Angel Du$t, MTC Köln, 20.07.2019

Hardcore hat viele verschiedene Gesichter. Eines mit einer ekelhaft verzerrten Fratze ist das des unangenehmen Prollo-Verhaltens auf Konzerten. Eines mit einem einladenden Lächeln und warmen Zügen ist das der häufig propagierten Offenheit und Toleranz gegenüber Außenseitern und gesellschaftliche Randgruppen. Angel Du$t spielen auf ihrem aktuellen Album „Pretty Buff“ zwar genau genommen eher eine verspielte Punk-Rock-Gangart, die Hardcore-Vergangenheit des Quintettes scheint dabei jedoch noch immer durch. Im Rahmen der Tourneen zu der Platte schaute die Band gemeinsam mit Higher Power im Kölner MTC vorbei und brachte sowohl die einladenden, als auch unangenehmen Gesichter des Genres mit in die Domstadt.

Hardcore hat ein Problem

Higher Power zeigen eine halbe Stunde lang zunächst eigentlich, dass ihr Hardcore-Punk-Gemisch sich durchaus vom Einheitsbrei abheben sowie unterhalten kann. Während knapp 2 Kilometer entfernt auf der anderen Seite des Rheins Have Heart mit knapp tausend Menschen und unendlichen Stagedives ihre Reunion feiern, zeigt sich auf der Zülpicher Straße jedoch, warum Hardcore unter seinem ach so toleranten Deckmantel noch immer ein viel zu großes Problem hat: Nur weil man formell vorgibt offen für jeden zu sein, heißt das noch lange nicht, dass das informell auch der Fall ist. Der Großteil der knapp 100 Gäste steht im hinteren Teil des Clubs, während einige wenige Menschen – vor allem Männer – den Platz vor der Bühne übernehmen und unmissverständlich klarmachen, dass sie auf dieser Fläche auch keine Rücksicht auf andere nehmen. Ein Typ schwingt sich dreißig mal um seine eigene Achse und schlägt währenddessen mit den Armen um sich. Ein anderer läuft wie ein tollwütiges Wildschwein von einer Seite des Raums zur anderen und klatscht Unbeteiligte gegen die Wände. Eine junge Frau schlägt erst mehrfach in die Luft und vollführt dann einen Roundhouse-Kick, der zwar niemanden trifft, aber auch alles andere als kontrolliert aussieht.

Der Vollständigkeit halber finde ich es wichtig hier zu betonen, dass ich mittlerweile recht selten auf Hardcore-Shows gehe. Die Musik gefällt mir zwar – auch die Aggression, die diese in sich trägt. Ich mag die Message, die in Texten und Ansagen vermittelt wird. Dass sich diese nicht vor die Bühnen der Shows trägt, finde ich sehr schade. Ich bin groß, kann körperlich zumeist den fliegenden Armen und Körpern standhalten. Damit bin ich privilegiert. Viele andere Hardcore-Fans – vor allem kleine oder zierliche Menschen – können das nicht. Heute weiß ich wieder, warum ich so lange nicht mehr auf ein Hardcore-Konzert gegangen bin.

Während Higher Power tanzen fünf oder sechs Menschen. Der Großteil von ihnen sind Männer. Die zwei Frauen, die sich ab und an auch mal in den „Moshpit“ – kann man das überhaupt so nennen? – wagen, nehmen sichtlich mehr Rücksicht als ihre männlichen Kollegen. Frei von Schuld spricht sie das trotzdem nicht. Bitte komm mir an dem Punkt jetzt niemand mit dem so beliebten Standard-Spruch: „Das ist auf Hardcore-Shows halt so. Akzeptier das. Du weißt eben nicht wie Hardcore funktioniert.“ Das halte ich für absoluten Quatsch. Den Status-Quo aufrecht zu erhalten, hat noch nie etwas bewegt. Eine Szene, die sich immer wieder selbst damit profiliert für alles und jeden da zu sein, hat das auch in den essentiellsten Part von Musik zu tragen: die Konzerte. In dem Moment, in dem kleinere, schwächere, zierlichere oder auch einfach ängstlichere Menschen nicht da mitmischen können, wo wirklich eine geschlossene Einheit geschaffen wird – dem Pulk vor der Bühne – ist diese Integrität bereits wieder Geschichte.

Mir geht es bei der ganzen Sache gar nicht um das Tanzen an sich. Man kann wunderbar für sich alleine Musik genießen, ohne anderen im gleichen Zug die Chance zu nehmen dasselbe zu tun. Man kann sich wunderbar im Moshpit miteinander bewegen, sodass sich zum einen auch körperlich weniger stämmig gebaute Menschen in die Menge trauen können und zum anderen Umstehende nicht um ihr Wohlergehen sorgen müssen. Punk-Rock-Shows beweisen immer wieder, dass das geht. Auch im engen MTC.

Es geht auch anders

Diese gebündelte Aggression nimmt etwas ab, als Angel Du$t bereits um 20:25 Uhr die kleine Bühne des Clubs – man selber möchte später ja noch Have Heart in der Essigfabrik sehen – betreten. Im Moshpit, der immer noch eher klein ausfällt, arbeitet man aber weiterhin gegen- statt miteinander, auch wenn das Violent Dancing nun abnimmt. Am friedlichsten wird die Stimmung, als Sänger Justice Tripp zu seiner Akustik-Gitarre greift. Es folgen Songs der grandiosen aktuellen Platte, der die vielen Akustik-Elemente einen Indie-Anstrich geben. Vor fliegenden Fäusten und Füßen muss sich hier niemand fürchten, weil alle Fans ausgelassen für sich alleine tanzen. Schade, dass die Band heute nur fünf der dreizehn neuen Stücke spielt. Vor und nach diesem etwas angenehmeren Neuheiten-Block platziert die Band vorrangig alte Stücke, die sich zumeist unter der zwei-Minuten-Marke halten und mehr Hardcore sind als Punk oder Rock.

Dass es während des kurzen Angel Du$t-Sets entspannter zugeht, zeigt auch der deutlich höhere Frauenanteil vor der Bühne. Ob die vielen Frauen nun dafür sorgen, dass mehr Rücksicht genommen wird oder die höhere Rücksichtnahme dafür sorgt, dass sich mehr weibliche Gäste nach vorne wagen, kann nicht abschließend geklärt werden. Am Schluss übergibt Tripp sein Mikrofon für „Set Me Up“ an einen weiblichen Fan, der bislang unauffälliger in der ersten Reihe stand. Die Frau zeigt sich textsicher und nutzt den Freiraum, der ihr auf der Bühne geboten wird, selbstbewusst aus. Für die zweite Strophe reicht sie die Aufmerksamkeit dann ganz uneigennützig an eine Kollegin weiter, die ihre Aufgabe ähnlich gut wahrnimmt. In diesem Moment wirkt die Welt des Hardcore kurz wieder im Gleichgewicht und die Szene zeigt eines ihrer schönsten Gesichter. Kann das nicht immer so sein?

Das Album „Pretty Buff“ kannst du dir hier kaufen.*

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Foto von Jonas Horn.

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