No Angels – 20 [Doppel-Review]

No Angels -20

Knapp 20 Jahre ist es her, dass die No Angels mit ihrer Single “Daylight in Your Eyes” und dem Debütalbum “Elle’ments” den Meilenstein für eine steile Karriere legten. Vanessa, Sandy, Lucy, Nadja und Jessica wurden zu DER Girlband Deutschlands, bis im Jahr 2003 die Trennung folgte. Nun, ein Comeback sowie eine weitere Trennung später, haben sich die No Angels zu ihrem 20-jährigen Jubiläum wiedergefunden. Zwar ohne Vanessa, aber mit ebenso viel Energie wie damals. Ein Grund für unsere Autor:innen Christopher und Alina sich das neue Album der Engel “20” einmal genauer anzuhören!

Das meint Christopher:

Das Älterwerden hat so seine Tücken, insbesondere beim Musikkonsum. Gehäuft docken neuste Trends bei den Zuhörer*innen nicht mehr an und man wünscht sich doch die alten Hits aus der Kindheit und Jugend zurück. Wie schön, dass einige Stars und Sternchen dem Ruf ihrer Fans nur zu gerne folgen. Denn hier sind die nächsten Anwärter*innen auf den „Ach, die gibt’s auch noch“-Award 2021: Die No Angels.

Denn mit Sicherheit geht es Nadja, Jessica, Lucy und Sandy gar nicht so viel anders als ihren Hörer*innen: Sie wünschen sich einen Ausflug in die Good Old Times! Genauer gesagt ins Jahr 2000, denn da wurden sie neben ihrem fünften Glied der Kette, Vanessa, als erste Gewinnerinnen einer Castingshow im deutschen Fernsehen auserwählt. Ja, sogar vor der ersten Staffel DSDS. Und das ist erschreckenderweise bereits ganze zwei Dekaden her. Wer nun einen Schweißausbruch erleidet, kurz im Spiegel die ersten grauen Haare und Falten kontrolliert oder gar vor Schreck anfangen muss zu weinen – es fühlt sich bitter an, ist aber doch gar nicht so wild.

Warum nicht? Weil, wie bereits eingangs erwähnt, zumindest die Musik bleibt und immer wiederkommt. Um dieses runde Jubiläum gebührend zu feiern, schließen sich die vier Mädels, die so in der Konstellation bereits seit 2003 auftreten – tatsächlich war Vanessa gerade einmal drei Jahre am Start – und anscheinend immer noch Spaß daran haben, wieder zusammen, um ein Stück weit Post-Teens zu spielen. Immerhin altert das Publikum parallel mit und darf sich schon jetzt auf Juni ’22 freuen, wenn in Berlin die erfolgreichste Girlieband Deutschlands Nostalgie walten lässt.

Jetzt nur die Frage: Was steht auf der Setlist? Selbstredend das, was man hören will – sämtliche Gassenhauer der early 00er. Nur hoffentlich in den Ursprungsversionen. Denn das, was auf dem gerade erschienenen Comeback-Reunion-Jubiläums-Album 20 als „Celebration Versionen“ beworben wird, ist so überflüssig wie leider auch misslungen.

Wenn man die No Angels anmacht, möchte man ja auch die No Angels hören. Warum die schöne Idee, die Vier zu vereinen und alte Songs singen zu lassen, aber mit einer derart wurstigen Produktion kaputtgemacht wird, ist desillusionierend. Erst vor einigen Monaten sind nach viel zu langer Wartezeit sämtliche Alben dieser und weiterer Popstars-Acts auf Spotify veröffentlicht worden – und jeder Klick auf den wohl bekannten Streamingportalen löst mehr Glückseligkeit aus als dieser neue Output.

Dem Titel entsprechend umfasst die Tracklist 20 Nummern, darunter 15 beliebte Classics aus den ersten drei Alben, einen sogar in doppelter Ausführung („Still In Love With You“) und vier Neukompositionen. Ein Selbstversuch: Einfach mal eine beliebige, neue Version anmachen und nicht ganz so großen Fans ohne Kommentar vorspielen. Jede*r wird das Lied unmittelbar erkennen, mitsingen können, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht bemerken, dass es sich um eine Aufnahme handelt, die gerade erst erschienen ist. Die Unterschiede zu den Originalstudioversionen sind dermaßen marginal, dass sie eben keine Relevanz haben. Selbst in den Gesangslinien könnte behauptet werden, dass einige Chöre und Runs von damals fix mit Copy and Paste rübergezogen wurden. Das, was hingegen verändert wurde, wurde dann aber auch noch zum Negativen verändert: Weniger Bässe, weniger nach vorne treibende Synthie-Sounds. Wo ist der Spaß hin, die Lust zu tanzen, der Effekt, im Auto abspacken zu wollen? Stattdessen klingen „Daylight“, „There Must Be An Angel“, „No Angel (It’s All In Your Mind)“ oder „When The Angels Sing“ wie Remixe fürs Ü50-Publikum, das beim Dinner mit Freund*innen etwas Hintergrundbeschallung sucht. Leer.

Schlimm daran ist eben der Fakt, dass es kein einziges Mal an den Kompositionen selbst liegt. Die sind so herzerwärmend retro wie trashig und hervorragend poppig. Denn das Hit-auf-Hit-Feuerwerk kann man den No Angels nicht abstreiten. Jede*r kennt locker die Hälfte, eher sogar zweidrittel der Ohrwürmer. Mit den vier komplett neuen Titeln wird andererseits generische Kost geboten, der es ebenfalls an Zug fehlt. Stattdessen zockt „We Keep The Spirit Alive“ in Beat und Melodie schamlos bei „Physical“ von Dua Lipa und „Blinding Lights“ von The Weeknd und zitiert inhaltlich sämtliche No-Angels-Hits zusammen. Nett. Ihr kennt den Spruch mit „nett“. Ein kleiner Höhepunkt ist „Love You for Eternity“, das auch nicht die Welt bewegt, aber den Charme der 2000er so einfängt, dass es wirklich wie eine verschollene Single von damals klingt. Süß und berührend.

Es klingt so schön und ist doch so ernüchternd. Sämtliche Smasher der lovely No Angels auf einem Tonträger verpackt und modern aufgearbeitet. Leider kein schlichtes Best of remastered, sondern ein Endresultat, das bis auf extrem, extrem wenige Ausnahmen dazu verlockt, die ollen, zerkratzten und in zersprungenen Plastikhüllen aufbewahrten CDs aus dem Karton auf dem Dachboden zu holen, um dann wirklich auf dem Fluss Joy zu schippern. That’s the reason, they are in our hearts.

Und das sagt Alina:

Was waren das noch für Zeiten, als Boybands wie die Backstreet Boys, Girlbands wie Atomic Kitten und andere Superstars wie Britney Spears oder Justin Timberlake die Charts im Griff hatten. Der Vibe der späten 90er und frühen 2000er Pop-Musik wird wohl unvergesslich bleiben. Und wie man so schön sagt: Alles kommt immer wieder. Während die gefürchteten Schlaghosen, Bauchnabelpiercings, Crop-Tops (die früher bestimmt nicht so hießen) und sogar das coole Klapphandy ihr Comeback feiern, tauchen auch immer wieder altbekannte Gesichter aus den guten alten Musikzeiten wieder auf. So auch die No Angels – die bisher erfolgreichste Girlband Deutschlands und Europas. Knapp zwanzig Jahre nach ihrem Durchbruch feiern die Engel ihr großes Comeback. Zur Feier ihres Jubiläums haben Jessica, Sandy, Lucy und Nadja ihre alten Hits neu aufgenommen sowie neue Songs dazu kreiert. Ohne Vanessa. Das Ganze vereint sich im sechsten Studioalbum „20“ – und enttäuscht.

Im Jahr 2000 flimmerte im deutschen Fernsehen die erste Staffel der Castingshow „Popstars“ über die Bildschirme und offenbarte damit ein Format, das es in dieser Art und Weise bisher noch nicht gegeben hatte. Gesucht wurden junge, talentierte Frauen für eine Girlband. Das große Vorbild: die Spice Girls. Über 4.500 Frauen bewarben sich für die Show – am Ende konnten Sandy, Jessica, Lucy, Vanessa und Nadja als Siegerinnen daraus hervorgehen. Mit „Daylight in Your Eyes“ veröffentlichten die No Angels ihre erste Single und erklommen sowohl die Charts als auch die Herzen der Fans. Nach zwei Jahren und immensen Erfolgen hatte es sich allerdings wieder ausgesungen. Die No Angels gaben im Jahr 2003 ihre Trennung bekannt. Ein Comeback gab es nichtsdestotrotz – ohne Vanessa. 2007 versuchten Sandy, Jessy, Nadja und Lucy ihr Glück noch einmal – konnten aber nicht an alte Erfolge anknüpfen. Vor allem ein desaströser Auftritt beim ESC 2008 ließ das Image der Engel bröckeln. Ein Strafverfahren gegen Nadja und der Fokus auf Soloprojekte führte in den Folgejahren zu einer erneuten Trennung.

„20“ ist also nun die Antwort auf unzählige Nachfragen und Wünsche der Fans zu einem Comeback der Engel. Ursprünglich hatten die Vier nur „Daylight in Your Eyes“ neu aufgenommen und in einer spektakulären Playback-Show bei Florian Silbereisen promotet. Ein passendes Musikvideo dazu wurde auch gedreht, ist aber etwas zu viel bei der Band Little Mix abgekupfert. Im nächsten Jahr vereinen sich Sandy, Jessy, Nadja und Lucy sogar für ein großes Konzert in Berlin wieder. Auf das mit Spannung geblickt werden darf – nahezu alle TV- Auftritte der Band in den vergangenen Wochen waren nämlich ausschließlich Playback-Shows.

Das neue Album bietet 20 Songs, von denen vier brandneu sind und alle anderen eine Ode an die guten alten Zeiten präsentieren sollen. Bereits mit „Daylight in Your Eyes“ wird aber deutlich, dass dies den No Angels nur so halb gelingt. Die Vocals sind nach wie vor Klasse und die Lyrics kann wahrscheinlich jede:r im Schlaf mitsingen. Was fehlt ist der Vibe. Vom Musik-Arrangement drücken dir Produzent:innen gehörig auf die Bremse und nehmen dem Track gefühlt all das, was ihn ausmacht. Die Melodien dümpeln nur so vor sich her, werden „Daylight“ nicht gerecht und dem Pop-Sound der heutigen Zeit erst Recht nicht. Genau dies setzt sich auch auf all den anderen altbekannten Songs fort. Eine Reise durch fünf Alben der No Angels, in denen sie sich immer wieder ausprobiert und weiter entwickelt haben, klingt auf „20“ musikalisch wie der langweilige Einheitsbrei.

Positiv anzuerkennen ist, dass zumindest die Gesangsparts gleich geblieben sind. Mit Ausnahme natürlich von Vanessas Parts in den Songs. Auch wenn dabei gerade „Something About Us“ nicht mehr das ist, was der Track einmal war. Geschrieben hat ihn damals Vanessa, stimmlich dominiert ebenso. Jetzt fehlt was. Die angezogene Handbremse wird auch bei „There Must Be An Angel“ deutlich. Dieser Song steht und fällt mit Lucys Gesangsparts, die sie auch nach so vielen Jahren noch großartig rüberbringt. Stimmlich klasse. Aber leider übertüncht die Musik ihre Stimme viel zu sehr. Generell ist festzuhalten, dass das Zusammenspiel von Melodie und Gesang auf „20“ katastrophal gelöst wurde. Die Stimmen der Vier klingen im Gegensatz zur Melodie unheimlich leise. Darüber hinaus gehen die Stimmen von Jessica und Nadja teilweise ebenfalls komplett unter. Sandy hat immer wieder ihre großen Momente und auch Lucys Stimme, die wohl den größten Wiedererkennungswert hat, scheint durch. Die anderen beiden wirken teilweise eher wie das Beiwerk, um Sandys und Lucys Höhen zu pushen.

Definitiv nicht schlecht sind die Songs an sich – das sollte noch einmal deutlich gemacht werden. Jeder einzelne No Angels Song hat seinen eigenen Charme und Vibe. Gut umgesetzt wird dies auf „20“ beispielsweise bei „Still In Love With You“ und „Feelgood Lies“. Hier ist der Unterschied zum Originalen wirklich kaum hörbar. Gerade aber bei „All Cried Out“ und „Someday“ ist dies anders. Während Sandy stimmlich im Refrain von „All Cried Out“ unheimlich brilliert, wirken alle anderen Parts fast so, als würden die Engel jeden Moment einschlafen. Wirklich katastrophal ist aber das Arrangement von „Someday“. Gerade der Track versprüh im Originalen eine Leichtigkeit, einen Feel-Good-Vibe und eine gewisse Sommerstimmung. Die neue Version hat da eher Beerdigungspotenzial. Schade!

Mit dem neuen Song „Love You For Eternity” gelingt den No Angels ein Song, der sich nahtlos an den Stil der Band anpasst und die guten alten Musik-Vibes versprüht. Weniger Aufmerksamkeit erregen dahingehen die anderen drei neuen Lieder. „We Keep The Spirit Alive“ könnte von den Melodien her aufmerksamen Pop-Hörer:innen bekannt vorkommen. Und „Mad Wild“ so wie „A New Day“ bleiben leider ebenfalls kaum im Gedächtnis.

Wirklich brillieren kann „20“ zusammengefasst nicht. Die Idee eines Jubiläumsalbums ist und bleibt toll. Wenn daraus aber ein Best-Of Album gemacht wird, dann sollten die Songs auch ihren alten Charme behalten. Und selbst bei neuen Arrangements haben die No Angels in der Vergangenheit unter anderem mit ihrem Livealbum „When The Angels Swing“ bewiesen, dass es besser geht. Den Songs fehlt das gewisse Etwas – und da können die Lieder an sich sowie die vier Sängerinnen im Grunde gar nichts für. Schlecht sind die Melodien und die Arrangements. Hinzu kommt, dass Vanessa an einigen Stellen doch deutlich fehlt. Das Ganze klingt aber schlimmer als es ist, denn alleine die Freude, die Sandy, Lucy, Nadja und Jessy in den vergangenen Monaten übermittelt haben, ist schön anzusehen. Im Herzen bleiben wohl immer die Ursprungsversionen, während die neuen Arrangements schnell wieder vergessen werden. Highlight des Albums ist aber der Song „That’s The Reason“, den die No Angels ursprünglich auf ihrem Debütalbum und dann 2003 als Abschiedssong veröffentlicht hatten. Bei diesem sind wahrscheinlich von damals noch immer nicht alle Tränen getrocknet, weswegen es trotz schlechten Arrangements immer wieder schön ist, dass die No Angels wieder da sind.

Und so hört sich das an:

Das Album kannst du hier (Vinyl) und hier (digital) kaufen.*

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