Creeper – Sex, Death & the Infinite Void

Creeper

Emo is not dead. Nicht nur mit der wahnwitzig großen Nachfrage nach den My-Chemical-Romance-Reunion-Konzerten kann man diese Aussage verifizieren, auch 2020 vertrauen viele frische Bands auf das unverkennbare Genre. Während die meisten dabei den alten Bruder Emo in lässigen Pop-Punk oder bedrückendem Shoegaze stopfen, gehen Creeper einen ganz eigenen Weg. Ein Blick auf Bandfotos, Artworks und Videos reicht, um den klaren Ursprung dieses Sextetts auszumachen: Der Emo von Creeper trägt die schwarz gefärbten Haare tief im Gesicht, schreckt weder vor Corpse Paint noch vor den großen Gesten zurück. Er atmet den kalten Wind des späten 00er Emos, genauer: vor allem den, der My Chemical Romances “The Black Parade” zu einem der spannendsten Werke des modernen Rock machte. Wo das Debüt “Eternity, In Your Arms” die Nietengürtel bereits angelegt hatte, greift “Sex, Death and the Infinite Void” nun nach dem Rund-um-Sorgenvoll-Outfit. Dass Creeper dabei nicht nach alter Mottenkiste, sondern nach dem nächsten großen Ding duften, liegt an einer Vermählung von dramaturgischem Feingefühl und einer stilbewussten Verneigung vor den ganz Großen. Willkommen im dunkelsten Zirkuszelt des Musikjahres!

Showmaster der Hölle

Auch wenn die dazugehörige Musik in den 90ern, den anschließenden 00ern und auch den letzten Jahren immens unterschiedlich ausgelegt wurde, vereint ein Grundkonzept die Angehörigen des Emo in einer innigen Umarmung: Das Genre steht ausdrücklich für seine unumwundene Darstellung des eigenen Seelenlebens. Eine Haltung, die eigentlich allen Altersklassen zugutekommen würde. Dennoch fristet der Emo insbesondere seit circa 2005 ein Dasein als peinliches Guilty Pleasure, als ewig jugendliches Schandfleckchen, um den es einen großen Bogen zu gehen gilt. Wer mit diesem Mindset einen Blick auf die Pressebilder von Creeper erhascht, wird vermutlich binnen Sekunden das Weite suchen. Doch im Gegensatz zu vielen recht unspektakulären Reinkarnationen der großen Scheiben der Vergangenheit, haben die Brit*innen Großes zu bieten. Ihr gezielter Hang zur Dramatik bekommt auf “Sex, Death and the Infinite Void” daher auch den gigantischen Soundrahmen zusammengezimmert, der dem überschwänglichen Gestus standhalten kann. Zwar kann das auch mal sehr unumwunden, melodisch und extrem eingängig funktionieren, wie in der Pop-Punk-Hymne “Be My End”, doch Creeper schaffen den Songwriting-Sprung in die hohen Ligen auch mit dem bedröppelten Blick auf den Boden der Tatsachen. Wenn der Vorhang für diesen Hollywood reifen Showdown fällt, sollte das zuständige Orchester besser einige Dosen Energy-Drink vorrätig haben.

Kostümwechsel am laufenden Band

Wieso bislang noch kein Musical mit der Musik von Creeper geplant ist, ist ein großes Rätsel. Vor dem geistigen Auge manifestieren sich ohnehin die passenden Szenen, Kostüm- und Bühnenbildner*innen jauchzen vor Freude. Irgendwo zwischen Nightmare Before Christmas und der Rocky Horror Picture Show würde sich die schaurig-schöne Grundatmosphäre sicherlich wohl fühlen. Immer im Fokus des Rampenlichts: Frontmann Will Gould, dessen exzentrischer Gestus einen Großteil zur gelungenen Theatralik beisteuert. Ob er als unehelicher Sohn von Johnny Cash und David Bowie im düsteren Country von “Poisoned Heart” dem Sonnenuntergang entgegenreitet, mit lässigem 60s-Swing kokettiert (“Thorns of Love”) oder gemeinsam mit Keyboarderin und zweiter Stimme Hannah Greenwood eine klassische, gigantische Ballade (“Four Years Ago”) performt – dem jungen Briten stehen all diese Facetten wie angegossen. Doch nicht nur Gould entpuppt sich als charismatisches Chamäleon, auch die Instrumentenfraktion beherrscht den Sprung von Gaslight-Anthem-Heartland-Rock (“Born Cold”), zu den Fall Out Boy der “Save Rock and Roll”-Ära (“Cyanide”) und dem Soundtrack-Showdown “Napalm Girls” mit links. Für die ordentliche Portion Melodramatik strotzt das Album nur so vor Tattoovorlagen: “God has left the building”, “It’s far too cold for Heaven”, “We’re clipping Cupid’s Wings”.

So plakativ und pompös die ganze Platte auch wirken mag, das Drehbuch besteht seine Generalprobe eben auch mit Bravour. Wer sich schon zu “The Black Parade” das Herz aus der Seele geschrien hat, wird bei den großen Chören von “Annabelle” seine Gänsehaut zumindest nur schwer verbergen können. Dass sich zum Ende in “All My Friends” auch noch eine kleine Mental-Health-Propaganda verbirgt, macht das Album dann endgültig rund. Und zu welchem Jahr könnte dieses emotionale Meisterwerk besser passen als zu dem, in dem selbst die mental Stabilsten an ihre Grenzen gekommen sind? Also: Die alte Schminke und Haarfärbemittel rauskramen, eine neue Parade ist in der Stadt.

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