Konzerte im Autokino: überflüssig oder eine unterhaltsame Alternative?

Seit dieser Woche steht fest: in diesem Jahr wird es keinen Festivalsommer geben. Auch sonstige Großveranstaltungen sind bis mindestens Ende August in vielen Ländern verboten. Die Corona-Pandemie nimmt den Künstlern die Bühne, den Bühnen die Zuschauer und allen Beteiligten ihre Einnahmen. Auch regelmäßige Konzertbesucher müssen dabei auf mehr verzichten, als bloß auf eine Freizeitbeschäftigung, denn für viele Musikfans sind Konzerte ein Wohlfühlort, der ihnen die Flucht aus dem Alltag ermöglicht. Dort sind sie es gewohnt, all ihre Sorgen und Probleme herauszuschreien oder wegzutanzen.

Eine Alternative musste her

Als eine der ersten Locations hat das Autokino in Düsseldorf eine Alternative zu den regulären Konzerten gefunden: statt Filme auf ihrer Kinoleinwand zu zeigen, wurde eine Bühne installiert auf der mit Alligatoah, Sido, SSIO und Brings nun die ersten Künstler live auftreten werden. Damit gewährleistet ist, dass jeder Besucher etwas sehen kann, wird die Show gleichzeitig auch auf die Leinwand projiziert. Das Publikum genießt das etwas andere Konzerterlebnis vom Auto aus – eben wie in einem Autokino. Tickets für diese innovativen Konzerterlebnisse waren natürlich blitzschnell ausverkauft. Für rund 90-100€ erhält man dabei den Einlass mit einem Auto, in dem bis zu zwei Personen sitzen dürfen. Für noch mehr Autokinofeeling kann man zu jedem Event im Vorfeld auch eine prall gefüllte Snackbox mit Popcorn, Nachos und Getränken dazubuchen oder diese vor Ort erwerben.

Inwieweit sich solch ein Konzert finanziell für die Veranstalter, den Künstler und die Mitarbeiter lohnt, kann ich nicht beurteilen, doch vermutlich ist solch ein ungewöhnlicher Auftritt immer noch besser als gar keiner. Aus der Sicht einer Besucherin stellte sich mir allerdings die Frage: sind Konzerte im Autokino überflüssig oder vielleicht wirklich eine unterhaltsame Alternative zu normalen Shows?

Anfahrt und Organisation

Home Office sei Dank fuhren wir am 23.04.2020 zur Show von Alligatoah viel zu spät los und erreichten das Düsseldorfer Autokino erst eine halbe Stunde nach Einlass. In der Facebook Veranstaltung hatten wir gelesen, dass die Autos der Größe nach sortiert werden sollten, deshalb machte ich mir mit meinem kleinen Opel Corsa nicht allzu große Sorgen um einen guten Platz. Leider wurde die geplante Sortierung der Autos nicht so recht umgesetzt, so dass wir nach einigen Minuten Einlassstau nur noch eine Lücke in der allerletzten Parkreihe ergatterten. Größere Autos standen bunt gemischt zwischen den anderen. Trotz der Entfernung konnten wir die Leinwand und Bühne aber gut sehen, denn das Gelände des Düsseldorfer Autokinos, das normalerweise Platz für 1.000 Autos bietet, war für diese Veranstaltung nicht vollständig ausgelastet, um die Hygiene- und Sicherheitsvorschriften einzuhalten.

Die Nummernschilder der anderen PKW deuteten auf Besucher aus allen Ecken Nordrhein-Westfalens hin, doch auch bundeslandübergreifend waren Fans zum Beispiel aus Osnabrück angereist. Vorne und hinten am Gelände gab es jeweils gespülte Toiletten, sowie einen Merchandisestand und die Snackbar. Securities, die durch die Reihen schlenderten, stellten sicher, dass die Fans sich an die Sicherheitsabstände hielten, der Motor ausgeschaltet blieb und die Autofenster geschlossen waren.

Ein etwas anderes Konzerterlebnis

Über eine bestimmte Radiofrequenz konnte man den Sound der Bühne in seinem Auto empfangen. Ich rechnete mit einem fiesen Rauschen, doch die Soundqualität war wirklich fantastisch. Als die 257ers als Support Act die Bühne betraten, hämmerte sogleich der Bass durch das Auto und lieferte soundttechnisch schon mal eine gelungene Konzertatmosphäre.

Im romatischen Sonnenuntergang erkannte man zwar irgendwelche Menschen auf der Bühne, doch die visuelle Übertragung auf der Leinwand war noch nicht zu sehen. Scheinbar gibt es in Autokinos verschiedene Übertragungssysteme, bei denen manche Leinwände auf Dunkelheit angewiesen sind. Doch als der Hauptact Alligatoah um 21:00 Uhr die Bühne betrat, konnte man ihn in seiner vollen Pracht auf dem riesigen Bildschirm bewundern.

Schnell war allen Besuchern klar, dass die Autohupe an diesem Abend als Ersatz für den regulären Applaus fungieren würde. Zwischen den Songs tobten wir uns also an der Hupe und der Warnblinklichtanlage aus, während wir bei den Liedern lautstark mitgröhlten und das Bedürfnis unterdrückten, ständig aufspringen und tanzen zu wollen. Anfangs fiel uns das wirklich schwer, doch mit der Zeit gewöhnten wir uns daran.

Wer schon mal ein Alligatoah Konzert besucht hat, der kennt seine theatralisch angehauchten und mit Humor gespickten Ansagen auf der Bühne. Diese lockerten auch im Auto die Stimmung auf und sorgten den Abend über durchweg für gute Unterhaltung. Nach ungefähr zwei Stunden war die Vorstellung vorbei und die Besucher verließen das Gelände durch eine der sechs Ausfahrten.

Fazit: ja, aber…

Zu einem Konzerterlebnis gehört nicht nur die Show an sich, sondern auch die Outfitwahl, die lange Anreise, das “hab ich an mein Ticket gedacht?“, seine Freunde zu treffen und während der Show völlig abzugehen. Während der letzte Punkt im Auto natürlich nur bedingt umzusetzen ist, schafft solch ein Kinokonzert dennoch die Rahmenbedingungen einer normalen Veranstaltung und bietet vor allem ein unvergleichliches Event in der aktuellen Zeit. Wir hatten Spaß – und das macht einen guten Konzertabend doch aus, oder?

Uns schien dabei vor allem wichtig, dass sich einerseits die richtige Begleitung auf dem Beifahrersitz befindet, mit der man solch eine Aktion auch wirklich genießen kann, andererseits aber auch der Künstler/die Künstlerin einen wichtigen Teil dazu beitragen muss, um solch einen Abend spannend zu gestalten. Denn sieht man nicht genau, was auf der Bühne vor sich geht und kann sich auch nicht frei bewegen, so läuft man bei manchen Künstler*innen Gefahr, sich nach einiger Zeit zu langweilen. In etwa so, als stünde man bei Rock am Ring in der letzten Welle am Bierstand und würde versuchen, sich Die Toten Hosen auf der verpixelten Festivalleinwand anzusehen. Das macht auch niemandem so richtig Spaß und vor allem ist es den Eintrittspreis nicht wert.

Zudem gibt es meiner Meinung nach einige weitere Punkte, die das Autokinokonzert ein wenig problematisch und damit nur bedingt zu einer guten Übergangslösung machen. Punkt 1 (und der ist so offensichtlich, dass man ihn schnell übersieht): nicht jeder hat ein Auto! Dadurch stehen solche Veranstaltungen nur Personen mit einem fahrbaren Untersatz (und/oder Führerschein und/oder den richtigen Freunden) zur Verfügung. Ein weiterer Punkt ist außerdem, dass solche Veranstaltungen den Ernst der Lage herunterspielen könnten und die Besucher in solch einer unbefangenen Umgebung leichtsinniger agieren, als sie es sonst tun würden. Mal eben über 150km von Osnabrück nach Düsseldorf und zurückfahren? – Möglich. Doch eigentlich soll man aktuell doch Zuhause bzw. in seiner Heimatstadt bleiben und auf Reisen verzichten, oder nicht?

Mein Fazit als Konzertbesucherin, die die regelmäßigen Liveshows, Freunde und das schiefe Mitgröhlen in den letzten Wochen sehr vermisst hat, lautet aber eindeutig: besser als gar nichts! 2020 nimmt man, was man kriegen kann. Bezogen auf die Organisation und Technik, kann ich ein Konzert im Autokino Düsseldorf auf jeden Fall weiterempfehlen.

Sicherlich werden bald auch andere Städte mit solchen Veranstaltungen folgen.

Hier findet ihr die Website des Autokinos Düsseldorf mit allen Events der nächsten Wochen.

Hier findet ihr einige Autokinokonzerte aus Düsseldorf im kostenlosen Stream bei arte.

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