Alanis Morissette – Such Pretty Forks In The Road

Corona hindert Künstler daran, Musik zu machen? Das mag teilweise mit Sicherheit stimmen – doch Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regeln. Alanis Morissette hat dieses Jahr ordentlich was zu feiern. 25 Jahre ist ihr internationales Debütalbum „Jagged Little Pill“ nun alt und bis heute Platz 11 der bestverkauften Alben aller Zeiten weltweit. Das sollte eigentlich auch mit mehreren Liveauftritten zelebriert werden. Die können bekanntlich nicht stattfinden, dafür gibt es seit Ende Juni das Re-Issue (lest HIER nochmal unsere Rezension) mit einem erst im März aufgenommenen Konzert aus London als Zugabe, auf dem das komplette, legendäre Werk gespielt wurde plus diverse Classics.

Doch damit nicht genug. Obendrauf gibt’s zum Vierteljahrhundert-Geburtstag ganz neue Kost. Mit dem eigentlich für Mai angekündigten Such Pretty Forks In The Road steht das erste Studioalbum seit acht Jahren an. Mit großem Abstand die längste Wartezeit, die die Kanadierin bisher ihren Fans zumutete. Aber so ist das eben, wenn man mal eine Platte veröffentlicht hat, die gefühlt in jedem Regal von jedem gut sortierten Musikhaushalt steht und so intensive Flashbacks hervorruft, dass Fans auch zum drölften Male nur die großen Hits hören wollen und alles danach niemals den Anforderungen genügt. Bereits mit dem Nachfolgewerk zu „Jagged Little Pill“, „Supposed Former Infatuation Junkie“, gingen die Verkaufszahlen auf ein Viertel zurück und fanden 2008 mit „Flavors Of Entanglement“ ihren bisherigen Tiefpunkt: Gute 10.000 im Vergleich zu fast 26 Millionen ist schon eine Hausnummer.

Sei es drum. Bis heute beinhalten sämtliche Setlists von Alanis zu gut Zweidrittel nur Titel ihres großen Wurfs, die dann mit den üblichen Verdächtigen, welche ebenfalls die Charts enterten und zwei oder drei neuen Liedern ergänzt werden. Das Positive wiederum ist, dass man einerseits eben die Anhänger mit ihren Lieblingen bedienen darf, andererseits aber für sich im Studio quasi das tun kann, worauf man gerade Lust hat. So stellt Such Pretty Forks In The Road eine LP dar, die entschieden zu lange auf sich warten ließ, aber dafür weiterhin nach Alanis Morissette klingt und nicht nach Electro-Pop 2020, wie es das schräge Glitzer-Glitzer-Albumcover andeutet. Danke.

Alanis bleibt sich also treu und liefert 11 Tracks in 46 Minuten Hörerlebnis verpackt. Im Hintergrund fungieren untypisch viele Frauen. Zwar geschah das Songwriting in Kooperation mit ihrem langjährigen Keyboarder Michael Farrell (arbeitete des Weiteren für Morrissey, Vanessa Carlton und Macy Gray), bei den Produzenten hingegen beruht sich Morissette erstmalig auf die Australierinnen Alex Hope (u.a. Selena Gomez, Tove Lo, Troye Sivan, Tegan and Sara, Carly Rae Jepsen) und Catherine Marks (u.a. The Killers, The Wombats). Gerade in der Produktion sollten doch somit moderne Sounds zu erwarten sein.

Letztendlich ist dem eher nicht der Fall. Alanis klingt, wie bereits erwähnt, eindeutig nach Alanis. Das ist auch gut so. Was wiederum nicht so gut ist, ist das entschieden zu stark gedrosselte Tempo. Ja, das muss man ehrlich zugeben – Such Pretty Forks In The Road schleppt sich einige Male zu gemütlich durch die Titel und hätte mehr Pep verdient.

Dabei ist gerade in den Melodien der Großteil äußerst gelungen. Mit „Smiling“ eröffnet das siebte (bzw. neunte, wenn man die beiden nur in Kanada veröffentlichten Erstlinge miteinbezieht) Album einer Morissette sensationell gut. Das melancholische Stück darf es mit Überhits wie „Thank U“ oder „Uninvited“ aufnehmen und schlägt genau in die gleiche Kerbe. Dabei ist die Komposition gar nicht so neu, ist sie immerhin seit November 2019 bereits ein fester Bestandteil des Broadway-Musicals „Jagged Little Pill“. Dennoch wirklich gelungen. Auch andere berührende Hooks wie in „Her“, „Ablaze“ oder „Missing The Miracle“ holen ab. Textlich bewegt sich die Songtext-Königin sowieso nie unter einem überdurchschnittlichen Niveau und hat in persönlichen Geschichten wie „Reasons I Drink“ oder „Diagnosis“ von Erlebnissen zu erzählen, die gewohnt ehrlich wirken, sich nicht auf jede x-beliebige Alltagssituation projizieren lassen und weit mehr zu sagen haben als der Popeinheitsbrei.

Trotzdem bleibt das Gesamtergebnis irgendwo im Mittelfeld stecken. Was Melodien, Texte und auch der unvergleichliche Gesang der 46-jährigen richtig machen, macht der Rest ein wenig kaputt. Zwar sorgen die klassischen Orchesterinstrumentierungen für Schauermomente, dafür fehlt es aber dem neusten Output der Alternative Rock-Legende schlichtweg an Rock. Wirklich knallen darf hier nix. Aggression, freches Abrechnen oder Gute Laune-Mitsing-Möglichkeit? Fehlanzeige. Da stechen etwas lautere Soundtrack-Arrangements wie in „Nemesis“ oder ein Midtempo-Track wie „Reasons I Drink“ eindeutig hervor und holen den Hörer aus seiner doch arg trägen Lethargie heraus.

Dosiert sind mehrere Titel von Such Pretty Forks In The Road ohne Frage gelungen und liefern nach viel zu langer Auszeit ein paar Must-Hears. Hört man sich aber durch, ist das an der einen oder anderen Ecke doch etwas monoton. Für den Wums sorgen auf den nächsten Gigs also weiterhin „You Oughta Know“ oder „Ironic“.

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