Guano Apes, Live Music Hall Köln, 18.11.2022

Beziehungen wollen gepflegt werden. Beginnt vieles mit einem absoluten Übermaß an Liebe und Euphorie, mündet es häufig nach einer sehr intensiven Zeit in Unstimmigkeiten und endet im großen Streit. Die Schlussfolgerung: getrennte Wege. Da mussten schon die erfolgreichsten Bands durch. Doch irgendwann ist Gras über die Sache gewachsen, die Wogen sind geglättet und man vermisst vor allen Dingen die gemeinsame Leidenschaft, nämlich die Musik. Persönliche Differenzen? Besprochen und abgehakt. Bei den Guano Apes scheint Abstand voneinander gut getan zu haben. Und auch der wegbleibende Erfolgsdruck.

Unter Druck entstehen manchmal Diamanten, irgendwann ist der Zenit aber schlichtweg überschritten. 1997 fegte ein Tsunami durch die deutsche Musikszene. Schon mit der ersten Single „Open Your Eyes“ erreicht man Goldstatus und Platz 5 in den Charts, die überwiegend von radiotauglichem Pop dominiert werden. Crossover wird der Sound damals genannt und ist eine explosive Mischung aus Hard Rock und Metal mit Rap-Parts und unvergleichlich eingängigen, nach vorne treibenden Hooks. Das ganz Besondere: Die Guano Apes sind female fronted. Sandra Nasic aus Göttingen mit familiären Wurzeln in Kroatien wird innerhalb kurzer Zeit zur Antagonistin. Ihr Look ist sexy und Skater zugleich, ihre Stimme wie ein Vulkanausbruch.

Ein Vierteljahrhundert später läuft dieser eine Song immer noch im Radio. Und zwar nicht beim 90s-Special, auch nicht auf WDR4, weil nur die Ü40er ihn hören mögen. Er ist regelmäßig auch auf den Playlists der alltäglichen Shows bei 1Live und erreicht damit Student*innen, die 1997 noch gar nicht geboren waren. Einfach, weil er so unglaublich gut ist. Eine Produktion, die selbst heute noch zünden würde. Ein Refrain, der nicht aus dem Kopf geht.

Doch selbst wenn ein Song genügt, um sich selbst einen Legendenstatus gesetzt zu haben – das Quartett hat gleich mehrere Hits, die fast alle dieser Qualität entsprechen mögen. Trotzdem: Nach drei äußert erfolgreichen Alben und neun Jahren ohne Pause ist vorerst Schluss. Wie eingangs erwähnt, braucht es Abstand. Eindeutig. Richtig grün ist man sich nämlich nicht mehr, auch wenn man sich so lang so gut verstand. Letztendlich genügt es, dreimal alle Kalenderseiten abzureißen, um zurückkehren zu wollen. Seit der Reunion 2009 kamen nur zwei Longplayer, wovon das letzte nur mittelmäßigen Anklang fand. Gleichzeitig gab es aber auch Tourneen und genügend andere Aktivitäten dazwischen, sodass sich die Guano Apes nach ein paar Aufeinandertreffen nicht wieder direkt auf den Zeiger gingen.

Seitdem stehen regelmäßig Chancen bereit, die Vier live zu erleben. Corona-bedingt ist die letzte richtige Tour zwar schon wieder fünf Jahre her, aber das kann man wohl verschmerzen. Der späte Herbst 2022 ist jedenfalls dafür da, dass Sandra, Henning, Dennis und Stefan – übrigens seit Beginn an ausnahmslos die Originalbesetzung – richtig geilen Alternative Rock made in Germany auf die Bühnen zurückholen. Am 18.11., einem Freitag, in Köln ist sogar ausverkauft. Hierfür bedankt sich die Band ausgiebig, ist den Mitgliedern nämlich allemal bewusst, dass genug ihrer Kolleg*innen momentan Shows absagen müssen, sie aber die Live Music Hall mit 1500 Leuten bis zum Rand vollmachen.

Wer von der anstrengenden Woche etwas gerädert ist – und immerhin ist das Durchschnittsalter im Publikum mit Sicherheit schon Ende 30, also nix mehr hier mit Party Party das ganze Weekend und so – dem kommt die Orga der Show sehr entgegen. Der Einlass ist um 18:30 Uhr, Ende um Punkt 22:00 Uhr. Da muss man also nicht mal groß gegen seinen „Ich muss am nächsten Tag arbeiten“-Schlafmodus ankämpfen. In den dreieinhalb Stunden gibt’s obendrein noch ein richtig straffes Programm mit gleich zwei Vorbands. Machete Dance Club aus München spielen ab 19:40 Uhr eine gute halbe Stunde eingängigen und old-schooligen Nu Metal, der an Linkin Park und Limp Bizkit erinnert, damit super ins Vorprogramm der Göttinger*innen passt und einfach toll in den Abend einführt. Solides Auftreten gepaart mit Songs vom Debütalbum, das im Januar erschien, und durchaus auch nach der Performance nochmal gehört werden darf. Machete Dance Club sind übrigens um 19:40 Uhr und damit nur zehn Minuten nach dem offiziellen Konzertbeginn schon der zweite Support. Die erste Anheizerin, das Projekt TEll A ViSiON der Berliner Künstlerin Fee Kürten, beginnt dermaßen außergewöhnlich früh und schon während des Einlasses, dass selbst der Autor dieses Textes sie komplett verpasst hat, was ihm nahezu nie passiert. Hups.

Um Punkt 20:30 Uhr wird mitten im Warm-Up-Song „The Pretender“ von den Foo Fighters einfach der Saft abgedreht und das Licht ausgemacht. Von einer auf die andere Sekunde. 90 Minuten geht das Programm der Can’t Stop Us-Tour der Guano Apes, die durch elf europäische Städte führt, davon neun deutschsprachige. Köln ist Gig Nr. 7. Bühnentechnisch bleibt es insgesamt eher entspannt. Keine Bildschirme mit Videos, kein Konfettiregen, lediglich vier Tücher mit den Buchstaben A, P, E und S, ein Banner mit dem Albumcover zum 20-jährigen Jubiläum von „Proud Like A God“ sowie aufwändiges Licht mit vielen Stroboskopeffekten. Das Quartett ist dafür in Spiellaune.

Ganz besonders die Jungs haben nichts verlernt, wie sie auf der 17 Tracks umfassenden Setlist durchweg beweisen. Drummer Dennis ist dabei mit seinem vollen Einsatz besonders erwähnenswert. Bei Sandra hingegen ist es wesentlich schwieriger, sich zu entscheiden. Einerseits konzentriert sie sich überwiegend auf den Gesang und verzichtet lieber auf absolute Eskalation, wenig tanzt sie dennoch nicht. Beeindruckend sind in erster Linie die immer noch super sitzenden Shouting-Momente, die die mittlerweile 46-jährige nicht verlernt zu haben scheint. Das ist nicht selbstverständlich. Zusätzlich wechselt sie mehrfach zwischen Kopfstimme, fast schon gesprochenen Parts, Raps und Rock-Belt hin und her, nur eben nicht ganz so druckvoll, wie es manchmal nötig wäre.

Auffällig sind besonders die hochgesetzten Songs mit aggressivem Refrain wie „You Can’t Stop Me“ oder auch „Open Your Eyes“, die tiefer gespielt werden. Der Megahit gleich um drei Halbtöne. Das ist bei vielen Bands, die altern, keine Seltenheit, aber eben dennoch ein bisschen schade, klingen die Songs dadurch nur noch halb so intensiv und gegen die Wand drückend. Viel besser sind hingegen die intimen akustischen Parts wie das Intro von „Rain“, der cool gecoverte „Lose Yourself“ von Eminem, den man auf der Jubiläumsausgabe des Debüts finden konnte, das Livecomeback des skurrilen „Kumba Yo!“ und die Powerhymnen „Big In Japan“ plus „Lords of the Boards“, die als Rausschmeißer einfach alle Register ziehen.

Es sind in erster Linie die wirklich perfekten Kompositionen, die den Abend tragen, weniger die Band selbst. Dass die Jungs so gut spielen, reicht, um Nostalgie walten zu lassen, da ist die solide, aber nicht so gute Leistung von Nasic etwas nebensächlich, ebenso ihr etwas distanziertes Auftreten mit leicht unterkühlter Attitüde. Die 17 Songs sind stimmig ausgewählt, lassen keines der fünf Alben außenvor und setzen sich aus Hits zuzüglich Albumtracks zusammen, sodass auch Fans, die immer am Start sind, Überraschungen erwartet. Von den Charterfolgen fehlen leider das melodische „Pretty In Scarlet“, die Abspacknummer „Dödel Up“ und der letzte richtig krachende Banger „Break The Line“. Andererseits wartet mit „Underwear“ gar eine Single-B-Seite auf Insider*innen, mit „Sunday Lover“ ein cooler Indie-Pop-Rocker und mit „Lez“ sogar ein Instrumentalstück.

Das Publikum ist mit der Band gewachsen, älter und ruhiger geworden. Pogo gibt’s direkt vor der Bühne dennoch, aber eher nur mit rund 50 Teilnehmenden. Alle anderen grooven und denken an längst vergangene Partys zurück. Die Guano Apes gehören bis heute zu den zehn erfolgreichsten Rockbands, die Deutschland zustande gebracht hat. Sie sind die einzigen, die eine Frontfrau besitzen. Ihr Sound war Ende der 90er fast schon ein wenig vor der eigentlichen Hochzeit eben jener Musik. Die Songs sind Klassiker und klingen nach internationaler Bestleistung des Genres. Das wird so bleiben. Alles andere ist ein wenig egal, solange man keine allzu großen Liveansprüche stellt.

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Foto von Christopher.

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