Tua, Helios 37 Köln, 07.04.2019

Er gehört zu den begnadetsten Rappern, Sängern und Produzenten des Landes: Tua. Erst vor kurzem hat der 33-jährige Reutlinger – nachdem er in den vergangenen Jahren eher als musikalischer Underdog in Erscheinung trat – nach langer musikalischer Schaffenspause sein neues Album “TUA“ veröffentlicht. Sein – wie der Titel verraten mag – Lebenswerk. (Die Rezension zu “TUA“ findest du hier.) Obwohl Tuas Musik bislang weniger der breiten Masse als eher einem kleinen, elitären Club von Musikkennern und -verstehern bekannt war und sich insbesondere durch die detailgetreue und vielschichtige Produktion von sonstigen radiotauglichen Hits der Musiklandschaft abhob, stieg das aktuellste Werk, das Tua als Konzeptalbum konzipiert hatte, sogleich auf Platz 6 der Deutschen Albumcharts ein. Ein Erfolg, der – fernab der Charterfolge seiner Band Die Orsons – dem großgewachsenen Schwaben schon lange vergönnt sein müsste. Am Sonntag haben wir Tua nun auf seiner kleinen, lange im Vorfeld ausverkauften “FFWD“-Tour im Köln-Ehrendfelder Club Helios 37 besucht – und waren hellauf begeistert.

An dem milden und strahlend-schönen Frühlings-Sonntag scharte sich rund um die Tore des Helios 37 eine Menschentraube, die gemütlich auf dem Vorplatz des hippen Helios-Fabrikgeländes ein Bierchen zischte oder eine fast schon als oldschool zu bezeichnende Filter-Zigarette quarzte. Gelassenheit lag in der Luft, genauso wie die überwiegende Vorfreude auf den anstehenden Konzertabend. Pünktlich zum allmählichen Sonnenuntergang begaben sich alle Konzertbesucher gegen 20:30 Uhr in den kleinen, dunklen Saal, um der Gefahr zu entgehen, auch nur wenige Minuten des Konzerts zu verpassen. Das Licht ging aus, die Show konnte beginnen.

Den Anfang machte der gnadenlos begabte Support-Act des Abends LUI HILL, der sich unauffällig und ohne große Beachtung fordernd mit einer intrinsischen Ruhe und Gelassenheit den Weg auf die von Instrumentenbergen versehene Bühne bahnte. Mit schüchternen, fast schon beruhigenden Worten begrüßte er das Kölner Publikum, ehe er zu seinem Drumsticks, mit welchen er die vor ihm stehenden Drumpads bedienen sollte, griff und eine halbe Stunde lang ein Set aus Tracks seines vergangenen Albums präsentierte. Die Mischung aus brummenden Synthie-Klängen mit fetten, scheppernden Basstiefen und 80er-Jahre Vibes sowie seiner teils rauchig-tiefen und teils lupenreinen, glasklaren Vocals, zog das Publikum sofort in den Bann und löste begeisterte Jubelschreie aus. Vor allem Songs wie “5000 Miles“ oder “Revolver“ überzeugten die Gäste auf ganzer Linie.

Im Anschluss an sein Set verlagerte LUI HILL – der nun quasi als Bandmitglied fungierte – seine Bühnenposition ein Stück weit in den Hintergrund, ehe unter tosendem Applaus der großgewachsene Tua die Bühne betrat. In Lederjacke und Kapuzenpulli gekleidet performte er zu Beginn der Show gleich den Opener “Vorstadt“ seines neuen Albums – geladen voll Power und Energie. Zunächst noch als große, von grünen Scheinwerfern angestrahlte Illusion wirkend, dann aber deutlich als der begabter Künstler zu erkennen, forderte er das textsichere Publikum auf, lautstark mitzusingen. Zur Mitte des Songs, welcher eine dynamische, rhythmische und musikalische Steigerung fordert, baute er die (ohnehin vom Song geforderte) Spannung gewaltig auf, indem er seine Position (als wahres musikalisches Multitalent) vom Standmikrofon zu seinem E-Piano/Synthesizer-Konstrukt verlagerte. Musikalische Unterstützung erhielt Tua auf der Bühne dabei nicht nur von LUI HILL, der sich insbesondere dem Schlagwerk widmete, sondern auch von einem Keyboarder, der die Tasten gelegentlich auch gegen eine Gitarre eintauschte.

In fast schon nahtlosem Wechsel folgte der zweite Song des Albums “FFWD“, welcher die Bühne mit flackernd-blendendem Strobolicht beleuchtete. Tua, der seinen musikalischen Werken gerne eine gewisse orientalische Note verleiht, brachte die Stimmung hierbei sogar so zum Kochen, dass er sich im Folgesong seiner quasi als Markenzeichen zu deklarierenden Lederjacke entledigte.

Da Tua während des Konzertabends – gemäß seines Konzeptalbums, dessen Inszenierung eben eine gewisse Chronologie fordert – die Playlist-Reihenfolge von “TUA“ (mit wenigen Ausnahmen) einhielt, versuchte er während des dritten Songs des Abends “Ich von morgen“ das Kölner Publikum in seine Inszenierung einzubinden, indem er einen spontanen Loop auf die Worte “Guten Abend Köln“ im melodiösen Refrain einbaute. Der immer mehr steigenden Hitze im Raum geschuldet, musste der 33-jährige Schwabe nach diesem Song nun auch seinem Sweatshirt ablegen …

Die Stimmung kochte von Song zu Song höher. Umso erstaunlicher war es, als eine energische Verblüffung während des siebenminütigen Glanzstücks des Albums “Gloria“ herrschte: Die steigende Dynamik, der sich in Stimmungen wechselnde Rhythmus des Songs, die zur selben Zeit Aggressivität wie Gelassenheit ausstrahlende Stimme von Tua und die sich während des Songs herauskristallisierende Entschlossenheit (“Ich will nicht hoch hinaus. Ich will darüber hinweg!“) des Rappers zog die Zuschauer in einen wahren Bann der Begeisterung. Wie paralysiert schien das Publikum von der gewaltigen Fülle und Erhabenheit des Songs. Ein Zeichen von Erfolg und Begeisterung über einen Live-performten Song, den sonst nur wenige Musiker erfahren dürften. Wie ein Erlebnis am “Ballermann der Psyche“, wie Tua seinen Konzertabend selbst betitelte.

Zum emotionalsten Moment des Abends kam es, als Tua tief einatmend zu den Tasten seines Klaviers griff und den Tod von seinem “Vater“ besang. Bewegend, depressiv und stark. Das Publikum starrte während des Songs betreten und sogleich mitfühlend auf die Bühne und verarbeitete den Schmerz, der innerhalb des Songs transportiert wurde. Wäre die Musik im Saal stumm gestellt gewesen, so hätte man gewiss eine Stecknadel fallen hören. Stille. “Jetzt gerade stirbt mein Vater“, sagte Tua schluckend. Der Moment, an welchem sich viele Konzertbesucher eine Träne aus den Augen wischen mussten.

Mit „Dana“ wurde das Publikum jedoch wieder zurück aus der melancholisch-bewegenden, in die gutgelaunt-fröhliche Atmosphäre gerissen. Begeistert wippten alle Konzertgäste nicht nur von links nach rechts und tanzten, was das Zeug hält, sondern sangen auch die Textpassagen euphorisch mit, sodass Musikvater Tua stolz aufsprang, über beide Ohren grinste und das Publikum im Takt dirigierte.

Auch die zweifache Zugabe überzeugte das Publikum auf ganzer Ebene. Tua performte hier den Song „Bedingungslos„, den er in seinem Set zuvor bedacht übersprungen hatte. Dabei erklärte er, den Song nicht (wie man vielleicht vermuten könnte) „Lieb mich“ genannt zu haben, da ihm dieser Titel zu cheesy geklungen hätte (Zitat: „Weischt, wenn man älter wird, wird man halt was käsig.„). Außerdem bewies der 33-Jährige Rapper mit der Performance zu „Wenn man zur Sonne geht“ vom Album Stille aus dem Jahr 2010 , dass in ihm (nach wie vor) ein begnadetes Doubletime-Talent steckt: Lupenrein und taktsicher gab er die schnellen Rhymes zum Besten – die Kür aller Rapper und Hip-Hopper da draußen. Da es kurz vor dem Ende der Show ein paar technische Schwierigkeiten gab, performte Tua kurzerhand noch seinen Klassiker „Moment“ aus dem Jahr 2012, bei dem das Publikum jede Textzeile mitsingen konnte, und verabschiedete sich schließlich endgültig vom Publikum mit der Wiederholung seiner Hitsingle „Wem mach ich was vor„.

Alles in allem war Tuas Konzert der FFWD-Tour eine absolute Meisterleistung. Die musikalische Perfektion eines begabten Teams traf auf die beste Stimmung und Anerkennung des Publikums. Ein Konzert, das besser hätte nicht sein können. Im Herbst geht Tua erneut auf große „.WAV“-Tour. Gespielt wird diese jedoch auch wieder in eher kleinen, familiären Locations. Wer sich ein Konzert des begabten Musikers und Produzenten nicht entgehen lassen will, sollte daher schnell sein: Die Tickets werden mit Sicherheit auch hier wieder bald vergriffen sein. So bleibt zu sagen: Ein Konzert von Tua? Eine absolute Empfehlung! Und lohnt sich live wirklich auf allen Ebenen.

Und so hört sich das an:

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Tua Live 2019

  • 23.11.19 Dresden, Puschkin
  • 24.11.19 Leipzig, Naumanns
  • 25.11.19 Nürnberg, Hirsch
  • 26.11.19 Mannheim, Alte Feuerwache
  • 27.11.19 München, Technikum
  • 28.11.19 Wien (A), Das Werk
  • 30.11.19, Aarau (CH), KIFF
  • 01.12.19 Stuttgart, Im Wizemann
  • 02.12.19 Frankfurt, Das Bett
  • 03.12.19 Essen, Zeche Carl
  • 06.12.19 Bremen, Lagerhaus
  • 07.12.19 Bielefeld, Movie
  • 11.12.19 Münster, Skaters Palace
  • 12.12.19 Köln, Gloria Theater
  • 13.12.19 Hannover, MusikZentrum
  • 14.12.19 Berlin, Funkhaus

Tickets für die .WAV-Tour bekommst du hier. *

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