AnNa R. – König:in

anna r königin cover

Sich freimachen von Vergangenem – und zwar sowohl auf der Seite der Konsumierenden als auch auf der Seite der Produzierenden. AnNa R. darf selbst elf Jahre, nachdem die offizielle Pause der Deutsch-Pop-Kultband Rosenstolz verkündet wurde, immer noch die Frage beantworten, wann endlich das Comeback mit ihrem langjährigen Musikgefährten Peter Plate passieren wird. Die Antwort ist seit jeher: „Man weiß es nicht“. Doch beschließt man sich dazu, nach einer ganzen Dekade nicht permanent an der Vergangenheit festzukleben, kann man womöglich im Jetzt auch etwas Schönes entdecken. Erst dann und nicht zuvor, sollte man König:in hören.

Rosenstolz. Darüber könnte man nun wohl einen Text schreiben, der nicht unter 30.000 Zeichen auskommt. Die Relevanz, die die Band für die Entwicklung des Deutsch-Pops spielt, wird oft gnadenlos unterschätzt. Dazu aber an anderen Stellen auf unserer Seite mehr. Fakt ist aber, Rosenstolz war ab Mitte der 2000er das erfolgreichste Duo auf unserer Muttersprache, gleichzeitig aber auch weniger Edge. Um besonders den künstlerisch enorm wertvollen Aspekt herauszufiltern, sollte man einen Schritt zurückgehen. AnNa R. und Peter Plate waren in den 90s so dermaßen unmainstream, dass sie für die, die sich nie so richtig verstanden gefühlt haben, eine Insel boten. Das hat einen irrsinnig hohen Wert an Emotionalität. Etwas, was sich wie ein Über-den-Kopf-Streicheln anfühlt. Empowerment. Umso schwerer ist es eben, wenn plötzlich auch diejenigen, die einen zuvor missverstanden haben, auch Rosenstolz mögen. Und Rosenstolz dann aber irgendwann nicht mal mehr sich selbst.

Seitdem sind beide auf ihren eigenen Wegen aktiv. AnNa R., 1969 in Ost-Berlin geboren, kann zwangsläufig sehr gut damit umgehen, dass ihre Karriere nicht in Geraden verläuft. Bei einem Vorsingen Anfang der 90er scheitert sie, in ihrer Band mit Peter dauert es ganze fünf Alben lang (!) bis man überhaupt einmal die dazugehörigen Charts entert. Und auch nach Rosenstolz läuft es zwar nicht schlecht, aber ganz eindeutig weniger aufregend ab. Ihre fast nahtlos anknüpfende zweite Band Gleis 8 liefert zwei Alben, die auch beide die Top 10 schaffen, aber ganz besonders musikalisch wie textlich viel zu wenig Reibung bieten. Man treibt in Gewässern mit den anderen unzähligen Deutsch-Pop-Acts umher und wird eigentlich nur gehört, weil AnNa R. dieses Sagenumwobene inne trägt. Ihr Name, ihre Person, ihre Stimme, ihre Attitüde besitzen eine so individuelle Note, dass die Musik zumindest bei Gleis 8 zum absoluten Nebenschauplatz wird.

Und eigentlich war Album Nr. 3 schon so gut wie im Kasten. Bis die Pandemie kam und man Pläne über Bord werfen musste. Stattdessen kamen ganz neue ins Gedächtnis – wagt man es nun mal? Traut sie sich? Schließlich dachten die weniger Musikinteressierten doch eh schon immer, Rosenstolz wäre nur sie. Bei Gleis 8 sogar noch mehr. Warum also nun nicht mal wirklich genau das? Einfach mal nur sie? AnNa R. ist tatsächlich keine Mittelpunktspersönlichkeit. Das bemerkte man auch zuletzt bei der Band Silly, für die sie mit einer weiteren Künstlerin als Gastsängerin auftrat, aber sich selbst dabei so wenig wie möglich präsentiert. AnNa R. mag Musik und Gesang, Trubel aber so gar nicht. Ist als erfolgreicher Act natürlich schwer zu kombinieren. Es gelingt aber besser, wenn man sich endlich solo zeigt und weniger verschleiert.

Deswegen steht nun im September 2023 das Solodebüt einer fast schon 54-jährigen Sängerin, die seit 30 Jahren mit ihrem Job mal gar nicht, mal aber übernatürlich erfolgreich war, in den Läden und auf den Streamingportalen. König:in im Titel. Da gehen besonders bei – wir kommen einfach nicht drumherum, aber hey, es ist nun mal einfach eine wahnsinnig tolle Band und eben jene, die sie berühmt gemacht hat – Rosenstolz-Fans alle Herzen auf, war „Königin“ eins der beliebtesten Livesongs. Eine neue Version? Eine Hommage? Ein Schritt zurück zum Kern?

Nein, auch jetzt folgt keine Fortsetzung. Wir wollten doch auch probieren, die Vergangenheit voller Nostalgie ruhenzulassen und etwas offener zu sein. Genau das hilft auch, denn König:in ist eindeutig das Beste, was AnNa R. seit der letzten LP mit Peter Plate veröffentlicht hat. Besonders auffällig ist die Ambition, inhaltlich etwas sagen zu wollen und auf Themen aufmerksam zu machen. Die lassen sich auf der einen Seite in innere Gedankenwelten gliedern, auf der anderen Seite geht es aber vor allen Dingen um gesellschaftliche, teils politische Themen.

Schaut man in die Credits zu den Songs, wird unverkennbar, dass viele Ideen ursprünglich für den dritten Gleis 8-Longplayer angedacht waren. Fast ausschließlich sind neben der nun Solofrau ihre zwei Bandmember Timo Dorsch und Manne Uhlig fürs Songwriting zuständig. Das macht zunächst stutzig, denn auch wenn es schmerzt: Gleis 8 war einfach echt nicht gut. Wirklich nicht. Das war natürlich keine Katastrophe, weil es völlig solide produziert und arrangiert klang, aber es war in fast allen Titeln schrecklich inspirationslos. Warum klappt das plötzlich besser, wenn es einfach unter einem anderen Namen läuft? Offensichtlich hat das ein wenig mit einem Mindset zu tun. Damit, dass AnNa R. sich eben nun mit absolutem Fokus auf sich ins Rampenlicht stellt und dadurch mehr Selbstwertgefühl und Selbstbestimmung benötigt. Ob sie sich diese antrainiert hat oder sie auch einfach nur spielt, ist egal. Es funktioniert.

Da hat man zwar mit dem Opener „Hinterm Mond“ die merkwürdigste Wahl überhaupt getroffen, doch schon kurz danach wird vieles entschieden besser. Doch wenn es schon erwähnt wurde: „Hinterm Mond“? Warum hat man genau diesen Song als erste Solosingle gewählt? Schwierig. Ein Stück, das sich lyrisch nur um eine „Ob dies oder das, I don’t care, ich will mich nicht entscheiden! Hauptsache, irgendwas halt!“-Haltung dreht und dabei besonders in der Melodielinie aber gar nicht rotzig, sondern lethargisch wirkt. Unterlegt von einem leicht rockigen, aber eben nicht knallenden Pop-Beat mit leichtem Electro-Beigemisch. Selten war ein „Hier bin ich“-Ausruf so leise.

Doch schon im direkten Anschluss gibt es Erlösung. Besser gesagt: Eine Krönung. Der Titeltrack „Königin“ – bei dem leider das Genderspiel aus dem Albumnamen irritierenderweise nicht nochmal aufgegriffen wird – ist ein richtig guttuender, umschmeichelnder Energie- und Mutspender, in dem AnNa R. nicht nur ihren Zuhörerinnen, sondern allen Geschlechtern sagen will, dass sie für sich selbst eine „Königin“ sein können und sollen. Dass niemand anderes einem sagen darf, wie groß oder klein man ist, was geht und was nicht. Das kommt mit der richtigen Dosis Feingefühl und Empathie und zaubert ein Lächeln aufs Gesicht.

Ein erstes großes Highlight mit ähnlicher Message, ist die druckvollste Nummer der Platte: „Deine Energie“ ist wahrscheinlich das, was man am ehesten schon früher von einem AnNa R.-Solo erwartet hätte. Aber sie ist eben nun auch Mitte 50 und nicht mehr Mitte 30. Vielleicht hätte sie früher ein Rock- oder Punk-Album gemacht, was sie auch immer mal in Interviews als favorisierte Genres fürs Privatleben erwähnte, aber womöglich ist das 2023 einfach nun mal anders. Deal with it. Trotzdem sind die klirrenden Gitarren, der mit Stimmverzerrer bearbeitete Chor im Refrain und das etwas Rotzige, das AnNa somit nicht ganz komplett verloren hat, tolle Mittel, um sich abgeholt zu fühlen und eben mit vollgeladenem Akku aus dem Haus zu gehen. Schließlich wurden wir gerade Königin, also richten wir nun die Krone, snappen mit den Fingern und stolzieren so den Hollywood-Boulevard entlang.

Politisch wird es aber ja auch. Besonders in „Nicht meins“ und „Meer voller Seelen“. Erstes zeigt, dass die Sängerin sich nicht davon mitreißen lässt, wenn Intoleranz und Fremdenhass plötzlich beginnen zu siegen. Dir gehört gar nix! Dass du in Deutschland lebst, ist dein verdammtes Glück! Schätze das mehr! Recht hat sie. Schwermütig und kloßig im Hals wird das Gefühl bei dem sehr bedrückenden, aber auch musikalisch toll gestalteten Downer „Meer voller Seelen“, das sich um das Kentern von Flüchtlingsbooten dreht. Ohne viel Verschleierung kommt man mit treffenden Worten auf den Punkt und schafft auch hier eine subtile Form von Aktivismus. Toll.

Schade, dass diese kraftvollen – und dabei ist’s egal, ob textlich oder musikalisch – Nummern nicht das gesamte Album durchziehen. Hier hätte es gut getan, vor allen Dingen drei Titel, die in die Plätscherpfütze mit Anlauf hineinhüpfen, einfach zu streichen. Da wäre die Single „Chaos & Symmetrie“, die inhaltlich leider dasselbe sagt wie schon „Hinterm Mond“, sprich: „Ich mag beides! Gib mir alles!“. Auch im Arrangement dümpelt man hier in sehr schlagerhaften Welten herum, die AnNa einfach nicht gerecht werden. „Der Sturm“ startet mit seinen spannend gestrickten Soundwaben ziemlich stark, fährt aber im Trantüten-Chorus gegen die Felswand. Und bei „Wieviel Tränen“ würde ein 1,1-Sped-up-Mix wahrscheinlich helfen. Gerade diese Schunkelbeats mit unterlegter Harfe sind echt äußerste Grenze.

Dann lieber verträumte, auf sich konzentrierte Balladen wie das schöne „Die Astronautin“, in dem die Erzählerin davon berichtet, aufzuhören, sich permanent zu perfektionieren und einfach mal anzunehmen. In dem wohl überraschenden Duett mit Henning Wehland (H-Blockx, „Bonnie & Clyde“ mit Sarah Connor) „Augen zu“ kreieren die zwei eine flirtige und dennoch nicht kitschige Hafenkneipen-Atmosphäre, die beiden fantastisch steht. Schmeichelnd. Übrigens war mit Wehland erst während der Pandemie ein ganzes Coveralbum geplant. Mit großem Abstand folgt aber die Essenz zum Abschluss: „Gute Nacht“ ist fast, aber auch nur fast Rosenstolz-Niveau. Ach Mist, jetzt haben wir es schon wieder getan. Aber das ist wohl ein großes Kompliment. Endlich! Endlich! Klavier, ein Moll-Akkord nach dem nächsten, stimmlich eine ganz enge Umklammerung, die einem kurz die Luft raubt, poetische Malerei. Das ist ganz groß und absolut hörenswert.

AnNa R. macht einen großen, richtigen Schritt in die Richtung, die sie womöglich will, aber gleichzeitig wohl auch die wollen, die AnNa wollen. Das ist zwar im Ganzen immer noch nicht voll auf eine Karte gesetzt, gern darf da noch mehr Mut zum Nicht-Gefallen-Wollen rein. Mehr Experiment, weniger Radiotauglichkeit. Es arbeitet aber zumindest ihre Qualitäten als diese eine deutsche Sängerin mit dieser sehr speziellen Aura aus, die die König:in trägt, bis sie irgendwann in fremde Welten entschwindet.

Und so hört sich das an:

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Die Rechte fürs Cover liegen bei ARIOLA LOCAL / SONY MUSIC.

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