Plattenkrach: Michael Jackson – Dangerous

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Runde Drei des Plattenkrachs macht einen gewaltigen Zeitsprung und landet im Jahr 1991 – zum ersten Mal bei einem Künstler, der heute nicht mehr lebt. Christopher liebt Michael Jackson, seit er denken kann – Jonas hat das Album “Dangerous” bis vor wenigen Tagen noch nie gehört! Beide hatten zur Platte etwas mehr zu sagen…

Wenn sich für Künstler neue Attribute etablieren, scheint an ihnen irgendwas Besonderes zu sein. Für Michael Jackson entstand in den 80ern der Begriff „Megastar“. Seine Betitelung als „King Of Pop“ ist selbst neun Jahre nach seinem Tod gebräuchlich und wird es wohl auf ewig bleiben. Aufgrund der Musikmarktentwicklung ist „Thriller“ wahrscheinlich bis die Menschheit ausstirbt das meistverkaufte Album aller Zeiten – manche Quellen schätzen es auf 110 Millionen verkaufte Exemplare. Ganz nebenbei hat das achte der insgesamt zehn Jackson-Kinder aus Gary in Indiana mit seinem Tanzstil eine Revolution ausgelöst, Black Music salonfähig gemacht und Videoclips so kommerzialisiert, dass es plötzlich Musikvideopremieren im Fernsehen zu sehen gab. Die anderen bahnbrechenden Ereignisse lasse ich nun mal außen vor.

Wer solche Rekorde und einschneidenden Momente in der Musikgeschichte vorweisen kann, darf sich auf der einen Seite sehr glücklich schätzen, so viel Talent zu besitzen – auf der anderen Seite quält man sich fortan mit dem Druckgefühl, das Niveau zu halten, um an derartige Höhepunkte nur ansatzweise heranreichen zu können. Selbst mit dem „Thriller“-Nachfolger „Bad“ schaffte MJ 45 Millionen Ausgaben über den Ladentisch zu bringen und ist damit gleich zweimal in der Top 5 der international erfolgreichsten Alben aller Zeiten. Das Motto „Aller guten Dinge sind Drei“ gilt hier allerdings nicht. Es sollte bei zwei Alben bleiben.

Das 1991 veröffentlichte Album „Dangerous“ hatte nach den beiden surrealen Vorgängern kaum eine Chance – trotzdem wurde etwas bahnbrechend-Neues erwartet. Das gab es auch: Es hieß „Nevermind“ von Nirvana. Tatsächlich schaffte es DAS Grunge-Album, den „King Of Pop“ nach vier Wochen vom Thron zu stoßen. Dabei entwickelte MJ mit „Dangerous“ einen komplett neuen Musikstil, den New Jack Swing – ein Genre, das die komplette HipHop- und R’n’B-Szene beeinflusste, jedoch durch die aufmüpfige Hau-Drauf-Jugend kaum wahrgenommen wurde – Nirvana waren eben zur rechten Zeit am rechten Ort.

Aber warum ist „Dangerous“ denn nun ein Meilenstein? Warum wähle ich „Dangerous“ statt „Thriller“ oder „Bad“? Trotz des ordentlichen Erfolgs steht das Album stets im Schatten seiner beiden erfolgreicheren Brüder. Leider werden die Musikalität und der pure Perfektionismus in diesem Album kaum erkannt. Mit 77 Minuten Länge auf 14 Tracks verteilt wird der CD-Rohling bis zum Äußersten ausgenutzt – eine Albumlänge von der man heute als Fan nur noch träumen darf. Die Songs dauern zwischen 3:22 und 7:40, lassen sich also gerne entsprechend Zeit, um zu wachsen. Neun (!) Lieder wurden als Single veröffentlicht, alle erreichten die deutschen Top 50.

Man merkt dem Album eine deutliche Zäsur an. Der urbane erste Teil bietet perfekte Beats, die klingen, als ob sie gerade erst erfunden wurden. Straighte Basslinien und ein grooviger Klangteppich, der so vielschichtig ist, dass er erstmal im Ohr ganz schön aneckt. In den Musikvideos zu „Jam“ und „In The Closet“ gab es Gastauftritte von Michael Jordan und Naomi Campbell. Gerade „In The Closet“ klingt nach Sommerurlaub und gleichzeitig unverschämt heiß – als Duettpartnerin konnte Prinzessin Stéphanie von Monaco gewonnen werden. „She Drives Me Wild“ besteht ausschließlich aus Geräuschen, die Autos machen können. „Remember The Time“ fiel durch seinen Clip mit Eddie Murphy und der 90s-Modelikone bzw. Ex-Frau von David Bowie Iman auf und präsentierte Pharaonen, die zu R’n’B tanzen – jedes MTViva-Kind kennt das Ding.

Nach dem einzigen wirklich schwachen Track „Can’t Let Her Get Away“ schwenkt das Album in eine experimentellere Richtung und liefert mit der Toleranz-Hymne „Black Or White“ einen wahren Michael-Klassiker. Das Gitarrenriff von Guns n’Roses-Legende Slash ist bis heute so eingängig und Ohrwurm-lastig, dass der Übersong auf guten Partys einfach nicht fehlen darf und durch Mark und Bein geht. Das Video ging wegen seiner finalen Panther-Tanzszene schockierend um die Welt und zeigte Szenen der Simpsons und „Kevin – Allein zu Haus“-Star Macaulay Culkin. Slash darf später bei „Give In To Me“ gleich ein weiteres Mal an die Saiten und holt pure Wut aus dem Sänger hervor – die Rocknummer steht „Dirty Diana“ in nichts nach. Mit „Heal The World“ gibt es eine der typischen, stark kitschigen Balladen des Künstlers, die aber stets eine wichtige Message innehalten. „Who Is It“ ist ein wohl unterschätztes Erlebnis für die Ohren und kann mit laut aufgedrehter Anlage fesseln wie kaum ein anderer Song von Michael, so facettenreich und mystisch wurde hier gearbeitet. „Gone Too Soon“ traut sich als ganz leises Orchesterstück tieftraurige Emotionen aufzufahren und ist Ryan White gewidmet – das begleitende Musikvideo zeigte den viel zu frühen Tod des AIDS-Aktivisten, der mit 19 starb und ein enger Freund Michael Jacksons war. Als soulige Motivationsnummer dient das gospelartige „Keep The Faith“. Die größte Verbeugung meinerseits gehört jedoch „Will You Be There“. Das längste Stück der Platte startet mit einer Sequenz aus Ludwig van Beethovens viertem Satz der neunten Sinfonie, leitet über in eins der schönsten Pianointros, die die Welt bisher hören durfte, gipfelt in mehreren Tonartveränderungen mit einem riesigen Chor und wird abgerundet durch ein vorgetragenes Gedicht – ein wahres Epos. Mit dem Titelsong „Dangerous“ endet das Album in einem siebenminütigen, über weite Strecken sogar instrumentalen New Jack Swing-Song.

Der 1991 erschienene Longplayer Michael Jacksons ist zwar nicht sein erfolgreichstes Werk, aber zweifelsohne das abwechslungsreichste, intensivste und vielschichtigste seiner Karriere. Ein Balanceakt zwischen HipHop, R’n’B, Soul, Rock, Gospel, Klassik und Pop. Kaum eine mehr als zwanzig Jahre alte Platte bietet weit über eine Stunde so viel Musikalität und Reichtum, klingt dabei so einzigartig und kaum altbacken. Das verspielte Cover deutet es an und lässt stets neue Details zu erkennen zu. Wenn ein Album den Grundstein zum Musikinteresse des Autors gelegt hat und letztendlich sogar zum einzigen Tattoo motivieren konnte, dann heißt das was. Wenn ich nur ein Album auf eine Insel mitnehmen dürfte, wäre es dieses. Ein Gesamtkunstwerk.

Und Jonas‘ Meinung dazu:

Michael Jackson – wer mag ihn schon nicht? Wie es wohl vielen Menschen geht, fallen einem allein beim bloßen Gedanken an Jackson direkt etliche Songs ein, die als absolute Hits eingestuft werden. Eine ganze Platte des „King of Pop“ habe ich mir dennoch schon sehr lange nicht mehr zur Gemüte geführt. Nun also „Dangerous“ aus dem Jahre 1991. Der kurze Blick auf die Tracklist zeigt: Sein hitlastigstes Album ist das nicht. Trotzdem verkaufte sich das gut 75-minütige Stück bis 2009 über 32 Millionen Mal.

Die Platte beginnt mit der Disco-Nummer „Jam“, die nach knapp fünfeinhalb Minuten abrupt endet und ansonsten vom angestrengten, fast im Hintergrund liegenden Gesang Jacksons und seinem monotonen Beat lebt. Klar, wirklich unkonventionell oder „hart“ ist der Song nicht, einen eingängigen Superhit findet der Hörer hier jedoch auch nicht. Das zweite Stück „Why You Wanna Trip On Me“ dümpelt mit seinem fast schon industrial-artigen Beat ebenfalls über fünf Minuten vor sich hin. Auch die weiteren zwölf Songs variieren in ihrer Länge zwischen 3,5 und 8 Minuten – bei derartigen Längen innerhalb weniger Hördurchgänge die melodievollen Refrains zu finden, scheint fast unmöglich. Vielleicht liegt darin aber auch gerade der Reiz eines Michael Jackson?

Vor dem Hintergrund stimmt es einen fast schon traurig, dass die Mainstream-Musik-Landschaft mittlerweile Mark Forsters, Tim Bendzkos und der immer selbe EDM-Beat (oder sind das jeweils unterschiedliche Songs?) einnehmen. Auf „Dangerous“ produziert Michael Jackson anspruchsvollen und kreativen Dance-Pop, der zwar seine Längen hat, trotz seines unkonventionellen Charakters aber unheimlich erfolgreich war. Sagt das etwas über die Geschmacksverirrung unser Gesellschaft im letzten Jahrzehnt aus, wenn unsere Lieblingsmusik heutzutage derart anspruchslos ist?

Nach etwa 30 Minuten Spielzeit taucht dann auf einmal der erste Oberhit der Platte auf. In der Streicherballade „Heal The World“ singt das Allround-Talent von einer utopisch schönen Welt, deren Potential in unserer Gesellschaft liegt. Danach geht es Schlag auf Schlag und mit „Black Or White“ folgt gleich der nächste politisch-angehauchte Übersong. Hier zeigt sich ebenfalls, dass es sich bei „Dangerous“ um eine durchaus mutige Pop-Platte handelt, platzieren Künstler des Genres vielmals die bekannten Singles zu Beginn ihrer Langspieler.

Die darauf folgenden Stücke fallen wieder ähnlich sperrig aus, wie der Beginn des Albums. Mit sehr klassischem Gitarrensolo sorgt „Give It To Me“ etwas später wieder für frischen Wind, wohingegen „Will You Be There“ mit Unterstützung des Cleveland Orchestra auftrumpft und „Gone Too Soon“ für einen emotionalen Hochpunkt sorgt. Das Internet sagt, dass „Dangerous“ die Platte ist, in die Michael Jackson die meiste Arbeit gesteckt hat – zumindest wenn man die zeitliche Dimension betrachtet. Über 18 Millionen Dollar Vorschuss gab es wohl vom Plattenlabel für die Aufnahmen. Alleine diese Zahl sagt bereits genug über die popkulturelle Relevanz des „King of Pop“ aus. Mit seinem achten Studioalbum zeigt der Künstler, wie viel Freiheit er sich selbst lässt und wie viel Pop-Musik letzten Endes doch darf. Da kann man sich gerne mal ein Vorbild dran nehmen.

Und so hört sich das an:

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