Blvth – I Love That I Hate Myself

Cover von Blvths Debütalbum "I Love That I Hate Myself".

Die zeitgenössische Popkultur tut es sich mit Emotionalität manchmal schwer. Doch gerade dann, wenn der Zeitgeist auf einen Punk- oder Hardcore-Background trifft, gelingt dieser Spagat auffällig oft: Man denke an Artists wie Lil Peep, die Suicideboys oder Casper. Der Produzent und Sänger Blvth demonstriert mit seinem Debütalbum „I Love That I Hate Myself“ ebenfalls, dass sich beides gar nicht zwangsläufig abstoßen muss. Ob das auch auf die Punk-Wurzeln des Berliners zurückzuführen ist?

Die Antwort auf diese Frage hat zwei Seiten. Zwar lassen die acht Songs des nach vielen EPs nun ersten Studioalbums den Punk-Background niemals so deutlich durchblicken wie das tolle „The Void“ aus dem Vorjahr, unter der Autotune-Oberfläche kämpft sich jedoch immer wieder eine gewisse Verletzlichkeit hervor. Gerade diese Bereitschaft sein Herz auf der Zunge zu tragen scheint Blvth in seiner Punk-Phase internalisiert zu haben. „I Love That I Hate Myself“ ist deshalb eine vertonte Selbstfindungsreise, die mit der dystopischen Soundkulisse von „I Hate Myself“ beginnt und mit den versöhnlichen Klängen von „I Love Myself“ samt intimem Sprach-Einspieler ihr Ende findet. 

Zwischen diesen zwei instrumentalen Extrem-Polen stehen fast zwei Handvoll Songs, die über gleichsam fetter und sphärischer Produktion Heilung im Großen und im Kleinen suchen. Weit greift das vor allem im leichtfüßigen „Pow Pow“, einer modernen Quasi-Hymne für ein offenes Weltbild und gegen all den braunen und kapitalistischen Dreck da draußen. Da heißt es unter anderem: „Where you’re from doesn’t matter, because we’re all one.“ „Twi$$tin And Turnin“ blickt dahingegen kurzsichtiger auf seine Umwelt und behandelt die Zweifel und Ängste, die uns alle von Zeit zu Zeit heimsuchen und Nachts nicht schlafen lassen. Der Song kommt mit seinen zurückhaltenden Gitarren und gemächlichem Tempo gleichsam im Blvth-iversum wohl dem am nächsten, was man als „Ballade“ bezeichnen könnte.

Auf ein Gitarrenskelett – auch seine Vorliebe dafür hat Blvth wohl aus dem Punk – bauen zudem auch der eingängige Ankündigungssong „Butterfly“ sowie das ebenfalls zuvor ausgekoppelte „Kaputt“. Über Arpeggios und knatternde 808s singt Blvth auf letzterem außerdem erstmals auf deutsch. Das funktioniert erstaunlich gut, auch wenn der knackige Refrain ein wenig nah an Kummers „Bei Dir“ ist. Und an dem hat der Berliner bekanntlich ebenfalls mitgewirkt. Während „Bail Out“ noch verzerrte Gitarren mit flirrenden Hi-Hats paart, bilden verwaschene Synthie-Chords die Basis für eine Reihe anderer Stücke. „Stranger“ übernimmt die Störsignale des vorangegangenen Intros zunächst, lässt diese jedoch binnen kürzester Zeit von breiten Synthesizer-Flächen ablösen, die schlussendlich doch wieder der Lärm-Kulisse weichen. Und auch „Arigato“ hat bei ähnlicher Formel einen Sound, der so breit ist wie ein Türsteher.

Bei all diesen modernen Stilelementen geht nie die Hingebung und Konsequenz verloren, die das Projekt Blvth von anderer zeitgenössischer Musik abhebt. Kommt die aus dem Punk? Vermutlich. Schlussendlich liegt die Nahbarkeit, die Blvths Musik vermittelt, aber zu einem gewissen Grad auch an dem hibbeligen und offenen Menschen, der hinter ihr steht. Dessen Energie und Leidenschaft manifestiert sich auch in den Aufnahmen, erwacht aber gerade in den ekstatischen Live-Performances so richtig zum Leben. Doch auf enge Clubkonzerte müssen wir noch mindestens ein paar Monate warten. Und bis dahin ist dieses Album viel mehr als nur ein kleiner Trost.

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