Plattenkrach: Zugezogen Maskulin – Alles Brennt

Plattenkrach: Für Autor Jonas ist "Alles Brennt" von Zugezogen Maskulin ohne Frage ein Augen-öffnendes Album, bei Christopher hingehen ruft das Album nur eine Gefühl hervor: Stress.

In der nächsten Runde unseres Plattenkrachs nehmen wir uns nur Alben an, die im Jahr 2015 erschienen sind. Den Anfang machen Zugezogen Maskulin mit ihrem ersten richtigen Album „Alles Brennt“. Jonas findet in den Texten von Grim104 und Testo vor allem spannende Perspektiven und mag das Album schon lange, Kollege Christopher wiederum kommt zum ersten Mal mit der Rap-Gruppe in Kontakt und empfindet vor allem eines: Anstrengung.

Den Anfang macht Jonas:

Es sind die Blickwinkel, die „Alles Brennt“ auszeichnen. Denn Zugezogen Maskulin richten ihre Augen auf Lebensrealitäten, die deutschsprachiger Hip-Hop so selten einfängt. Mit dieser Erkenntnis ist man 2022 längst kein verrückter Rap-Prediger mehr. Andere haben das ebenso längst begriffen. So auch die Veranstalter*innen des Mauerfall-Events, das im November 2019 zum Gedenken an die 30. Jahrestag der Berliner Wiedervereinigung vor dem Brandenburger Tor stattfand. Die zwei Rapper – der eine aus der nordwestlichen Provinz, der andere aus den Tiefen der ehemaligen DDR – auf der Bühne, die damals-Kanzlerin Angela Merkel auf den Ehrenplätzen. Die beiden spielten nicht nur ihren Song „Was Für Eine Zeit“, sondern auch „Endlich Wieder Krieg“, ein überzogenes Lied über die Absurditäten des Krieges zersetzt mit Deutschrap-Querverweisen. Zum Schluss des Auftrittes – mittlerweile hat man zu Co2-Kanonen in Maschinengewehroptik gegriffen – stehen Grim und Testo an der Bühnenkante und ballern wie wild mit weißen Nebelschwaden umher. Die 80.000 Menschen vor Ort werden Sekunden später zu einem Feuerwerk aus Buhrufen ansetzen, die Band wird diese Beschallung später in Interviews als „Engelschöre“ bezeichnen. „Endlich Wieder Krieg“ jedenfalls stammt von jenem Album, das im Folgenden thematisiert werden soll, „Alles Brennt“.

Wir haben nun das Frühjahr 2022. Testo aka Hendrik Bolz veröffentlicht ein Buch über die ostdeutsche Wirklichkeit, die seine Jugend in Stralsund prägte. „Nullerjahre“ heißt es. Hier sind sie also ebenfalls präsent, diese Perspektiven. Losgetreten wurde die Steinlawine, die zu diesem Buch führte, zumindest streckenweise bereits 2015. Es gibt dort nämlich einen anderen Song auf ebenjenem Album, er nennt sich „Plattenbau O.S.T.“. Also: Der Soundtrack zum Aufwachsen in der trostlosen Betonwüste. Viele der Bilder, die Testo auf seinem Literaturdebüt aufmachen wird, sind auch dort bereits präsent. Es geht um das Aufwachsen in der Platte. Um das erzwungene Hartsein als Mann. Um Langeweile und die Hausmittel ebendiese zu bekämpfen: Mutproben, Alkohol, Gewalt, das Schnüffeln von Feuerzeuggas. Der Chorus – zugegebenermaßen etwas schmalzig – dann ersucht den Ausbruch aus dem Block-gerahmten Spielzeugkosmos, möchte diesem Szenario entfliehen, in die weite Welt hinaus. Es sind gerade diese unbequemen Wahrheiten verpackt in harte Worte, die „Alles Brennt“ zu seiner Schlagkraft verleihen. Die Band kommt dabei ganz ohne den von anderen linken Rap-Gruppen bekannten erhobenen Zeigefinger aus.

Akut ist zu der Veröffentlichung des Albums im Jahr 2015 auch die von Konservativen oft als „Flüchtlingskrise“ bezeichnete Welle an Schutzsuchenden sowie die (il)liberale Willkommenskultur, die ebenjene Menschen in Empfang nahm. Auch dem wenden sich Zugezogen Maskulin selbstredend zu. „Oranienplatz“ heißt ein Stück. Benannt ist es nach dem gleichnamigen Platz im Berliner Hipster-Viertel Kreuzberg. Zwei Jahre lang befindet sich nebst Springbrunnen und unter hochgewachsenen Platanenbäumen ein provisorisches Geflüchteten-Camp, die umliegenden Anwohner*innen treten den gestrandeten Menschen zweigespalten gegenüber. Also helfen möchte man ja, aber bitte nicht in der direkten Nachbarschaft. „Wenn nicht grade ein Turnier ist, bist du nicht zu Gast bei Freunden“, nimmt Grim Bezug auf die Lage und den vermeintlich weltoffenen Slogan der Weltmeisterschaft 2006. Im plakativ-repitiven Chorus wiederum schallt es: „Wir haben viel zu viel, um euch was abzugeben.“ Diese Linken auch immer mit ihrer Gerechtigkeit!

„Alles Brennt“ jedoch ist kein reiner Gesellschaftskommentar. Dafür wird zu viel Wert darauf gelegt in jedem Stück eine andere Perspektive zu bieten. So auch im Titelsong. Statt gesamtgesellschaftliche Missstände anzuprangern, fokussieren Grim und Testo dort nur einen Mikrokosmos: Deutschrap. „Wir bringen euch das Feuer ihr Höhlenrapper“, wendet sich Testo an die größtenteils männlichen Kollegen, die Homophobie sowie Sexismus reproduzieren und den Szenezugang elitärer regeln als ein Hochsicherheitsgefängnis. Gebettet wird das alles in ein flirrendes Electronica-Versatzstück, die Stimmeffekte auf 12 gedreht. Es halt, dröhnt, gröhlt – das gilt für „Alles Brennt“ im Ganzen. Die Stücke eint: Sie sind bis ins kleinste Detail ausproduziert, lassen den Bass angenehm das Trommelfell zersprengen und sich vorrangig in den Hooks auch lauthals rezitieren. Die Konzerte von Zugezogen Maskulin dementsprechend sind oftmals mehr Punk- als Hip-Hop.

Trotz alldem ist nicht alles an „Alles Brennt“ gut gealtert. „Monte Cruz“ etwa hat löbliche Absichten, beißt sich mit Grims Akzent-Imitation jedoch in den eigenen Schwanz. Der Beigeschmack ist fad. Und dennoch: Die Betrachtungswinkel von Zugezogen Maskulin bleiben einmalig. Und gerade deshalb ist „Alles Brennt“ auch so gut.

Christopher empfindet Stress:

Hach, wie habe ich ihn doch vermisst – den guten, alten Plattenkrach. Endlich wieder Musik hören, von der ich weiß, dass ich sie nicht mag oder sie bisher nicht kenne, weil die Wahrscheinlichkeit extrem hoch ist, dass ich sie nicht mag. Und, spoiler alert: 2022 scheint keine Ausnahme zu sein.

Zugezogen Maskulin ist eine dieser Bands, von denen ich gefühlt schon 100x gehört habe. Eine Band, bei der ich weiß, dass sowohl Leute aus unserem Blog als auch meinem Bekanntenkreis sie echt gut finden. Deswegen freute ich mich, endlich mal in Songs des Berliner Duos reinzuhören.

Größter Fail direkt nach wenigen Sekunden: Ich habe mich mal wieder im Genre völlig verschätzt! Ich dachte bisher immer, die machen Punk. Oder Indie-Rock oder so. Auf Rap war ich nicht eingestellt. Und ja, Punk oder Indie-Rock hätte es mit Sicherheit leichter bei mir gehabt. Stattdessen höre ich auf dem zweiten Album der Band mit dem Namen „Alles Brennt“ 39 Minuten und 12 Songs lang super quälenden Hip-Hop, der mir wirklich exakt nichts (!) gibt.

Eigentlich könnte ich hier die Rezension auch beenden, jedoch ist ein wenig mehr Begründung wohl erwünscht. Leider fällt diese mir unglaublich schwer. Positiv: „Alles Brennt“ ist kein klassischer chauvinistischer, queerfeindlicher oder politisch inkorrekter Deutsch-Rap. Das hätte mich auch in der Tat gewundert, wenn mein wunderbarer Kollege Jonas so etwas feiert.

Aber auch ganz ohne grenzwertige Aussagen schaffen Zugezogen Maskulin es, mich bereits beim ersten Track richtig zu nerven. Besonders der Flow der beiden Jungs ist mir zu prollig und erinnert an zu vielen Momenten an „Shalalalala“-Stadiongesänge. Die Beats sind sehr durchschnittliche Ware und kommen selten über das typische Zeugs hinaus.

Ich sollte dazu sagen, dass man mich in erster Linie immer über gute Melodien und Produktionen erreicht. Danach kommen Stimmen und erst an dritter Stelle der Text. Damit will ich nicht sagen, dass der Text unwichtig für mich ist, überhaupt nicht. Besonders bei deutschen Texten bin ich da knauseriger als bei englischen. Allerdings kann ich über Melodien und Produktion weniger hinwegsehen als über einen mittelprächtigen Text. Deswegen haben Zugezogen Maskulin es auch so schwer, weil ich die Stimmen total unangenehm finde, die Produktionen gähnend langweilig und zero besonders und Melodien quasi nicht existent sind.

Obwohl, Obacht: „Plattenbau O.S.T.“ hat eine klar erkennbare Hook. Die ist dafür jedoch kitschig, pathetisch und auch ein wenig Trash. Mir ist klar, dass Zugezogen Maskulin – wenn man denn etwas genauer auf die Lyrics achtet – das Deutsch-Rap-Genre parodieren und dem Gangsta-Hip-Hop mehr Tiefe verleihen wollen. Wenn ich mir jetzt die Texte detailliert durchlesen würde, würde ich bestimmt auch einige Passagen finden, die ich klug, witzig und treffend finde. Meine Motivation, dies zu tun, ist nur nicht vorhanden, weil ich eben die anderen, für mich wichtigen Faktoren dermaßen schlecht finde.

Ja, ich bin selbst überrascht. Tatsächlich ist diese Plattenkrach-Runde diejenige, bei der ich am wenigsten Gefallen an der Musik gefunden habe, zu der ich ein Contra schreiben durfte. Stresst mich, nervt mich, finde ich eindimensional. Sorry, Jonas! Hug U.

Mehr Plattenkrach: Hate it or love it – was für den einen ein lebensveränderndes Monumentalwerk ist, ist für die andere nur einen Stirnrunzler wert! Ein Album, zwei Autor*innen, ein Artikel, zwei Meinungen! Mehr Auseinandersetzungen findest du hier.

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