Eivør , Zeche Bochum, 28.10.2021

Eivor

„Ein wahrer Goldschatz an großen Momenten“ stand in meinem Fazit zum zweiten Eivør-Album „Segl“. Beim Verfassen dieser Zeilen konnten weder Autorin noch Musikerin ahnen, dass 13 Monate später genau diese großen Momente auch das erste wieder halbwegs normale Indoor-Konzert begleiten sollten. Dabei ist die Venue schon fast etwas grotesk: Zu dem kühlen Industrie-Pott-Schick der Zeche wollen die magischen Sphären von Eivør irgendwie so gar nicht passen. Und dann doch irgendwie wieder vollkommen. Ein Abend der faszinierenden Widersprüche, der die unvorhersehbare Kraft von Livemusik dick unterstreicht.

Sphären ausbreiten

Schon als der Support-Act in Form von Künstlerin Red Moon um Punkt 20 Uhr die Bühne betritt, ist erstmal vorbei mit dem öden Trott der letzten Monate: Mit spitzen roten Lackhandschuhen, einem roten Tuch über dem Oberkörper und einem wüsten Rausch aus intimen Akustik-Momenten und over the top-Gesang sorgt die norwegische Künstlerin für die Art Auftritt, bei der man kaum wegschauen kann. Das Publikum liebt’s – überhaupt übrigens der Slogan des Abends. Und was für ein Publikum im ziemlich gut gefüllten Saal zusammengekommen ist! Von älteren WDR2/WDR4-Hörer*innen über junge Indie-Kids bis zu Kuttenträger*innen kommen hier ganz obskure Mischungen zusammen. Das ist aber nur so lange verwunderlich, bis Eivør Pálsdóttir mit ihren drei Musikern die Bühne betritt. In einem atemberaubenden Drahtseilakt zwischen Drama & Kitsch, traditionell & elektronisch und hoffnungsvoll & düster entfaltet sich hier eine enorme Dramaturgie.

The best of three worlds

Und das ist – in allen Assoziationen, die dieses Wort hervorrufen kann – magisch. Dabei sind die Stücke des neuen Albums „Segl“ die bekömmlichsten und auch tanzbarsten: „Sleep on It“ oder „This City“ sind so gespickt vor großen Synthies, zu denen Mikael Blak am Vocoder gleich noch mehr kühle Vibes beisteuert. Das ist eigenwilliger Synth-Pop, bei dem Eivørs immer wieder in den Sopran abrutschende Stimme eine unverkennbare Note beifügt. Aber da ist noch viel mehr in diesem 16 Song starken Set! Im starken Kontrast dazu steht beispielsweise „Í tokuni“ – ein Stück in faörischer Sprache, bei dem Pálsdóttir mit  einem an Kehlkopfgesang erinnernden Gestus gen Industrial-Rock springt. Mindestens genau so bewegend: „Tròdlabùndin“, das Eivør ganz alleine mit einem großen Schlaginstrument vorträgt, während ihre Stimme den gesamten Raum füllt. Was alle Songs eint: die schiere Begeisterung des diversen Publikums – und so schließt sich der Kreis.

Für an US-amerikanischen und westeuropäischen Pop- und Rockmusik geschulten Ohren mag der Sound gerade über die Länge auch durchaus etwas herausfordernd wirken. Gerade wenn die Songs in  folkloristischen Jams ausfransen oder Pálsdóttir mit gänzlich andersartigen Melodieführungen spielt – und dazu noch im Sopran – ist die Abkehr von Hörgewohnheiten nicht abzustreiten. Aber gerade darin liegt nun mal auch die besondere Kraft von Musik – bisher unbekannte Welten entstehen direkt in der Konzerthalle. Dazu schwebt Eivør dann noch in einer kraftvollen Anmut über die Bühne, während sich wahlweise düstere Gewitterwolken oder kreisender Folk über den Köpfen zusammenbrauen. Wenn ein User unter einem Live-VIdeo von Eivør schreibt „Listening to this makes me still think there is magic in this world“, dann ist das wohl die treffendste Umschreibung für diesen Abend.

Und so hört sich das an:

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Beitragsbild von Julia.

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2 Kommentare zu „Eivør , Zeche Bochum, 28.10.2021“

  1. Ich war da und es war… faszinierend, berauschend, es hat alle meine Erwartungen erfüllt und mehr! Danke auch für diesen Artikel, der mein Empfinden recht gut trifft!

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