Der Wahnsinn, Irish Inn Wetzlar, 08.12.2017

Der Wahnsinn, Irish Inn Wetzlar, 08.12.2017

Das Irish Inn ist eine verrauchte, enge Rockerkneipe in Wetzlar, in der sich zum Großteil die ältere Stammkundschaft tummelt, gespickt mit einer Handvoll Leute, die für die zwei frischen Newcomer-Bands aus dem Punk-Genre gekommen waren, die an dem Freitagabend kostenlos spielten. Für die erste Gruppe Hintergrundmusik zum Biergläser leeren, für die letztere ein spannender Einblick in die mögliche nächste Generation von deutschsprachigem Punkrock.

Den Anfang machen Megaton aus Heidelberg, eine Band zusammengesetzt aus Mitgliedern von Bands wie The Busters und Sinus. Die Gruppe liefert in ihrem 45minütigen Support-Set sehr eingängige Sounds ihrer Debüt-EP „Einfach da!“, mal inspiriert vom tanzbaren Garagerock von Kraftklub und Royal Republic, mal mit dem melancholischen Pathos von den Broilers und den Toten Hosen. Eine Mischung, die künftige Popularität auf Festivalbühnen versprechen könnte, im Ambiente des Rockclubs bei älterem Publikum jedoch scheinbar nicht auf viel Anspruch stößt, welches sich jeglichen Mitklatsch-Aktionen verweigerte. Trotzdem gab das Trio ihr bestes und zeigte definitiv Spielfreude auf der Bühne.

Headliner des Abends waren Der Wahnsinn aus Hamburg, die mit ihrem selbstveröffentlichtem Debütalbum „Aus Liebe zum System“ dieses Jahr schon die Aufmerksamkeit einiger Genrefans auf sich zog und woraufhin bereits eine Zusammenarbeit mit Uncle M Records folgte. Gekleidet in Anzügen mit farbenfrohen Mustern präsentiert sich das Duo mit einem selbstbewussten und humorvollen Image. Nur mit Bassgitarre und Schlagzeug bewaffnet, ballern sich Der Wahnsinn durch ein überraschend volles Set aus 19 Songs, in dem sie ihr gesamtes Album plus neuer, unveröffentlichter Songs zum Besten geben. Mit beißend satirischen Texten, deren weitreichender Inhalt von Fleischkonsum, Kapitalismus, besorgten Bürgern oder Kot handeln und immer mit Reibeisenstimme und fettem, basslastigen Sound.

Unterbrochen werden die Songs von wahnwitzigen Ansagen, bei welchen die Band ihr satirisches Image als „kapitalistisch-materialistisches Punkrock-Duo“ vollends ausleben. Der hyperaktive Frontmann Werther Wahnsinn (der auf der Bühne eine erschreckende Ähnlichkeit mit Jack Black hat) mimt dabei eine übermenschlich wirkende Figur, die stets betont, wie sehr er und seine Brieftasche sich über die kapitalistische Veranstaltung freuen – davon mal abgesehen, dass das Konzert für lau war. Die Ansagen, die beim hibbeligen Werther wie ein Stream-of-consciousness von wirrem Gelaber wirken, sind den Eintritt wahrscheinlich schon wert. Währenddessen spielt Schlagzeuger Steven den Straight-Man zu Werthers liebenswert narzisstischem Auftritten – eine Beziehung, die die Band selbst während den Songs darstellen, bei denen Steven mit zustimmenden Lächeln die Texte Werthers wortlos kommentiert.

Mühelos wechselt Werther Wahnsinn von groovigen Basslinien zu verzerrtem, brachialen Krach und singt dabei scheinbar, ohne Luft zu holen, rapide Texte, die von der schieren Anzahl der Wörter mit Adam Angst konkurrieren könnten. Headbangend spielen sie sich durch ihre Songs und lassen sich nicht davon ablenken, dass die Männertoilette direkt neben der Bühne platziert ist und deswegen stets Barbesucher vor dieser hin- und herlaufen. Stattdessen ziehen sie ihre Show so auf, als wäre der große Durchbruch schon längst gelungen und das große Geld schon in ihren Taschen. Ob das noch passiert, sehen wir wohl in den nächsten paar Jahren. Der Wahnsinn sind auf jeden Fall eine Band, die Punkrock-Fans in den kommenden Festivalsommern im Auge behalten sollten.

„Aus Liebe zum System“ erschien im August über Wahnsinns Records und kann hier* bestellt werden.

So hört sich das an:

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Foto und Text von Christian W.

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