Interview mit Schatzi über “Animalia Parc”

Interview mit Schatzi Beitragsbild von Jan Lehmann.

Der Name klingt zwar süß und fluffig, die Musik von Schatzi ist aber alles andere als das: Kühl, atmosphärisch, beat-lastig und elektronisch – aber trotzdem eingängig und teilweise sogar poppig. Die drei Jungs machen noch gar nicht so lange zusammen Musik, veröffentlichen nun aber ihr Debüt “Animalia Parc”. Woher der Name der EP kommt, warum sie keine Band sein wollen und wie sie die aktuelle Situation als Newcomer erleben, haben wir im Interview mit ihnen besprochen.

minutenmusik: In drei Wochen erscheint eure Debüt-EP, wie fühlt ihr euch jetzt gerade?

Julian: Also man ist vielleicht ein bisschen aufgeregt, aber eigentlich ist man ganz entspannt und bei sich und wartet jetzt so ein bisschen auf Feedback und so was.

Yannic: Das kann ich nur bestätigen.

Jeremias: Geht mir auch so. Es ist einfach cool, dass man endlich das rausbringen kann, woran man so lange geschraubt hat. Denn man macht es ja dafür, dass es gehört wird und das passiert jetzt endlich.

minutenmusik: Wie lange habt ihr denn jetzt insgesamt an der EP gearbeitet?

Julian: An der EP an sich haben wir in diesem Jahr ungefähr drei bis vier Monate krass verdichtet gearbeitet, es final aufgenommen und fertig produziert. Aber so kreativ- und schreibmäßig haben wir eigentlich fast seit unserer Gründung daran gearbeitet, also seit 2018. Auf der EP sind quasi Songs, die in dieser ersten Gründungs- und Schreibphase entstanden sind – oder zumindest im ersten Jahr. Und die sind dann auch mit der Zeit mit uns und an uns gewachsen.

minutenmusik: Hat sich für euch denn durch Corona viel geändert was den Release angeht? Musstet ihr etwas, was die EP angeht, verschieben?

Yannic: Ich würde sagen, es hat uns in der Produktion nicht beeinflusst. Natürlich hätten wir die Songs gerne schon live performt, oder würden generell gerne live spielen. Das ist ja jetzt dieses Jahr komplett weggefallen. Aber in der Produktion selbst hat uns das nicht wirklich beeinflusst, weil wir eigentlich sowieso super viel zu dritt gemacht haben. Also wir haben die EP komplett zu dritt geschrieben und ausproduziert. Demnach waren wir jetzt nicht insofern betroffen, dass irgendwelche Sessions nicht stattfinden konnten oder wir niemanden treffen konnten oder so.

Julian: Tatsächlich betroffen hat es uns aber in der Medienproduktion. Im März oder April wollten wir eigentlich anfangen zu drehen. Aber das ging halt nicht, weil da gerade diese ganzen Einschränkungen kamen. Aber die EP hatten wir schon fertig bevor dieses ganze Corona-Ding losgegangen ist. Nur die Konzerte sind halt weggefallen und die Musikvideos haben sich etwas verzögert.

Yannic: Kurz zur Erklärung: Wir sind praktisch mit zwei Freunden von uns als so eine Art Kollektiv zu verstehen. Und wir drei Musiker, die man praktisch in den Videos sieht, sind auch immer viel an den Musikvideos beteiligt. Also ich würde sagen, das ist immer so eine Kollektivarbeit, die dann doch schon beeinflusst wurde von Corona.

minutenmusik: Würdet ihr sagen, dass ihr es als Newcomer da im Moment besonders schwer habt?

Jeremias: Ja, auf jeden Fall, das ist echt blöd. Eigentlich wäre es jetzt der nächste Schritt gewesen, schon im Herbst oder im Sommer live zu spielen und das ging jetzt nicht. Aber es ist nicht verkehrt. Man macht das Beste daraus, würde ich sagen.

Yannic: Generell wurde in dieser Zeit jetzt sehr viel Musik geschrieben und veröffentlicht. Und dadurch ist glaube ich einfach gerade ein sehr großes Angebot da, in dem man es als neuer Künstler eher schwer hat, sich durchzusetzen.

minutenmusik: Das ist wahrscheinlich die unkreativste Frage, die es gibt, aber wie kam es zu dem Titel der EP?

Julian: Zu dem Namen kam es tatsächlich, als wir vor zwei Jahren in Frankreich waren. Da hatten wir so ein relativ großes Haus im Nirgendwo, wo wir die meiste Zeit eigentlich nur Songs geschrieben haben. Und da waren überall so Schilder, die auf einen Tierpark oder so hingewiesen haben: Animalia Parc. Wir haben diesen Animalia Parc aber nie gesehen. Und vom Klang ist der Name erst mal krass, das hatte aber auch etwas Mystisches. Einfach weil das überall ausgeschildert war – auch auf total leeren Straßen im Wald, die total einsam waren, war alles zugepflastert mit „Animalia Parc“-Schildern. Das hatte irgendwie so was Spannendes.

minutenmusik: Ich finde eure EP hat insgesamt einen sehr eigenen Stil, den ich in Deutschland in der Form so bislang noch nicht wirklich gehört habe. Wo nehmt ihr eure Inspiration und Kreativität her?

Jeremias: Unsere Kreativität schöpfen wir glaube ich daraus, dass wir einfach schon viel Musik gemacht haben und das schon lange ein fester Lebensbestandteil von uns ist. Vor diesem Projekt hatten wir ja auch schon verschiedene eigene Projekte. Das war auch so ein bisschen der Gründungsimpuls: All das, was einem in der Vergangenheit vielleicht nicht gut gefallen hat, was man ablehnt, mal in einem Projekt zu vereinen, wo man ziemlich kompromisslos sagen kann, was man will. Uns sind Sound und die bewusste Arbeit sehr wichtig. Und das Spannende ist dann, dass die musikalische Sozialisierung ein bisschen unterschiedlich ist. Also aus welchen Musik-Ecken man kommt. Bei Julian spielt da zum Beispiel voll viel HipHop mit rein. Und das ist dann einfach ein sehr breites Bild, das sich automatisch auch irgendwo niederschlägt.

Yannic: Ich denke, dass es extrem schwierig ist, das in einer Referenz auszudrücken. Also ich könnte jetzt keinen Künstler nennen, den ich klar als Inspiration sehe. Denn das wäre dann wieder total unvollständig und ich müsste wahrscheinlich noch 50 andere Künstler nennen. Und das bei jedem von uns dreien. Ich glaube, das ist einfach so vielfältig und fusioniert sich so spontan, in dem Moment, in dem man dann zu dritt Musik macht. Das kann man gar nicht auf etwas Konkretes, auf ein Beispiel, auf etwas Einzelnes runterbrechen.

Julian: Ich glaube der Ansatz ist bei uns auch beim Schreiben, Produzieren und Gestalten von Sounds, das erst mal auf einen Song zu denken. Was Inspiration angeht, schauen wir dann, welche Elemente wir bei anderen Künstlern gut finden und für uns umdeuten können – und daran kann man sich dann orientieren. Aber nicht an dem ganzen Werk des Künstlers.

minutenmusik: Ich wollte ganz gerne auch noch auf einen konkreten Song eingehen, und zwar auf „Rita“. Der ist ja irgendwie so eine Art Ausreißer, finde ich, weil er schon etwas sanfter und wärmer und vielleicht auch poppiger ist, als die anderen Songs. War das ein gewollter Kontrast, den ihr mit dem Song schaffen wolltet?

Jeremias: Die Haltung dieses Songs kommt so ein bisschen von diesem Haus in Bordeaux, wo wir waren – da ist nämlich die Demo entstanden. Daher kommt dieses warme, entspannte Grundgefühl dieses Songs. Und wie Julian eben schon beschrieben hat, denken wir sehr Song-bezogen und nicht in einem größeren Zusammenhang. Bei dem Song war der Vibe von einer Beziehung mit einem großen Altersunterschied dann irgendwann klar. Und in unseren Augen ist es dann auch vollkommen legitim, dass das Bild, das wir zeichnen wollen, dazu führt, dass der Song relativ poppig wird. Das steht für uns in keinem Widerspruch. Sondern was uns interessiert, ist dieses Gefühl oder dieses Bild. Und wenn das dann ein poppiger Song wird, dann wird das halt ein poppiger Song (lacht).

minutenmusik: Hat sich aus diesem Vibe dann auch das Musikvideo ergeben, oder hattet ihr die Idee schon vorher?

Jeremias: Die Idee zu dem Musikvideo ist bei uns häufig super wichtig, weil wir Popkultur insgesamt auch super spannend finden und nicht nur die Musik alleine. Da ging es dann darum, dass wir keine Lust hatten, selbst im Video aufzutauchen und es viel spannender fanden, das visuell nochmal zu brechen. Und dann hatten wir auch diese gleichgeschlechtliche Idee, weil es auch einfach etwas moderner ist. Das war zwar zu dem Zeitpunkt, als wir den Song gemacht haben, noch gar kein Thema – aber im nächsten Schritt, als es um das Video ging, wurde uns das dann klar. Wir haben dann überlegt: Wie sieht so was aus? Wie fühlt sich das an? Und wie kann man das logisch weiterdenken.

Julian: Nochmal zu dem Song: Also auf der EP war es uns auch irgendwie wichtig, dass man auch einen Song hat, der nicht so kalt und gläsern daherkommt. In dem Video war es für uns dann wichtig, dass es sich mit dem Song brechen würde, wie wir in Videos auftreten und wahrgenommen werden wollen. Deswegen sind wir dann diesen Umweg gegangen. Also eigentlich war es gar kein Umweg, sondern das Naheliegendste, es genau so zu machen, wie wir es jetzt gemacht haben.

Yannic: Was die Songs auf der EP für uns verbindet, ist, dass man sich von einem ganz bestimmten Gefühl leiten lässt und das dann sehr bewusst zu einem Song macht oder sich davon inspirieren lässt. Und genau so ist es dann auch, wenn das Video für den Song entsteht. Dann lassen wir uns als Kollektiv inspirieren von dem, was bisher schon entstanden ist. Bei Rita war es auch so, dass wir uns den Song nochmal sehr bewusst vor Augen geführt haben und überlegt haben, wie man sich davon wieder inspirieren lassen kann. Das entsteht als nicht unbedingt im gleichen Moment, sondern baut eher aufeinander auf und befruchtet sich gegenseitig.

minutenmusik: Ich habe gelesen, dass ihr auch „die Band, die eigentlich keine sein wollte“ genannt werdet – wie kam es dann dazu, dass ihr dann irgendwie doch eine wurdet? Oder wollt ihr gar nicht so genannt werden?

Julian: Ich glaube das hat viel mit der Außenwirkung zu tun, die man hat, wenn da einer singt und da dann noch zwei sind, die irgendwas mit Instrumenten machen. Irgendwo sind wir natürlich auch eine Band. Aber dieses Band-Sein war in meinem Verständnis sehr lange etwas Veraltetes, das in der Mottenkiste rumliegt. Für mich war das eine veraltete Form von einem Zusammenschluss von Leuten, die zusammen Musik machen.

Yannic: Was mir dazu noch einfällt, ist, dass wir das ja auch nicht über uns selbst gesagt haben. Das ist ja eine gewisse Form der Außenwirkung, die uns zugeschrieben wird, wenn wir in Erscheinung treten. Wir haben jetzt aber nicht das klare Feindbild „Band“. Das wird einem so zugeschrieben und am Ende weiß ich auch gar nicht genau, was eine Band ist und was keine Band ist.

Jeremias: Vielleicht unterscheiden wir uns da auch ein bisschen. Denn wir lehnen Bands schon ab. Punkt. Bei uns bringt jeder so ein bisschen seine eigene Musikvergangenheit mit und wir haben alle schon viel in schrottigen Bands gespielt. Und das sind auch immer irgendwie so Mancages, das hat viel mit Ego zu tun, ist aber nicht kreativ spannend, sondern einfach ein veraltetes Konzept. Und das ist so unsere Grundhaltung, mit der wir da dran gegangen sind. Vielleicht sind wir eine Band. Wenn jemand das sagt, dann sind wir meinetwegen eine Band. Naja, schwierige Frage…

minutenmusik: Ich habe auch gehört, dass es bei euch keine klare Rollenverteilung gibt. Wie läuft denn dann bei euch so eine Entstehung einer EP ab? Arbeitet ihr an allem zusammen?

Julian: Jeder hat natürlich sein Metier, in dem er dann mehr oder weniger federführend ist. Also ich singe und texte zum Beispiel. Aber das schließt natürlich nicht aus, dass wir ganz viele Gesangsmelodien zu dritt entwickeln. Da schaut dann jeder, dass es möglichst gut wird. Genauso ist es auch, wenn wir Instrumente aufnehmen oder wenn Jeremias am Produzieren ist. Wir beeinflussen uns sehr stark gegenseitig, weil wir da immer sehr nah beieinander sind, wenn Sachen entstehen.

Yannic: Dazu muss man auch sagen, dass wir alle drei einen Hintergrund haben, der nicht unbedingt auf ein Instrument beschränkt ist. Sondern dass wir drei auch vorher schon viel selbst Musik produziert haben, jeder für sich. Und da hat auch jeder für sich jedes Element selbst beeinflusst. Deshalb sind die Grenzen da absolut verwaschen.

Jeremias: Ich glaube, das hat auch was damit zu tun, dass in dem Kontext, in dem wir Musik zusammen machen wollen, das jeweilige Instrument total in den Hintergrund rückt und die eigenen Fähigkeiten am Instrument damit auch in den Hintergrund rücken. Denn bei uns wird das Instrument einfach zum Werkzeug für die Idee, die eigentlich zählt. Und wenn dann einer von uns die Gitarre spielt, dann ist es am Ende egal, wer der tolle Gitarrist ist, weil das ist nicht der Grund, warum die Gitarre gespielt wird, in dem Moment.

minutenmusik: Eine Frage an Jeremias und Yannic: Wie ist es so für euch als Brüder zusammenzuarbeiten? Ist es einfacher oder schwieriger als mit jemandem, mit dem man nicht verwandt ist?

Yannic: Das ist eine gute Frage (lacht). Ich würde sagen, dass ein Großteil der Arbeit dadurch leichter fällt. Denn es gibt keine Distanz und man ist sehr eng beieinander. Und man weiß auch, dass man Dinge dem anderen gegenüber ganz klar äußern kann. Dass es da keine Höflichkeit geben muss, die es sonst bei externen Leuten vielleicht geben könnte. Das ist ein Vorteil. Aber natürlich werden auch diese kleinen Unterschiede, gerade in einem so intensiven Prozess, wie jetzt in der EP-Phase, größer und nehmen dann manchmal in Form von irgendwelchen Streits Gestalt an. Ich glaube aber schon, dass für mich der Teil überwiegt, in dem wir einfach extrem gut verstehen, was der andere meint und das dann auch sehr schnell in die gleiche Richtung projizieren können.

Jeremias: Ich bin jemand, der einen Raum braucht, wo man sich öffnen kann und trotzdem auf Leute angewiesen ist, mit denen man zusammenarbeitet. Sonst wären wir hier jetzt nicht zu dritt. Und da fällt es einem deutlich einfacher, wenn das der Bruder ist, dem man näher nicht stehen könnte. Da kann man sich viel einfacher öffnen und es kommen andere Sachen zutage, glaube ich.

minutenmusik: Und wie ist es für dich, Julian, mit zwei Brüdern zusammenzuarbeiten?

Julian: Ich habe keinen wirklichen Vergleichswert, wie es anders wäre. Aber ich denke, dass es gut so ist. Denn so war es direkt sehr intensiv und man war direkt sehr bei der Sache. Und man wird sich sehr schnell vertrauter. Es war auch für mich gut, dass man sich schnell öffnen konnte. Also ich glaube, das ist cool so.

 minutenmusik: Habt ihr einen Traum, mit wem ihr mal zusammenarbeiten wollt?

Julian: Also ich persönlich weiß es nicht so wirklich. Ich habe glaube ich nie den Punkt gehabt, dass ich gedacht habe: „Das möchte ich unbedingt in fünf Jahren geschafft haben“. Ich weiß es nicht, mal gucken.

Jeremias: Ich glaube wir finden das einfach spannend, was sich generell mit der Zeit für Möglichkeiten ergeben und dass sich die Möglichkeiten vervielfältigen. Und das ist wahrscheinlich für uns alle das größte Excitement. Dass man das weitermachen kann. Und dass, je länger man das macht und je mehr man kennt, die Möglichkeiten immer vielfältiger werden, neue Wege zu beschreiten und gut zu arbeiten. Das kann dann beinhalten, dass man mit Leuten arbeitet, die vielleicht jetzt noch sehr weit weg sind.

Julian: Für mich haben so Wunschziele auch immer fast etwas Trauriges. Wenn man sich jetzt etwas ausmalt, was in drei Jahren sein kann, der absolut Mega-Traum, und das dann eintritt – was ist danach? Ist es vorbei, wenn man das erreicht hat? Das hat so etwas Ultimatives, das mag ich nicht so.

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