Westernhagen, König-Pilsener-Arena Oberhausen, 29.08.2018

Westernhagen OB

Kennt ihr diese Bands und Sänger, die für eure Generation eigentlich nicht mehr relevant sind, aber euch dennoch irgendwie begleiten, weil eure Eltern sie immer gehört haben bzw. es heute noch tun? Typische Eltern-Künstler sind Queen, die Beatles, Elvis – aber auch das ganze NDW-Zeug, Grönemeyer oder Lindenberg. Westernhagen geht in die gleiche Richtung – warum nicht mal ein Konzert besuchen, bei dem sich die unterschiedlichsten Altersklassen treffen?

Die König-Pilsener-Arena in Oberhausen bietet am Mittwoch, den 29.08. genau diese Gelegenheit und lädt zum MTV Unplugged. Viele Menschen um die 30 sind hier an der Seite von ihren Mamas und Papas Mitte bis Ende 50 zu sehen. Tatsächlich hat Marius Müller-Westernhagen bereits vor vielen Jahren das Angebot von MTV abgelehnt – er sollte eigentlich der erste deutsche Künstler sein, dem diese Besonderheit gewährt wird, trotzdem mussten seine Anhänger bis 2016 warten. Das erste Konzert in dieser Besetzung wurde von Star-Regisseur Fatih Akin (u.a. “Gegen die Wand”, “Soul Kitchen”, “Aus dem Nichts”, “Tschick”) gefilmt und im letzten Jahr veröffentlicht. Nun findet die Tour ein Ende und kurz vor Schluss wird also im Ruhrgebiet gehalten.

Mit knapp 6000 Zuschauern ist die Halle nicht ausverkauft. Der Oberrang bleibt geschlossen, ansonsten ist aber kein Platz frei und der Innenraum dem Arrangement entsprechend bestuhlt. Auf eine Vorband wird verzichtet, stattdessen geht um 20:15 zur Primetime und somit mit nur 15 Minuten Verspätung das Licht aus. Es wird erst um 22:30 wieder angehen.

In diesen 135 Minuten präsentiert der 69jährige Düsseldorfer, der im Dezember rundet, ein Programm, das an musikalischer Finesse tatsächlich kaum zu überbieten ist. Ja, Westernhagen fällt mit seinem Auftreten nicht immer positiv auf. Viel zu oft wird berichtet, wie arrogant er sich verhalte. Trotzdem sprechen 40 Jahre (was eine Zahl) Musikbranche für sich und das letzte Nr. 1-Album liegt auch nur vier Jahre zurück. 12 Millionen Plattenverkäufe prägen. Während des Konzerts fallen einige Male solche Sätze wie „Eines der besten Lieder, das ich je geschrieben habe“ und es wird gerne mit dem Hinterteil zum Publikum gewendet gewackelt, um Beifall zu bekommen. Diese etwas überzogeneren Gesten fallen jedoch kaum ins Gewicht, wenn musikalisch dafür einfach alles stimmt.

22 Songs werden gespielt, zusammengewürfelt aus allen möglichen Dekaden. Als kleine Überraschung gibt es ein Cover von „Heroes/Helden“ von Bowie, das zwar gefühlt schon 736x gecovert wurde, dem Herrn aber durchaus steht. Außerdem gibt es ein Mashup zwischen einem seiner größten Hits „Sexy“ (seht genau HIER einen Ausschnitt auf unserem Instagram-Channel) und „Power of Soul“ von Jimi Hendrix. Ansonsten gleicht die Setlist aber einem geballten Klassiker-Feuerwerk: „Unter meinem Fingernagel“, „Mit 18“, „Johnny W.“, „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ oder „Es geht mir gut“ sind nur einige Beispiele, mit denen Westernhagen es schafft, jede Person im Raum aufstehen und mitsingen zu lassen. Es ist eben eins dieser Konzerte, bei denen Leute wirklich etwas fühlen, wenn IHR Song kommt und beim Singen ihre Augen schließen. Gerade beim großen Finale zu „Freiheit“ ist die Gänsehaut schwer zu intensivieren. Handylichter, unzählige Menschen, ein berührender Text mit Aussage. Deutsche Musik muss nicht immer „Menschen. Leben. Tanzen. Welt“ sein. Einziger Wermutstropfen: „Willenlos“ fehlt. Wirklich schade.

Die Instrumentierung ist für ein Popkonzert eine absolute Ausnahme. In der vollen Besetzung stehen hier 15 Personen auf der Bühne – eine Bandmitgliederanzahl, die es wirklich sehr selten gibt. Zusammengehalten wird der Trubel von Musicaldirector Kevin Bents. Westernhagen überlässt ihm zur Mitte sogar die Bandvorstellung, da er selbstironisch behauptet, sich nie alle Namen merken zu können. Irgendwie ist das sehr sympathisch. Überraschenderweise ist die komplette Band nicht aus deutscher Region. Stattdessen wird auf Musiker aus Übersee mit überdurchschnittlichem Talent gesetzt – egal, ob im Background, an den Drums oder an der Geige: hier patzt niemand. Auch der Sound nicht, der bereits ab Track 1 jedes Instrument so gut auspegelt, dass jedes Soli vernommen werden kann und der Klang einen völlig einnimmt. Besonders erwähnenswert ist Frank Mead am Saxophon, an der Flöte und Harmonika, der mit seinem Talent trotz sehr guter Band noch hervorsticht und sich manche Momente komplett zu eigen macht.

Auf die typischen MTV Unplugged-Gäste wird beim Oberhausen-Gig verzichtet. Einzig und allein Westernhagens Frau Lindiwe darf für ein Duett auf die Bühne und sorgt mit ihrem selbstgeschriebenen Song (was Marius sogar etwas eifersüchtig betont) „Luft um zu atmen“ für ein wahres Highlight. Weitere Showelemente fallen auch komplett weg – links und rechts ein Bildschirm, die das Geschehen auf der Bühne präsentieren, das war’s. Emotional erweckt der All-Time-Favourite „Weil ich dich liebe“ wohl den heftigsten Schauer – wie aus einem relativ unspektakulären, netten Song ein Meisterwerk wächst, zeigt diese Unplugged-Version.

Dass den Texten ganz besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte, ist nicht nur an den Stücken erkennbar, sondern auch an Westernhagens Ansprachen – die zu seinem Song „Liebe (Um der Freiheit Willen)“ fällt besonders stark ins Gewicht. Über mehrere Minuten spricht der Künstler darüber, wie erschüttert er über den gegenwärtigen Populismus ist, wie wichtig es ist, das Privileg zu besitzen, wählen zu dürfen und dass Demokratie schneller verschwinden kann, als gewollt. Sehr treffend. Konsequent wurden somit auch alle Echo-Auszeichnungen dieses Jahr von ihm zurückgegeben.

Es ist immer wieder überraschend zu sehen, wie Musiker der alten Schule zwar nicht mehr körperlich die Energie besitzen, wie sie es eins taten, dafür aber mit ihrer Präsenz und ihrem Können so viel Energie erzeugen, dass eben genau diese Intensität sehr, sehr viele Konzerte von Menschen, die halb so alt sind, ohne Anstrengung in den Schatten stellt. Danke an meinen Papa, dass du sowas feierst und du der Anlass warst, warum ich mir Westernhagen mal angucken wollte. Das hat wirklich gelohnt.

Und so hört sich das an:

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https://www.youtube.com/watch?v=LmKiOA_2TOc

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