The String Theory – The Los Angeles Suite

Eine Grammy-Nominierung ist ein Ritterschlag – erst recht für Künstler*innen aus Deutschland. Die haben nämlich nur selten die Ehre. Allerdings scheinen wir eine Sache ganz gut zu beherrschen: Orchestermusik. Der in Frankfurt geborene Hans Zimmer hat das über die letzten Jahrzehnte beachtlich vorgemacht und damit bereits drei Trophäen des begehrtesten Musikpreises mit nach Hause geschleppt. The String Theory, deren Ursprung sowohl in Berlin als auch im schwedischen Göteborg liegt, steuern nun auf das gleiche Ziel zu und haben mit ihrer ersten Nominierung dieses Jahr einen wichtigen und erfolgreichen Schritt getan.

Dabei beginnt ihr neustes Album The Los Angeles Suite mit absoluter Stille. Es dauert einige Sekunden bis das erste atmosphärische Rauschen aufkommt. Wie bereits der Titel vermuten lässt, wurde das knapp 40-minütige Klangspektakel in der beliebten kalifornischen Metropole aufgenommen – einerseits mit Musikern aus der Region, andererseits mit über 60 Instrumentalisten. Bombast is the word. Umso empfehlenswerter ist es, das mutige, abgefahrene und fordernde Stück Musik über eine fette Anlage zu hören. Wie passend, dass am letzten Septemberwochenende die LP auch auf Vinyl und CD erscheint, was sich auf jeden Fall besser anbietet als ein mittelprächtiger Stream oder Download, die schon drei Wochen länger verfügbar sind.

Die Basis des dynamischen Künstlerkollektivs bilden die Produzenten bzw. musikalischen Leiter PC Nackt, Sebastian Gäbel und Ben Lauber, die die letzten Jahre auch intensiv mit dem Singer/Songwriter José González zusammengearbeitet haben und mit ihm durch diverse Länder gereist sind. Der hat auf The Los Angeles Suite mal Pause, stattdessen wechseln sich am Mikrofon andere Sänger*innen ab, die mal für schaurige Augenblicke sorgen, lyrische Texte in Sprechgesangform vortragen oder fast schon folkig klingen.

The Los Angeles Suite ist äußerst heterogen. Es ist gar nicht so einfach, Anhaltspunkte zu geben, die sich nicht lesen lassen, als ob sie sich völlig widersprechen. Wer sich aber irgendwo zwischen Herr der Ringe-Soundtrack, Björk, Damien Rice, Radiohead, Portishead und Massive Attack zuhause fühlt, sollte nicht enttäuscht werden. „Hollywood Calling (feat. Addie Hammilton)“ erinnert in seiner leicht atonalen Komposition an Edvard Griegs „In der Halle des Bergkönigs“ und ist gleichzeitig in vielen Teilen fast schon jazzig. Oder doch rockig? Ein Stück, das sich für große Ballettensembles und Contemporary-Tänze perfekt eignet. „Jealous Days (feat. Jens Kuross)“ ist Intro und klingt im selben Moment wie ein Outro mit viel Fernweh. Eine fesselnde Stimme, Meeresrauschen und schweres Klavier. Da springt jedes Herz dank wehmütiger Klänge bis zum Hals. Gleiches gilt für das Film-Noir-artige „No One Believes A Ghost (feat. vōx)“ mit leicht irischer Note oder den Trip-Hop-Song „California Lover (feat. Shana Halligan)“ mit viel Moll und Streicherüberfluss.

Eigentlich ist The Los Angeles Suite ein großer Mix aus vielen Genres, die sich irgendwie eignen mit großem Orchester kombiniert zu werden, aber im Tempo eher zurückfahren. Grenzen scheinen dafür da zu sein, um sie zu überschreiten. Das kann gegen die Wand fahren, passiert aber nur selten. Zum Glück verleitet lediglich ein Track zum Skippen – bei „Stars and Hypes“ muss man zwar nur gute zweieinhalb Minuten durchhalten, die aber eben wirklich durchhalten. Mag mit den passenden Bildern in einer Klanginstallation sensationell wirken, strapaziert aber über die heimischen Boxen schnell die Gehörgänge über. Wem stringente Songstrukturen zu langweilig sind, darf sich am anschließenden „Moon Landing (feat. Grayson)“ mit Kristalleffekten austoben. Mit dem überladenen, lauten, leicht schrillen, aber auch äußerst fesselnden „Remember (Suite No. 1) (feat. Morgan Sorne)“ ist das experimentelle Werk dann vorbei.

The Los Angeles Suite von The String Theory mag wohl bedacht eingesetzt werden. Schenkt man dem Album zu wenig Aufmerksamkeit, könnte es die alltäglichen Abläufe unangenehm unterbrechen und stören. Sucht man hingegen eine Klangreise, die vor Facetten des Pops, der Klassik und Electronica nicht zurückschreckt, kann man hier mit den passenden Kopfhörern sowie einer bequemen Unterlage in bunte Welten abtauchen, die ohne Anstrengung vorm inneren Auge auftauchen werden. Da klickt man dann auch gern nach dem Ende erneut die Playtaste.

Und so hört sich das an:

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