All Diese Gewalt – Andere

Cover von Max Riegers drittem All Diese Gewalt-Album "Andere".

Ein Leben im Extremen“ – Max Rieger liebt die Konsequenz. Als wären Obstler – das beiläufig ins Leben gerufene Black-Metal-Spaßprojekt – und Produktionen wie Jungstötters „Love Is“ oder Mia Morgans „Gruftpop“ nicht schon ausreichend Beleg dieses Sachverhalts, legt Rieger mit „Andere“, dem dritten Album seiner Solo-Nebenbeschäftigung All Diese Gewalt, nun den nächsten Beweis vor. Die Datenlage wird immer klarer.

An aller Anfang stehen Grundrauschen und ein monumentaler Klavier-Chord. Wenn der im Vakuum Ausklang gefunden hat, reißt zunächst ein einzelner, im Loop stehender Ton die Vorherrschaft im Mix an sich. Nach weiteren 120 Sekunden – inzwischen sind auch Piano und Akustik-Gitarre dazugestoßen – weicht der wiederum halligen Synthesizer-Flächen, die von akzentuiertem Schlagzeugspiel angetrieben werden. Ja, schon das eröffnende „Halte Mich“ fesselt – und stellt entschlossen alles in den Auftrag der Atmosphäre. Im Anschluss bringt „Erfolgreiche Life“ ratternde Synthesizer mit 80s-Beats zusammen. Der kunstvolle Refrain währenddessen – das Eröffnungsstück verzichtet darauf gänzlich – sieht Rieger seine Stimme so weit ausbreiten wie ein Albatros seine Flügel – und klingt dabei ungewohnt zugänglich. Auch das nachfolgende „Dein“ misst diesen Pop-Appeal nicht, selbst, wenn das penetrante Rasseln dem kühlen Art-Pop-Stück etwas bedrohliches verleiht.

Aber keine Sorge: Trotz seiner Offenheit für das Opulente läuft „Andere“ niemals Gefahr zu etwas Stillosem zu verkommen. Selbst ein verträumt tanzbares Stück wie „Maske“ – konnte ja niemand ahnen, dass sich der Titel zum Kampfbegriff entwickeln würde – ist so weit vom immer gleichen Einheits-Brei entfernt wie Riegers Black-Metal-Experimente. Und das trotz seines durchaus hit-lastigen Hauptmotivs. Auch der beachtliche Titeltrack hat Großes vor, schließt aber lieber Freundschaft mit bombastischen Filmuntermalungen als sich dem oft einfach gestrickten Radio-Pop anzubiedern. Der All Diese Gewalt-Drittling geht daher zwar oft als Pop-Musik durch, widerspricht jedoch derart vielen Sound- und Struktur-Konventionen, dass er entsprechende Zielgruppen wohl kaum ansprechen wird.

Das liegt vermutlich auch daran, dass Rieger die neuartigen Piano-Pop-Einflüsse an anderer Stelle ohne Zögern mit augenscheinlich nicht miteinander zu vereinbarenden Stilen vermählt. So auch im eindringlichen „Sich Ergeben“, das einen monumentalen Gipfelmarsch von dezentem Autotune-Einsatz und übersteuerten Bässen hin zu klirrendem Gitarrengetose hinlegt. Auch hier triumphiert Rieger dank seines konsequenten Willens, Grenzen mit Absicht zu ignorieren. „Andere“ spielt sich deshalb zwar auf einer Spielwiese aus Art-Pop, Post-Punk, Industrial sowie Electronica ab, bewegt sich innerhalb dieses Rahmens jedoch so frei wie ein Kleinkind auf einem Abenteuerspielplatz. Wie weit diese Konsequenz reicht, zeigt abschließend das unterkühlte „Blind“, das auf langer Strecke einzig auf Klavier baut, auf seinen letzten Metern dann aber doch noch einen warmen Vintage-Touch bekommt. Von Südpol bis Sahara binnen zwei Sekunden: Ja, Max Rieger liebt Extrempole wirklich sehr.

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Und so hört sich das an:

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Die Rechte für das Albumcover liegen bei Glitterhouse Records.

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