I Want Poetry – Human Touch

Im November 2020 sieht das allgemeine Leben alles andere als fröhlich aus. Tun sich die meisten eh stets mit dem Winter schwer, da die dunklen Stunden die hellen dominieren, werden erheiternde Lichtblicke wie Weihnachtsmärkte in den Straßen gestrichen und so gemeinsame Erlebnisse zunichte gemacht. In dieser trostlosen Endzeitstimmung bringt nun das Newcomer-Duo I Want Poetry sein Debütalbum heraus.

Sphärischer Indie-Dream-Pop aus Deutschland. Das gibt es selten. Tine von Bergen und Till Moritz Moll, die schon seit acht Jahren zusammen arbeiten, widmen sich dieser kleinen musikalischen Orchidee und tragen aus dem Osten des Landes – genauer gesagt aus Dresden – ihre gewichtigen Klänge in die Welt. Human Touch nennt sich der erste Longplayer, bestehend aus elf komplett selbstgeschriebenen Songs und 39 Minuten Musik. Fünf der Titel sind bereits auf den typischen Portalen zu hören und wurden innerhalb der letzten anderthalb Jahre häppchenweise veröffentlicht. Unter den sechs neuen Stücken befinden sich allerdings auch zwei Interludes, was Anhänger*innen der ersten Stunde vielleicht ein wenig enttäuschen könnte.

Doch wie genau klingt denn I Want Poetry, die ihren Bandnamen einem Zitat aus Huxleys „Schöne neue Welt“ entlehnt haben? Während sich Till am Piano und diversen Synthesizer-Effekten auslebt, greift Tine zum Mikrofon. Wie vermutet, ist Human Touch ein Longplayer voller tiefer Molltöne, die sich zwischen leichtem Ambient nach Massive Attack-Art und verträumtem Elektro-Pop à la London Grammar positionieren. Gesanglich erinnert Tine ein wenig an Tori Amos, Amy Lee (Evanescence) und Lana del Rey.

Klingt zunächst verlockend und spannend, was es sogar ist, aber gleichzeitig auch schwermütig. Da lockert ein Chopin-artiges Pianosolo fast schon auf („The World Within“). I Want Poetry fordert heraus und liefert zweifelsohne ordentlich Ecken und Kanten. Eingängige Phasen gibt es, aber wirklich sehr vereinzelt. Stattdessen bieten sich Titel wie „Adrenaline“ und „Islanders“ für schick inszenierte Contemporary-Tänze an oder kühl-geheimnisvolle Balladen mit Storytelling wie „Chandler“ für den Abspann einer dramatischen Netflix-Serie. Am spannendsten gestaltet sich der mystische, aber gelungen aufgebaute intensive „For The Night“, der in die gegenwärtige Saison hineinpasst und sich als Soundtrack für lethargische Bettmomente eignet. Sucht man nach zugänglicheren Titeln, ist man bei „Bolts Of Lightning“ gut aufgehoben, das durch seine Streicheruntermalung angenehm einhüllt.

Human Touch ist erwachsener und mutiger Alternative-Pop mit Geister-Atmosphäre und Ambition, der an der einen oder anderen Stelle noch mehr ausbrechen könnte, so aber kaum in deutschen Regionen zu finden ist und sich eher nach nordischer Herkunft anhört. Trotzdem wird es nach hinten raus ein wenig zu monoton, was aber vielleicht genau so gewollt ist. I Want Poetry tragen bereits in ihrem Bandnamen Poesie und liefern auf textlicher Ebene einige untypische Bilder. „These growing pains leave me wanting to shed my skin“ („Growing Pains“) gibt als Opening eine Richtung vor, auf die man sich einzulassen hat und was in der richtigen Stimmung fruchten kann. Ein unangepasstes Album, das Aufmerksamkeit erwartet, zu dem vielleicht nicht jede*r einen Zugang findet, was aber andere gerade deswegen begeistern wird. Einfach ausprobieren.

Und so hört sich das an:

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Die Rechte fürs Cover liegen bei 1000 OCEANS RECORDS.

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