The Used – Heartwork

Cover von The Useds sechstem Album "Heartwork"

The Used scheinen in einer niemals endenden Vergangenheitsschleife gefangen. Seit dem Erfolg der zwei Erstlingswerke „The Used“ und „In Love And Death“ gelang es den Musikern um den exzentrischen Frontmann Bert McCracken nie, den Fokus von ebendiesen beiden Meilensteinen wegzubewegen. Es folgten fünf weitere Studioalben und massig Tourneen, bei denen die US-Amerikaner als lauwarme Kost zumeist vorrangig Stücke der beiden Frühwerke auftischten. 2016 dann die logische Konsequenz: Eine Welttournee, auf der man zwei Abende hintereinander in Gänze jeweils Album Nummer eins und zwei performte. „The Canyon“ aus dem Jahr 2017 setzt dem nochmal die Krone auf. Das Album bot als straighte Rock-Platte mit einigem Füllmaterial so wenig Reibfläche, dass es schlussendlich kaum Aufmerksamkeit bekam. Dementsprechend wundert es nicht, dass The Used während der zugehörigen Tournee im Folgejahr keinen einzigen Song ihres siebten Studiowerkes spielten. Über die Hälfte des Sets machten aber – na klar – die ersten zwei Alben aus.

Knapp 24 Monate später stehen The Used nun mit einem neuen Album bereit. Das nennt sich „Heartwork“ und polarisiert seines breit gefächerten Sounds wegen deutlich mehr als der undankbar angenommene Vorgänger. Gemäß der illustren Gast-Ansammlung der Platte übt sich das Quartett nun daran, möglichst viele Stilrichtungen miteinander in Einklang zu bringen – ein Unterfangen, das nur teilweise gelingt. Aber Hauptsache nicht mehr egal sein!

Einstieg mit Feuer

Dabei steigen The Used mit „Paradise Lost, a poem by John Milton“ und „Blow Me“ eigentlich recht energetisch und vielversprechend ein: Die Intensität stimmt, die Energie stimmt, die Melodien stimmen. „Blow Me“ legt dem rockigen Intro sogar noch einmal eine Schippe Feuer drauf und lässt zum Schluss ein brachiales Beatdown-Outro auf die Zuhörer*innen los. In der Bridge brüllt sich zudem Jason Aalon Butler, der mit seiner Band The Fever 333 beweist, dass es für genau solche Art harter Gitarrenmusik noch immer eine Zielgruppe gibt, voll Wut den Ärger von der Seele.

Ab dem anschließenden „BIG, WANNA BE“ dreht die Platte dann jedoch stilistisch ab: Mit seinem Klavier, monotonen Beats und Pop-Rock-Refrain hätte der Song so ähnlich fast schon auf der aktuellen Green Day-Platte landen können. Von da an weichen kitschige Power-Balladen wie „Wow, I Hate This Song“ und „The Lighthouse“ mal modernen Pop-Rockern sowie härteren Rock-Stücken. „Bloody Nose“ beispielsweise beginnt mit dick aufgetragenem Riff, führt dann in eine schelmische Strophe, bloß um anschließend in einen eingängigen Refrain zu leiten. „Cathedral Bell“ versucht dagegen auf den Billie Eilish-Hype aufzuspringen und setzt auf düsteren Synthie-Bass sowie reduzierten Dance-Beat. Im Gegensatz zu der sympathischen 18-Jährigen fehlt es The Used jedoch an schnippischem Charakter, Rebellion und Biss.

Von elektronischem Pop-Rock, Streicherarrangements und Beatdown-Ausbrüchen

Elektronischere Pop-Rock-Momente gibt es im Albumverlauf einige. Vor allem der „Clean Cut Heals“-„Heartwork“-„The Lighthouse“-Dreier führt in ungewohnt poppige und synthie-lastige Welten ein, auch wenn zunächst 80s-Funk, dann Spoken-Word-Vortrag und schlussendlich balladeske Momente dominieren und sich die Stücke deshalb schon voneinander abheben. Zuvor baut die Band immer wieder auch orchestrale Elemente in ihre Songs ein. So beginnt „1984 (Infinite Jest)“ mit einem Violinen-Part, der an den Panic! At The Disco Über-Hit „I Write Sins Not Tragedies“ erinnert. Mit seinen eklektischen, von verzerrtem Sub-Bass und verstörenden Vocal-Effekten durchzogenen Düster-Ausbrüchen sowie abschließenden Klavier-Outro bleibt der Song dennoch eins der gelungensten Experimente.

Gegen Ende hin übernehmen dann auf einmal wieder die harten Gitarren. Während sich Beartooth-Frontmann Caleb Shomo scheinbar seinen inneren Dämonen widmet, verliert sich „The Lottery“ sogar erneut in einem heftigen Beatdown-Moment. Dieses hohe Energielevel behält auch „Darkness Bleeds, FOTF“ bei, bloß um dem finalen „To Feel Something“ im Anschluss genug Raum zur Entfaltung zu bieten. Einem Mantra gleich wiederholt McCracken den immergleichen Refrain, singt diesen zunächst über Klavier, Akustikgitarre und Streicher und schwingt seine Stimme anschließend zu verzerrten Gitarren, Synthesizern und Bässen in die Ekstase. Eindringlich, dicht arrangiert und kreativ: Toll!

Faden, Stilsicherheit & Konstanz?

Trotz seines starken Einstiegs und Abgangs kann „Heartwork“ vor allem in seinem Mittelteil nicht immer mitreißen. Dafür schmeißen The Used zu gewollt all das in den Soundmixer, was momentan Anklang finden soll. Dem Album fehlt es deshalb an Faden, Stilsicherheit und Konstanz. Dem heterogenen Soundbild entsprechend gesellt sich in seinem Verlauf nahezu alles zu den vier Musikern, was auch Anfang 2020 noch im Gitarrenbereich Erfolg hat und aus Nord-Amerika stammt: Zwei Drittel von Blink-182 sowie Mitglieder von The Fever 333 und Beartooth. Zudem hätte es „Heartwork“ sicherlich verkraftet auf drei oder vier schwächere Negativ-Ausreißer zu verzichten. Gerade wegen seines häufig modernen Sounds wird das achte Album der Band jedoch auch wieder in Kreisen Wellen schlagen, die sonst des Emo-Images wegen unbeeindruckt mit den Schultern zucken, wenn neue Musik der Amerikaner auf den Markt kommt. Ein Ausbruch aus der Vergangenheitsschleife erscheint deshalb bei den vielen hippen Einflüssen diesmal gar nicht so unwahrscheinlich. Ein erster Schritt in Richtung Freiheit ist das allemal.

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Die Rechte für das Cover liegen bei Hassle Records.

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