die Sachen produziert, ist das ein unheimlicher Aufwand. Oder wenn wir uns selbst die Konzepte für Videos ausdenken oder für Fotos. Da ist es dann so, dass wir häufig gar nicht dazu kommen, dieser anderen Beziehung so richtig Zeit zu geben. Es ist einfach viel KLAN und viel Arbeit. Man kann eigentlich ewig da dran bleiben, weil die To-Do-Liste nie leer ist.

minutenmusik: Gibt es bei euch denn eine klare Rollenverteilung?

Michael: Also wir haben schon versucht, die Rollen ein Stück weit auseinanderzuhalten. Einfach weil es sonst auch nervt, wenn man immer so Kompetenzstreitigkeiten hat. Ich bin zum Beispiel für die ganzen Finanz- und Orga-Sachen zuständig und Stefan hat keinen Stress damit (lacht). Und Stefan ist in erster Linie für die Produktion zuständig und für die Social-Media-Sachen. Und so versuchen wir es schon aufzuteilen. Ich frage mich auch immer, wie das so Einzelkünstler*innen machen. Wie die es schaffen, Instagram, TikTok, Facebook und YouTube zu bespielen, überall alle Nachrichten zu beantworten und nebenbei Musiker*innen zu sein und Musik zu machen. Das ist auf jeden Fall krass. Gerade so dieser Social-Media-Teil ist ja auch etwas, was eine riesen Aufgabe ist, die vor ein paar Jahren noch gar nicht zu diesem Berufsbild gehört hat und jetzt erst neu dazugekommen ist.

minutenmusik: Gut, dass du das ansprichst. Mir ist nämlich in „Gewinner“ folgende Zeile aufgefallen: „Mein Label hat gesagt, ich sollte mal zu TikTok gehen“ – war das wirklich so und wenn ja, nutzt ihr mittlerweile TikTok?

Michael: (lacht) Ja, das war wirklich so. Wir sind da bisher eher so stille Beobachter. Also wir haben das mal ausprobiert, aber ich muss sagen, ich hab bisher noch nicht so den richtigen Zugang zu TikTok gefunden. Ich selbst bin sowieso eher so ein „Offliner“. Mir gibt Social Media nicht so viel. Deswegen geht mir das auch nicht so leicht von der Hand, noch eine andere Plattform zu bespielen. Und deswegen sind wir noch nicht so aktiv auf TikTok.

minutenmusik: Du hast gerade gesagt, dass Stefan sich eher um Social Media kümmert, aber wie wichtig ist Social Media denn so allgemein für euch? Auch in Bezug auf Fankontakt und so weiter.

Michael: Es ist auf jeden Fall wichtig, um mit unseren Fans in Kontakt zu bleiben und denen auch einfach die wichtigen Informationen zu geben. Also wann wir spielen, wann Sachen rauskommen und so weiter. Oder wir fragen sie, welchen Merch sie gerne hätten oder erzählen einfach von unserem Leben. Und das ist auf jeden Fall auch total wichtig für uns, aber ich glaube auch, dass viele Leute so wirklich eine starke Beziehung zu uns haben. Das passiert zwar in erster Linie über die Musik, aber eben auch über das was wir zwischendrin erzählen. Ich glaube eine für uns wichtige Sache ist, dass wir neben der Musik eine Plattform haben, wo wir ganz klar Stellung beziehen können und was sagen können und unsere Gedanken mitteilen können zu politischem oder gesellschaftlichem Geschehen. Dafür ist es zum Beispiel voll gut, Instagram zu haben.

minutenmusik: Seht ihr euch denn da auch ein bisschen in der Pflicht, euch zu positionieren? Gerade von Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, wird das ja oft gefordert.

Michael: Also ich glaube für uns passiert das relativ natürlich. Wir haben da so einen inneren Drang, dazu was zu sagen, einfach weil uns das wichtig ist. Und wahrscheinlich, weil wir im Pfarrhaus groß geworden sind und überhaupt mit so einem moralischen Blick für das Ganze, für die Gesellschaft, aufgewachsen sind. Weil unser Papa halt Pfarrer ist und versucht hat, eine Gemeinde zusammenzuhalten und sich bemüht hat, dass es denen gut geht. Ich glaube das ist etwas, was bei uns natürlich passiert. Grundsätzlich glaube ich aber schon, dass Künstler*innen die Zeit und den Raum haben, sich mit Dingen auseinanderzusetzen. Und diese Dinge können total persönlich sein und es kann da auch teilweise nur um Style gehen, aber es kann auch um Gesellschaft gehen. Deswegen finde ich häufig Künstler*innen spannend, die sich damit kritisch auseinandersetzen. Während ich zu Beispiel Konsum-Rap inhaltlich immer langweilig finden werde.

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Und so hört sich das an:

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Foto von Dorothea Dittrich.

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