Wenn man in ein bereits besuchtes Restaurant geht, gibt es genau zwei Lager: Diejenigen, die sich darauf freuen, auf der Speisekarte etwas Neues auszuprobieren und darauf zu hoffen, dass es genauso gut oder vielleicht noch besser schmeckt als das Gericht vom letzten Mal. Und diejenigen, die jedes Mal dasselbe bestellen. Immer wieder. Über Jahre. Weil sie sich genau auf diese Zubereitung, diese Würzung, diese Menge und diese aktivierten Geschmacksnerven freuen. Wozu gehört ihr? Nichts von beidem ist besser oder schlechter, es ist einfach unterschiedlich. Alter Bridge-Fans gehören hoffentlich zur zweiten Gruppe.
Denn warum sollte man im achten Durchlauf etwas komplett anders machen? Alter Bridge sind sich in dem, was sie tun, so sicher, dass sie ihrer Crowd eigentlich bereits zum achten Mal exakt dasselbe Menü servieren. Ok, es ist üppiger als beim letzten Besuch. Nämlich sechseinhalb Minuten üppiger. Oder auch anders umgerechnet: zwei Tracks üppiger. Aber inhaltlich darf sich auch das self-titled Alter Bridge wieder auf Shuffle mit allen vorangegangenen LPs in eine Reihe stellen. Somit kann man mittlerweile locker rund acht Stunden Alter Bridge hören, ohne klar und deutlich zu erkennen, was denn jetzt nun zu welchem Longplayer gehört. Findet man das mega oder eher meh?
Selbst der Zyklus wurde beibehalten. Zwar hat man im Kalenderjahr erstmalig vier statt drei Runden warten müssen, aber eigentlich sind es die gängigen drei Jahre Wartezeit zwischen dem Vorgänger „Pawns & Kings“ (Oktober 2022) und dem neusten Output, plus zwei Monate on top. Somit die längste Pause seit dem Debüt „One Day Remains“ und dem Zweitling „Blackbird“, aber eigentlich ist es natürlich keine wirkliche Pause.
Weil wenn die Vollblutmusiker rund um Myles Kennedy und Mark Tremonti nicht im Studio stehen, stehen sie auf der Bühne oder arbeiten an ihren Solosachen. Und das verdient selbstverständlich einen fetten Applaus. Seit über zwei Dekaden ballert man in dem immer gleich schnell fahrenden ICE durchs Leben und tut das, was einem am besten gefällt. Das ist ja auch irgendwo schon wieder geil, wenn man einfach kontinuierlich bei sich selbst bleibt. Die, die die Schnauze voll haben, können ja gehen.
Somit wissen wir also nun an der Stelle bereits: Auf Alter Bridge gibt es nichts Überraschendes. Wirklich gar nichts. Jeder Song klingt so, wie man es sich vorher denkt. Aber das ist ja bekanntlich überhaupt nicht mies, denn das, was sie machen, machen sie ja vor allen Dingen handwerklich sehr, sehr gut. Wieder mal gibt es super intensive Drum-Gewitter mit 2000er-Metal-Feeling („Power Down“, „Silent Divide“, „Disregarded“), die es so leider nur noch viel zu selten gibt. Alle vier Beteiligten geben 100 Prozent von dem, was in ihren Fingern steckt – und das ist much. Ist man einmal im Drive, ertappt man sich recht schnell dabei, wie man noch ein Stückchen lauter aufdreht. Stimmungswechsel im Minutentakt („Tested and Able“), neunminütiger Epos für Film-Noir-Freaks („Slave To Master“) oder auch einfach eine super berührende Südstaaten-Country-Rockballade, die sich fast schon anfühlt wie Bon Jovi („Hang By A Thread“), die aber nur ein Myles Kennedy so melodisch serviert.
Jedes einzelne dieser Argumente könnte man easy ins Negative umkehren. Das ist eben Fluch und Segen. Es ist einfach sauschade, dass Menschen mit solch einem irren Talent für ihre Instrumente und einer der allerbesten Stimmtechniken weltweit so hart in ihrer Comfort Zone bleiben. Nein, man braucht wirklich nicht acht gleichklingende Alben im Schrank. Aber am Ende ist das einfach äußerst subjektiv, ob dasselbe Gericht nun die klügste oder eben die dümmste Entscheidung ist, wenn doch noch 30 andere Schmackos zur Auswahl stehen.
Tourdaten:
15.1. Sporthalle, Hamburg
25.1. Columbiahalle, Berlin
30.1. Gasometer, Wien (AT)
05.2. Exhibition Hall, Zürich (CH)
17.2. Turbinenhalle, Oberhausen
20.2. Zenith, München
13.6. Nova Rock-Festival, Nickelsdorf (AT)
Und so hört sich das an:
Website / Facebook / Instagram / TikTok / Threads / X
Die Rechte fürs Cover liegen bei NAPALM RECORDS.
* Affiliate-Link: Du unterstützt minutenmusik über deinen Einkauf. Der Artikel wird für dich dadurch nicht teurer.