Dance Gavin Dance, Essigfabrik Köln, 15.03.2023

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15. März, 19 Uhr Ankunft an der Essigfabrik Köln. Ich bin bereit für Dance Gavin Dance, die ich während der Pandemie entdeckt habe und mich seitdem nach einem Konzert sehne. Erst nachdem ich die noch spärlich gefüllte Essigfabrik – das sollte sich später noch ändern, obwohl der Gig nicht ausverkauft war – betrete, bin ich mir wirklich sicher, dass das Konzert tatsächlich stattfinden wird. Denn irgendwie war diese Europatour mit einigen Auftritten in Deutschland völlig unter dem Radar gelaufen, nachdem sie zunächst abgesagt wurde und dann nicht einmal auf der Website der Essigfabrik gelistet war. Aber die Show fand statt und neben Dance Gavin Dance erwartete die Zuschauer zunächst die dänische Post-Hardore-Truppe Siamese.

Meist lasse ich Vorbands bei meinen Konzertberichten aus, aber Siamese waren so gut, dass sie hier definitiv Erwähnung finden müssen. From Copenhagen to Cologne – mit was für einer Energie. Der sympathische Frontmann Mirza Radonjica und seine Mitspieler sorgten dafür, dass die Menge direkt mal in Bewegung kam. Ein Frontmann, der die lauten und die leisen Töne beherrscht, eine brutale Eingängigkeit der Melodien und die musikalische Vielfalt, die neben der üblichen Instrumentalisierung einer Rockband durch elektronische Elemente und eine Geige hergestellt wird, stimmen mich optimistisch, dass Siamese einen erfolgreichen Weg in der Musikbranche vor sich haben. Bis dato kann ich allen Leserinnen und Lesern die bisherigen Veröffentlichungen der Gruppe empfehlen, ganz besonders natürlich den letzten Longplayer „Home“. Mirza Radonjica war zum Tourstart mit Dance Gavin Dance besonders euphorisch, erzählte er doch, dass er selbst vor exakt fünf Jahren in ein anderes Land geflogen sei, um eine Show von Dance Gavin Dance zu sehen. Die US-Band aus Sacramento beschrieb er als einen der größten musikalischen Einflüsse für Siamese.

Nach der kurzen Umbaupause war es dann endlich soweit: Dance Gavin Dance betraten die Bühne. Leider mit dem denkbar schlechtesten Start, den eine Band bei einer Liveshow haben kann. Gleich beide Mikros von Frontmann Tilian und Shouter Jon Mess waren aus und im Publikum war erst einmal gar nichts zu hören. Dance Gavin Dance ließen sich aber gar nichts anmerken und spielten bzw. sangen den ersten Song einfach weiter, bis die Technikprobleme dann behoben waren. Wirklich gut war der Sound dann aber erst nach dem dritten Song. Das war ein denkbar schlechter und irgendwie auch skurriler Start, aber zur Wahrheit gehört auch: Wer möchte gerne freiwillig Dance Gavin Dance abmischen? Klar, die Mikrofone sollten schon angeschaltet sein, aber diesen Mix an Gitarrengefrickel, taktischen Spielereien am Schlagzeug und Bass, einem Sänger, der aus seinem großen Stimmvolumen alles rausholt und einem Shouter, der auf die monotonste Art und Weise ellenlange Parts ins Mikrofon brüllt als sei es das leichteste auf der Welt – das dürfte schon eine große Herausforderung darstellen, diesen kunterbunten Mix so abzumischen, dass es auf Seiten des Publikums auch noch vernünftig klingt. Nach den anfänglichen Schwierigkeiten gelang dies aber zunehmend besser. Um die negativen Punkte direkt zu Beginn abzufrühstücken, seien auch noch die teils minutenlangen Interludes während der Songs erwähnt, die dem Set der Band meiner Meinung nach nichts gegeben haben. Da hätte man wirklich gut drauf verzichten können. Musik wirkt besser, wenn zwischendurch auch mal Ruhe einkehrt, zwischen den Songs. Da braucht es wirklich keine vom Band abgespielten Interludes.

Vor allem nicht bei einer Band wie Dance Gavin Dance. Diese Band steht dafür Genre-Grenzen zu sprengen, extrem eingängige Melodien vorzulegen, die poppiger nicht sein könnten, nur um gleich im nächsten Moment in einen brachialen Shout zu stürzen. Das ist Dance Gavin Dance, extrem verrückt und vielfältig. Die positivste Nachricht des Konzertabends war deshalb: Das gelang ihnen auch live sehr gut. Es gibt zu genüge Beispiele von Bands, die auf Platte die wildesten Spielereien an der Gitarre oder am Schlagzeug hinlegen oder Töne treffen zu denen sie dann live nicht mehr im Stande sind. Bei Dance Gavin Dance kamen die Liveversionen aber sehr nah an die Studioversion heran. Die Stimmen von Tilian Pearson und Jon Mess sind absolut beeindruckend, was an den Instrumenten geschieht, macht einfach pure Freude beim Zuschauen. Ich werde wahrscheinlich niemals verstehen, wie Andrew Wells es fertig bringt, seine komplette Gitarre in einer monströsen Geschwindigkeit zu beackern und dabei gleichzeitig auch noch zu singen. Ihre musikalische Leistung konnten die Bandmember vor Ort erfolgreich unter Beweis stellen, sei es bei Klassikern wie „We Own The Night“ und „Inspire The Liars“ oder Songs vom neuen Album wie „Back on Deck“, „For The Jeers“ oder „Synergy“.

Hinzu kommt die Liveperformance beziehungsweise das Auftreten der Band. Skurril ist das treffende Wort dafür. Beim Verlassen der Location nach dem Konzert habe ich mich darauf festgelegt, dass das die wahrscheinlich absurdeste Show war, die ich bisher gesehen habe. Dance Gavin Dance wirken nicht wie ein Kollektiv, sondern live eher wie Einzelmusiker, die überhaupt nicht zueinander passen. Alleine das Äußere der Musiker passt schon hinten und vorne nicht zusammen – Achtung, ich greife jetzt tief in die Klischeekiste: Tilian Pearson ist gekleidet wie der coolste Dude aus Hollywood, während Jon Mess so aussieht als käme er gerade von einer BWL-Vorlesung. Die beiden Gitarristen haben null Gemeinsamkeiten, das einzige was sie auf der Bühne verbindet, ist das musikalische Feuerwerk, dass sie gemeinsam zünden. Drummer Matthew Mingus sieht wiederum aus als käme er direkt von den Eagles of Death Metal, während der Bassist direkt aus seiner Kunstgalerie auf die Bühne getreten zu sein scheint. Gemeinsame Bühnenoutfits oder irgendeine Abstimmung? Auf gar keinen Fall.

Hinzu kam noch die weirde Performance, die allen DGD-Fan allerdings auch schon aus den Musikvideos bekannt ist. Hervorzuheben ist dabei besonders die Rolle von Jon Mess. Seine Aufgabe ist es so gelangweilt wie möglich auszusehen und irgendwo rumzustehen (oder in den Musikvideos auch irgendwo rumzusitzen), während er dabei die krassesten Shouts raushaut und teils ohne groß Luft zu holen eine ganze Strophe ins Mikrofon schreit. Kommunikation mit dem Publikum während des Konzerts? Überwiegend Fehlanzeige. Abgesehen von einigen wenigen „The next song is called …“ oder „Thank you!“ blieb die Band stumm. Wenn es dann mal Interaktion mit dem Publikum gab, war selbst diese skurril. Tilian Pearson und Jon Mess unterschrieben auf einem Papierflieger, den Tilian anschließend in die Menge warf ohne irgendeinen Kommentar zu dieser ganzen Aktion zu verlieren.

Es passierte gleichzeitig gar nichts und extrem viel. Es war einfach nur ein absurdes Schauspiel, allerdings im positivsten Sinne, da das gesamte Konzert äußerst unterhaltsam war. Wie einige Zuschauerinnen und Zuschauer es fertig gebracht haben zu dieser Art von Musik und bei dieser Show auch noch Moshpits zu veranstalten, ist mir ein Rätsel. Ich habe fast durchgehend fasziniert auf die Bühne gestarrt.

Die Fans vor Ort schienen alle auf ihre Kosten gekommen zu sein, als das Konzert nach knapp einer Stunde dann auch schon wieder vorbei war. Und nicht einmal das kam mir merkwürdig vor. Ich hatte den Eindruck Dance Gavin Dance hätten auch nur 40 Minuten spielen können und die Leute vor Ort hätten es in Kauf genommen. Wenn die Band sowieso schon auf sämtliche Gepflogenheiten scheißt, warum dann nicht auch einfach ein extrem kurzer Gig? Gewundert hat mich die knappe Spielzeit jedenfalls kaum. Ein im wahrsten Sinne des Wortes äußerst skurriler Abend, der neben einigen Schwächen aber auch viele Stärken hatte. Dance Gavin Dance bleiben eine der spannendsten Bands im Genre.

Und so hört sich das an:

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Foto: Melvin Klein

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