Bloc Party – Alpha Games [Doppel-Review]

Cover des Bloc Party Albums "Alpha Games".

Sechs Jahre ist kein neues Bloc Party-Album erschienen. „Alpha Games“ nun ist die erste Platte, die Kele Okereke (Gesang, Gitarre) und Russel Lissack (Gitarre) gemeinsam mit den zwei Neuzugängen Justin Harris (Bass) und Louise Bartle (Schlagzeug) geschrieben haben. Grund genug sich dem Ganzen in einer Doppel-Review zu widmen.

Autor Jonas sagt:

Der Sturz war ein heftiger. Ein paar Zähne ausgeschlagen, eine Platzwunde an der Stirn, dröhnender Schädel. Als Bloc Party – einst bis in den Indie-Himmel gelobt – im Frühjahr 2016 ihr Album „Hymns“ veröffentlichten, verpuffte das in einem Vakuum. Die Kritiken: Mittelmäßig. Die Reaktion der Fans: Mittelmäßig. Die Liveauftritte auf der anderthalb Jahre andauernden Tour: Mittelmäßig. Und das alles kurz nachdem Ex-Schlagzeuger Matt Tong und -Bassist Gordon Moakes ausgestiegen waren. Das tat schon beim Zugucken weh. Immerhin verpasste die Band dem 00er-Jahre-Indie zu Beginn ihrer Karriere mindestens zwei bedeutende Meilensteine. Im Anschluss – Wunden brauchen bekanntlich Zeit zum Heilen – verschlug es die neu geformte Band ein Jahr lang mit dem bedeutungsvollen Debütalbum auf Tour. Es ging zurück in die großen Hallen und „Hymns“ schien vergessen. Nun, im Jahr 2022, steht ein neues Bloc Party-Album an. Es ist das erste, das in neuer Besetzung entstand. Und es zeigt eine Band, die sich vom stumpfen Trauma erholt hat, die Zähne ersetzt, die Wunden vernäht.

„Alpha Games“ ist ein zurück-auf-die-Beine-Kämpfen. Ein lautstarker „Wir können es noch!“-Ausruf. Eine Kampfansage an die Kritik mit ihren scharfen Worten. Zwölf Songs packen Bloc Party darauf. Etwa 40 Minuten lang vermengen die Brit*innen dort alt und neu zu einem oft düster-tanzbaren Indie-Cocktail. Eine entstellte Gitarre hier, eine zweite im Duell dort, ein knurrender Synthie-Bass da, an anderer Stelle ein Chorus für die Masse oder ein zuckeliger Drum-Beat. Dazwischen etwas Ruhe, mal in der Form einer in sich gekehrten Ballade, mal als gleißender Indie-Ausflug. „You Should Know The Truth“ etwa ist für Bloc Party-Verhältnisse nahezu sommerlich, gar verträumt. Manchmal – man verzeiht es der Band – missglückt das auch. „The Girls Are Fighting“ zum Beispiel, das ist als Single ausgekoppeltes Füllmaterial.

Zumeist sieht das glücklicherweise anders aus. Hymnen vermag die Band noch zu schreiben. Das belegte bereits das Ankündigungsstück „Traps“. Einen Trommelwirbel obendrauf setzt der Opener und die Hymne „Day Drinker“. Okerekes und Lissaks Melodien umspielen sich, türmen sich schlussendlich auf und münden in einem kraftvollen Aufbäumen. „Rough Justice“ und „By Any Means Necessary“ außerdem sind ebenjene Dance-Anthems, die die Band vor anderthalb Dekaden in ausverkaufte Hallen katapultierten. Es gibt viele dieser gelungenen Rückblicke auf alte Tage, verpackt in moderne Produktion, soundmäßig offen für Neues. 

Ein wenig zurücklehnen kann sich die Band bereits jetzt. Dass die neuen Songs besser aufgenommen werden als die des verflixten Vorgängers, das offenbarten bereits einige Konzerte im Vereinigten Königreich Anfang des Release-Monats. Im Nichts verpuffen, das wird „Alpha Games“ also schonmal nicht. Der Kampf zurück auf die Beine hat sich gelohnt.

Julia fühlt sich von der Energie mitgerissen:

Schon die ersten Takte von „Traps“ packten mich direkt an der Hand und zogen mich unnachgiebig zurück auf die Tanzfläche. Diese funkelt aber weniger im Licht gleißender und experimentierfreudigen Genre-Experimente, wie man sie von Frontmann Kele und seinem Solo-Album „2042″ kennt. Vielmehr ist sie wieder zurück, diese unwiderstehliche Kraft, mit der Bloc Party den Indie-Rock der 00er mitgestaltet hatten. Mit heller Lebensfreude hat diese aber wenig zu tun.

Der zugehörigen Platte „Alpha Games“ mangelt es ganz dem Ruf dieses Vorläufers folgend auch in keinster Weise an Selbstbewusstsein. Vielmehr tigert das Quartett mit Stolz geschwellter Brust durch die dunklen Club-Abende. Erstmals zogen die Brit*innen dafür auch im Studio zu viert an einem Strang. Neben dem altbekannten Duo Okereke und Gründungsmitglied Russell Lissack ist das für Bassist Justin Harris und Schlagzeugerin Louise Bartle eine echte Premiere.

Man hört der Platte diese Gemeinschaftsarbeit an. Denn die spektakuläre Polyrhythmik, die Bloc Party live zu so einer Naturgewalt machen, überstrahlt auch bei „Alpha Games“ jeden Winkel. Der Opener „Day Drinker“ turnt das einmal vor, lässt auch schonmal die finsteren Nebelschwaden aufziehen, die die Atmosphäre der Platte prägen. Am Ende bricht aus diesem Tumult eine kantige Instrumental-Passage aus. Ein Post-Brexit-Frust-Album ist es geworden, aber auch eins über mysteriöse Gestalten, wie Okereke erzählt.

Einzig in „You Should Know The Truth“ scheint sich dieser Nebel zu lichten, harmonische, weite Chöre weichen die Kanten der Platte auf. „The Girls Are Fighting“ ist hingegen dynamischer Indie-Rock der Meisterklasse und „Sex Magik“ hebt mit flirrenden Synthesizern und artsy Gehauche einmal kurz ab. Gerade der Song „In Situ“ zeigt, welche Stärke Bloc Party auch nach über 20 Jahren noch in sich tragen: Von dieser Verbindung aus Melancholie und Euphorie kann das Genre noch lange zehren. Und der Trademark-Sound aus verschobenen Gesangsspuren bringt noch jedes Herz in Galopp-Stimmung. Auf diese Party lasse ich mich gerne nochmal einladen. Welcome back, Bloc Party!

Das Album „Alpha Games“ könnt ihr hier kaufen. *

Mehr Bloc Party gibt es hier.

Und so hört sich das an:

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Bloc Party live 2022:

15.05. – Berlin, Tempodrom
16.05. – Köln, E-Werk

Rechte am Albumcover liegen bei BMG.

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