Wer heutzutage bei „X“ zuerst an eine fragwürdige Social-Media-Plattform denkt, hat die goldene Ära des Hip-Hop vermutlich verpasst. Denn lange bevor Elon Musk sich diesen Buchstaben unter den Nagel gerissen hat, gehört das „X“ einzig und allein ihm: XZIBIT. Und der hat gestern im Carlswerk Victoria eindrucksvoll bewiesen, dass man auch mit 51 Jahren noch mehr Energie auf eine Bühne bringen kann als so mancher TikTok-Rapper mit Autotune-Abo …
Dass XZIBIT längst Rap-Legendenstatus erreicht hat, ist zwischen all den „Pimp My Ride“-Memes fast in Vergessenheit geraten. Dabei gehört Alvin Joiner, wie die Westcoast-Ikone bürgerlich heißt, seit den späten 90ern zu den markantesten Stimmen des US-Rap. Ob an der Seite von Eminem, Dr. Dre, Snoop Dogg oder gemeinsam mit D12 – XZIBIT ist genau dort präsent, wo Hip-Hop Anfang der 2000er seine vielleicht stärkste Ära erlebt hat. Parallel machte ihn MTV mit „Pimp My Ride“ endgültig weltberühmt und sorgte dafür, dass selbst Menschen ohne Rap-Playlist plötzlich wissen, wer „X to the Z“ ist.
Aber fangen wir von Vorne an: Der Abend beginnt zunächst mit maximaler Nostalgie. DJ Carl Bangz serviert dem Publikum als Anheizer einen Oldschool-Klassiker nach dem nächsten und verwandelt das Carlswerk schon vor Konzertbeginn in eine Zeitmaschine direkt zurück in die goldenen 2000er. Kein unnötiger EDM-Remix, kein hyperaktiver Festival-Bass – einfach Hip-Hop. So wie er sein soll.
Nach kurzer Umbaupause betritt schließlich die Furnace Band die Bühne – eine eingespielte Liveband, die XZIBIT auf seiner aktuellen Tour begleitet und den Songs eine angenehm druckvolle, organische Note verpasst. Statt lieblosem Backing-Track gibt es echte Instrumente, echte Dynamik und Musiker, die sichtbar Spaß (und Talent) an ihrem Job haben. Schon die ersten Töne machen klar: Das hier wird keine halbherzige Nostalgieveranstaltung für MTV-Generation-Y-Kids. Das hier wird ein echtes Rap-Konzert!
Gleich der zweite Song des Abends ist ein absoluter Klassiker: „X“. Produziert von Dr. Dre, bis heute einer der ikonischsten Raptracks der frühen 2000er – und live noch immer ein absoluter Abriss. Spätestens jetzt verwandelt sich das Carlswerk endgültig in eine verschwitzte Hip-Hop-Zeitkapsel.
Überhaupt zieht sich die Liebe zur alten Schule durch das gesamte Set: Mit Tracks wie „Multiply“, „Front 2 Back“, oder natürlich „Shut Yo Mouth“ serviert XZIBIT eine Setlist, die sich anfühlt wie ein bestens kuratierter Throwback in die Hochzeit (Achtung: Betonung liegt auf „Hoch“) des US-Rap. Nach „What U See Is What U Get“ zollt er außerdem D12 Tribut und lässt die Detroit-Legenden hochleben – inklusive deutlicher Vorfreude auf die angekündigte kommende Zusammenarbeit. (Am 29. Mai soll schließlich ein neuer gemeinsamer Track mit D12, XZIBIT und Ice-T mit dem Titel „Nightmare Walking“ herauskommen … Wir sind gespannt!)
Durchgehend an seiner Seite: Backup-Rapper Demrick. Und der harmoniert perfekt mit dem Headliner. Beide wirken eingespielt, ergänzen sich mühelos und sorgen gemeinsam dafür, dass die Show nie an Energie verliert. Keine reine Supportrolle, sondern ein echtes Zusammenspiel zweier Künstler, die sichtbar Spaß daran haben, gemeinsam auf der Bühne zu stehen.
Natürlich darf auch Rap-Klassiker „Alkaholik“ an diesem Abend nicht fehlen. Nach dem Track nimmt XZIBIT erst einmal demonstrativ einen ordentlichen Schluck aus seinem Cognacglas und erklärt grinsend, dass er zwar mittlerweile alt sei – aber immer noch wie ein wahrer Gangsta trinken könne. Niemand könne mit ihm mithalten. Sein DJ nutzt die Vorlage natürlich sofort und fragt die Menge, ob nicht irgendwer glaube, mit XZIBIT Schritt halten zu können. Falls ja, solle man bitte laut „Fuck you, XZIBIT!“ schreien. Das Publikum lässt sich selbstverständlich nicht zweimal bitten … XZIBIT muss grinsen, die Reaktion und Interaktion seines Publikums gefällt ihm. Sekunden später schiebt X deshalb den nächsten Klassiker hinterher: „Get Your Walk On“. Hip-Hop-Masterclass statt Verschnaufpause!
Überhaupt wirkt die gesamte Show erstaunlich lebendig und ungeplant. Keine sterile Routine, keine exakt einstudierten Ansagen zwischen den Songs. Stattdessen gibt es Anekdoten, spontane Gags und immer wieder ehrliche Dankbarkeit gegenüber den Fans. Immer wieder hält XZIBIT inne und erklärt, dass er all das keineswegs für selbstverständlich halte: Dass Menschen noch immer Tickets kaufen, um ihn live zu sehen. Dass sie sich bewusst dafür entscheiden, ihren Abend – und ihr Geld – mit ihm zu verbringen. Und dass er genau deshalb weitermachen werde, solange sein Körper ihn auf die Bühne lasse.
Dass er diese Worte ernst meint, beweist er direkt danach mit „Paparazzi“. Sein erster großer Hit wurde damals, wie er erzählt, vor allem in Deutschland populär und feierte hier früh Erfolge, bevor der internationale Durchbruch gelang. Ein schöner Kreis, der sich an diesem Abend irgendwie schließt.
Der bewegendste Moment des Konzerts folgt jedoch wenig später: XZIBIT holt eine Frau namens Patricia auf die Bühne. Sichtlich vom Leben gezeichnet – und dennoch voller Lebensfreude. Seit 27 Jahren, erzählt er, komme sie zu seinen Shows. Außerdem kämpfe sie gegen Krebs. Für sie performt er anschließend „Thank You“. Keine kitschige Inszenierung, keine kalkulierte Emotionalität. Einfach ein stiller, ehrlicher Moment voller Wertschätzung. Und vermutlich genau deshalb so wirkungsvoll.
Und Köln kommt an diesem Abend offenbar noch eine ganz besondere Ehre zuteil: Weil die Stimmung bislang die beste der gesamten Tour sei, gibt es spontan sogar noch einen zusätzlichen Track obendrauf, ehe sich Band und Rapper sichtlich glücklich vom Publikum verabschieden. Ein schöner Abschluss für einen Abend, der vor allem eines beweist: Manche altern in Würde. XZIBIT altert in Baggy Jeans und mit der dicksten Goldkette, die deutsche Rapper je gesehen haben. Mit unfassbar viel Charisma – und offenbar immer noch mehr Energie als halb Spotify-Rap-Deutschland zusammen. X to the Z – das war herrlich!
Und so hört sich das an:
Website | Instagram | Facebook | TikTok
Bildrechte liegen bei der Autorin.
* Affiliate-Link: Du unterstützt minutenmusik über deinen Einkauf. Der Artikel wird für dich dadurch nicht teurer.