Auch 2025 galt Spanien wieder als beliebtestes Auslandsreiseziel der Deutschen. Zwar verteilt sich das Ganze mittlerweile mehr übers gesamte Land hinweg, aber Mallorca ist immer noch eine der Top-Destinationen. Und Malle hat ja seinen ganz eigenen Charakter, zumindest der Ballermann. Es ist eine Art Parallelwelt – geiles Wetter, endloser Alkoholkonsum, feierwütige und flirtwillige Menschen und sogar ein eigenes Musikgenre. Auf der anderen Seite verhält es sich mit der Gattung Musical ähnlich. Das finden manche völlig dramatisch und drüber, für die allermeisten ist es aber die beliebteste Theaterform und gewinnt immer weiter an Popularität. Der Ballermann und das Musical. Zwei Dinge, die sich niemals kreuzen werden – oder etwa doch? Mit Malle Olé – Das Musical, das ballert wagt man ein wirklich waghalsiges Experiment. Gerade erst feiert es Weltpremiere im Theater am Marientor in Duisburg.
Am 8.1., einem Donnerstag, treffen sich Menschengruppen, die man ansonsten wohl nie in einem Raum vorfindet. Typische Mallorca-Touris tun so, als ob sie in den Flieger steigen, statt ins Theater zu gehen, tragen ihre einheitlichen Trikots mit Motto und halten aufblasbare Flamingos in der Hand. Sie stimmen lauthals die Hits der letzten Sommersaison an. Das, was sie von ihrem Aufenthalt im 17. Bundesland mit nach Hause genommen haben. Direkt daneben stehen eingeladene Reality-TV-Promis wie Micaela Schäfer, Jürgen Milski, Bela Klentze und Frank Fussbroich. Dazwischen tummeln sich Hardcore-Musicalfans, die sich über jede kreative Neuigkeit freuen, und diverse Pressevertreter*innen im schicken Abenddress. Wild. Doch manchmal muss es eben out of the box sein, um ein neues Level freizuspielen. Kreativ ist die Wahl, ein Musical mit Mallorca-Thematik und Ballermann-Songs auf die Bühne zu bringen, allemal und laut Team sogar komplett neu und einmalig. Zwar haben sich einige Jukebox-Musicals schon in die Richtung Schlager getraut – darunter „Wahnsinn“ mit Wolfgang–Petry– oder „Ich war noch niemals in New York“ mit Udo–Jürgens-Titeln – aber so konsequent edgy waren wohl bisher keine Musical-Macher*innen. Ein Fehler? War das eine bisher immer verpasste Chance?
Die Stimmung ist – so wie das Publikum eben auch – zweigeteilt. Das Setting ist halt ein Theater, sodass die Atmosphäre eher dazu verleitet, stilvoll mit Weinglas durch das Foyer zu flanieren. Trotzdem lassen es sich manche aber nicht nehmen, die Preshow zum anstehenden Malle-Weekend im Frühjahr hierhin zu verlegen. So wird schon vor Showbeginn zu laut laufenden Songs geshuffelt, und „döp döp döp“ mitgegrölt. Völlig fein, nur bisher entsteht noch keine so richtige Homogenität im Raum. Das soll sich ab 19 Uhr verändern, wenn einer der Kreativen die Bühne betritt und stellvertretend für die drei Buchautoren Sven-Oliver Müller, Matthias Dinter und Martin Ritzenhoff sowie die Komponisten Harald Reitinger und Mike Rötgens das Publikum begrüßt und ausdrücklich dazu auffordert, mitzuklatschen, mitzusingen und beherzt aufzuspringen, wenn der Lieblingssong ertönt. Fast schon wie mit einem Warm-Up-Mitarbeitenden bei Fernsehaufzeichnungen wird das vorab sogar geübt. Immer in Sichtweite sitzt das Team in Publikumsnähe in einer der Theaternischen und spornt dazu an, aufzuspringen und die Hände in die Luft zu werfen. Hier wird nicht still gesessen, hier wird gelacht und mitgemacht, heißt es. Ansage. Trotz Premiere sind im Parkett geschätzt ein Drittel der Plätze frei, im Rang oben sind höchstens 30 Plätze belegt.
Schaut man sich an, was die Personen hinter Malle Olé vorher getan haben, fällt auf, dass sich alle irgendwo mit dem Thema schon mal auseinandergesetzt haben. Der eine gehört mit zum Team vom Trash-Mount-Everest „Die Passion“ aus RTL, der andere schrieb 2000er Klamauk-Komödien wie „Feuer, Eis und Dosenbier“ mit Axel Stein, die Komponisten haben Sachen für Carmen Geiss produziert oder mit „Das rote Pferd“ sogar einen B6-Classic gemischt. Alles Leute, die also in ihrem Handwerk etwas können und gut sind. Doch am Ende stellt man in dem immer wieder hübschen Theater am Marientor etwas vor, was unter dem Begriff Musical läuft – und davon verstehen die Hauptbeteiligten anscheinend nur bedingt etwas.
Malle Olé zieht Aufmerksamkeit. Allein schon durch die Absurdität. Ein Malle-Musical im Ruhrgebiet – wie soll das gehen? Alle stellen sich dieselben Fragen, und gerade das macht es natürlich interessant. Einiges funktioniert sogar ganz gut, vieles aber leider sehr wenig bis überhaupt nicht. Vorweg die Story: Installateur Alex hat vor drei Jahren Laura am Ballermann kennengelernt. Gerade erst haben sie sich getrennt. Beide haben denselben Plan, nämlich mit ihren Cliquen den Kummer wegzuballern. Und wo klappt das besser als auf der Insel? Siehst du. Also auffi-auf – doch schon am Flughafen gibt es das erste nicht geplante Wiedersehen. Alex ist sofort aus der Bahn geworfen, seine Kumpels probieren ihn abzulenken. Ebenso tun es die Mädels von Laura, die dann jedoch vor Ort schnell auf Viktor trifft. Der hat eine Yacht und will Mallorca endlich zur Luxusortschaft umkrempeln und hasst sämtliche Asi-Touris. Der Stress ist vorprogrammiert.
Tatsächlich hat Malle Olé – Das Musical, das ballert besonders im Libretto – und wir begeben uns an dieser Stelle mal auf das Sprachlevel der Show – richtig reingeschissen. Dass man keine komplexe Kost erwarten darf, ist völlig logisch. Haben wir auch nicht. Aber dass sich die gesamte Handlung voraussehen lässt und so gar keinen Funken an Überraschung bietet, ist nicht nur stumpf, sondern leider auch noch langweilig. Und langweilig hätte man inhaltlich nicht sein müssen. Nein, noch schärfer: Nicht sein dürfen. Comedy-Musicals leben durch Spritzigkeit und Tempo – beides bleibt hier weit hinter den Erwartungen zurück. Stattdessen gibt es ein Abhandeln von wirklich allen Klischees – angefangen bei möglichen Fremdgeh-Eskapaden über einen Knastbesuch zum Ausnüchtern und und und. Ihr wisst schon.
Weiter geht’s mit Humor: Verspricht man eine Minute vor der Show, dass man sich hier schlapplachen wird, wäre es schon gut, wenn das dann auch funktioniert. Stattdessen bewegt man sich aber auch hier auf sehr, sehr flachem Niveau und hat nochmal sämtliche Wortspiele rausgekramt, die aber wirklich nur noch Ü50-Menschen zum Schmunzeln bringen. Ganz selten mal landet man völlig unerwartet einen Volltreffer, der doch dazu führt, dass man spontan auflacht – aber bei einem Musical, das nur unterhalten will, sind fünf zündende Gags auf einer völlig unnötigen Länge von 145 Minuten reiner Spielzeit einfach zu wenig. Außerdem bleibt final unklar, ob es sich um eine Parodie auf den Ballermann oder doch eine Hommage handelt. Eine endgültige Entscheidung kann man da wohl kaum treffen. Manchmal nimmt es sich ernst, dann wieder gar nicht. Manchmal geht es eher liebevoll mit den Charakteren um, dann werden viele einfach nur vorgeführt. So gar nicht 2026 ist vor allen Dingen, dass eine Figur für ihre Jungfräulichkeit permanent geshamed wird, eine andere für ihren angeblich zu kleinen Penis. Und natürlich wird Coolness daran gemessen, wie viel man saufen kann. Well… Auch dass mehrfach mit der vierten Wand gebrochen und das Publikum von Viktor in die Pause entlassen, von der Mädelstruppe in den zweiten Akt begrüßt wird und manche von ihnen dann mit Leuten auf den Sitzplätzen flirten, ist keine wirklich gute Idee, weil das Switchen zwischen „Das ist jetzt ein Schauspiel, was auf Mallorca passiert“ und „Das ist jetzt ein Moment, der in Duisburg stattfindet“ sehr random und nicht wie ein gutdurchdachtes Stilmittel wirkt.
Doch nun zu weit aus Positiverem: die Cast. Gleich mehrere Darsteller*innen sind der Fanbubble wohl aus unterschiedlichen Produktionen bekannt. Man merkt vielen an, dass sie dem Projekt etwas abgewinnen können und sich auf der Bühne wirklich ins Zeug legen. Frei nach dem Motto „Wenn ich mal freidrehen darf, nutze ich den Moment“ sind allen voran Jessica Kessler, die aktuell auch in „Mrs. Doubtfire“ in Düsseldorf brilliert, als Aldi-Kassiererin Michelle, Anthony Curtis Kirby, den man die letzten Jahre in „Romeo & Julia – Liebe ist alles“ in Berlin sehen kann, als Peter und Jennifer Siemann als Olivia richtige Stimmungsbomben. Wenn Jessica Kessler am Start ist, geht das richtig nach vorne. Darf Jennier Siemann ran, wird es sexy-verrucht und die Hüften werden gekreist. Und Anthony Curtis Kirby kann besonders zu seinem Pater Lorenzo in Berlin den allergrößten Kontrast herstellen und wirkt hier schräg, trottelig wie liebenswert. Till Jochheim als Jonas ist ebenso sympathisch und bekommt einige Publikumsliebling-Momente. Lisa Kimberly Schöppl als weibliche Hauptrolle Laura fällt hingegen etwas ab und bleibt im Gesamteindruck relativ blass. Peter Knauder als Hauptfigur Alex sorgt mit seinem extrem gepumpten Body natürlich für ihm nachstarrende Augen, was zum Charakter super passt, ist aber schauspielerisch und gesanglich jetzt nicht das Aushängeschild. Funfact am Rande: Knauder ist übrigens der Cousin von Andreas Gabalier.
Wie sieht es denn generell mit der Musik und dem Gesang aus? Die große Hürde ist, Songs, die so komponiert wurden, dass man sie auch unter hohem Alkoholeinfluss mitsingen kann – also tonal wie lyrisch einfach gehalten sind – in ein Gewand zu packen, das zu professionell ausgebildeten Musicaldarsteller*innen zu passen. Nur bei wenigen Titeln hat man das Arrangement hörbar angepasst. ansonsten sind es meist ein paar Takte als Intro, die etwas ausbrechen, bevor es dann in den klassischen Ballermann-Musikrahmen zurückgeht. Von den alternativen Versionen sticht besonders „Schatzi, schenk mir ein Foto“ von Mickie Krause hervor, das in der fiktiven Bar „Bierpark“ – also dem Mittelweg aus „Bierkönig“ und „Megapark“ – in einer Slowfox-Variante performt wird. Ja, richtig mind-blowing. Auf einmal gibt es Jazz-Atmo, während man sich sonst bei allen Liedern im Discofox-XXL-Marathon befindet. Auf der Tracklist steht alles, was in den letzten Dekaden auf Repeat gepumpt wurde. „Layla“, „Inselfieber“, „Johnny Däpp“, „Der Zug hat keine Bremse“, „Mama Laudaaa“ – alle paar Minuten wartet der nächste Ohrwurm darauf, sich einzecken zu dürfen und einen bis ins Bett zu begleiten. Hausaufgaben definitiv gemacht. Jedoch tut man damit so manchen der Darsteller*innen keinen so großen Gefallen. Die probieren immer wieder, manche Töne besonders musical-esque und anspruchsvoll zu performen, müssen sich dann aber doch dem Beat fügen. Zum Finale dürfen die beiden Hauptfiguren in einer Akustikversion von „Blau wie das Meer“ ganz, ganz kurz für Sentimentalität sorgen. Aber wirklich maximal fünf Minuten. Zwischendurch gibt es immer wieder auch extra fürs Musical geschriebene Titel wie das Finale „Wir sind Malle Olé“, das sich in den musikalischen Gesamtkontext einreiht. Die großen Vocal-Skills bleiben jedoch in diesem Musical außenvor. Na gut.
Das Bühnenbild besteht aus mehreren LED-Wänden, auf denen KI generierte Visuals laufen, wie es das Team selbst sagt. Die sind völlig in Ordnung. Auch die Requisite, die unter anderem aus Teilen der Yacht, mehreren Bar-Equipments, einem sehr überdimensional großen Sandförmchen und Schwimmtieren besteht, sind solide. Nicht überragend aufwändig und hervorstechend, aber absolut ausreichend. Selbes gilt für das sommerliche Kostüm, das natürlich viel nackte Haut zeigt. Häufig werden Aufbauten von der Produktion während einer Szene auf die Bühne geschoben, was den Eindruck schmälert. Das sollte man anders lösen. Den miesesten Job macht am Premierenabend übrigens die Tontechnik. Dafür, dass sechs Previews gespielt wurden, gibt es viel (!) zu viele zu späte Einsätze bei zig Mikrofonen, mehrfach Rückkopplungen und keine gute Abmischung zwischen Musik und Gesang. Und dabei kommt die Musik schon vom Band und wird nicht live gespielt. So herausfordernd ist das also nicht. Auch die Cast scheint nicht immer alles mitzubekommen, sind manchmal Einsätze nicht richtig im Takt. Wirkt insgesamt leider unprofessionell. Bester Aspekt am ganzen Abend ist übrigens die mitreißende Choreografie von Sabine Arthold. Passend wird ordentlich Vollgas gegeben, da kann sich die ganze Cast richtig auspowern. Mehrmals gibt es schöne Bilder, bei der bis zu 18 Personen gleichzeitig mitwirken. Die Energie kommt spürbar rüber.
Malle Olé ist kein Totalausfall, aber leider wirklich nicht gut. Das ist ganz schön schade, weil die Idee Potenzial hat. Eine klarere Entscheidung, was man sein will, hätte ziemlich gut getan. Mehr Raffinesse, mehr kluge Twists im Schreiben. Nimmt man das Urlaubsziel nun voll aufs Korn und hält sämtlichen Touris den Spiegel vors Gesicht, wären auch ein paar kritische Momente gut gewesen. Vielleicht auch ein queeres Pärchen als Sidekick. Oder möchte man es denjenigen, die bisher nicht da waren, doch noch schmackhaft machen? Dann hat man aber am Ende fast nur Klischees bedient. Will man ein Jukebox-Musical sein, in dem Malle-Hits dem Setting entsprechend angepasst werden, oder einfach eine Covershow, bei der dann die Spielszenen aber fast schon stören? Die Zielgruppe ist letztendlich wohl die recht kleine Gruppe an Leuten, die wenige bis keine Musicals bisher gesehen haben, Trash plus Ballermann-Schlager lieben und für solch einen Abend genug Geld besitzen. Da manche Tickets für den Samstagabend in den vorderen Reihen 150 Euro kosten, geht man mit den großen Produktionen des Landes von Stage und ATG in Konkurrenz – und hat dafür dann doch nicht genug zu bieten, weil man es nicht geschafft hat, Vorkenntnisse ins richtige Musicalkostüm zu übertragen. Wahrscheinlich genau die richtige Show für Kabarattbühnen wie den Mondpalast in Herne oder Schmidts Tivoli in Hamburg, aber so ganz ergibt sich in Malluisburg – das ist tatsächlich ein witziges Wortspiel, yes! – einfach kein stimmiges Gesamtbild. Übrigens auch nicht bei der Aftershow-Party im Foyer, die es nach jeder Vorstellung gibt, aber bei der auch niemand so richtig weiß, ob Sangria oder Champagner nun das bessere Getränk wäre.
Weitere Termine:
09.01. 19 Uhr
10.-11.01. 14 & 19 Uhr
13.-16.01. 19 Uhr
21.-23.01. 19 Uhr
24.-25.01. 14 & 19 Uhr
27.-30.01. 19 Uhr
31.01. & 01.02. 14 & 19 Uhr
03.-06.02. 19 Uhr
07.02. 14 & 19 Uhr
10.-12.02. 19 Uhr
17.-20.02. 19 Uhr
21.-22.02. 14 & 19 Uhr
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Foto von Christopher Filipecki
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