Finneas – Optimist

Review: "The Optimist" zeigt uns FINNEAS‘ neugierigen Blick auf die Menschen und die Welt.

Erinnert ihr euch noch an den März 2020? Als der erste Lockdown über uns hereinbrach, alle verunsichert und ängstlich waren und doch in kürzester Zeit viele Menschen zu höchster Produktivität aufliefen? Als Leute einen Marathon auf ihrem Balkon bestritten, mit Klopapierrollen schweißtreibende Workouts abhielten und dazu aufforderten, die Zeit zu nutzen, um endlich den Roman zu schreiben, für den man nie Zeit gefunden hatte oder den 4×4 Meter Makramé-Wandbehang zu knüpfen, für den man sich die Zeit nicht nehmen wollte? Bestimmt erinnert ihr euch noch daran, wie sich schnell ein Gegenpol zu diesem Tatendrang bildete und es hieß, es sei auch völlig ok, nichts von Alledem zu machen, weil die Situation an sich kraftraubend genug sei.

So wichtig und richtig es ist, dass man sich nicht überfordert mit Challenges, Projekten und dem Nachgehen von Wünschen, die vielleicht nur bestehen, um sie nie zu verwirklichen und immer etwas zum Träumen zu haben, so schön ist es auch, dass manche Menschen tatsächlich die Möglichkeit hatten, die Zeit tatsächlich dafür zu nutzen, etwas zu kreieren, dessen Ergebnis sich jetzt bestaunen lässt – wie das Debütalbum von FINNEAS.

Seit dem 15.10. ist „Optimist“ draußen und online. Klingt titelmäßig auf jeden Fall schonmal vielversprechend und weniger nach Lethargie und Überforderung als danach, das Positive auch dann zu sehen, wenn das Negative um sich greift. Entstanden ist das Album mit 12 Songs 2020, als die Welt unter der Coronavirus-Pandemie zu erstarren schien, sich in uns aber so viel bewegte. Einiges des allgemein Gedachten greift FINNEAS in seinem Album auf, singt über Pläne für die Zukunft, Schulen im Lockdown und die Frage, worüber man eigentlich singen darf, wenn um einen herum alles im Chaos versinkt.

Musikalisch bedient sich FINNEAS, der einigen vielleicht bereits als Produzent für seine Schwester Billie Eilish oder andere bekannte Musiker*innen wie Justin Bieber, Tove Lo und Demi Lovato bekannt ist, an klassischen Singer-Songwriter-Instrumenten wie Klavier und Gitarre, scheut aber auch nicht davor zurück, elektronische Beats in seine Lieder einfließen zu lassen und seine Stimme mit Autotune zu verwandeln. Dass er auch kraftvolle Musik kann, mit tösendem Schlagzeug, Gitarren und Druck, zeigt er direkt mit dem Album-Auftakt „A Concert Six Months From Now“ dessen Titel in einigen von uns sicherlich enttäuschte, aber auch hoffnungsvolle Emotionen hervorruft. Ich wage zu bezweifeln, dass Personen, die für das vergangene Jahr Konzerttickets hatten, die Vorstellung, sechs Monate auf ein Konzert warten zu müssen, sonderlich anregend finden, aber andererseits: in Geduld haben viele von uns sich sicherlich geübt in den letzten Monaten. In Wahrheit geht es in „A Concert Six Months From Now“ auch gar nicht um verschobene Events, sondern um den Optimismus, mit dem manTickets  für ein sechs Monate entfernt liegendes Konzert kauft, in der Annahme, zu dem Zeitpunkt noch mit der Person hingehen zu wollen, mit der man es plant, motiviert, in der Verfassung und ganz plump gesehen: einfach noch da zu sein.

Your favorite band
Is back on the road
And this fall they’re playing
The Hollywood Bowl
I’ve already purchased two seats for their show
I guess I’m an optimist
(„A Concert six months from now“)

Einen wieder anderen Ton schlägt das nächste Lied an. In „The Kids Are All Dying“ wühlt Finneas auf, wirft Fragen auf und an Köpfe, macht nachdenklich und lädt trotzdem ein, sich – vielleicht ein wenig ertappt und beschämt – zur Musik zu bewegen:

Bangbang
Knocking on my door
Do you have a dollar?
Would you like to fund a war?
What’s your carbonfootprint
And could you be doin‘ more?
I‘d tried saving the world
But then I got bored

How can you sing about love
When the kids are all dying?
How can you sing about drugs? Politicians and lying
How can you sing about sex
When the school is on lockdown?
(„The Kids are all dying“)

Die Single „The 90s“ erschien bereits am 03. September dieses Jahres und ist nach den eher seichten Gesängen mit ihren Beats fast schockierend, sodass man auf der Tanzfläche kurz ins Straucheln gerät. Der nächste Song auf dem Album gibt uns dann Zeit zur Erholung. „Love is Pain“ ist ruhig, schwer und gleichzeitig sanft und möchte lieber mit einem gefüllten Glas, einer warmen Hand oder einem Feuerzeug in der eigenen gehört werden. Augen zu und eintauchen.

„Optimist“ zeigt uns FINNEAS‘ neugierigen Blick auf die Menschen und die Welt, ruft Emotionen und Gedanken hervor, erinnert daran, den Optimismus nicht zu verlieren, auch wenn alles ins Schwanken gerät. Er hat die Zeit des Lockdowns genutzt, um sich seiner eigenen Musik zu widmen, zu verarbeiten und uns zu sagen: Auch in Zeiten, in denen alles im Chaos versinkt, sind Liebe, Sex, Leidenschaft und Abenteuer immer ein Teil von uns Menschen: „I’s how the brain works.“

Das Album „Optimist“ kannst du hier (Vinyl) oder hier (digital) kaufen. *

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Die Rechte am Albumcover liegen bei Universal Music.

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