Lygo – Lygophobie

Review: Auf ihrem neuen Album "Lygophobie" lassen Lygo Optimismus im Pessimismus erkennen.

Raus aus der Schockstarre“, rein in Aufarbeitung beschließen Lygo. „Lygophobie“ – nein, das ist nicht nur ein flaches Wortspiel, sondern umschreibt die Angst vor Dunkelheit – tritt die Flucht nach vorne an: Vor den eigenen Schatten und gesellschaftlichen Problemzonen.

„Zusammen Im Bett“ etwa ist eines dieser Stücke. Es ist noch erkennbar – das Hadern mit der eigenen Psyche, das die verschachtelten Texte der Wahl-Kölner bislang geprägt hatte – aber irgendwo unter der Oberfläche schlummert Erkenntnis. Das Wiedererkennen im Spiegel. Der erste Sonnenaufgang nach der Polarnacht. Ein frenetischer Singalong untermalt dieses Bild mit der gehörigen Portion Herzschmerz. Auch „Warmes Bier & Kalter Kaffee“ überlässt seine Strophen tiefen Gräben, bloß um dann im Chorus die Vogelperspektive einzunehmen und die subjektiv guten Seiten des Lebens abzubilden. Auch das lässt Ansätze von Heilung erkennen. Die Band würde wohl sagen: Bewegung als Schmerzmittel.

Ähnlichen Optimismus im Pessimismus sieht auch „Altersheim“, eine düstere und doch erhellende Skizze sozialer Missstände. „Was für eine Erleichterung // (…) Wenn es gar keine Zukunft gibt // Dann bringt mich wenigstens die Zukunftsangst nicht um“, singt Gitarrist Simon Meier da. Finden viele der Abhandlungen im Privaten statt, so zoomt die Band hier aus dem Bild hinaus. 

„Kein Fahrtwind“ macht ähnliches und stellt sich gegen toxische Männlichkeitsbilder. Auch darin liegen ungeahnte Schimmer der Hoffnung, denn die Band zeigt sich auf „Lygophobie“ doch genau gegenteilig der engen Rollenzuschreibungen: verletzlich. Grüße gehen an der Stelle auch an Touché Amoré, die mit dem Titeltrack ihres aktuellen Albums „Lament“ ähnlich verwaschenen Hall-Gitarren Raum boten. Musikalisch bleibt nach zweijähriger Lygo-Pause sonst vieles beim Alten: Die Gesänge sind noch immer angenehm zweistimmig, die Gitarren mal hallig, mal angezerrt, Schlagzeug und Bass dynamisch tragend. Eine Klavierüberleitung hier, ein – zugegebenermaßen mittelmäßiges – Gitarrensolo dort, ansonsten bleibt die Musik der Band ordentlich antreibender Indie-Punk mit progressiver Note.

Natürlich bietet „Lygophobie“ keine Lösungen. Nicht im Kleinen und auch nicht im Großen. Lygo jedoch machen erste Schritte, kleine Schritte. Denn um Probleme hinter sich lassen zu können, muss man diese zuerst einmal beim Namen nennen. Von vor Furcht verschlossenen Augen in der Dunkelheit kann hier also nicht die Rede sein.

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Mehr Lygo gibt es hier.

Und so hört sich das an:

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Lygo live 2021:

30.10. – Köln, Artheater
27.11. – Hannover, Bei Chéz Heinz (Otterfest)

Die Rechte für das Cover liegen bei Kidnap Music.

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