Marcella Rockefeller, Gloria Köln, 26.10.2021

Auch wenn es immer mal wieder sehr auffällige Ausreißer nach unten gibt: Deutschland wird toleranter. Unser Zuhause ist eins der queersten Länder der Welt. Dermaßen viel Präsenz, wie die LGBTQ+-Community aktuell erhält, gab es noch nie – und dafür können wir nur dankbar sein. Ja, da ist definitiv noch Platz nach oben. Aber im Vergleich zu den 80ern, sogar im Vergleich zu den 2000ern hat sich einiges getan. Besonders, dass auch Personen außerhalb des queeren Universums das Ganze nicht mehr als Underground oder Minderheit betrachten, sondern als wichtigen Teil der Gesellschaft, für den man etwas beitragen muss.

Denn wer mal genauer hinschaut und den nicht-heteronormativen Part in der Künstler*innenszene untersucht, muss zugeben, dass der kreative Output hier doch arg beachtlich ist. Und zum Glück gibt es immer wieder Persönlichkeiten, die sich mit ihrer authentischen Andersartigkeit nicht wegducken, sondern das Rampenlicht genießen – trotz Gegenwind.

Unter ihnen ist Marcella Rockefeller, eine der bekanntesten Dragqueens des Landes, womöglich sogar die bekannteste nach Olivia Jones. Eine derjenigen, die dafür zuständig ist, zu zeigen, dass man nicht gleich transgender sein muss, um als Mann gelesene Person Frauenkleidung zu tragen. Immerhin ist man auch nicht trans, wenn man als Frau gelesene Person eine Hose anzieht und die Haare kurzträgt, oder? Doch bevor es hier in zu abstruse, altbackene Klischeediskussionen abdriftet, die dankenswerterweise dermaßen 2000 sind, bleiben wir doch besser bei den Fakten: Marcel Kaupp, wie Marcella bürgerlich heißt, hat eben ein Bühnen-Alter-Ego. So wie nahezu jede*r Künstler*in.

Und mit diesem stark geschminkten zweiten Ich geht es seit 2014 steil bergauf. Denn in jenem Jahr gewann Conchita Wurst im Mai erst den Eurovision Song Contest und kurz vor Weihnachten Marcella Das Supertalent. Zunächst als kleines Conchita-Double mit „Rise Like A Phoenix“, am Ende dann aber doch mit eigenem Style. Das Besondere ist nämlich die Mischung diverser Komponenten, die letztendlich aus Marcel eine doch eigenwillige Marcella machen.

Welche Zutaten es benötigt, zeigt der Auftritt am 26.10.2021, einem Dienstag, im Gloria. Marcella hat ein Heimspiel. Zwar ist ihr Geburtsort in Bayern, ihre Wahlheimat aber eben Köln. Hier findet die fünfteilige Tour ihren Abschluss. Nach Berlin, Hannover, Leipzig und München geht es in die Domstadt. Der schicke Laden ist stets eine der schönsten Locations für kleine, aber keinesfalls leise Konzerte. Zwar ist Corona bedingt alles ein wenig luftiger, aber dennoch kuschelig genug. Das Gefühl, ohne Maske neben Fremden zu stehen, scheint aber weiterhin noch etwas seltsam zu wirken, sodass vor der Bühne ungewöhnlich viel Abstand gehalten und zu keiner Sekunde gedrängelt wird. Gut so.

Doch wer hat sich überhaupt hierher verirrt? Leute, mit sehr unterschiedlichen Beweggründen eventuell. Marcella hat nämlich im Frühjahr ihr Debütalbum herausgebracht mit dem Namen „Anders als geplant“. Ein Titel, der sich natürlich einerseits selbst erklärt, andererseits aber wohl doch ein wenig Hintergrundwissen benötigt. Der Untertitel „Marcella singt Plate & Sommer“ zeigt nämlich das stimmige, wenn auch etwas ungewöhnliche Konzept. Rosenstolz-Mitbegründer Peter Plate hat mit seinem beruflichen und auch früher privatem Partner Ulf Leo Sommer unzählige Hits für das Berliner Duo geschrieben, aber auch einige größere wie kleinere Charterfolge der letzten Jahre für unterschiedliche Artists. Die Songs, die auch zu Marcellas Leben passen, wurden neuinterpretiert, teils umarrangiert und auf jenes Album gepackt. Plate zeigte sich nämlich dermaßen begeistert von Marcellas Auftreten und Stimme, dass er sich für das Projekt selbst bereiterklärte und liebevoll Zeit und Arbeit investierte.

Das Best of davon und einige Überraschungen darüber hinaus gibt es also nun bei der passenden Tour, bei der sich Marcella-Fans neben Rosenstolz-Anhänger*innen und Plate-Songliebhaber*innen tummeln. In guten 100 Minuten präsentiert die Dragqueen vor einem sowohl in den Geschlechtern als auch im Alter buntgemischten Publikum dieses Potpourri an Deutsch-Pop-Melodien, die in der geballten Ladung vor allen Dingen beweisen, wie treffsicher das Songwriting von Plate und Sommer ist. Das Konglomerat aus ohrwurmlastiger Hook, lebensnahen Lyrics und zeitgemäßer Produktion ist in der Masse in Deutschland sehr rar gesät.

Bevor Marcella gegen 20:50 Uhr die Bühne betritt, gehört der dreiköpfigen Band mit einem anderen Sänger die volle Aufmerksamkeit. Faso, ebenfalls ein Künstler, für den Plate schreibt, ist 33. Seine Familie stammt aus Sizilien. Sein emotionaler Soul-Pop mit leichten Falsett-Einlagen berührt vom ersten Moment und reißt extrem mit. Für einen Support ist das Publikum ungewöhnlich aktiv, singt und klatscht mit, was neben dem äußerst sympathischen Auftreten nicht zuletzt an der sehr guten Gesangsperformance und den schönen, straighten Pop-Songs liegt, die auf Anhieb zu gefallen wissen. Ganz großer Auftakt.

Je besser der Support, desto schwerer hat’s der Headliner. Und ja, zugegeben: es ist nicht ganz easy, dermaßen viele bekannte und geliebte Songs mit einer männlichen Stimme zu hören, die rauchig klingt, einen leicht lasziven Whisky-Einschlag mitbringt und sich größtenteils in Basslage befindet. Das ist im Vergleich zu einer AnNa R., einer Annett Louisan, einer Patricia Kaas und auch einer Sarah Connor, von denen an diesem Abend Songs gesungen werden, schon nicht so leicht zu verarbeiten.

Am Ende besticht das Konzert jedoch durch einen sehr gravierenden Faktor: Marcella Rockefellers Präsenz. Und die ist wirklich gewaltig. Eine Dragqueen, die besonders optisch dem Ursprung treu bleibt. High Heels aus Leder, die ihr auf Dauer auch ganz schön zu schaffen machen, wie sie selbst sagt, dazu ein enges und knappes Leoparden-Outfit mit wehendem Tuch, eine Lederkorsage, eine lange Rothaarperücke und sehr viel Smokey Eyes mit Glitzer und Lippenstift. Ebenso aber eine behaarte Männerbrust, Tunnelpiercings in den Ohren, die mit Creolen aufgepeppt werden und punkige Tattoos auf beiden Armen. Das Spiel mit den typisch männlichen und typisch weiblichen Attributen in Kombination mit teils trashigen, teils verruchten und teils schicken Accessoires und Kleidungsstücken weiß zu punkten.

Doch jede noch so tolle Klamotte steht und fällt mit der Person, die in ihr steckt. Die auf den Punkt gebrachte, kraftvolle Bewegung zur Musik, der fokussierte Blick, der Umgang mit dem auf sich gerichteten Ventilator und dem dadurch bewegenden Tuch sorgen für etwas Hypnotisches, sodass es schwerfällt, die Augen von der unglaublich selbstbewusst und doch sehr fragil wirkenden Persönlichkeit zu lassen. Marcella setzt bewusst ein, fühlt dabei aber auch. Sie hält mehrere Ansprachen bezüglich LGBTQ+-Rechte, erzählt von bösen Erfahrungen mit Gewaltpotenzial, redet über toxische Einflüsse von Social Media – und ist damit Sprachrohr vieler Besucher*innen.

Musikalische Highlights sind akustische Sessions wie in „Ich hab genauso Angst wie du“, nicht erwartete Coverversionen wie „Vincent“ von Sarah Connor oder Non-Album-Tracks wie „Schlampenfieber“ und „Die Zigarette danach“, bei denen sich in erster Linie Rosenstolz-Fans in bittersüßen Erinnerungen verlieren – und der hochemotionale Moment „Original“, einem eigenen Marcella-Song, der an ihre verstorbene Oma adressiert ist und den wohl intensivsten Augenblick des Konzerts darstellt.

Der Abend wirkt ein wenig unwirklich, ist er doch wohl für die Meisten einer der ersten mit einem Konzert ohne Abstandsregelung. Aber die rockige, schmusige und immer mit Message verbundene Musik scheint ihre Wirkung zu erzielen, ganz ohne sonstige Showelemente. Zum Finale wird mit Faso im Duett die Gute-Laune-Queer-Hymne „Heller (High Heels)“ abgeschossen, die die Crowd in die Nacht entlässt. Ein Konzert, das Professionalität mit leichter Rotzattitüde und Glamour verbindet. Hat man mit Sicherheit nicht so erwartet, ist aber gerade deshalb wohl ziemlich stark im Effekt. Marcella Rockefeller ist laut, ein wenig schrill und verschroben, aber hier. „Ich muss mich jetzt nicht finden, darf mich nur nicht verlieren“, heißt es in der aktuellen Single „Ich bin ich“. Ein Statement, das für alle Anwesenden gilt.

Und so hört sich das an:

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Foto von Christopher Filipecki

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