The Pretty Reckless – Death By Rock And Roll

The Pretty Reckless

Wenn Rock-Musiker*innen auf die Meta-Ebene klettern und ihr hochheiliges Genre als Thema wählen, schlittern nicht wenige in das karge Land der Fremdscham. Zu Pathos behaftet, zu altbacken romantisch wirkt dieser Gestus gerade in einer Zeit, wo der Rock seine einst revolutionäre Bedeutung ohnehin für die breite Masse eingebüßt hat. Wenn nun The Pretty Reckless auf ihrem mittlerweile vierten Album „Death By Rock And Roll“ dem großen Narrativ folgen und dazu fleißig die Bluesgitarren nöhlen lassen, birgt das ein gewisses Risiko. Wer sich aber vom durchaus bewussten Spiel mit den Traditionen nicht gleich vergraulen lässt, findet ein Pulverfass mit ordentlich Expolsionspotential.

Mit Altbewährtem zu neuen Ufern

Bandfotos machen seit dem Debüt keinen Hehl daraus, dass Frontfrau Taylor Momsen das Aushängeschild von The Pretty Reckless ist. Und man muss sich auch nichts vormachen – ohne sie wäre die Band auch beileibe nicht so erfolgreich. Als der Titeltrack der neuesten Platte in diesem Jahr als fünfte Single der Band auf Platz 1 der US-amerikanischen Charts kletterte, machte das The Pretty Reckless zur ersten Rockband mit weiblicher Sängerin, die dieses Kunststück geschafft hatte. Würde sich jemand nun die Mühe machen und die Faszination der Band in den musikalischen Texturen und Tablaturen suchen, man würde nicht fündig werden. Denn auch wenn Momsen und ihre Mitstreiter Ben Philipps, Mark Damon und Jamie Perkins feine Arbeit an den Instrumenten leisten und auch Dad-Rock-Fans zum munteren Kopfnicken einladen, ist das Gesamtkunstwerk das, was The Pretty Reckless am Ende abhebt.

Von Pathos & Revolution

Denn tatsächlich ist schon der Titeltrack ein recht generischer Classic Rock-Track, der fast wie fehl am Platz wirkt neben all den anderen Chartgänger*innen. Es scheint aber eben doch noch zu funktionieren, dieses Narrativ der Revolution. Als Anführerin dieser präsentierte sich Momsen schon im großen Hit „Heaven Knows“ vor mittlerweile 7 Jahren. Mittel zum Sieg damals wie heute: Kinderchöre und pulsierende Tom-Toms. Neu ist 2021 jedoch die prominente Unterstützung von Tom Morello, der dem „Heaven Knows“-Pendant „And So It Went“ ordentlich Reibung verpasst. Dessen Mitwirken zeugt genau so von der Etablierung der Band wie Matt Camerons (Soundgarden/Pearl Jam) epische Riffspielerei zum Track „Only Love Can Save Me Now“. Umsäumt von diesen weißen Männern widmet sich Momsen einem Gestus der persönlichen Erstarkung, münzt in „Witches Burn“ den alten Hexen-Mythos in eine positive Neukonnotation um, geht im theatralischen „25“ in die ganz großen Weiten und zeigt in „My Bones“ dann wie es trotz klassischer Spielerei mit dem Martialischen auf die Tanzfläche gehen kann.

Gerade in der zweiten Albumhälfte spielen sich immer häufiger Folk-Country-Gewächse in den Vordergrund und die gesamte Band tritt auf die Bremse – im Closer „Harley Darling“ sogar mit weiten Frauenchören. So wirkt die hörbare Reife der Band zwar nochmal deutlicher nach, im Song „Rock and Roll Heaven“ überspannen sie den Bogen dann zumindest textlich aber doch. Nostalgischer Klagesang für das Lieblingsgenre mit einer Ode an „Jimmy, Janis, Morrisson“ wirkt doch etwas sehr käsig, doch immerhin möchte man Momsen diese Lyrics nach einem derart traditionsbewussten Album abkaufen. Und bei Texten wie „The world does not belong to you […]It belongs to me“ („And So It Went“) möchte man dieser wichtigen Identifikationsfigur für Frauen im Rock ohnehin alles verzeihen. Mit einem Gemisch aus Pathos und Revolutionsgeist 2021 noch etwas reißen – Respekt, The Pretty Reckless!

Das Album „Death By Rock And Roll“ kannst du hier (Vinyl) oder hier (digital) kaufen. *

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