Ukrainian Magic: Go_A, Zeche Bochum, 15.04.2024

Am 8. Februar 2020 qualifizierte sich die ukraninische Folktronica-Band Go_A für den ESC. Dass dieser in diesem Jahr auf Grund eines globalen Virus nicht stattfinden sollte, ahnten damals noch die wenigsten. Dass knapp zwei Jahre später ein Angriffskrieg das Leben der ukrainischen Bevölkerung verändern sollte, schien damals ebenso fern. Umso absurder ist es nun, an diesem regnerischen Apriltag in der Bochumer Zeche gemeinsam mit einigen Hundert Leuten auf dieses Quartett zu warten, das mit seinem sperrigen Sound jegliche Schubladen aus Genre-Schränken reißt. Ein Abend voll mit „Ukrainian Magic“ kann beginnen.

Anders als gedacht

Ziemlich pünktlich zur Primetime ertönt der Beat, der seit dem ESC-Auftritt 2021 – der dann zumindest in Corona-konformer Form wieder stattfinden durfte, inklusive Go_A auf Platz 5 – im Hamsterrad meiner Playlist sprintet, durch die Boxen. Keine Vorband, keine Platzierung im großen Finale: Go_A spielen ihren bekanntesten Song einfach Mal als Opener. Der Stimmung tut das natürlich gut, die Fans sind direkt dabei, viele singen die Lyrics mit, der Rest hüpft, tanzt, fühlt’s. Trotzdem könnte diese mutige Entscheidung auch problematisch werden: Viele freuen sich schließlich meist vor allem auf den großen Hit und erwarten ihn den ganzen Abend, so ist der Spannungsbogen nicht länger gesichert.

Das sollte an diesem Abend aber keine große Hürde werden. Allen voran ist das Sängerin Kateryna Pawlenko zu verdanken, die nicht nur fantastisch singt, sondern auch als Performerin während und Entertainerin zwischen den Songs beste Stimmung verbreitet. Das Publikum liebt’s und macht wirklich alles mit – sowohl das wilde Arm und Bein-Schütteln („Das ist eine ukrainische Tradition!“) als auch das Umarmen zum Trostspenden oder die Social-Media-Posten zum Finale. Unterhaltsamkeit: 100 Punkte. Und das auch dank der Musik.

Kein One Hit Wonder

„SHUM“ ist ein großartiger Song, der den bizarren Mix von Go_A schon gut zusammenfasst: Pawlenko schwankt zwischen weißem Gesang (traditionelle osteuropäische Art) und modernem Pop, dazu gibt’s ukrainische Folklore mit Ihor Didentschuk an der Sopilka (traditionelle Flöte aus Ukraine) und Beat-Master Taras Schewtschenko und Gitarrist Iwan Hryhoryak kümmern sich um die Sound-Fläche irgendwo zwischen Drum’n’Bass und Goth. All diese Elemente prägen zwar die gesamte Setlist, langweilen aber dank hochwertigem Songwriting und toller Performance nie. So schwankt die Atmosphäre von der beschwingten Umsetzung ukrainischer Folklore-Songs im Go_A-Gewand zu dicken Nu Metal-Riffs bis zum kieksenden Party-Hit mit kleinem Turn-Up. Und dann spendiert Didentschuk zwischendurch noch ein irrsinniges Inferno aus Flöte

Besonders emotional wird es dann, wenn vor finsteren Bässen ein „Russia is a terrorist state“ eingefordert wird, bevor Go_A zuckende Finsternis über die Drum’n‘-Bass-Flächen kippen. In Kombination mit dem so emotional involvierten Publikum, das bei vielen Textpassagen die Arme gen Zechendecke streckt, und den großen Melodien von Hymnen wie „Kalina“ oder „Solovey“ wirkt dieser Abend die weiße Magie, von der Go_A häufig reden: Die, die keine Zerstörung, sondern den Zusammenhalt beschwört. Den beschwören Go_A zuletzt im großen Finale, bei dem „SHUM“ im Original-Text des Folk-Songs auf die Bühne kommt – Aufgabe des Publikums: An den Händen fassen, Kreise bilden – und zum immer rasenderen Beat umeinander tanzen.  Das Faszinierende: Alle machen mit. Die Metal-Leute. Die Goth-Fans. Die ukrainisch-sprachigen, die deutsch-sprachigen, die Fans aus Belgien in der ersten Reihe. Go_A bedanken sich am Ende sichtlich ergriffen. Es war ein magischer Abend. Kommt bitte heil und gesund wieder.

Und so hört sich das an:

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Go_A live 2024:

  • 08. Mai 2024 Backstage Werk München
  • 11. Mai Batschkapp Frankfurt
  • 12. Mai Kesselhaus in der Kulturbrauerei Berlin
  • 13. Mai Musikzentrum Hannover
  • 15. Mai Fabrik Hamburg

Bild von Julia.

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