Chefket – 2112

Cover von Chefkets Album "2112".

Ein neues Chefket-Album steht in den Startlöchern. Das verspricht technisch versierten Rap mit Mut zu leisen Tönen, große Emotionen, wichtige Themen und sanfte Gesangspassagen über organischen Klängen. Der Wahlberliner mit türkischen Wurzeln schaffte es im Jahr 2018 mit seinem dritten Solo-Album „Alles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes)“ textlich wie musikalisch eine gemütliche Wohlfühlatmosphäre zu schaffen, ohne dabei Haltung vermissen zu lassen. Auf der Platte klingen Balladen nicht nach Schnulze und Gesellschaftskritik nicht nach erhobenem Zeigefinger. Kaum jemand vermittelt das wohlig warme Gefühl von Hoffnung so unpathetisch wie der selbsternannte glücklichste Rapper. Die Erwartungshaltung an Chefkets neues Werk „2112“ könnte also kaum klarer definiert sein.

Vom Glück…

Das einleitende Interlude „Vorhang auf“ bedient diese Erwartungen vollkommen. Chefket scheint seine Zuhörer- schaft auf eine Weiterführung seines etablierten Sounds vorzubereiten. Der Berliner singt die beiden Wörter des Songtitels, die gleichzeitig die letzten des Vorgängerwerks darstellen. Doch nicht nur inhaltlich wird hier an „Alles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes)“ angeknüpft. Auch musikalisch scheint er seinem Stil treu zu bleiben. Über leichtem Hintergrundrauschen erklingen Piano-Klänge. Das Ganze wirkt beinahe wie eine Ankündigung. Wie ein:‚Achtung, die Vorstellung beginnt. Schnell noch einmal am Kamillen-Tee nippen und dann bloß zuhören!“ Eine Einladung zum Zurücklehnen und Genießen, die bereits mit der zweiten Anspielstation des Albums schlagartig zurückgezogen wird. „Egotrip“ zieht einen mit seinen düsteren, brummenden Trap-Drums sofort aus der entspannten Sitzposition. Von jetzt auf gleich tauscht hoffnungsvolle Wärme mit ungebändigter Wut.

…zur Wut…

Während einem Chefket in den Strophen von „Egotrip“ noch in entspannter Stimmlage den Soundtrack für die persönlichen Narzissmen spendiert, entlädt sich besagte Wut in den scheinbar von der Seele geschrienen Adlips des Songs. Immer wieder ertönt seine Stimme in hasserfüllter Form zwischen den Zeilen. In die vollständige Raserei versetzt den Rapper dagegen erst die Zusammenarbeit mit Samy Deluxe auf der darauffolgenden Anspielstation „DWNW“. Das gemeinsame Angriffsziel der beiden Live-MCs: Die neue Rap-Generation. Frei nach dem Motto „Du willst dope sein, doch du weißt nicht wie!“ werden hier in atemberaubendem Tempo Ansagen gegen Whack-MCs verteilt. Möglichst viel Platz für ausufernde Frontalangriffe bietet ein brummender Grime-Beat von Marsimoto-Produzent Nobodys Face, der eindringlich an den Song „That‘s not me“ der UK-Rap Legende Skepta erinnert. Wären große Menschenmengen zurzeit möglich, der Moshpit wäre spätestens jetzt eröffnet.

Die von „DWNW“ vorgegebene Marschroute bestimmt im Folgenden das Album. Chefket scheint sauer zu sein, sauer auf eine Rap-Szene in der Hype und teure Uhren mehr bedeuten als Rap-Skills und Inhalt. Über Produktionen, die zwischen Trap und Grime wandeln, beklagt er den aktuellen Zustand der Szene. Fehlende Authentizität, zunehmende Oberflächlichkeit und kreativer Diebstahl sind Teile der Anklageschrift. Beinahe bekommt diese selbsteingenommene Rolle des Hip-Hop-Polizisten einen verbitterten Beigeschmack, dann bricht

Chefket auf selbstironische Art und Weise mit eben dieser: „Ich reg mich mal bisschen künstlich auf!“ verkündet er auf „Indie Indie“. Schließlich gibt es auch noch wichtigere Themen als deutschen Rap. Auch die finden auf „2112“ Platz. Im Kopfnicker „IGN“ beispielsweise räumt Chefket mit Klischees und Vorurteilen unterschiedlicher Art auf und stellt sich dabei unter anderem gegen Rassismus, Sexismus und Verschwörungstheorien. Außen vor bleibt die hiesige Rap-Szene aber auch hier nicht. So setzt der Rapper in der ersten Strophe des Songs eine kleine Spitze gegen Deutschrap-Größe Raf Camora. Dieser hatte Chefi zuvor auf seinem Song „Primo“ negativ erwähnt: Klassische Rapper-Sachen halt.

Egal wie sehr er ihn auch zu verabscheuen glaubt, Chefket spielt mit beim großen Zirkus, der sich Deutschrap nennt. Er prahlt, stellt seine Fähigkeiten über die anderer Rapper und feuert verbale Schüsse in Richtung Szene. Was bei vielen seiner Genre-Kollegen in einem Geflecht aus proletenhaftem Präsentieren, prunkhafter Statussymbole und menschenfeindlicher Beleidigungen münden würde, gelingt ihm dagegen auf der Platte auf erfrischende und konstruktive Weise, ohne den dafür nötigen Zorn oder ein Augenzwinkern vermissen zu lassen.

…und wieder zum Glück zurück.

„2112“ ist ohne Frage ein wütendes Rap-Album, das sich maßgeblich mit dem eigenen Genre auseinandersetzt. Für Außenstehende kann das aufgrund von mangelndem Kontextwissen durchaus abschreckend und verwirrend wirken. Für Kenner des deutschen Rap-Games bietet Chefkets neuestes Werk dagegen erfrischende Szenekritik ohne unnötige Verbissenheit sowie grandiose Beispiele dafür, wie britischer Grime-Sound auf Deutsch funktionieren kann. Unabhängig davon sollten sowohl Rap-Tourist*innen als auch eingefleischte Fans beim ersten Hören bemerken, welch eine Rap-Maschine sich da hinters Mikrofon begeben hat. Denn bei all der Wut, die auf „2112“ durchklingt, wird gleichzeitig auf jedem einzelnen Track deutlich, wie glücklich Chefket ist, solange er nur weiterhin Silben durch den Takt feuern kann. Ja, bei all der Wut bleibt die Liebe zum Rap stets allgegenwärtig.

Hier kannst du dir das Album kaufen.*

Tickets für die (hoffentlich stattfindende) Tour gibt es hier.*

Und so hört sich das an:

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Chefket Live 2020:

08.12.2020 – Hamburg, Übel & Gefährlich
09.12.2020 – Stuttgart, Im Wizemann
10.12.2020 – München, Technikum
12.12.2020 – Köln, Club Volta
13.12.2020 – Berlin, ASTRA Kulturhaus

Die Rechte für das Cover liegen bei Chefket Records.

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