Interview mit Laura Jane Grace über “Stay Alive”

Laura Jane Grace

(ENGLISH VERSION BELOW) Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Am wenigsten hätte Laura Jane Grace wohl selbst damit gerechnet, anstelle des nächsten Against Me!-Albums plötzlich eine Solo-Platte zu veröffentlichen. Obwohl sie selbst kein großer Fan von Zoom-Calls zu sein scheint, dürfen wir am Tag ihres Überraschungsreleases mit ihr reden. Denn zu erzählen hat die Punkikone so einiges. Von literarischen Vorbildern über die größte Superkraft von Donald Trump bis hin zu der Arbeit mit der Produzentenlegende Steve Albini – Laura Jane Grace plaudert aus dem Nähkästchen. Klar wird eins: Auch ohne verzerrte Gitarren ist die Haltung hinter “Stay Alive” lupenreiner DIY-Punk.

minutenmusik: Ich war wirklich aufgeregt, als ich von deinem Überraschungsalbum gehört habe. Danke vielmals für die Gelegenheit, mit dir darüber reden zu dürfen. Wie fühlst du dich denn so kurz vor dem Release?

Laura Jane Grace: Tatsächlich habe ich erst heute Morgen darüber nachgedacht, wie ich mich eigentlich fühle. Meine Art, ein Album zu machen, es zu schreiben, aufzunehmen und zu veröffentlichen, gleicht einem Kreis. Dabei fließt aber alles ganz anders ineinander über, als die meisten Menschen sich vorstellen. Gerade fühle ich mich so ausgelaugt, denke mir nur „Komm schon, nur noch ein paar Stunden“ Morgen werde ich wieder voller Energie sein, aber gerade bin ich nur kaputt und warte auf den Moment des Release.

minutenmusik: Diese Situation stelle ich mir auch sehr merkwürdig vor. Normalerweise sind ja mehr Leute in deinen Songwriting-Prozess involviert, wenn du zum Beispiel mit den Devouring Mothers oder Against Me! Aufnimmst. Jetzt bist du da hingegen ziemlich alleine. Wie sehr hat sich dieser Release denn anders angefühlt als deine bisherigen Veröffentlichungen?

Laura Jane Grace: Nichts von alldem war ja wirklich eine bewusste Entscheidung. Ich habe nicht gedacht, „Ich will jetzt unbedingt alleine ein Album aufnehmen“. Das entstand einzig aus den äußeren Umständen – ich lebe nicht in derselben Stadt wie meine Bandkolleg*innen. Wir arbeiten schon seit knapp zwei Jahre am nächsten Against Me!-Album und haben eine Woche im Studio verbracht. Gerade einmal zwei Tage nach unserem Tourstart, hat die Pandemie die USA erreicht und wir mussten wegen des Shutdowns nach Hause. Einen Monat lang habe ich nur auf meiner Couch gesessen und mich verloren und hoffnungslos gefühlt, darüber nachgedacht, was als nächstes passiert und was das alles bedeutet. Und dann habe ich plötzlich begriffen, dass ich nur meinen Fokus anpassen musste und alles anders angehen musste. Musik macht mich einfach glücklich, deswegen war diese Idee von der Pandemie ohne Ende, ohne zu wissen, wann wir daraus kommen oder wieder Shows spielen dürfen, einfach inakzeptabel für mich. Ich konnte das einfach nicht begreifen, deswegen musste ich die Sache anders angehen. Durchgehend davon zu lesen, wie Leute ihre Jobs verlieren, darüber, wie Venues schließen müssen, wie Dinge, die ich liebe, hier in Chicago verschwinden, während ich nur rumsitze – das konnte ich auch nicht akzeptieren. Ich musste einen Weg finden, dagegen anzukämpfen. Dieses Album ist wie eine Art Adaption. Wie macht man ein Album in einer Pandemie? Nun, hier ist die Antwort.

Zudem wollte ich das komplette Gegenteil eines Zoom-Anrufs machen. Social Media und Live Streams sind ja alles, was von unserer Musikindustrie noch übrige geblieben ist. Das hat natürlich gute Seiten, aber auch schlechte. Diese Dinge bleiben nicht. In der Sekunde, wo es vorbei ist, ist es vorbei. Es gibt kein physisches Artefakt. Deswegen wollte ich das komplette Gegenteil davon erschaffen, ein Dokument eines Sounds, eines Ortes und einer Zeit. Von mir im Juli inmitten der Pandemie.

minutenmusik: Tatsächlich warst du aber ja gar nicht ganz alleine. Steve Albini war bei dir. Wie hat er dir geholfen, deinen Fokus zu setzen und das Album zu vollenden?

Laura Jane Grace: Ich habe noch nie zuvor mit Steve gearbeitet. Ich glaube, ich habe Steve, soweit er es mir erzählt hat, schon einmal im Vorbeigehen getroffen, aber ich kann mich nicht mehr erinnern. Aber ich bin ein Fan von Steve, und das nicht nur wegen der Platten, die er aufgenommen hat – echte Klassiker wie z.B. mit den Pixies, PJ Harvey oder der Nirvana-Platte oder mit seiner eigenen Band Shellac – alles fantastische Alben. Aber ich war auch immer ein Fan seiner Perspektive und Persönlichkeit und seiner Philosophie des Musikmachens. Er bezeichnet sich selbst als Toningenieur und nicht als Produzent. Mir wurde klar, dass eine Platte mit ihm zu machen bedeutete, dass ich alles sehr gründlich entschieden haben musste, bevor ich ins Studio gehen konnte. Denn er würde nicht die Geduld aufbringen, wenn ich so dasitze wie “Ich weiß nicht, wie ich diesen Song machen will” oder “Was hältst du davon? Er war nicht daran interessiert, mir seine Meinung zu sagen, und gleichzeitig wollte ich auch keine Meinung haben. Ich wollte von niemandem beeinflusst werden, um über Dinge zu entscheiden, von denen ich bereits wusste, wie ich sie fand. Jede andere Stimme da drin hätte mich nur verwirrt und den Prozess verlangsamt.

Im Laufe der Jahre bin ich in der Arbeit mit Menschen sehr entgegenkommend geworden, angefangen habe ich als junger Punkrocker. Normalerweise fängt man an und sagt: “Nein, so geht das”, und dann merkt man, dass man nicht immer so verschlossen sein kann, sondern dass ich flexibel und offen für andere Ideen sein muss. Und das ist großartig, und ich bin voll und ganz dafür. Aber nach einer Weile verliert man den einfachen Weg aus den Augen. Was, wenn man es einfach so macht, wie man es will? Das soll nicht heißen, dass die Idee eines anderen falsch ist. Es ist nur irgendwie subjektiv, deshalb wollte ich nicht die Meinung eines anderen.

Ich wusste, dass er nur Mikrofone aufstellen, es richtig gut klingen lassen und die Platte aufnehmen würde – und das war alles, was ich wollte. Ich wollte nur die volle Verantwortung für die Performance und das Songwriting haben, das war meine Aufgabe. Diese strengen Definitionen sind sehr beruhigend geworden, als bräuchte man eine Art Struktur, wo es derzeit keine Struktur gibt.

Und dann gab es noch die strikten Grenzen, ein analoges Album zu machen, ohne dass Computer zum Einsatz kommen. Man kann bestimmte Bearbeitungen vornehmen, aber man kann nicht das Gesamtbild editieren, weil man mit den Aufnahmen arbeitet. Man muss es spielen und aufnehmen, und das war’s. Man kann es nicht fälschen. Und jetzt, wo keine Live-Musik gespielt wird und die aufgenommene Musik auch noch eine Anfertigung von Profi-Werkzeugen ist, die bearbeitet werden, gibt es nichts mehr. Ich wollte nur eine echte Live-Aufnahme, eine Studioaufnahme, ein analoges Band.

minutenmusik: Da scheint Steve Albini ja die richtige Wahl gewesen zu sein. Deine Stimme und auch dein Storytelling sind auf der Platte sehr zentral, schließlich sind ja auch kaum andere Instrumente vorhanden, vor allem im Vergleich zu deinen Bands. Wie fühlt es sich an, diese Songs zu hören? Fühlt es sich jetzt anders an, so eine Musik mit der Öffentlichkeit zu teilen?

Laura Jane Grace: Mein Gott, darüber hatte ich vorher noch nicht wirklich nachgedacht. (lacht) Natürlich verbinde ich mit jedem Lied bestimmte Erinnerungen. Ich kann dir sagen: “Oh, ich war an diesem Ort, als ich dieses Lied geschrieben habe” oder “bei diesem Text habe ich an diese Sache gedacht”. Das ist einfach die Art und Weise, wie ich immer geschrieben habe. Aber insgesamt geht es nicht darum, wovon die einzelnen Lieder handeln. Es geht hauptsächlich um die vereinheitlichende Botschaft des Albumtitels. Was mich lebendig macht, ist das Musikmachen. Das hat mir schon immer Freude gemacht, seit ich ein junger Teenager war. Es war immer meine Zuflucht, und das ist es, was ich brauche. Dazu gehört auch die Akustikgitarre als das eindeutigste Symbol für Unabhängigkeit. Man braucht nicht einmal einen Verstärker.

Wenn ich mir diese Platte anhöre, höre ich nicht die einzelnen Lieder und worum es in ihnen geht. Ich höre das Gesamtkonzept. Das liegt auch daran, dass die Lieder sehr kurz sind. Sie sollen bestimmte Emotionen und Gefühle und als Gesamtheit diese Idee hinter “Stay Alive” einfangen.

minutenmusik: Der Albumtitel ist ja auch sehr positiv konnotiert und die letzten Worte des Albums sind „Please survive.“ Wenn wir nur auf diese vier Worte schauen, wirkt es wie ein sehr positiver, optimistischer Blick in die Zukunft, vor allem im Kontrast zu den düsteren Gedanken, die das Album so prägen. Würdest du sagen, dass das Album ein positives ist oder empfindest du die düsteren, pessimistischen Gedanken als dominanter?

Laura Jane Grace: Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Wort “positiv” in diesem Zusammenhang verwenden würde. Ich denke, dass es positiv ist. Doch diese Anpassungsfähigkeit, die in der Do-it-yourself-Kultur immer eine zentrale Rolle gespielt hat, besteht darin, dass man überlebt. Man findet einen Weg, um das zu erreichen. Wenn man als DIY-Punk-Band anfängt, vor allem in Nordkalifornien, wo man weiß, dass es keine Veranstaltungsorte gibt, und denkt: “Wie überwinden wir dieses Hindernis?”, dann sucht man sich seine eigenen Spielorte. Ob in einem Park, an einer Straßenecke oder am Strand. Wir werden unser eigenes Ding erfinden müssen.

Und das ist letztendlich eine positive Sache. Ich weiß nicht, wie es drüben in Deutschland ist, aber hier in den USA läuft jede Venue Gefahr, für immer zu verschwinden. Die DIY-Punk-Rockerin in mir ist so frustriert und denkt: “Lasst uns eine Lösung finden! Wie passen wir uns an, wie überleben wir?”, damit das nicht alles zunichte macht, was wir aufgebaut haben. Das übersetzt sich in den Gedanken dieser Platte. “Wir kriegen das schon hin, also bitte überlebe, bleib verdammt noch mal am Leben.”

minutenmusik: Sowohl im „The Calendar Song“ als auch im „The Mountain Song“ singst du davon, über die Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft nachzudenken. Während der „Calendar Song“ dieses Zerdenken nicht zu mögen scheint, ist der „Mountain Song“ der Meinung, dass es das alles wert war. Hast du die Lockdown-Phase denn viel dazu genutzt, über die Vergangenheit nachzudenken oder lebst du lieber im Moment? Wenn du auf deine Karriere zurückblickst, überwiegen für dich die positiven oder negativen Aspekte?

Laura Jane Grace: Ich bin seit über 20 Jahren auf Tour, und der Tour-Zyklus dauert normalerweise einen Monat. Man zieht los und reist an all diese Orte und dann kommt man nach Hause und wenn man nach Hause kommt, hat man diesen Moment des “oh wow”. Es gibt immer einen Anfang und ein Ende dieser Reise. Dann denkt man über diese Reise nach, aber normalerweise kommt kurz danach die Zeit, über die nächste Reise nachzudenken. Und dann durchläuft man denselben Zyklus und reist zu all diesen Orten. Und jetzt gibt es, ob es einem gefällt oder nicht, diese Kluft. Natürlich bin ich sehr optimistisch und ich bin sehr hoffnungsvoll. Ich will wieder rausgehen und wieder Shows spielen. Aber es wird diese lange Zeitspanne zwischen damals und heute geben. Und das führt dazu, dass ich über die letzten 20 Jahre nachdenke. Im Moment gibt es nichts als Zeit, einfach nur sitzen und nachdenken. Für jeden von uns gibt es eine Zeit vor der Pandemie und eine Zeit nach der Pandemie. Natürlich wird es gute und schlechte Dinge geben. Ich sitze nicht hier und stelle da oben Schilder auf und denke “ein bisschen mehr Gutes”, “ein bisschen mehr Schlechtes”.  Aber ich denke über alles nach, und ich bin dankbar für alles.

Insbesondere bei ” The Mountain Song” gibt es allerdings dieses Prince-Zitat. Ich liebe Prince. Das Zitat lautet: “Ich habe den Berg bestiegen und ich kann Ihnen sagen, dass es dort oben nichts gibt”. Und Prince hat den Berg sicher erklommen. Größer als Prince kann man nicht werden. Und wenn Prince auf den Gipfel klettern kann und dir sagt, dass dort nichts ist, bestärkt das für mich das Klischee, dass es um die Besteigung geht. Es geht nicht darum, den Gipfel zu erreichen. Es geht um die Zeit, die man mit dem Aufstieg verbringt, und um die Zeit, die man mit dem Abstieg verbringt. Ich denke viel über dieses Zitat nach, in Bezug auf die Reise, die ich gemacht habe, und was es bedeutet. Das sind die Orientierungspunkte, die ich habe. Als Künstler schaut man sich andere Künstler und ihre Erfahrungen an und hofft, dass man Fehler vermeiden kann oder dass man sich verbessern kann, indem man von anderen lernt und von den Dingen, die sie bereits getan haben. Und bei ” The Calendar Song” geht es eigentlich darum, in der Gegenwart zu leben, sie Tag für Tag aufzunehmen. Nicht auf eine Zukunft hinzuarbeiten, die niemals kommen wird.

minutenmusik: In deinen Songs spielt du sowohl auf Nelson Algrens Short Story Sammlung „The Neon Wilderness“ und auf de Beauvoirs „The Mandarins“ an. Was bedeuten diese Bücher für dich?

Laura Jane Grace: Nelson Algren ist einer meiner Lieblingsautoren. Unser erster europäischer Booking Agent war meine erste Verbindung zu Nelson Algren, und obwohl Algren aus Chicago stammt, habe ich in Deutschland von ihm erfahren. Auf meiner ersten Europatour lernte ich Ingo Ebeling kennen, der ein Plattenlabel und eine Booking-Agentur namens “The Company with the Golden Arm” besaß, die nach “Der Mann mit dem goldenen Arm” von Algren benannt wurde. Wir wurden vor über 20 Jahren nach Deutschland gebracht, und ich fragte mich: “Was bedeutet das? Warum nennt man seine Booking-Agentur so?”

Also habe ich dieses Buch gelesen und 15 Jahre später lebe ich in Chicago. Und ich bin mehr und mehr zu einem Fan von ihm geworden. Er hatte über zwölf Jahre lang eine Liebesaffäre mit Simone, und sie hat darüber ausführlich in “Die Mandarinen” geschrieben. Ich bin auch ein Sartre-Fan, der auch ihr Partner war. Ich habe von Sartre getrennt von Algren erfahren, und dann kamen all diese Dinge zusammen. Das liebe ich am Lesen! Besonders, wenn man über das Leben der Autoren liest und darüber, wie sie sich überschneiden. Und auch, Chicago durch die Linse der Vergangenheit zu sehen und zu versuchen, meinen Platz darin zu finden. Und dann Beziehungen wie die von Algren und Simone mit Beziehungen, die ich hatte, zu vergleichen.

Besonders gerne lese ich von Menschen, die vor etwa hundert Jahren, während des Ersten und Zweiten Weltkrieges, geschrieben haben, wie sie überlebt haben und welche Erfahrungen sie vor und nach Kriegen gemacht haben. Ich finde es so inspirierend, weil sie überlebt haben.

minutenmusik: Literatur kann auf jeden Fall sehr inspirierend sein. Du hast vor einigen Jahren ja auch selbst ein Buch geschrieben. Hast du jemals nachgedacht, dieses fortzusetzen? Wie würdest du das Kapitel deines neuen Albums nennen?

Laura Jane Grace: Vor zwei Wochen habe ich ein Zine rausgebracht. Ich zeig’s dir. Es heißt „The innocent karma of owning a cage“. So würde ich das Kapitel nennen. Es ist eine Gedichtsammlung. Darin sind alle Lyrics des Albums enthalten, aber auch 14 separate Gedichte. Seit ich das Buch beendet habe, schreibe ich viele Gedichte. Ich musste meinen Fokus verkleinern. Eine Biographie zu schreiben, die das ganze Leben umspannt, war ein ziemlich mutiges erstes Schreibprojekt. Also bin ich zurück zu Schritt 1 gegangen – ein simples Gedicht-Zine schreiben. Das hat sich super und auf jeden Fall machbarer angefühlt. Aber ich schreibe die ganze Zeit. Ich bin davon einfach fasziniert.

minutenmusik: Ein anderer Song, der meine Aufmerksamkeit geweckt hat, war „The Hanging Tree“, weil du hier sehr politisch wirst. Offensichtlich redest du hier über einen Mann mit gelbem Haar und orangefarbener Haut, den wir alle kennen. Wie sehr hat die anstehende Wahl dein Songwriting beeinflusst? Wie sehr hat sich die Situation für Musiker*innen in den USA geändert, seit Trump Präsident ist?

Laura Jane Grace: Ich habe diesen Song 2018 geschrieben. Genau um so etwas geht es mir auch mit diesem Album, denn genau jetzt ist der perfekte Moment für den Song. Er könnte nie relevanter sein. Ich möchte ihn so gerne mit Leuten teilen. Das ist mein Beitrag zu der Konversation. Nachdem Trump gewählt worden war, wirkte die Idee, über ihn zu schreiben, sehr beängstigend. Jeden einzelnen Tag macht er etwas Wahnwitziges, macht etwas Wahnwitziges. Durchgehend, man kommt gar nicht mit. Wie könnte man all das in eine einzige Beobachtung destillieren oder in eine These über ihn? Dieser Song ist meine These über ihn. Ich glaube, seine Macht liegt darin, dass er keine Seele hat. Er ist unbesiegbar. Er hat keine Menschlichkeit zu verlieren.

Es hat sich nie wirklich angefühlt, als ob die Wahl von 2016 je geendet hätte. Auf die furchtbare Vergangenheit von diesem Land zu schauen, die auf Rassismus und Sklaverei fußt und dann auf diese offensichtliche, blinde Heuchelei dieser ganzen religiösen Menschen zu schauen, die sich auf Gott beziehen, um Gewalt zu rechtfertigen. Ich bin eine Atheistin, aber es sollte jeder*m, der sich über das Christentum informiert, klar sein, dass Jesus nichts mit dem zu tun hatte, was die Leute jetzt in seinem Namen machen. Und eigentlich sollte Amerika ja auch das „Land of the free, home oft he brave“ sein, ein Melting Pot, ein Ort, zu dem Migrant*innen kommen können. Nun geht es nur noch darum, Grenzen zu schließen und eine Mauer zu bauen. Willkommen in Amerika und jetzt hau verdammt nochmal ab. Es ist so widerlich.

minutenmusik: Es fühlt sich manchmal an, wie ein dystopischer Film.

Laura Jane Grace: Noch schlimmer! Die schlimmste Dystopie aller Zeiten!

minutenmusik: Wenn wir schon über die Zukunft reden – jetzt, wo das Album fast draußen ist, was sind deine nächsten Schritte? Willst du schon das nächste Album in Angriff nehmen oder dich lieber auf das Schreiben konzentrieren?

Laura Jane Grace: Wie ich vorhin gesagt habe, brauche ich diese abgeschlossenen Boxen in meinem Leben, in denen ich denken und planen kann. Jeden Monat ein Ziel festzulegen, auf das ich hinarbeite kann, hilft mir mental sehr. Aber es ist so verrückt, ganz anders als alles, was ich zuvor erlebt habe. Normalerweise bringe ich ein Album heraus, mache Interviews, rede darüber und gehe dann auf Tour und mache das Ganze nochmal. Und jetzt denke ich nur „Naja, ich denke, ich setze mich mal an das nächste Album.“ (lacht) Daran ist ja auch nichts verkehrt! Einfach weitermachen, denn was ist die Alternative? Ich denke, ich habe gar keine andere Wahl, als das nächste Album zu machen, denn das ist, was ich bin und was ich liebe.

Unsere Review von “Stay Alive” gibt es hier.

Hier kannst du dir das Album kaufen.*

Und so hört sich das an:

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minutenmusik: i was so excited to hear about your surprise album dropping and I really appreciate the opportunity to talk with you about it. How do you feel so close to the release?

Laura Jane Grace: I was actually thinking about it this morning, like “how do I feel right now?” My perception of making an album, of writing an album, recording an album, releasing an album is like a cycle. And the way it all flows is so different than most people realize. I feel so drained right now, just like “Come on, just a few more hours”. Tomorrow I will be filled with energy again, but right now I’m just exhausted and waiting for the moment it is released.

Minutenmusik: This must be a very strange feeling, I guess. Usually there are other people involved in your writing process, like it’s the case with the Devouring Mothers or with Against Me! And now it’s mainly you. In how far did the way you record differ from your previous release?

Laura Jane Grace: None of it was necessarily by choice. It wasn’t like “I really want to make a record by myself”. These are just the circumstances – I don’t live in the same city like my other band mates. We have been working on an Against Me!-record for the last couple of years and spent a week in the studio, we’ve been two days into a tour when the pandemic hit and we had to go home due to the shutdown. I spent a month sitting on my couch and feeling lost and hopeless, wondering what just happens and what it meant. And then I  reached the realization that I had to adjust my scope and had to find a way to work differently. Making music is joyful to me, so the idea of the pandemic without end, of not knowing when we’re gonna get out of this or when we will be able to play shows again is just unacceptable to me. I couldn’t face this situation, so I just had to find a way how I can approach this differently. Reading continually about people losing work, about venues closing, about things that I love disappearing here in Chicago while I am just sitting around – that seemed unacceptable too. It seems like there was a way to fight against that. This record is like an adaptation in a way. How do you make a record in a pandemic? Well, this is the answer.

And I wanted to do something that is the complete opposite of a Zoom call, social media or a live stream what our whole music culture is reduced to nowadays. There are good things, but also bad things about that. It’s not lasting. The second it’s over, it’s over, there’s no physical artifact from it. Therefore, I wanted to make a record that is the exact opposite of a zoom call as a document of a sound, of a time and place of where I was at in July in the pandemic.

Minutenmusik: But actually you weren’t completely alone, there was Steve Albini with you. How did he help you to focus and finish the album?

Laura Jane Grace: I’ve never worked with Steve before. I guess I’ve met Steve in passing before as he told me, but I can’t remember. But I’ve been a fan of Steve and not just because  of the records he made – he obviously made real classics like with the Pixies, PJ Harvey or the Nirvana record or with his own band Shellac – all amazing albums. But I’ve also always been a fan of his perspective and personality and his philosophy behind making music. He calls himself a recording engineer and not a producer. I realized making a record with him meant that I had to have everything very decided before going into the studio. Because he would not have the patience for me sitting there like “I don’t know how I want to do this song” or “What do you think about this?” He wasn’t interested in giving me his opinion and at the same time I didn’t want any opinion. I didn’t want any one to influence me into deciding over things I already knew how I felt about. Any sort of other voice in there would have just  confused me and dillute the process. I’ve become very amiable in working with people over the years, starting as a young punk rocker. Usually, you start and are like “no, this is the way it’s done” and after that you realize that you can’t be so closed-off all the time, I have to be flexible and open to other ideas. And that’s great and I’m all for that. But after a while you lose sight of the easy way. What if you just do it how you want it? That’s not to say that someone else’s idea is wrong. It’s just subjective any way, so I didn’t want somebody else’s opinion.

I knew he would just set up microphones, make it sound really good and press record – and that’s all I wanted. I just wanted to be fully in charge of the performance and of the songwriting, that would be my job. Having these strict definitions has become very comforting, like needing some kind of structure where there is no structure now. I make this joke often to my friends, saying “time is a flat circle and yesterday feels just like today” Especially in the beginning of the pandemic where we all were in shelter and everyday is the same, I need these boxes. “This is what your job is, just do your thing”, everything else is just indefinite and then I lose direction and get lost. I wanted guidelines.

And then there were the strict limitations of making an analog album, not having computers involved. There’s certain edits you can do, but you can’t edit the whole thing, because you work with the recordings. You have to perform it and it has to capture it and that’s it. You can’t fake lt. And right now that there is no live music performed and the music recorded is also a fabrication of pro tools that’s edited together, then there’s nothing. I just wanted a real live recording, a studio recording, analog tape.

Minutenmusik: Then Steve Albini seems to have been the perfect man for your project, since the album actually sounds like real live music. Your voice and also the storytelling is very central because there aren’t as much instrumentals around them in contrast to your other bands. How does it feel to listen to the songs yourself and does it feel different to share it with other people if you know that your voice is far more in focus than with your bands?

Laura Jane Grace: Jesus, I hadn’t really thought about that before. (laughing) It’s strange because obviously each song is about a specific thing. Naturally I attach certain memories to each song. I can tell you “oh I was in this place when I wrote that song” or “with that lyric I was thinking about this thing”. That’s just the way I’ve always written. But as a whole, it’s not about what the individual songs are about. It’s mainly about the unifying message of the album title. What makes me feel alive is making music. This has always been what brought me joy since I was a young teenager. It’s always been my refuge and it’s what I need to continue to be there for me in that way. Specifically taking the approach with an acoustic guitar with that too, seeing the acoustic guitar as the most definite symbol of independence. You don’t even need an amplifier.

When I listen to that record, I don’t hear the individual songs and what they’re about. I hear the overall approach. That’s also because the songs are very short. They are meant to capture certain emotions and feelings and as a whole this idea behind “Stay Alive”.

Minutenmusik: The album title is very positively connoted in a way and the last words of the album are “Please survive.” If we just look at these words, one could say that they are very positive and optimistic in looking at the future, especially in contrast to the very dark places the album goes through. Would you say that this album feels more positive for you or are the dark, pessimistic aspects more dominant?

Laura Jane Grace: I’m not sure if I’d use the word positive in that way. I guess it’s a positive thing. But that adaptability that’s always been central to DIY-culture is that you survive. You figure out a way to make it happen. Starting out as a DIY-punk band, especially in Northern California, where you know there are no venues and you start as a band and you think “How do we overcome this obstacle?”, well we’re going to find our own places to play. Whether that’s in a park, or at a street corner or at the beach. We’re going to have to invent our own thing. And that ultimately is a positive thing. I don’t know how it is over there in Germany, but here in the US every venue is in danger of disappearing forever. The DIY-punk rocker in me is so frustrated and is thinking “Let’s figure this out! How do we adapt, how do we survive?” so this doesn’t kill everything that we’ve built. That translates to the approach of this record. “We’ll figure it out, so please survive, just f*cking stay alive.”

Minutenmusik: In both “The Calendar Song” and “The Mountain Song” you talk about thinking of the present, the past and the future. And while “The Calendar Song” is not favoring this overthinking of everything, “The Mountain Song” shares the statement that it was all worth it. Did you use that whole lockdown phase to think about the past or are you rather more fund of living in the moment? And if you look back at your career, do you think that there are more positive or negative aspects about it?

Laura Jane Grace: I’ve been a touring musician for 20+ years and the cycle of touring is it’s usually a month long. You go and travel to all these places and then you come home and then when you get home you have that moment of “oh wow”. There’s always a beginning and an end to this journey. Then you think about that journey, but usually it’s very short afterwards the time to think about the next one. And then you go through that same cycle, going to all these places. And now like it or not there’s this divide. Of course I’m very optimistic and I’m very hopeful. I wanna go out again and play shows again. But there will be this long period of time between then and now. And that’s leading to me thinking about the last 20 years. There’s nothing but time right now, just sit and think. Usually there was this beginning and ending of the journey and now there’s this strange time period. To everyone of us there’s a time before the plague and a time after the plague. Of course there’s going to be good and bad things. I’m not sitting here and putting signs up there and thinking “a little more good”, “a little more bad”.  But I am thinking through it all and I’m thankful for it all.

With “The Mountain Song” in particular though, there’s this Prince quote. I love Prince. The quote is: “I’ve climbed the mountain and I can tell you, there’s nothing at the top”. And Prince surely climbed the mountain. You can’t get bigger than Prince. And if Prince can climb at the top and tells you there’s nothing there, it reinforces to me that cliché that it is about the climb. It’s not about reaching the top. It’s about the time spent climbing up and about the time spent climbing down to. I think about that quote a lot in terms of the journey I’ve been on and what it means. Those are the guide points that I have. As an artist you look at other artists and their experience and hope that you can avoid mistakes or that you can improve yourself by learning from others and the things they’ve already done. And “The Calendar Song” actually is about living in the present, of taking it one day at a time. Of not working towards a future that is never going to come.

Minutenmusik: In your songs you both refer to Nelson Algren’s short story collection “The Neon Wilderness” and de Beauvoirs “The Mandarins”. It’s very funny because I have researched and found out that Algren is the one “The Mandarins” is dedicated to and that his short story collection is staged in Chicago where you live. What do these books mean to you? Did you already write the songs when you’ve read them the first time?

Laura Jane Grace: Nelson Algren’s one of my favorite authors. Our first European booking agent was my connection to Nelson Algren, even though Algren is from Chicago I’ve learned of him in Germany. The first time I started touring in Europe was through my friend Ingo and Ingo Ebeling owned a record label and booking agency called “The Company with the Golden Arm” which was named after “The Man with the Golden Arm” of Algren. We were brought over to Germany, 20+ years ago and I was like “What does that mean? Why is your booking agency called liked that?” So I’ve read this book, flash forward 15 years later I live in Chicago. And I’ve grown to become more and more of a fan of him. He had a love affair with Simone over twelve years and she wrote over that extensively in “The Mandarins”. I’m also a Sartre fan who was also her partner. I’ve learned of Sartre separate from Algren and then all these things convened. I love that about reading! Especially about reading about the lives of authors and how they intersect. And also seeing Chicago through the lens of the past, trying to find my place in it. Then relating relationships like Algren’s and Simone’s with relationships I had and seeing the comparisons.

Especially I like to read of people who have written about one hundred years ago, during World War I and World War II and how they survived and what experiences they had, pre-wars, post-wars, during wars. I find it so inspiring because they did survive. They did keep working and they found a way. There’s so much to be learned from that, looking at what they already went through.

Minutenmusik: Sure, literature can be very inspiring. You have written a book yourself some years ago. Have you ever thought about continuing to write this and if you would how would you call the chapter of this new album?

Laura Jane Grace: Two weeks ago I put out a zine. I’ll show you. It’s called “The innocent Karma of owning a cage”. That’s what I would call this chapter. It’s a poetry collection. There are all the lyrics of the album, but there are also 14 separate poems in it. Since finishing this book, I’ve been writing a lot about poetry. I needed to make my scope smaller. Writing a memoir that spans all of your life was a lot to take on as a first writing project. So a step back to step one – I just want to make a zine, a really simple poetry zine. It felt really good and definitely more manageable. But I write all the time. It’s something that I’m completely fascinated with.

Minutenmusik: There was another song that caught my attention: “The Hanging Tree” because you were very political in that one. You are obviously talking about one man we all know with yellow hair and orange skin. How did the upcoming election influence you while writing songs? And how did the situation for musicians change in the USA in the years of Trump’s presidency?

Laura Jane Grace: I wrote this song in 2018, so I’ve had this song for a while. That’s part of the feeling why I wanted to do this record, because this is the moment for this song. It could never be more relevant. I just want to share it with people. This is my contribution to this conversation, that’s always the way I communicated. After Trump was elected the idea of writing about him seemed really intimidating. Every single day he’s doing something insane, saying something insane. Continually, you can’t even keep up. How do you distill that into one observation or in a thesis on him? This song is my thesis on him. I think his power lies in that he has no soul. He’s invincible. He has no humanity to lose.

In the past two years I put out the “Bought to Rot” album with the Devouring Mothers. We had done a van tour through the US a month and a half long. You see the country differently from a van in contrast to from a bus, because you literally see everything through the window. It’s interesting to observe the country and just take things in. It never really felt like the election of 2016 ever ended. Looking at the horrifying past of this country which is based on racism and slavery and then looking at this obvious hypocrisy, blind hypocrisy of all these religious people who refer to god to justify violence. I’m an atheist, but it should be so blatantly clear to everybody who reads anything about Christianity that he didn’t have any thing to do with the people who use his name. And similar to that, America should be the land of the free, home of the brave, a melting pot, the place for immigrants to come to. And now it’s just about “close the borders, build a wall”. Welcome to America, now get the fuck out. It’s disgusting.

Minutenmusik: It feels like a dystopian movie sometimes.

Laura Jane Grace: It’s worse! The worst dystopian movie ever!

Minutenmusik: Talking about the future – now that you have nearly released the album, what are the next steps you have in mind? Do you plan to record new music? Or do you plan to focus on writing?

Laura Jane Grace: Like I said, I need these boxes to think in. Setting one thing a month to work towards has helped me mentally. I’ve got a live stream show I want to do on the 17th from a venue here in Chicago. One thing at a time. Just one bullet point I can work towards. But it’s so strange, it’s unlike any thing I have ever experienced. Usually, you put out a record, then you do interviews, you talk about it and then you go on tour for like a year or two and then you do it again. And now I’m just like “Well, I think then I’m going to work on the next album.” (laughing) There’s nothing wrong with that! Just keep going, because what’s the alternative? I don’t feel like I have any other choice than to make the next record, because that’s who I am and that’s what I love.

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