Duncan Laurence – Small Town Boy

Am 16.05.2020 hat das diesjährige Eurovision Song Contest-Finale NICHT stattgefunden. Erstmalig sollte der größte Musikwettbewerb der Welt in Rotterdam, der zweitgrößten Stadt der Niederlande, über die Bühne gehen. Nach genau 40 Jahren wären unsere Nachbar*innen wieder Gastgeber gewesen. Dank des nur wenige Kilometer von Rotterdam entfernt geborenen Duncan de Moor, besser bekannt als Duncan Laurence, schaffte die Niederlande im Mai 2019 ihren fünften Sieg beim ESC und beendete ihre viel zu lange Durststrecke. Doch leider passierte der Eurovision nur im Konjunktiv.

Natürlich hat Corona gerade eine derartig große Veranstaltung niedergewälzt, sodass Duncan Laurence der erste Sieger in der gesamten Geschichte des Wettbewerbs ist, der zwei Jahre amtieren darf. Länger wird es auch nicht sein – seit Wochen steht das Konzept für den kommenden Mai 2021. Die Show wird in der Mehrzweckarena Rotterdam Ahoy stattfinden. Ob mit oder ohne Zuschauer*innen, werden wir sehen.

Trotzdem gleicht es einem kleinen Wunder – oder doch eher einer logischen Konsequenz? –, dass die Niederlande den Gewinn an sich reißen konnte, stand es in dem aktuellen Jahrtausend eine ganze Weile äußerst schlecht um das Land beim ESC. Erst 2013 wurde der Bann des permanenten Im-Semi-Finals-Ausscheiden gebrochen. Seitdem liefern die Niederländer*innen dafür fast ausnahmslos richtig gute Pop-Songs, die deutsche Beiträge meist blass aussehen lassen. 2014 war es für Ilse DeLange und ihre Band The Common Linnets äußerst knapp, sodass man sich final mit dem zweiten Platz zufriedengeben musste – doch 2019 schloss sich der Kreis. Ilse hatte bei Duncan Laurence den richtigen Riecher, unterstützte das junge Talent und am 18.05.2019 stand in Israel fest, dass er als Sieger nach Hause fliegen wird.

Seitdem sind anderthalb aufregende Jahre für den 26-jährigen, leicht introvertierten Sympathieträger vergangen. Etliche Auftritte in diversen Ländern Europas später wird ein Freitag, der 13. im November ausgewählt, um das Debütalbum zu veröffentlichen. Mit Small Town Boy erfüllt sich Duncan einen 41 Minuten lang andauernden Traum, verpackt in zwölf Songs. Er beschreibt den Entstehungsprozess selbst als eine Neuentdeckung seiner Person. Das fällt ganz besonders in den Lyrics auf.

Wer sich auch nach einer derartig langen Zeit nicht an dem Hit „Arcade“ satthören kann, darf sich auf eine Platzierung in der Mitte der LP freuen. Wo viele Künstler*innen sich manchmal absichtlich von ihrem Übererfolg distanzieren oder Titel, die schon so lange kursieren, für ein Album ignorieren, bleibt Duncan überwiegend in dem Kosmos, den er beim ESC in Tel Aviv betrat – verträumte Balladen mit hochemotionalen Stories. Wer hingegen auf seiner bereits vor knapp einem Jahr gespielten Tour dabei war und die elektronisch-alternative Seite des Niederländers mochte, schaut komplett in die Röhre.

Duncan Laurence ist in der Tat ein kleines Überraschungspaket. Hat man auf der Tour, die nur ein halbes Jahr nach dem Eurovision-Sieg stattfand, eher mit einer überwiegend aus Coversongs bestehenden Show gerechnet, gab es verrückterweise nur eigene Kompositionen, die fast alle von dem „Arcade“-Muster abwichen. Sehr elektronisch, sehr sphärisch und tanzbar, wenig auf Eingängigkeit getrimmt. Warum wurde dieser Mut für Small Town Boy über Bord geworfen? Letztendlich hätte der Mix aus diesen Spielereien mit den Höhepunkten des nun vorliegenden Werks eine perfekte Platte ergeben.

Doch bevor Fans nun schwarzsehen: Small Town Boy ist zwar im Sound leider wenig abwechslungsreich, dafür aber auf Textebene vorzüglich. Mit „World On Fire“ gibt es bereits seit Mai eine fünf Tracks umfassende EP, deren Inhalt komplett per Copy and Paste auf Small Town Boy übernommen wurde. Der dort angeschlagene Sound gibt eine wesentlich bessere Orientierung vor als die Wintertour 2019. Eher unglücklich startet der Longplayer mit den zwei bereits bekannten und völlig unaufgeregten Folk-Nummern „Beautiful“ und „Yet“. Akustikgitarre mit ein wenig Oho-Chören und Soundeffekten. Kann man machen, hätte sich aber im letzten Drittel auf der Platte leichter getan. Doch durchhalten lohnt!

Denn mit Track 3 und 4 entfacht doch das emotionale Feuerwerk, das der in der Niederlande mit vierfach Platin (!) veredelte „Arcade“ beim ESC auszulösen wusste. In „Between Good and Goodbye“ richtet sich Duncan in einer feinen Pianoballade an eine Person, die ihre Frau mit unbeantworteten Fragen nach einer überraschenden Trennung am Boden zerstört hinterlässt. Ein Song, der genauso nach Sieg schreit. Ähnlich gut und persönlich ist „Loves You Like I Couldn’t Do“, in dem sich der Protagonist dafür entschuldigt, dass er den Partner nicht so lieben kann, wie er es verdient hat. Das bringt Gänsehaut, versprochen. Wie sensationell es klingt, wenn einfach alles richtig gemacht wird, zeigt „Arcade“, das sowohl textlich – es geht um eine ihm nahestehende Person, die sich aus Herzschmerz umgebracht hat –, als auch melodisch, gesanglich und instrumental immer noch liefert.

Aus dieser Tristesse kommt Small Town Boy allerdings trotzdem zu wenig heraus. Lediglich drei Mal von insgesamt zwölf Möglichkeiten wird die Bpm-Zahl ein wenig erhöht, wobei „Figure It Out“ eher einer sehr leicht schwungvollen Singer/Songwriter-Nummer entspricht. Schöne, ohrwurmartige Hook mit Sommerbrise auf einem eindeutigen Winterschwermut-Album. Dass aber optimistische Tracks mit Bassdrum richtig gut funktionieren können, ist an der ebenfalls seit einem Jahr bekannten Single „Love Don’t Hate It“ erkennbar, die Hitqualität aufweist. Richtig elektronisch wird es nur beim Rauswurf, dem Bonus Track „Feel Something“, mit dem seit 20 Jahren tätigen, niederländischen Star-DJ Armin van Buuren, der ansonsten weit aus derbere Beats schmettert, sich bei Duncan aber für einen groovigen Dance-Pop entschieden hat, der auch gelungen klingt.

Etwas weniger Melancholie. Auch wenn der Liebeskummer-Song „Someone Else“ Duncans wirklich hervorragende Gesangsqualitäten unterstreicht und abermals Potenzial für internationale Chartplatzierungen vorweist, hätte man sich doch mal eine Nummer gewünscht, die übersprudelt, richtig nach vorne geht, gute Laune macht und ein Lächeln zaubert. Dass es diese Nummern im Repertoire gibt, hat die Tour gezeigt. Mit der Entscheidung jedoch die verträumte Ader voll aus zu leben, ist Small Town Boy zwar ein in sich homogeneres Werk, aber eben auch nicht ganz so mitreißend, sondern ein Album für die Depri-Momente während des Lockdowns. Trotzdem lässt Duncan Laurence mit seinem lang erwarteten Debüt die Anhänger keinesfalls enttäuscht zurück und liefert einige sehr starke Tracks mit Garantie zum Wiederhören. Dann gibt’s den tanzenden Herrn eben erst wieder, wenn Corona vorbei ist auf LP Nr. 2. Wir warten solange.

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