Interview mit Knuckle Puck über “20/20”

Knuckle Puck 20/20 Anam Merchant

Das neue und mittlerweile dritte Knuckle Puck Album “20/20” ist da! Unmittelbar nach dem Release-Wochenende habe ich mich mit Gitarrist Kevin Maida über die Platte unterhalten. Was die Band aus Chicago noch für Sorgen hat, was sie sich bei einzelnen Songs dachte und wie diese Tour Line-Ups eigentlich immer zustande kommen erfahrt ihr im Gespräch!

minutenmusik: Euer Album ist draußen, das Streaming-Konzert zum Release gespielt. Ist die Arbeit jetzt getan, fällt der Druck spürbar ab?

KM: Es ist eigentlich alles getan. Es fühlt sich merkwürdig an, etwas zu veröffentlichen und im Anschluss nicht damit zu touren. Normalerweise freuen wir uns immer entweder darauf, bald wieder unterwegs zu sein oder sind es bereits, wenn wir etwas veröffentlichen. Diesmal haben wir am Freitag die Streaming-Show gespielt, einige Interviews gegeben und das war es schon wieder. Es fühlt sich fast so an, als hätten wir gar kein Album veröffentlicht, was aber zum Glück doch der Fall ist. “20/20” sollte eigentlich im Mai erscheinen – nach der ewigen Wartezeit ist es schön, dass das Ding jetzt wenigstens draußen ist und die Leute es am Stück hören können.

minutenmusik: Verbringst du viel Zeit im Internet und liest Kommentare nach so einem großen Release oder versuchst du, dich davon möglichst fern zu halten?

KM: Um ehrlich zu sein, lese ich schon ziemlich viel davon. Ich habe mal versucht das nicht zu tun, da es sich zwar toll und belohnend anfühlt, aber für sensible Personen wie mich auch nah gehen kann, wenn jemand etwas gar nicht mag. Dann denke ich: Verdammt, die Leute hassen es jetzt. Auch wenn das natürlich krass verallgemeinernd und unfair ist. Aber gerade ist es wirklich die einzige Möglichkeit, mitzubekommen, was die Leute wirklich von der Platte halten. Normalerweise sehen wir nach einem Release auf Tour, worauf am meisten angesprungen und bei welchen Songs am meisten mitgesungen wird. Da wir das nicht haben, ist die Onlinewelt gerade umso wichtiger für uns.

minutenmusik: Zum Glück bekommt Knuckle Puck sowieso nie viel Hate ab! Das neue Album festigt das erneut. Ich bin begeistert und halte es für die perfekte Ergänzung und Zusammenfassung eurer Diskografie. Vorher habe ich einzelne Songs gepickt, um jemandem euren Sound zu zeigen. Von nun an würde ich einfach “20/20” laufen lassen. Wie siehst du die Entwicklung selbst, im Vergleich zum älteren Material?

KM: Das ist sehr aufmerksam, vielen Dank! Besonders, dass du “20/20” zeigen würdest, um uns als Band vorzustellen, ist toll, da das auch immer unser Anspruch war, mit jedem Release. Wenn uns jemand fragt, wie ein neues Album klingt, sagen wir: Es ist halt ein Knuckle Puck Album. Es passiert nichts Außergewöhnliches oder Unerwartbares, es zeigt uns einfach in Bestform. Und genauso nehme ich auch das neue Album wahr. Eine Zeit lang wurden wir wirklich oft mit unserem alten Material verglichen, mit den EPs und vor allem “Copacetic” – was nicht unbedingt schlecht ist, es heißt immerhin, dass wir etwas veröffentlicht haben, womit Menschen auch nach längerer Zeit noch etwas verbinden. Trotzdem hat man immer im Hinterkopf, dass das neue Material das alte toppen sollte. Und das haben wir mit “20/20” denke ich geschafft.

minutenmusik: Erinnerst du dich noch an den Beginn des Schreibprozesses? Wie lang liegt der zurück und was war die vielleicht erste Skizze, die für das Album entstanden ist?

KM: Ich erinnere mich tatsächlich gut. Das war vor gut zwei Jahren, nachdem wir auf der Warped Tour gespielt haben. Wir sind Mitte August wieder heim gekommen und haben direkt mit “20/20” begonnen. Ich erinnere mich, dass ich im Keller meiner Eltern saß und das Riff für “Tune You Out” geschrieben habe. Etwa zeitgleich haben wir die erste Version von “Breathe” fertig gemacht. Von da an haben wir dann intensiv Material gesammelt. Normalerweise dauert das auch keine zwei Jahre, sondern geht viel schneller. Aber durch die aktuelle Situation mit Covid hat es sich diesmal so ergeben.

minutenmusik: Kommt ihr dabei auch mal an Momente der Verzweiflung? In denen nichts mehr cool klingt und ihr eure Kreativität in Frage stellt? Hilft euch Seth [Henderson, Produzent] in solchen Situationen weiter?

KM: Ja, eigentlich die ganze Zeit. Das ist normal, bei jedem Künstler ist das so. Wir haben manchmal Songs, von denen wir total überzeugt sind und andere, die uns im Vergleich deutlich weniger gefallen. Das will man natürlich nicht. Es sollen nicht nur die drei Singles auf einem Album gut sein. Man schlägt sich also viel mit Ängsten und Sorgen rum, gegen die kein Künstler wirklich immun ist. Ich erinnere mich an ein Interview mit Michael Imperioli [Schauspieler und Autor von The Sopranos], das ich mal gehört habe. Auch er hat erzählt, dass es Tage gibt, an denen die Kreativität aus ihm herausfließt und andere, an denen er an sich selbst und der Zukunft des Projekts zweifelt. Das hat mich positiv gestimmt. Zu wissen, dass es eben etwas ganz normales ist.
Seth ist hauptsächlich nur unser Produzent, allerdings ist er das auch schon seit unserer ersten EP “Don’t Come Home” von 2012 und dementsprechend mit uns gewachsen. Wir sind zu Beginn der Aufnahmen einige Do’s und Don’t’s mit ihm durchgegangen und haben ihn ab und an nach seiner Meinung gefragt, wenn wir uns bei einem bestimmten Part unsicher waren. Das meiste wurde jedoch genau so aufgenommen, wie wir es im Vorhinein bereits geschrieben hatten.

minutenmusik: Lass uns über den Opener und Titeltrack sprechen. Diesen Banger musste ich direkt 50 Mal hören, bevor ich bereit für die weiteren Songs war. War die Idee, Knuckle Puck mit diesem Song einen noch packenderen Sound zu verpassen als ohnehin schon? Wolltet ihr gezielt einen Oldschool-Banger im blink-182/New Found Glory-Style schreiben?

KM: Absolut. Das ganze Album, aber besonders dieser Song, entsprang aus unserer Liebe zu blink-182. Wir sind mit ihren Songs aufgewachsen, sie geben einem einfach immer ein gutes Gefühl und eine positive Message mit. Das wollten wir auch. Wir haben beim Schreiben des Songs die ganze Zeit überlegt: Kriegen wir das Gefühl eingefangen, das wir selbst bei einem blink-Song bekommen? Die haben natürlich auch einige traurige und wütende Songs, aber die meiste Zeit gibt es einem dieses gute Gefühl. Ich meine, ich bin jetzt 28 und höre immer noch blink und bin einfach glücklich dabei. Das sollte dann auch einfach auch das erste sein, das man auf “20/20” hört.

minutenmusik: Eure Einflüsse fließen also nicht nur unterbewusst mit ein, sondern ihr schreibt gezielt Songs im Stil anderer Bands, die euch gefallen. Ich habe weitere Beispiele rausgehört, zum Beispiel den Song “Green Eyes (Polarized)”, der sehr nach Third Eye Blind klingt, oder “True North” nach The Starting Line. War das ebenfalls beabsichtigt?

KM: Lustig, dass du das auch rausgehört hast. Denn, absolut, Third Eye Blind hatten auch immer großen Einfluss auf unsere Band. Und “Green Eyes” war unser Versuch, einen Third Eye Blind-Song nachzuahmen. Das wollten wir aber auch nicht verstecken, sondern uns gerade extrem daran anlehnen. Denn wir alle lieben die Band und es machte Sinn, diesen Sound in unseren zu integrieren. Es ist wie eine Art Hommage.
Ich bin manchmal echt raus und weiß gar nicht, was die Kids heutzutage kennen und was nicht. Ich bin mit Green Day, blink-182 und New Found Glory groß geworden, was aber nicht bedeutet dass die heutigen Kids noch etwas mit dieser Ära des Pop-Punk anfangen können. Das ist auch ok und überhaupt nicht schlimm. Aber darüber denke ich tatsächlich häufiger nach. Wenn jemand “Green Eyes” hört, der Third Eye Blind nicht kennt, denkt er dann: Wow, das klingt neu!? Spannend.

minutenmusik: Ebenfalls spannend ist das Outro, “Miles Away”. Ein weiterer Banger – aber war der härter zu schreiben als andere Songs? Versucht ihr, mit den Outros immer noch einen draufzusetzen? Gerade weil eure bisherigen Albumoutros “Untitled” und “Plastic Brains” alle etwas Episches haben und Klassikerstatus genießen.

KM: Total. Wir versuchen immer, den letzten Song zu etwas besonderem und dem perfekten letzten Song zu machen. Wie du sagst, sind unsere Outros immer große, sich aufbauende Hymnen. Als wir “20/20” aufgenommen und uns die Trackliste überlegt haben, war “Miles Away” immer der Hauptkandidat für das Outro. Der Song macht so einfach am meisten Sinn und kein anderer hätte dort wirklich gepasst. Und wenn man das dann schon im Hinterkopf hat, nimmt man ihn auch anders auf. Denn der letzte Song soll immer besonders riesig und kräftig klingen, da haben wir also schon nochmal einen anderen Anspruch.

minutenmusik: Was sind deine persönlichen Lieblingssongs vom Album und von Knuckle Puck generell?

KM: “Miles Away” ist auf jeden Fall mein Favorit auf “20/20”. Außerdem “True North”, weil er klingt als hätten wir ihn 2013 geschrieben, dabei sind wir heute ja eigentlich schon deutlich erwachsener. “Green Eyes” haut mich auch um und “Breathe” ist ebenfalls einer der besten Knuckle Puck Songs überhaupt.
Von den alten Alben liebe ich vor allem “Everyone Lies To Me” und “Twist” immer noch. “Gone” ist ebenfalls ein riesiger, typischer Knuckle Puck Song. “Untitled” natürlich, und auch “Poison Pen Letter”, den wir meiner Meinung nach viel zu selten live spielen. Den liebe ich, ich werde nie müde den zu hören.

minutenmusik: Ihr habt nur einen einzigen Akustiksong, der es damals auch nicht aufs Album geschafft hat [“Indecisive”]. Kommt da nochmal was oder ist das einfach nicht euer Ding?

KM: Mit Knuckle Puck haben wir uns einfach nie richtig in diese Schiene begeben. Wir haben das mal gemacht, weil es gut gepasst hat und Joe [Sänger] ihn als Akustiksong geschrieben hat. Wir haben prinzipiell nichts dagegen, spielen aber lieber laut, mit lauten Gitarren, das ist unser Style. Für Banquet Records haben wir gerade allerdings eine Akustiksession gespielt, was super klang, also wer weiß, vielleicht in Zukunft mehr davon. Wir mögen akustiklastige Künstler wie Dashboard Confessional oder Owen ja total gerne.

Knuckle Puck 20/20 Anam Merchant
Knuckle Puck 2020

minutenmusik: Ihr seid Teil der Pop-Punk Szene, habt aber in der Chicago-Bubble mit Bands wie Real Friends oder Belmont einen ganz eigenen, rauen Sound entwickelt. Nehmt ihr euch selbst als etwas Außergewöhnliches wahr oder eher als weiterer Teil der großen Familie der Pop-Punk Bands?

KM: Ich mag den Gedanken, dass wir was anderes machen und einen neuen Twist in Pop-Punk bringen. Ich denke oft, wir haben schon besonders durchdacht geschriebene Songs. Gerade was die Gitarrenparts angeht, hört man das so glaube ich nicht bei normalen Pop-Punk Bands. Es ist schön, da nicht komplett reinzupassen und vielleicht herauszustechen. Wenn wir das für Manche nicht tun, ist das natürlich auch ok.

minutenmusik: Es kommt gerade ein neuer Trend in der Szene auf, der mehr Einflüsse unterschiedlicher Genres zulässt als je zuvor. Was denkst du, wohin die Reise für das Genre in den nächsten Jahren gehen wird?

KM: Da bin ich mir nicht sicher. Du hast recht, es verändert sich auf jeden Fall. Eine Band wie Movements zum Beispiel, die machen eigentlich keinen Pop-Punk. Die haben zwar auch diese sensiblere Seite, klingen aber ganz anders. Aber Leute, die Knuckle Puck mögen, mögen in der Regel auch Movements. Ich denke, dahin wird auch der Trend gehen. Die Kids wollen etwas, was es noch nicht gab und die Hauptsache wird sein, etwas Neues und nicht Ermüdendes zu bekommen. Weitere Beispiele wären Boston Manor oder Hot Mulligan. Die sind auch nicht Pop-Punk, aber passen in dieses Schema und jede Band davon hat etwas eigenes anzubieten, das niemand sonst hat. Leute, die diese Art von Musik mögen, fangen einfach an, sich mehr und etwas Neues und Eigenes zu wünschen.

minutenmusik: Eine ziemlich typische Pop-Punk Band ist Seaway. Ihr solltet jetzt eigentlich zusammen auf Europatour sein, um die legendäre Tour 2016 nochmal zu toppen. Wird das so noch zustande kommen nach Covid? Wie setzen sich die Tour Line-Ups generell zusammen und wie schnell ist sowas eingetütet?

KM: Ich kann mir auf jeden Fall gut vorstellen, dass wir das nachholen und mit Seaway zusammen kommen werden. Das ist gerade natürlich schwer zu sagen, aber wir würden wahnsinnig gerne. Wir sind gut befreundet mit ihnen und haben unsere allererste Tour damals mit ihnen gespielt.
Generell versuchen wir einfach mit Bands zu touren, die uns gefallen und die ein Line-Up gut ergänzen würden. Manchmal schlägt uns unser Booker Newcomer vor, manchmal werfen wir selbst etwas ein. Das ist immer eine große Zusammenarbeit zwischen allen, wo jeder seine Ideen einbringen kann. Dann kommt es natürlich drauf an, wer Ja sagt – sehr oft sagen Bands natürlich auch Nein. Sicher ist das nie. Die Ideal-Konstellation, die man sich überlegt, ist da in der Regel sowieso nicht machbar und man muss dann gucken, was eben möglich ist. Was nicht heißt, dass die Tour dann schlecht wird.

minutenmusik: Gerade die Tour Line-Ups sind einer der Hauptpunkte, an denen Fans neue Bands entdecken können.

KM: Absolut. Ich habe damals als junges Pop-Punk Kid zum Beispiel Four Year Strong in Chicago gesehen. Auf dem Flyer kannte ich vorher keine andere Band, jedoch habe ich dadurch dann Title Fight kennengelernt, die den Abend eröffnet haben. Heute sind sie eine meiner Lieblingsbands und hatten großen Einfluss auf mich. Daher suchen wir natürlich ebenfalls nach guten Bands, bei denen wir denken, dass unser Publikum damit etwas anfangen kann und die wir Leuten vorstellen wollen, die sie wohl sonst nicht gesehen hätten.

minutenmusik: Was sind die bisherigen Alben des Jahres für dich?

KM: Es ist verrückt, dass dieses Jahr überhaupt Alben veröffentlicht wurden, aber es scheint wirklich passiert zu sein. Meine Favoriten sind die von Owen, Choir Boy und HAIM. Ich mag auch das neue The 1975 Album. Es ist sehr lang aber ich mag es sehr. Außerdem ist da Militarie Gun, die gerade ihre EP veröffentlicht haben. Das sind Freunde von Leuten aus meiner Band, die klingen wirklich gut. Das ist perfekte Punkmusik für mich, stark von Fugazi beeinflusst.

minutenmusik: Und was ist der nächste Schritt für Knuckle Puck? Touren geht nicht, schreibt ihr also weiter Songs, macht ihr Pause?

KM: Ich kann mir vorstellen, dass wir demnächst weitere Songs schreiben werden. Es gibt gerade nichts besseres zutun, also bleiben wir vielleicht einfach produktiv. Hoffentlich können wir nächstes Jahr irgendwann wieder live spielen, keine Ahnung. Ich freu mich auf jeden Fall drauf.

minutenmusik: Kommt auch was Neues mit LURK?

KM: Oh, ja das ist ebenfalls etwas, das immer wieder verschoben werden musste. Wir haben Anfang des Jahres auch zusammen was aufgenommen, hoffentlich können wir im nächsten Jahr wieder ein paar LURK Shows spielen. Aber viel mehr können wir gerade nicht machen, genau wie bei Knuckle Puck.

minutenmusik: Danke für deine Zeit und viel Erfolg mit “20/20”!

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Fotos: Anam Merchant

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