Interview mit Pabst über “Deuce Ex Machina”

Interview mit Pabst über "Deuce Ex Maschina". Foto von Constantin Timm.

Die Aufschrei der Medienlandschaft war groß. Als der amerikanische Analyse-Riese The Nielsen Company Anfang 2018 in seinem Jahres-Report feststellte, dass R&B- sowie Hip-Hop- in den vorausgegangen zwölf Monaten erstmals seit Beginn der Aufzeichnungen in den USA mehr Aufmerksamkeit generiert hatten als Rock-Musik, waren sich Kultur-Journalist*innen einig: Rock is dead. Als zusätzliche Bekräftigung für diese plakative These sahen Medienvertreter*innen, dass die erfolgreichsten Rock-Songs dieses Zeitraumes nicht von klassischen Genrevertretern stammten: Imagine Dragons, Twenty One Pilots, Walk The Moon. Was Rock wirklich ist, schien demnach stetig zu verschwimmen. Über die tatsächlichen Effekte dieser Entwicklungen lässt sich dann aber doch mehr streiten als die steile Behauptung der Journalist*innen vermuten lässt.

Rock is not dead!

Eine Verschiebung des Verständnisses von Rock-Musik nimmt Erik Heise, Gitarrist und Sänger der Berliner Band Pabst, ebenfalls wahr: „Wenn man sich die aktuellen Indie-Rock-Playlisten anschaut, ist da nicht ein Lied dabei, was ich als „Rock“ bezeichnen würde.“ Zumindest oberflächlich sieht das bei seiner eigenen Band ganz anders aus: Als Power-Trio mit typischer Gitarre-, Bass-, Schlagzeug-Besetzung, ordentlich Instrumentverzerrungen und hymnischen Refrains sowie langen wehenden Mähnen ist die noch recht frische Gruppe gar nicht mal so weit vom ursprünglichen Idealbild eines Rock-Ensembles entfernt. Betrachtet man jedoch dahingehend die Feinheiten, so trifft man auf mehr Verstrickungen mit anderen Musikrichtungen und -szenen: Die Gruppe trat vergangenes Jahr bereits gemeinsam mit Kraftklub-Frontmann Kummer und Indie-Pop-Sängerin Amilli bei Caspers „Zurück Zuhause Festival“ auf, als Fickscheiße spielten zwei Drittel von Pabst bereits elektronische Musik und Heise selber arbeitet zudem als Grafikdesigner mit angesagten New-School-Rappern wie LGoony oder Blvth zusammen.

Die ganze Entwicklung rund um das Genre lässt sich aus einer solch offeneren Perspektive auch ganz anders bewerten: Als kreativer Befreiungsschlag. Dass man durchaus von einer Befreiung sprechen kann, hat für die drei Pabstler zweierlei Grund. Zum einen können Musiker*innen aufgrund des nun abstinenten Drucks mit ihrer Kunst auch im Mainstream auf eine breite Masse treffen zu müssen mehr im Schatten agieren und so aus der Außenseiter-Position kreatives Potential schöpfen. Umgekehrt herrschen zudem weniger große Player vor, die maßgeblich das in der Öffentlichkeit prädominierende Bild des Genres und damit die Erwartungen an Kunst aus der Szene selbst prägen. Was Rock-Musik wirklich auszeichnet, können Fans und Bands nun zu einem größeren Anteil selber bestimmen. Oder wie Heise im Interview erklärt: „Wir könnten jetzt relativ unbedarft an die Sache rangehen und die Hörer*innen können das ebenfalls.

Als Nebeneffekt ermöglichen diese neugewonnenen Freiheiten den Rock-Acts sich auch kleinere Elemente anderer Genres abzugucken. Ein besonders deutlich erkennbarer Aspekt betrifft dabei nichtmal die Musik selber, sondern vielmehr die Live-Darbietungen dieser: Die vom Publikum bei Konzerten ausgehende Energie. Auch Pabst selber bekommen zu spüren, wie die Euphorie, die in den letzten Jahren vorrangig auf Rap-Konzerten herrschte, nach und nach auch in den Rock überschwappt:

Live-Konzerte sind momentan (…) krass vom Hip-Hop beeinflusst. (…) Das ist gefühlt mit dem ganzen Cloudrap-Kram losgegangen. Die Konzertstimmung ist eine ganz andere geworden. Eine Zeit lang – so vor zehn Jahren – gab es nie Leute, die so ausrasten. (…) Wann war man – abgesehen von den letzten vier Jahren – mal auf einem Konzert, wo so eine Action war, wie jetzt bei den Leoniden?“ – Erik Heise

Die „Deuce Ex Machina“-Chroniken

Aus bekannten Gründen – Stichwort „Corona“ – stehen momentan aber leider keine Live-Konzerte an. Statt ihr zweites Album „Deuce Ex Machina“ on the road zu promoten – der Band sind alleine bis zum Veröffentlichungstag Mitte Juni mehrere Handvoll Auftritte weggebrochen – stehen für Pabst deshalb Skype- und Telefon-Sessions sowie einzelne ausgewählte Live-Stream-Gigs an. Es gilt: Grelle Bildschirme und räumliche Distanz statt Ausrasten in engen Clubs. 

Ende Mai sitzen Heise sowie seine Kollegen Tilman Eggebrecht (Bass) und Tore Knipping (Schlagzeug) deshalb bei bestem Wetter in einer engen Altbau-Küche in Berlin und starren stundenlang auf einen Smartphone-Bildschirm, während sie brav Journalisten- und Blogger-Fragen beantworten. Wir sind mit den drei ebenfalls per Videochat verbunden, auch wenn die Internetverbindung nach einer knappen halben Stunde versagt und wir es bei Kommunikation per Audiocall belassen. Neben der Rolle von Rock-Musik im Jahr 2020 gibt es viel zu besprechen: „Deuce Ex Machina“ ist ein ambitioniertes Werk zwischen Stoner-, Grunge- und Alternative-Einflüssen, lässt jedoch auch immer wieder ein Händchen für Indie-Hittigkeit durchblicken. Dass die Songs schlussendlich trotz ihres 90s-Vibes modern und frisch klingen, liegt dabei vorrangig an dem Sound, den die Band ganz getreu der dazu gewonnenen kreativen Freiheiten um einige Facetten erweitert. Der Aufnahme-Prozess spielt bei dieser Entwicklung eine bedeutende Rolle.

Statt die Aufnahmen dem eigenen Budget entsprechend so anzugehen wie auch schon die ersten zwei Pabst-Veröffentlichungen – die EP „Skinwalker“ aus dem Jahre 2016 sowie Album Nummer eins „Chlorine“ von 2018 – und die Songs im Studio eines Bekannten Spur für Spur zu schichten, beschließt die Band diesmal größer zu denken. Und anders anzusetzen: Studioalbum Nummer zwei soll live recorded werden, damit die Energie der Songs, die diese vor allem in der Live-Situation entfalten, besser zur Geltung kommt. Dafür geht es für mehrere über ein Jahr verteilte Mini-Sessions gemeinsam mit Produzenten-Legende Moses Schneider in die Candy Bomber Studios auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhof. 

Schneider selber, der neben Turbostaat, den Beatsteaks und Tocotronic auch schon mit AnnenMayKantereit und K.I.Z. gewerkelt hat, ist berühmt berüchtigt dafür, dass er seine Künstler*innen live aufzeichnet. Wichtig ist dabei: Eine derartige Session entspricht nicht einem simplen Mitschnitt eines Auftrittes, wie Laien bei der Bezeichnung zunächst vermuten würden. Vielmehr wird das instrumentale Grundkonstrukt aus verschiedenen Takes zusammengeschustert, die die Musiker*innen gemeinsam im Studio durchspielen, während nebenbei die Aufnahme läuft. Es kann dabei also durchaus sein, dass das Intro und die Strophe eines Songs aus Anlauf Nummer zwei, der erste Refrain aus Take vier und die Bridge aus Take sieben stammen. Im Anschluss ergänzt die Band noch einige Overdubbs und die Gesangsspuren. Fertig ist das Endprodukt.

Dieser ganze Prozess dauert für „Deuce Ex Machina“ aus Kostengründen nicht mal eine Handvoll Tage an, auch wenn diese sich auf einen längeren Zeitraum verteilen. Studio, Produzent, Engineer: All das kostet fortlaufend Geld. Vor allem bei solch großen Namen. Deshalb lautet das Motto bei den Sessions: Das beste rausholen. Heise berichtet in sympathischen Berlinerisch: „Wir hatten letzten Endes drei oder vier Tage, um das ganze Album aufzunehmen. Da darf man nicht so ins Detail gehen. Wenn da ein Song nicht todesperfekt ist, dann ist das halt so.“ Grobe Fehler schleichen sind natürlich trotzdem nicht auf das fertige Produkt. Musiker*innen selber sind bei ihrer eigenen Kunst dann zumeist aber ja doch sensibler für Kleinigkeiten als Außenstehende.

Der Faktor Zeit ist für den zweiten Pabst Langspieler außerdem schon während des Songwritings von Bedeutung. Da die drei bereits Studiotermine gebucht haben, muss das Songmaterial teilweise binnen kürzester Zeit fertiggestellt werden. Die Band geht davon aus, dass genau das maßgeblich zu der Kohärenz, die das Album zusammenhält, beitrug: „Die [Stücke] sind (…) ähnlich, weil wir die sehr schnell hintereinander fertiggestellt haben. Wir saßen teilweise an fünf Songs gleichzeitig.

Moses Schneider agiert während der Sessions als eine Art Studio-Papa und trägt daran, dass die drei Musiker bei all dem Zeitdruck nicht den Verstand verlieren, einen Löwenanteil. Das liegt für Pabst vorrangig daran, dass der erfahrene Produzent ihnen das Gefühl gibt in einem kreativen Umfeld zu agieren, das Fehler zulässt und in frustrierenden Situationen Mut zuspricht. Kein Wunder, dass die drei nur lobende Worte für die Koryphäe übrig haben. „Unkompliziert“ und „handy“ sind nur zwei der durchweg positiven Zuschreibungen, die im Gespräch fallen. 

Auch was die kreative Ebene angeht, weiß der 54-Jährige zu den richtigen Mitteln zu greifen. Bassist Tilman Eggebrecht erklärt: „Er ist (…) immer offen dafür dem Zufall und der Magie des Moments den nötigen Raum zu lassen (…).Schneider ist zudem dafür bekannt, für seine Platten auch mal tief in die Aufnahme-Trickkiste zu greifen. Die Band selber spricht sich zwar nicht die Kompetenz zu bei den Schilderungen ins Detail zu gehen, erinnert sich aber was einen ihrer Songs angeht an eine Anekdote. Eggebrecht berichtet: „’Wish.com’ wurde (…) mehr oder weniger mit einem Mikrofon, das in der Mitte von uns stand, aufgenommen. Eigentlich haben wir da nur ein bisschen rumgedudelt. Moses ist dann im Anschluss an einem Echo-Effekt ausgerastet und hat das so gedreht.“ Das Ergebnis davon ist ein anderthalbminütiges Instrumental-Interlude, das als atmosphärischer Ruhepol zwischen den vielen energetischen Rock-Epen steht.

Neben der Live-Herangehensweise prägt den Sound des Albums maßgeblich auch dessen Mix. Dieser geht auf den Underground-Querdenker Magnus Wichmann zurück, der in der Vergangenheit bereits Acts wie Lingua Nada, LIRR. oder Neonschwarz den perfekten Anstrich verpasst hatte. Wichmann stoß im langwierigen Sound-Findungsprozess jedoch erst im Nachhinein zu der Band, weil diese mit den ursprünglichen Versionen der Platte nicht zufrieden war. Heise resümiert: „Er hat den Sound durch das Mixen selber nochmal in eine komplett andere Richtung gedreht. 

Tatsächlich lässt sich das finale Produkt entgegen der Erwartungen an Live-Recordings nun gar nicht mehr eindeutig als solche identifizieren. So hat man als Zuhörer*in, wenn die Drums des im Gespräch unauffälligen Schlagzeugers im Opener „Machina“ einsetzen, förmlich das Gefühl einem elektronischen Beat statt einem rohen Live-Diamanten zu lauschen. Der Sänger erklärt: „[D]as [war] (…) schon so gewollt, dass das nicht eindeutig „live“ klingt. Es ging uns bei den Live-Takes mehr um die Energie, die wahrzunehmen ist.“ Dieser Spagat gelingt der Band: „Deuce Ex Machina“ erscheint trotz seiner eindeutigen Vergangenheitsbezüge niemals eingestaubt und entpuppt sich zu jedem Zeitpunkt eindeutig als moderne Produktion. Die Freiheiten des Rock schlagen sich also auch hier nieder.

Große Ambitionen

Damit „Deuce Ex Machina“ auch sein volles Potential entfalten kann, entscheiden Pabst sehr genau, mit wem sie zusammenarbeiten und mit wem nicht. Erschien das Debüt „Chlorine“ noch über das renommierte Indie-Label Crazysane Records, so gründet die Band mit Ketchup Tracks nun ihre eigene Plattenfirma – eine Möglichkeit, die sich im digitalen Zeitalter selbst für kleinere Acts anbietet. Wichtig ist den drei Berlinern dabei, dass die Entscheidungsmacht bei ihnen bleibt. Tilman Eggebrecht erklärt: „In manch anderen Institutionen wird einem vieles vorgeschrieben. Darauf haben wir in unserem Stadium nicht wirklich Bock. Deshalb machen wir auch so viel selbst. 

Auf die Erfahrung vieler kluger Köpfe kann die Band trotzdem zurückgreifen, auch wenn sie nun selber die letzte Entscheidungsinstanz ist. Sonys Vertriebsriese The Orchard beispielsweise kümmert sich um vieles, was sonst in Label-Hand liegt und greift den Berlinern dabei unter die Arme ihr zweites Studioalbum prominent in Läden und beliebten Playlisten zu platzieren. Für die Erfüllung eines besonders ambitionierten Traumes, den Eggebrecht, Heise und Knipping nacheifern, ist gerade das essentiell: Pabst möchten von ihrer Musik leben können.

„Deuce Ex Machina“ stellt symbolisch den Scheideweg dar, vor dem viele aufstrebende Musiker*innen stehen: Entweder die investierte Zeit rentiert sich und aus dem sehr schlecht bezahlten Job wird ein einigermaßen rentabler oder die in das Projekt gesteckte Zeit muss zugunsten anderer Arbeit stark runtergefahren werden. Die Folge von letzterem Szenario: Die Musik spielt nur noch die zweite Geige. Heise erklärt, wie weit das momentan greift: „Wie wir gerade funktionieren, ist das alleine von der Zeit, die das frisst, echt kein Hobby mehr. Das als Hobby zu bezeichnen, wäre fahrlässig. Ich kann dem Beruf, den ich studiert habe, nicht nachgehen.“ Tourneen, Songwriting, Proben, Planung, Promotion – all das schluckt unendlich viel Zeit. Da ist nebenher an eine gewöhnliche Karriere fernab der Kultur-Branche nicht zu denken. Aber ist das ein realistischer Traum als Rock-Band Anno 2020 von seiner Musik leben zu wollen?

Das geht schon. Man muss dabei aber auch immer gucken, was man für Erwartungen hat. Es gibt Leute, die einen das Ohr vorheulen, aber das vier- oder fünffache von dem verdienen, was ich habe. Da denke ich mir dann: „Sei mal ruhig! Dann musst du dir eben nicht unbedingt jedes Jahr einen Neuwagen kaufen!“ Das kommt eben auch darauf an, was man für einen Lebensstandard will und einbringt.“ – Erik Heise

Ganz so eindimensional ist die Überlegung dann aber doch nicht: Im Idealfall müssen sich Pabst für die Erfüllung ihres Traumes nicht verkaufen und können auf kreativer Ebene tun und lassen, was sie wollen. Heise stellt heraus, welche Rolle Ethik und Moral bei dem Ganzen spielen: „Wir werden nicht die Band werden, die jeden Scheiß für Geld mitmacht. (…) Du kannst (…) einen Werbedeal als Musiker abschließen und richtig gut davon leben. Wenn du sowas aus ethischen Gründen nicht machen willst, fällt das für dich wiederum weg.“ Der eigene Anspruch schränkt den Möglichkeitenraum also weiter ein.

Doch wie wirken sich die anfangs diskutierten Entwicklungen rund um das Genre Rock darauf aus? Ob das Standing von Rock-Musik die Vielfältigkeit an Chancen hauptberuflich als Musiker leben zu können eher erhöht oder zusätzlich mindert, werden Pabst in den kommenden Monaten und Jahren am eigenen Leib erfahren und erproben müssen. „Deuce Ex Machina“ immerhin zeugt davon, dass die Band die neuen musischen Freiheiten zu nutzen weiß und sich sehr sicher ist, wie ihre Kunst zu klingen hat. Dennoch: Der Einfluss auf die Erfolgserwartung bleibt mindestens so offen wie der Ausgang der diesjährigen Präsidentschaftswahl in Amerika. Eggebrecht resümiert: „Was (…) in fünf Jahren ist? Wer weiß!

Im Mai hat die Band uns außerdem ein paar Fragen für unser großes Corona-Artists-Feature beantwortet. Das gibt es hier. Angefügt gibt es unten auch noch die ganze Transkription des Interviews.

“Deuce Ex Machina” kannst du dir hier kaufen.*

Tickets für die (hoffentlich stattfindende) Tour im Winter gibt es hier.*

Und so hört sich das an:

Website / Facebook / Twitter / Instagram

Pabst live 2020:

07.11. Wien, Chelsea (AT)
17.11. Essen, Zeche Carl
18.11. Bremen, Lagerhaus
19.11. Flensburg, Volksband
20.11. Hamburg, Molotow
21.11. Rostock, Peter-Weiss-Haus
24.11. Dresden, Ostpol
25.11. Nürnberg, Club Stereo
26.11. München, Milla
27.11. Stuttgart, Merlin
28.11. Karlsruhe, Kohi
29.11. Augsburg, SoHo Stage
01.12. Freiburg, The Great Räng Teng Teng
02.12. Saarbrücken, Sparte4
03.12. Trier, LUKE
04.12. Wolfsburg, Sauna Club
05.12. Berlin, Lido
08.12. Münster, Spuntikcafé
09.12. Köln, Bumann & Sohn
10.12. Hannover, LUX
11.12. Osnabrück, Kleine Freiheit
12.12. Leipzig, Naumann’s im Felsenkeller
17.12. Basel, Hirscheneck (CH)
18.12. Winterthur, Gaswerk (CH)

Beitragsfoto von Constantin Timm.

Transkription:

minutenmusik: Als erstes würde ich gerne mit euch über etwas sprechen, um das man gerade leider nicht herumkommt: Die Corona-Lage. Ihr übt euch in den letzten Wochen darin als digitale Band zu agieren, habt ein Live-Stream-Konzert gespielt und seid auf euren Social-Media-Channeln aktiv. Wie fühlt sich das für euch gerade mit online Promo und ohne Live-Auftritte an?

Tilman: Für so eine „klassische“ Band wie uns ist das schon nicht so das Gelbe vom Ei. Diese ganzen Konzerte fehlen enorm. Diese Social-Media- und Promo-Sachen gehören da dazu, das macht ja auch ein bisschen Spaß, aber nur sowas zu machen und das Live-Spielen komplett zu vernachlässigen, ist nicht das, weshalb wir Musik machen.

Wir versuchen da soweit es geht unbeschadet rauszukommen, wobei wir in einer verhältnismäßig privilegierten Situation sind. Uns trifft das nicht so hart wie manch andere Leute oder Branchen. So richtig das Wahre ist das trotzdem gerade nicht.

minutenmusik: Um in eure Musik einzusteigen, würde ich gerne zunächst einmal verschiedene Szenen in den Blickwinkel nehmen. Ihr seid zwar alle mit Gitarrenmusik sozialisiert, habt indirekt aber auch Bezüge zur Hip-Hop-Szene: Ihr habt bereits als Support für Casper gespielt und Erik macht als Grafikdesigner Artworks für Rapper wie Blvth oder LGoony. Glaubt ihr, dass das einen Einfluss auf eure Musik beziehungsweise die Art und Weise wie ihr die Band führt hat?

Erik Heise: Jaein. Also wir hören schon immer auch andere Musik als Rock-Musik. Wir haben die Band damals auch gegründet, weil Tore und ich elektronische Musik gemacht haben und uns das – Musik so zu produzieren – zu fremd wurde. Ich habe zu unserer Gründungszeit gar keinen Rock gehört. Ganz früher zwar schon, jahrelang dann aber gar nicht mehr.

Live-Konzerte sind momentan auch krass vom Hip-Hop beeinflusst. Auch als Rock-Band merkt man eine ganz andere Resonanz. Das ist gefühlt mit dem ganzen Cloudrap-Kram losgegangen. Die Konzertstimmung ist eine ganz andere geworden. Eine Zeit lang – so vor zehn Jahren – gab es nie Leute, die so ausrasten. Das kannte man einfach nicht. Einmal in zehn Konzerten gab es mal einen Moshpit mit vier Daddys, die sich geschubst haben. Jetzt ist das ja bei egal welcher Musik Gang und Gebe. Das kommt meiner Meinung nach schon aus dem Hip-Hop, auch wenn der Ursprung natürlich mal im Rock lag. Insofern beeinflusst das uns auf diese Art schon.

minutenmusik: Ich glaube die Hip-Hopper haben sich das von früher abgeguckt. Das war die letzten Jahre im Rock aber auf jeden Fall schon tot. Da hast du schon recht.

Erik Heise: Wann war man – abgesehen von den letzten vier Jahren – mal auf einem Konzert, wo so eine Action war, wie jetzt bei den Leoniden? Mit denen waren wir auf Tour und was da abgeht, haben wir noch nie vorher gesehen. In den 1990ern gab es das vielleicht schon mal so, aber in der letzten Zeit eben nicht. Das ist recht neu und wurde auf jeden Fall nicht wieder von Rock-Bands aus dem Keller gekramt.

minutenmusik: Ich finde auch spannend, dass das mit einem Empowerment für Frauen einhergeht. Auch bei den Leoniden und vielen Rap-Shows ist das Publikum auch im Pogo doch deutlich durchmischter als früher.

Tilman Eggebrecht: Da gebe ich dir auf jeden Fall voll recht. Früher auf Konzerten fand ich Pogo nie so richtig geil: Schwitzende Menschen, die sich auf die Fresse hauen. Wo das jetzt mehr und mehr überschwappt, macht mir das auch viel mehr Spaß, weil man nicht mehr nur verprügelt wird, sich in seinen Männlichkeitsritualen auszeichnen oder der Coolste sein muss, sondern alle Spaß dran haben können.

Erik Heise: Das geht viel mehr um ein Miteinander statt um Einzelposer, die Fremden aufs Maul hauen. Wenn man 2003 auf ein Metal-Konzert gegangen ist, standen 99% der Leute nur rum und drei haben sich vorne geprügelt. Ich war zum Beispiel bei der letzten Ahzumjot-Tour dabei. Da sind die Leute bis in die letzte Ecke dieser scheiß Clubs ausgerastet. Das aber friedlich und cool. Da hat niemand wem anderen auf’s Maul gehauen. Diese Stimmung ist relativ neu und kommt aus der Hip-Hop-Schiene.

minutenmusik: Wo wir gerade bei „Schienen“ sind. Rock-Musik ist popkulturell in den letzten Jahren immer weiter in den Hintergrund gerückt. Glaubt ihr, dass das zu einer kreativen Befreiung von Gitarrenmusik führen kann beziehungsweise konnte?

Tilman Eggebrecht: Voll! Das ist sicherlich ein Prozess. Ich würde jetzt nicht sagen, dass Rock auf einmal befreit wurde. Es entwickelt sich aber auf jeden Fall schon dahin, dass Rock nicht mehr unbedingt im Mainstream sein muss, um cool zu sein. Deshalb kann man sich mehr ausprobieren. 

Man ist jetzt ja auch kein cooler Typ mehr, wenn man in einer Rock-Band spielt. Das hat sich umgedreht: Jetzt bist du cool, wenn du Beats baust. Als Außenseiter kann man sich vielleicht ein bisschen mehr austoben ohne darauf schielen zu müssen, erfolgreich und cool sein zu müssen.

Erik Heise: Das ist sogar andersherum, oder? Rock-Musik war eine Zeit lang mit Bands wie Nickelback und so, die dann auch das Bild von dieser Musik prägen, der Mainstream. Das ist derzeit auch einfach nicht so krass. Rock-Musik ist da wieder auf Punkt Null angelangt: Man weiß nicht genau, was das ist und streitet sich auch darüber. Wenn man sich die aktuellen Indie-Rock-Playlisten anhört, ist da nicht ein Lied dabei, was ich als „Rock“ bezeichnen würde. Rock-Musik kann jetzt wieder ganz vielfältig klingen.

Jetzt ist gerade Deutschrap groß. Da gibt es definitiv auch Leute, die sich etwas trauen, innovativ sind und etwas zu sagen haben. Was man aber groß mitkriegt, zieht den Rest total in den Dreck. Die Nickelback des Deutschrap sind dann vielleicht die 187 Straßenbande-Leute oder so. Solche Acts prägen total das Bild dieser Musikrichtung, dabei ist das ja gar nicht alles, was es da gibt. Das Problem haben wir gerade nicht unbedingt. Wir könnten jetzt relativ unbedarft an die Sache rangehen und die Hörer*innen können das ebenfalls. Wir haben bestimmt auch Fans, die sonst gar keinen Rock hören. Das ist da egal geworden. Es gibt nicht mehr diese Puristen, für die Rock-Musik immer fett brettern muss.

minutenmusik: Spannend auf jeden Fall! Ich würde jetzt ganz gerne auf eure neue Platte zu sprechen kommen. Die heißt „Deuce Ex Machina“. Wie geht ihr so ein Album an? Wie wichtig ist euch da Kohärenz?

Erik Heise: Es gibt zwischen den Songs immer Gemeinsamkeiten, die die Stücke zusammenhalten. Die sind aber nicht konzeptuell. Bei dem Album war das – das ist super unromantisch – die Zeit. Wir mussten einfach Songs schreiben, weil wir einen Studiotermin gebucht hatten. Dann setzt man sich eben hin und sammelt die Songs, die man hat. Die sind dann ein bisschen ähnlich, weil wir die sehr schnell hintereinander fertiggestellt haben. Wir saßen teilweise an fünf Songs gleichzeitig. Vielleicht war man dann in der gleichen Stimmung und hat die gleichen Sachen gehört, sodass die ähnlicher sind.

Abgesehen von der Zeit hält die Art der Aufnahme das Album zusammen. Wir haben die Platte nämlich live aufgenommen. Das kann man als eine Art Konzept sehen. Das beeinflusst total wie die Songs klingen und geschrieben sind, weil man die Aufnahmen ganz anders angeht als ein „Produzenten-Album“, bei dem man die Songs nach und nach zusammenbaut.

minutenmusik: Meinem Empfinden nach gibt es diesmal deutlich mehr Ausbruch-Parts. „Hell“ zum Beispiel ist ja fast schon Metal und auch „Fugitive (Another Song About Running Away)“ hat einen Punk-Ausbruch am Ende. Waren das Sachen, die ihr mal ausprobieren wolltet oder hat sich das – vielleicht über diese Live-Situation – ergeben?

Tilman Eggebrecht: Bei „Fugitive“ hat sich das tatsächlich ergeben. Da hat noch ein Part gefehlt. Das ist dann mehr oder weniger der Ausbruchspart geworden. Im Verlauf klang der Song mal ganz anders! Irgendwann sind wir dann da drauf gekommen, dass das passt, da mal voll reinzubrettern. 

Bei „Hell“ war der Songwriting-Prozess nicht großartig anders als bei den restlichen Stücken. Wir sind generell aber nicht extra an die Sache herangegangen und haben gesagt, das solle sich in den Ausbruchsparts groß von den Sachen davor unterscheiden.

minutenmusik: Dann lasst uns jetzt mal über die Aufnahmen des Albums sprechen, die Erik eben auch schon erwähnt hatte. Und zwar habt ihr gemeinsam mit Moses Schneider live eingespielt. Ich finde soundmäßig vor allem interessant, dass die Platte eben nicht nach einer roh und live aufgenommenen Platte klingt, sondern teilweise sogar Beat-Charakter hat – vor allem vom Drumming. Worauf habt ihr bei der Klangästhetik der Aufnahmen geachtet?

Erik Heise: Für das erste Album haben wir einen Sound gefunden, der uns ganz schön angehaftet hat. Das hat auch lange gedauert. Die Platte wurde damals monatelang gemixt, bis das endlich die Form hatte, die uns gefallen hat.

Jetzt ist das ein bisschen die Mischung aus der Live-Aufnahme – da gibt es dann auch immer Überschneidungen von Instrumenten – und dem Wunsch danach den Sound weiterzuentwickeln. Es gab auch Mixe von dem Album, die total natürlich klangen. Das klang zwar cool, war aber nicht, was wir wollten. Magnus (Wichmann), der das Album schlussendlich gemixt hat, haben wir deshalb erst später dazu geholt. Er hat den Sound durch das Mixen selber nochmal in eine komplett andere Richtung gedreht. Das klingt tatsächlich manchmal nicht mehr so, wie es ursprünglich mal klang. Ich weiß nicht genau, was er da gemacht hat, das hat dem aber nochmal eine komische neue Ebene hinzugefügt, die man bei einer solchen Aufnahme eigentlich nicht erwartet. 

Das ist schon over-the-top gemacht, hat aber ein Weile gedauert. Wir haben ja auch über den Zeitraum von über einem Jahr aufgenommen. Deshalb hat sich der Sound langsam dahin entwickelt. An sich war das aber schon so gewollt, dass das nicht eindeutig „live“ klingt. Es ging uns bei den Live-Takes mehr um die Energie, die wahrzunehmen ist.

minutenmusik: Ich möchte gerne noch ein wenig bei den Aufnahmen bleiben. Und zwar betont Moses Schneider in Interviews immer, dass es Bands gibt, die viele Anläufe brauchen wie die Beatsteaks, und Bands, die sehr schnell aufnehmen. Wozu gehören Pabst? Und wie habt ihr die Zusammenarbeit mit Moses Schneider insgesamt sonst empfunden?

Erik Heise: Wahrscheinlich sind wir sonst eine Band, die viele Takes braucht, aber wir hatten nicht das Geld uns die Zeit zu kaufen. Wir hatten letzten Endes drei oder vier Tage, um das ganze Album aufzunehmen. Da darf man nicht so ins Detail gehen. Wenn da ein Song nicht todesperfekt ist, dann ist das halt so. Um das richtig geil zu machen, hätten wir wahrscheinlich alles noch ein paar Mal machen müssen. Ich denke wir waren jetzt nicht im zweistelligen Bereich, aber beim ersten Mal hat das auch nicht geklappt. Das war irgendwas dazwischen.

Die Zusammenarbeit mit Moses Schneider war sehr cool. Da kann man nicht großartig meckern: Total entspannt und niemand hat Stress geschoben. Das ist auch das Talent eines guten Produzenten, eine geile, kreative Stimmung zu erzeugen, in der kein Druck herrscht.

Tilman Eggebrecht: Moses ist ein sehr unkomplizierter Mensch. Das kommt dem zu Gute. Teilweise hat man einen Take gespielt und er kam aus dem Regieraum und meinte nur „Ja, geil!“. Und dann fragt man, ob das denn gut war und er sagt, dass vieles gut gewesen sei, einige Stellen auch nicht und man nochmal spielen solle.

Erik Heise: Ein Klassiker war auch, dass einer von uns auf den Aufnahmen am Ende laut „Oaaaah“ ruft. Und er dann nur so: „Gänsehaut!“. Bei jedem Take vor dem Mixen war einfach immer noch dieses „Oah“ in den Aufnahmen.

Tilman Eggebrecht: Er hat einem auf jeden Fall auch Mut zugesprochen. Wir waren im Studio natürlich auch ein bisschen aufgeregt: Teures Equipment und dazu noch Moses Schneider, der auch nicht unbekannt ist. Er war da aber super handy. Das hat Spaß gemacht!

minutenmusik: War das bei euch ein Wunsch nach den zwei Werken, die ihr zwar nicht DIY, aber ja schon in kleinerem Rahmen aufgenommen habt, zu jemandem namenhafteren zu greifen?

Erik Heise: Wir haben die Entscheidung auf jeden Fall nicht des Namens wegen getroffen. Klar werden wir da jetzt häufiger drauf angesprochen, aber das war nicht der Grund. Davon kann man sich auch nicht so viel erhoffen. 

Wir haben das eher mitgenommen, weil sich das angeboten hat: Wir hatten einen Kontakt zu ihm und er hatte da Bock drauf. Natürlich machen wir das dann! Moses beziehungsweise die Musik, die er aufgenommen hat, hat uns auch schon immer gefallen. Deswegen haben wir nicht lange darüber geredet, ob wir das machen. Es war jetzt aber auch nicht so als hätten wir uns krass aktiv darum gekümmert. Mit der Zeit hat sich das aber geregelt.

minutenmusik: So wie ich das verstehe laufen solche Aufnahmen so ab, dass man als Band einen Song ganz oft spielt und am Ende aus verschiedenen Takes verschiedene Songteile nimmt. Im Nachhinein werden dann noch Overdubbs und Vocals hinzugefügt. Wie sehr hattet ihr bei diesen nachträglich hinzugefügten Parts im Hinterkopf, dass ihr live nur zu dritt seit?

Tilman Eggebrecht: Voll! Uns war immer bewusst, dass wir aufpassen müssen, dass die Overdubbs den eigentlichen Song nicht zu krass verfälschen oder in eine andere Richtung bringen als wir das live reproduzieren können. Es gibt vom ersten Album sogar Songs, die wir nicht live spielen, weil die da nicht so geil sind. Die sind im Studio passiert, lassen sich aber nicht so gut in die Live-Situation übertragen. Das wollten wir diesmal vermeiden. Das lief im Unterbewusstsein bei uns mit. Uns allen drei war schon bewusst, dass wir nicht noch einen Zwanzig-Leute-Background-Chor mit reinpacken, sondern alles dem Song dienlich sein muss und nicht zu de wichtigsten Elementen des Songs gehören soll.

Erik Heise: Es gibt auf dem Album ja auch ein paar Stellen, wo wirklich viel passiert. Wenn das fehlt, sollte man das aber nicht zu sehr vermissen. Das war der Ansatz. Ein paar Sachen können wir tatsächlich auch mit ins Set nehmen, obwohl das keiner spielt. Tore ist sehr fit darin Samples laufen zu lassen, die dann im Hintergrund laufen. Dadurch können wir voll viel zusätzlich machen.

minutenmusik: Seid ihr die Aufnahmen sonst „typisch Live-Recording“ angegangen? Moses Schneider hat in der Vergangenheit ja schon das ein oder andere Mal zu unkonventionelleren Methoden gegriffen. Eine Kreator-Platte hat er größtenteils mit einem Mikrofon aufgenommen, dass er selbst „Smokehead“ nennt und in der Mitte der Band positioniert hat.

Erik Heise: Bei uns hat er auch irgendwelche Tricks angewendet, die eigen sind, da haben wir aber zu wenig Ahnung von, um das jetzt beschreiben zu können. Es gab auch Mikrofonierungen, die bisschen weird waren. Zu denen kann ich aber wenig sagen. 

Woran ich mich gerade erinnere: Ein paar Songs haben eine Gitarre, die clean aufgenommen worden ist, also gar nicht abgenommen wurde, und dann durch lauter Studioequipment gejagt wurde. Die kam dann nicht aus dem Amp, sondern aus irgendwelchen komischen Geräten, die einem als Laie nichts sagen. Damit haben wir zum Beispiel ein paar Sounds gemacht. Auch am Schlagzeug gab es ein paar weirde Mikrofone, die da nicht jeder hinsetzen würde. 

Man muss aber ja auch nicht immer alles verstehen. Bei solchem Studio-Scheiß muss man zwanzig Jahre an den Sachen arbeiten, um zu checken, was die ganzen Knöpfe machen. Wahrscheinlich weiß nicht mal Moses Schneider selber, was jeder Knopf, den er da hat, bewirkt.

Tilman Eggebrecht: Moses überlässt vieles auch dem Zufall. Er weiß schon, wie er die Sachen mikrofonieren muss. Er ist aber auch immer offen dafür dem Zufall und der Magie des Moments den nötigen Raum zu lassen. Da ist er super unkonventionell. „Wish.com“ wurde beispielsweise mehr oder weniger mit einem Mikrofon, das in der Mitte von uns stand, aufgenommen. Eigentlich haben wir da nur ein bisschen rumgedudelt. Er ist dann im Anschluss an einem Echo-Effekt ausgerastet und hat das so gedreht. Er ist da immer der Magie des Moments offen.

minutenmusik: Das ist dieser anderthalbminütige Instrumentalsong, oder?

Erik Heise: Genau! Der Jam war eigentlich auch noch länger. Den Teil haben wir uns dann im Nachhinein rausgenommen und Moses hat dieses Echo da fast schon zu extrem draufgepackt. Das klingt irgendwie aber trotzdem total fett. Das war auf jeden Fall eine echt unkonventionelle Aufnahme.

minutenmusik: Das Endergebnis klingt auf jeden Fall cool! Ihr habt für die Platte jetzt euer eigenes Label gegründet. Ist das jetzt vor allem vor dem Hintergrund der Corona-Situation für eine verhältnismäßig kleine Band wie euch auf einmal mit mehr Risiken verbunden?

Erik Heise: Wir haben zwar unser eigenes Label, müssen aber jetzt nicht komplett ohne externe Hilfe auskommen. Die Labelgründung war auch nur ein Nebenprodukt davon, dass wir einen Deal mit einem Vertrieb unterschrieben haben. Die machen im Prinzip die Arbeiten für uns, die normalerweise ein Label macht, finanzieren zum Beispiel viele Sachen vor. Das Label ist deshalb letzten Endes nur noch wir, die entscheiden und koordinieren müssen, was wir wie machen. Umgesetzt und finanziert wird das von anderen. 

Wir haben trotzdem auch Leute – zum Beispiel unser Management –, die uns mega viel helfen und Arbeit abnehmen. Das wäre alles Arbeit, die man von einem Label erwarten würde. Das müssen wir jetzt im Prinzip alles selber machen. Aber da steht eben auch ein Team und Leute hinter, die Erfahrung haben. Wir sind jetzt nicht komplett DIY und müssen alles selber aus dem Boden ziehen. Das Know-How ist nicht unseres. Das wäre auch fatal!

minutenmusik: Also musstet ihr jetzt keine Corona-bedingten Entscheidungen treffen, die unangenehm waren?

Tilman Eggebrecht: Doch, wir mussten ein paar Mitarbeiter feuern. (lacht)

Erik Heise: Naja, schon. Man muss sich ja schon darauf einstellen. Aber wir konnten eben auf die Erfahrung der Leute, mit denen wir zusammenarbeiten, zugreifen. Sonst wären wir komplett überfordert!

Tilman Eggebrecht: Natürlich bringen wir uns da schon auch ein. Diese Business-Seite des ganzen kommt aber sicherlich nicht von uns. Da haben wir aber das Mitspracherecht, was man bei Labels vielleicht nicht hat. Das ist auch ein Grund, warum wir die Entscheidung getroffen haben. In manch anderen Institutionen wird einem vieles vorgeschrieben. Darauf haben wir in unserem Stadium nicht wirklich Bock. Deshalb machen wir auch so viel selbst.

minutenmusik: Das kann ich nachvollziehen. Als letzten größeren Block würde ich jetzt ganz gerne auf die Inhalte, die die Platte bespricht, eingehen. Die Texte sind zum einen oft sehr selbstreflexiv mit dem Hang zum Pessimismus, zum anderen Gesellschafts- und Systemkritisch. Da geht es um Gentrifizierung, um Revolutionen, um den Klimawandel, um das Abhauen. Sind das Dinge – Gesellschaftskritik und Selbstreflexion – für die Pabst für euch stehen?

Erik Heise: Naja, das Ding ist, dass ich die Texte schreibe. Deswegen ist das mein Ding. Ich weiß deshalb nicht, ob ich insofern sagen kann, dass das für die Band steht. Nach außen hin ist das natürlich Teil des Ganzen. Das sind aber einfach Themen, die mich beschäftigen. Ich setze mich jetzt nicht unbedingt einen Abend lang hin und überlege, worüber man einen Text schreiben könnte, sondern mir kommt eine Idee mich mit etwas auseinandersetzen zu wollen. 

Da gibt es Themen und Herangehensweisen, die für Songs geil sind. Und es gibt Themen und Herangehensweisen, die eher für Zeitungsartikel geil sind. Das überschneidet sich in meinen Augen nicht so krass. Ich achte deswegen schon darauf, dass die Texte Songtexte sind. Deshalb sind die auch so, wie sie sind. Ein Songtext muss sich auch mal reimen und auf die Musik passen. So kommen die zustande.

minutenmusik: Textest du des Textens wegen oder weil du Texte schreiben musst, weil ihr ins Studio geht?

Erik Heise: Wir könnten ja auch Instrumental-Musik machen und haben ja auch einen instrumentalen Song. Ich finde Texte bei Pop-Musik – sagen wir jetzt mal wir machen Pop-Musik – aber schon ziemlich wichtig. Das ist eine Art Musik, bei der Text und Stimme für mich wichtig sind. Ich bin wiederum auch kein Fan davon nur irgendwas zu singen, weil der Text einem scheiß egal ist. Da will Ich auch wirklich 100% geben. Ich sehe nicht ein irgendeinen Scheiß zu schreiben, der nur nett klingt, sondern möchte auch was ausdrücken und den vorhandenen Platz nutzen.

minutenmusik: Eine abschließende Frage habe ich noch für euch. Außer, dass ihr die „kuscheligste Rock-Band Deutschlands“ seid, wie ihr bei dem Berlin Culture Cast-Auftritt gesagt habt, was wollt ihr als Band mit dem Album und danach auch noch erreichen?

Erik Heise: Ich glaube das ändert sich immer. Als wir angefangen haben war das Ziel nur des Spaßes wegen eine Band zu sein und live zu spielen. Das wurde im Verlauf dann ernster, dass wir auch überlegen mussten, ob wir eher arbeiten oder die Band voran stellen wollen. Da ist dann nicht mehr nur bisschen Spielen das Ziel, sondern muss sich überlegen, inwiefern das den Tag ausfüllt. Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem wir eine eigenständige Band sein wollen, die machen kann, was sie will, trotzdem funktioniert und wir nicht verhungern und ein normales Leben mit all unseren Pflichten und Verantwortungen führen können. Im allerbesten Fall kann man einer breiten Masse gegenüber etwas ausdrücken. Das ist bei uns jetzt vielleicht noch nicht so wichtig, weil wir noch mega unbekannt sind. Ein Ziel ist das trotzdem.

minutenmusik: Ihr macht nebenbei aber alle noch andere Sachen, oder?

Erik Heise: Momentan schon, ja. Anders geht das nicht.

minutenmusik: Das entspricht auch dem, was ich bislang mitbekommen habe. Es ist schon sehr schwierig als Band eurer Größe und sogar größer damit sein Brot zu verdienen.

Erik Heise: Das geht schon. Man muss dabei aber auch immer gucken, was man für Erwartungen hat. Es gibt Leute, die einen das Ohr vorheulen, aber das vier- oder fünffache von dem verdienen, was ich habe. Da denke ich mir dann: „Sei mal ruhig! Dann musst du dir eben nicht unbedingt jedes Jahr einen Neuwagen kaufen!“ Das kommt eben auch darauf an, was man für einen Lebensstandard will und einbringt. Wenn du mit Musik Geld verdienen willst, steht dem wenig entgegen. 

Das Ding dabei ist, dass es da oft eine Diskrepanz zwischen dem Willen das künstlerisch einfach durchziehen und nicht verhungern zu wollen beziehungsweise nicht nur einmal die Woche dafür Zeit zu haben zu wollen. Da muss man dann überlegen, wie weit man gehen will. Wir werden nicht die Band werden, die jeden Scheiß für Geld mitmacht. Da bleibt dann am Ende eben nicht so viel über, auch wenn man sich Mühe gibt. Da muss man gucken, wer man ist und warum man das macht. Du kannst ja einen Werbedeal als Musiker abschließen und richtig gut davon leben. Wenn du sowas aus ethischen Gründen nicht machen willst, fällt das für dich wiederum weg. Dem muss man sich immer bewusst sein.

Es gibt aber ja auch Bands, die gar nicht von der Musik leben, obwohl sie super groß sind. Heaven Shall Burn sind zum Beispiel letztens auf die Eins gegangen. Die haben alle ordentliche Jobs, bei denen die gut Geld verdienen, wahrscheinlich aber auch relativ flexibel sind.

Tilman Eggebrecht: Der eine ist doch Lehrer! Das ist doch ganz schön fordernd.

Erik Heise: Die haben dann wahrscheinlich irgendwelche Deals, das die frei kriegen, wenn die eine Tour spielen. Irgendwann haben die sich aber ja bewusst dafür entschieden das so zu machen. Theoretisch hätten die auch irgendeinen Werbedeal machen können und sich deshalb nur auf die Musik konzentrieren können. 

Diese Entscheidung trotzdem Krankenpfleger zu bleiben, obwohl du in einer erfolgreichen Band spielst, hat einen ethischen Hintergrund. Das ist immer die eigene Entscheidung, wie weit man da gehen will. Das geilste für uns wäre, nichts fragwürdiges zu machen und trotzdem davon leben zu können.

minutenmusik: Das wäre aber schon was, was ihr anstreben würdet? So groß zu sein, dass ihr davon leben könntet.

Erik Heise: Auf jeden Fall! (lacht) Aber halt ohne sich krass verkaufen zu müssen. Da muss man entweder länger drüber nachdenken oder man macht das wirklich nicht.

minutenmusik: Es gibt ja auch genug Bands, die einer ähnlichen Szene wie ihr angehören, die Ambitionen aber gar nicht mehr haben, davon leben zu wollen. Für die ist das eher ein großes Hobby.

Erik Heise: Wie wir gerade funktionieren, ist das alleine von der Zeit, die das frisst, echt kein Hobby mehr. Das als Hobby zu bezeichnen, wäre fahrlässig. (lacht) Ich kann dem Beruf, den ich studiert habe, nicht nachgehen. Das geht einfach nicht.

minutenmusik: Du hast auch Lehramt studiert, oder?

Erik Heise: Genau. Tilman hat das auch ziemlich zurückgeschraubt. Das wäre ganz schön traurig nur noch eine Tour im Jahr zu spielen, um als Band über die Runden zu kommen. Dann kann man als Band auch nicht mehr viel erwarten.

Tilman Eggebrecht: Wir sind ja auch alle noch in dem Stadium, das wir voll Bock haben, das mal komplett auszukosten. Da hat man ewig drauf hingearbeitet. Wir machen alle seit 15, 20 Jahren Musik. Natürlich war das immer der Traum davon leben zu können. Jetzt ist das erstmals in greifbarer Nähe. Da wäre ich jetzt nicht im Stadium zu sagen, dass das doch nur ein Hobby ist. Jetzt, wo man soweit ist, will ich das auch mal volle Kanne mitnehmen. Was da in fünf Jahren ist? Wer weiß!

Erik Heise: Man fühlt sich manchmal wie ein Drogenabhängiger: Du musst irgendwas machen, das aber eigentlich nicht gut für dich ist. Das ist auch ein bisschen doof. Aus diesem Dilemma rauszukommen ist vielleicht ein weiteres Ziel, das wir haben.

minutenmusik: Da und für eure Zukunft wünsche ich euch viel Erfolg für! Danke für das Interview.

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