Antilopen Gang – Abbruch Abbruch

Cover des Albums "Abbruch Abbruch" der Antilopen Gang

“Wir haben das erste große, wichtige Rap-Album des neuen Jahrzehnts gemacht.“ So kündigte die Antilopen Gang ihr drittes Album „Abbruch Abbruch“ an, das an diesem Freitag erscheint. Was es genau ist, das die neue Platte von Koljah, Panik Panzer und Danger Dan so wichtig macht, beleuchten wir in dieser Rezension etwas genauer.

Seit dem Vorgängeralbum „Anarchie und Alltag“ ist viel passiert: sowohl Danger Dan als auch Koljah haben ein Solo-Projekt veröffentlicht, das jeweils von Panik Panzer produziert wurde. Insbesondere „Reflexionen aus dem beschönigten Leben“, das 2018 erschienene Album von Danger Dan, und der darauf enthaltene Song „Wir lachen uns tot“ scheint als Bindeglied zwischen dem zweiten und dritten Antilopen Album zu dienen. In dem Song beschreibt der Rapper, wie sich die Gang jahrelang mit Witzen und Situationskomik vor traurigen Situationen abgeschirmt hat. Hierzu zählt vor allem der Tod des vierten Bandmitglieds NMZS (bürgerlich Jakob), der sich 2013 das Leben genommen hatte, bevor „die neue Antilopen Gang“ ihren Durchbruch erlangte. Im Opener des neuen Albums („2013“) reflektiert die Antilopen Gang erstmals ausführlich die Geschehnisse des bandprägenden Jahres und beleuchtet dabei ihren Trauer- und Adaptionsprozess auf eine ehrliche Art und Weise.

Auch sonst klingt „Abbruch Abbruch“ ernster und wirkt gerade lyrisch oftmals ähnlich düster wie Songs, die vor dem Plattenvertrag mit dem Die Toten Hosen Label JKP veröffentlicht wurden (Beispiele von damals: „Fünfzehn“ oder „Love, Love, Love“). Auch von den auf „Anarchie und Alltag“ verwendeten Gitarrenriffs hat die Antilopen Gang sich wieder verabschiedet und ist mit den Hip-Hop-Beats zu ihren Wurzeln zurückgekehrt. Allerdings nur teilweise, denn gleichzeitig wagen sie sich einen unerwarteten Schritt nach vorne und verwenden mehr gesungene Hooks, in denen Danger Dan noch poppiger klingt als auf bisherigen Tracks. „Fans von früher“ werden davon womöglich die Ohren bluten, doch gibt man „Abbruch Abbruch“ einige Durchläufe, so wirkt das neue Konzept musikalisch stimmig und man merkt den vierzehn Tracks einen bandinternen Entwicklungsprozess deutlich an.

Der Titel des Albums zieht sich auch wie ein roter Faden durch seine Lieder: sie handeln vom Abbruch des Weed-Konsums („Lied gegen Kiffer“), dem Abbruch einer verranten Beziehung („Trenn dich“) oder dem Ende der Düsseldorfer Kultkneipe „Abraxas“. Thematisch polarisiert die Antilopen Gang in gewohnter Punkrockmanier und vertont auf „Abbruch Abbruch“ Ansichten, die gerade in der deutschen Rapszene in dieser Form bislang nie angesprochen wurden. Die zuletzt veröffentlichte Single „Bang Bang“ handelt beispielsweise vom gesellschaftlichen Leistungsdruck und den oft verschwiegenen Gedanken junger Männer vor ihrem ersten Geschlechtsverkehr. Die Gang nimmt dem Thema Sex dadurch seinen Status, dass alle Männer prinzipiell „geile Ficker“ sind, wie es im Deutschrap oft glorifiziert wird. Dass die Hook von „Bang Bang“ etwas schwächelt, verzeiht man dem Song, dessen Stärke eindeutig seine bedeutsamen Strophen sind. Auch in der Kiffergemeinde machte sich die Antilopen Gang bewusst einige Feinde mit ihrer im Vorfeld veröffentlichten Single „Lied gegen Kiffer“. Als ehemalige Konsumenten zählen die drei Rapper all die Vorurteile auf, in denen sie sich bestätigt sehen, und verknüpfen das Ganze mit einem an den Dynamite Deluxe Song „Grüne Brille“ angelehnten Refrain.

Wer die Antilopen Gang als Politrapper kennen und lieben gelernt hat, wird bei einem Song wie „Trenn dich“ vermutlich stutzen und sich kurz fragen, ob sie das wirklich ernst meinen, wenn Koljah eine Zeile wie „Schluss machen ist besser als Frust haben“ von sich gibt. Doch mit Songs wie dem Anti-Dorf-Track „Zentrum des Bösen“, der das rechtsradikale Dorfleben genauer beleuchtet, beweisen die Antilopen, dass sie ihren Status als „linksextreme Hassband“, wie die österreichische Partei FPÖ sie einst betitelte, auch weiterhin beibehalten.

Dennoch kann die Antilopen Gang auch über sich selbst lachen und kritisiert in ein paar Zeilen (“Wenn ihr nicht so dumm wärt, wär’ Pizza kein Hit” / “Ja, wir sind die Außenseiter oben in den Charts“) auch ihre eigene Entwicklung vom Hip-Hop über Punk-Rock zu Pop-Elementen. Musikalisch deckt „Abbruch Abbruch“ als Rap-Album daher auch eine Vielzahl unterschiedlicher Genres ab: während bei „Keine Party“ das von Danger Dan gespielte Klavier dominiert und der A Capella Einfluss von Die Prinzen deutlich zu hören ist, erscheint dem Hörer bei „Smauldo“ direkt eine konzerttypische “Wall of Death” vor dem inneren Auge. „Roboter“ hingegen erinnert irgendwie an ein altes Lied aus dem Kindergarten.

Der gesungene Refrain von Lulu Fuckface (Die Toten Crackhuren im Kofferraum) bei „Der Ruf ist ruiniert“ bleibt das einzige Feature auf „Abbruch Abbruch“. Weitere Gäste hat das Album aber auch gar nicht nötig, denn Danger Dan, Koljah und Panik Panzer haben selbst schon genug zu sagen. Musikalisch ist das Ganze sicherlich Geschmacksache, doch mit ihrer Aussage, es handele sich um das erste wichtige Rap-Album des neuen Jahrzehnts, hat die Antilopen Gang mit ihrem erfrischenden Realismus Recht behalten.

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So hört sich das an:

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Abbruch Abbruch Tour 2020

12.02.2020 – Cottbus, Gladhouse
13.02.2020 – Stuttgart, LKA Longhorn
14.02.2020 – Leipzig, Werk 2
15.02.2020 – Bielefeld, Lokschuppen
17.02.2020 – Erlangen, E-Werk
19.02.2020 – ATWien, Arena
20.02.2020 – Dresden, Alter Schlachthof
21.02.2020 – München, Muffathalle
22.02.2020 – Wolfsburg, Hallenbad
24.02.2020 – Jena, Kassablanca
25.02.2020 – Hannover, Capitol
28.02.2020 – Hamburg, Grosse Freiheit 36 *ausverkauft*
29.02.2020 – Berlin, Columbiahalle
06.03.2020 – Karlsruhe, Substage
07.03.2020 – Wiesbaden, Schlachthof
11.03.2020 – Oberhausen, Kulttempel
12.03.2020 – CHWinterthur, Salzhaus
13.03.2020 – CHBern, Dachstock
14.03.2020 – Köln, E-Werk

Die Bildrechte liegen bei JKP/Warner Music Germany.

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