Interview mit Orla Gartland über „Woman on the Internet“

Orla Gartland - Album Main Shot - by Karina Barberis 1

Als hätten wir nach all den Monaten sozialer Distanz, in denen uns der Einwähl-Ton von Zoom mehr begleitet hat als das gemeinsame Lachen in einem Raum, noch Lust auf mehr Zeit im Internet. Dennoch ist dieser vielleicht auch etwas schnippische Titel genau perfekt für das Katz und Maus-Spiel, das Orla Gartland mit ihren Hörer*innen spielt. Dreifache Böden und das Spiel mit Erwartungen gehören zur DNA dieses großartigen Debüts.

Musician on the Internet

Etwas bizarr ist es ja schon: Da sprechen zwei Frauen über ein Videocall-Programm über ein Album mit diesem Titel. Noch bizarrer wird es aber dann, wenn Orla Gartland davon berichtet, dass das Album selbst eigentlich herzlich wenig mit dem Netz zu tun habe. Beim Songwriting im Generellen zöge sich die Irin am liebsten komplett zurück, um sich aller Einflüsse zu entziehen. Für „Woman on the Internet“ trieb sie dieses Spiel nun sogar auf die Spitze und verbrachte ein Eremitinnen-Dasein in einer Waldhütte ohne Internet-Verbindung. Aber natürlich ist das Leben als Musiker*in gerade heutzutage in vielerlei Hinsicht von digitalen Kanälen geprägt. Fluch oder Segen für dich, Orla?

Vor allem bei TikTok versuche ich einfach Spaß zu haben. Aber ich möchte auf keinen Fall nur Musik für den TikTok- oder Spotify-Algorithmus schreiben.

Irgendwo zwischen den Stühlen aus Entkopplung und dem Mittendrin entstehen die elf Songs für dieses erste Album. Ein Erfolgserlebnis, das geteilt werden will – natürlich auch auf Social Media. Genau hier liegt aber auch die Krux, wie Gartland feststellt: „Alle teilen immer ihre großen Erfolge und ich wünschte ich könnte sagen, mir würde das keinen Druck machen. Aber immerhin musste im vergangenen Jahr jede:r etwas zurückstecken, so dass wir alle eine wohlverdiente Pause davon bekommen haben.“ Ja, so ganz rosig ist der emotionale Background dieser Platte nicht gerade – vor allem nicht so sehr, wie der oftmals sehr fluffig-lockere Sound vermuten ließe.

Ich wollte kein Lockdown-Album mit viel Melodrama schreiben. Die werden einfach nicht gut altern. Deswegen habe ich den Kontrast aus Energie und Emotion bewusst gesucht.

Das Paradebeispiel für diese Strategie findet sich im Hit „Zombie!“, der tanzend und mit einem Lächeln toxische Männlichkeit gegen die Wand fährt. Ein großes Ziel der Musikerin: „Ich will andere Frauen dazu inspirieren, mitzumachen in dieser patriarchalen Welt.“ Obwohl Gartland einer Gesellschaftskritik nie aus dem Weg geht, ist „Woman on the Internet“ dennoch kein Protest-Album. Stattdessen steht Gartland selbst im Zentrum, im Diskurs mit ihren eigenen Gefühlen. „Vor Covid hatte ich Angst vor meinen eigenen Emotionen. Aber jetzt in all den Monaten habe ich eine Sicherheit gefunden, in der ich mich selbst gefunden habe. Ich habe verschiedene Stile und Frisuren ausprobiert – als wäre ich Anfang 20 in den Lockdown gegangen und würde in meinen späten 30ern wieder auf die Straße kommen,“ muss Gartland lachend zugeben.

Keine Einzelkämpferin

So sehr das bis zu diesem Punkt alles noch nach Ego-Trip klingt, so wenig hat das mit Orla Gartlands Künstler*innen-Verständnis zu tun. Als engste Vertraute nennt sie so ihre beiden Freund*innen Greta Isaac und Dodie, die selbst kürzlich mit neuen Platten aus dem Sabbat-Jahr zurückkamen. Gartland selbst war so als Background-Stimme bei dodie zu hören, die wiederum für Gartland Arrangements und Harmonien entwarf. Isaac wiederum reichte ihre helfende Hand für Artworks und Videos. Ein künstlerisches Trio aus Indie-Künstler*innen – das erinnert uns doch an…

Eine britische Version von Boygenius mit Greta Isaac und dodie? Das würde ich lieben!

Und wir natürlich auch. Diesen seelischen Beistand aber schon auf diesem Solo-Debüt zu spüren, hat auch ganz pragmatische Vorteile, denn: „So ein Album ist eigentlich ein sehr einsamer Prozess.“ Vor allem dann, wenn man es wie Gartland auf einem eigenen Label – Gartlands heißt New Friends – herausbringt. Wie kommt man denn schon so früh auf die Idee, selbst zu veröffentlichen? Hat man da nicht mit der Musik schon genug um die Ohren? „Ich habe immer gedacht, ich müsste zu einem Label gehen, weil Alben so teuer sind. Und klar, das ist eine ganze Menge Arbeit. Aber ich habe es über Patreon versucht und das war echt mein Lebensretter. Ich merke, wie andere Künstler*innen ihre eigene Musik nicht vollkommen besitzen und dieses Modell wäre nichts für mich. Ich liebe alles daran, komplett DIY zu sein.“

Abschied vom Kontrollzwang

Diese Eigenständigkeit zieht sich durch den gesamten Prozess des Albums – natürlich auch durch die Produktion. Etwas, das Gartland wiederum ironischerweise offener für Hilfe von außen werden ließ: „Auf den EPs war ich noch ein richtiger Kontrollfreak. Und klar, es ist herausfordernd, anderen Musiker*innen eigene Songs zu präsentieren. Man macht sich so verletzlich. Aber dieses gemeinsame Weiterarbeiten hat alles unheimlich verbessert: Wir spielen nicht mehr alles schnell, nicht mehr nur eine Tonlage, sondern lassen die Songs das werden, wozu sie bestimmt sind.“

Ein Ansatz, den man in dem Gebirge aus zuversichtlichem Sound und zweifelnden Lyrics hört. Jeder Grashalm vibriert nur so vor Intensität, jedes Stück gleichzeitig Hit, Kummerkasten und Tanzeinlage. Genau dieses Spiel aus Licht und Schatten möchte Orla Gartland ihren eingefleischten Patreon-Fans aber auch einem neuen Publikum präsentieren – für Arbeit an neuen Songs ist da aber erstmal kein Platz mehr. Dafür ist Gartland einfach zu sehr DIY!

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