Haim – Women in Music Part III

Haim

Sein Album als eine der weltweit erfolgreichsten Bands des vergangenen Jahrzehnts plump “Women in Music Part III” zu nennen, zeugt von einer großen Portion Galgenhumor. So unselbstverständlich wie es auch 2020 noch ist als selbstständige Frau eine beeindruckende Karriere auf die Beine zu stellen, so selbstverständlich ist es leider, all jene, die es dann all der Hürden zum Trotz doch schaffen, eben als “Frauen im Musikbusiness” zu beurteilen. Während Gitarristin Danielle  und Bassistin Este den Titel vor allem lustig finden, sieht Keyboarderin/Gitarristin Alana auch dessen subversives Potential: “Ich mag ihn, weil wir schließlich buchstäblich Frauen im Musikbusiness sind und wir immer als solche geschrieben werden, also erschien es mir cool, den Narrativ selbst zu kontrollieren. Er hat mich auch über unsere Erfahrungen nachdenken lassen.” Dass Haim eben viel mehr als nur Frauen im Musikbusiness sind, beweisen sie auch mit ihrem dritten Album, das erneut in Kooperation mit Ariel Rechtshaid (Adele, Blood Orange, Carly Rae Jepsen) und Rostam Batmanglij (Charli XCX, Solange, Frank Ocean) entstanden ist. Fans dürfen trotz der bereits bekannten sechs Tracks auf Freitag hinfiebern, denn “Women in Music Part III” bietet dank einer 16 Song starken und unheimlich abwechslungsreichen Tracklist eine Menge zu entdecken.

Zielsicherer Schritt im Zuge der Klassikerwerdung

Schon mit ihrer ersten EP “Forever” hatten sich Haim über den ganzen Globus als die neuen Darlings des Indie empfohlen. Seitdem hat der Hype um die Band vor allem in den USA gigantische Ausmaße angenommen. Dank Fleetwood-Mac-Coverversionen mit dem Idol Stevie Nicks höchstpersönlich, einer engen Freundschaft mit Taylor Swift, legendären Auftritten bei Saturday Night Live, einem Calvin-Harris-Feature und dem Grammy als Best New Artist 2015 haben sich Haim dort längst als eine der wichtigsten Bands des neuen Jahrtausends etabliert. Dabei wirkt der Sound des Trios oft recht harmlos, nahezu unscheinbar. Erst auf einen zweiten Blick wird die Grandezza des zarten Flirts von Folk und R’n’B deutlich, der ohnehin schon poppige Unterton der Studioaufnahmen entwickelt sich auf “Women in Music Part III” an einigen Stellen gar zu einem reißenden Strom aus deftigen Dance-Beats. In den lieblichen Gesangsharmonien und eingängigen Melodieführungen lauern 2020 zudem mehr Reißnägel als noch beim Vorgänger “Something To Tell You” vor drei Jahren. Im folkigen “The Steps” wird so dem Versprechen des kontrollierten Narrativs entsprechend für selbstbestimmtes Leben von Frauen demonstriert, “Man from the Magazine” rechnet mit dummen Fragen an Musikerinnen ab und “FUBT” bezieht Stellung gegen toxische Beziehungen. Der große Clou von Haim ist im großen Indie-Zirkus aber ihre Leichtigkeit. “Women in Music Part III” fühlt sich ähnlich wie die Vorgänger nämlich vor allem in den lauen Sommernächten wohl, verbreitet positive Stimmung und unterfüttert diese friedvolle Atmosphäre mit unterschwelligen Neuerungen.

16 Träume zwischen Experiment und Idylle

Schon das Blues-Saxophon der ersten Spielsekunden verspricht eine TIefenentspannung in Musikform, beim lyrischen Flanieren durch die Straßen der besungenen Metropole entfaltet sich schnell eine melacholische Atmosphäre. Aber Haim biegen nicht nur in die beschaulichen, harmoischen Vororte, sondern auch in die Nachtclubs wie im The-xx-Geschwisterkind “I Know Alone” oder “Another Try”. Im nächsten Moment wagen sie einen Ausflug nach Nashville mit Honky-Tonk-Gitarren (“Gasoline”) oder Taylor-Swift-Geschmetter (“All That Ever Mattered”), scheuen sich aber auch nicht vorm großen Genre-Clash von Folk vs R’n’B (“3 AM”) oder sphärischem Dream Pop und drängelnden Bässen (“Up From a Dream”). Wenn sich die düsteren Bläserschichten des Closers “Summer Girl” mit den lockeren Du-Du-Dus des Haimchors die Hand reicht, endet das Spektakel auf seinem künstlerischen Höhepunkt. Dass sich Haim nicht von den großen Haien der Musikindustrie bevormunden lassen wollen und sich mit dieser DIY-Herangehensweise schnell ein beachtliches Netzwerk aufgebaut haben, bringt schmackhafte Früchte mit sich. “Women in Music Part III” wird so zum perfekten Begleiter durch den Corona-Sommer: an der Oberfläche Eskapismus pur, darunter dennoch genügend subversive Sprengkraft für die vielen freien Stunden.

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