Madeline Juno – Nur zu Besuch

„Mein ganzes Leben liegt in Scherben. Ist das erwachsen werden? Wenn alles bitter wird, heißt das dann, dass die Dosis wirkt? Und dass alles so kaputt ist, ist das Part of the Process? Ich verlier‘ nicht den Verstand, ich bin einfach Mitte zwanzig“

Knapp zwei Jahre ist es her, dass Madeline Juno mit „Besser kann ich es nicht erklären“ eines dieser Alben veröffentlicht hat, das nur so vor Authentizität und Tiefgründigkeit strotzt. Auf der bemerkenswerten Reise, die mit Trennungsschmerz angefangen und zur Akzeptanz der eigenen Ängste, Selbstliebe und einer enormen Portion Stärke sowie Erkenntnissen geführt hat, vermochte die Sängerin es unheimlich wichtige Lebensprozesse sehr atmosphärisch und fesselnd in 15 Songs darzustellen. Mit „Nur zu Besuch“ öffnet Madeline Juno nun ein neues Kapitel, in dem sie sich vor allem mit den Herausforderungen des Erwachsenwerdens, Selbstakzeptanz und Selbstreflexion beschäftigt. Ein „ungefiltertes Protokoll“ ihres Lebens, wie sie es selbst ausdrückt.

Der Herzschmerz des vorherigen Albums ist auf „Nur zu Besuch“ gewichen und dennoch knüpft das Album nahtlos an. Mit Songs wie „Gewissenlos“ und „Lovesong“ kreiert Madeline Juno die perfekten Anti-Liebeskummer-Hymnen, die ein wenig wie eine Abrechnung mit ironischem Unterton klingen und gleichzeitig aufzeigen, was für einen enormen Heilungsprozess die Sängerin hinter sich hat. Gerade der Vergleich zwischen „Obsolet“ aus dem vergangenen Album („Und ich komm‘ mir so unglaublich dumm vor. Wie ich hier noch immer wartend steh‘“) und Lovesong („Es geht schon viel zu lang so, doch Gott sei Dank war es vorbei, bevor es begann“) zeigen das auf. Madeline Juno präsentiert sich hier abermals mit einer Wortgewandtheit, die mehr als genial ist und gleichzeitig unfassbar viele Emotionen überträgt. Dies zeigt sich durchgehend auf allen vierzehn Tracks des Albums.

Eine Art Fortsetzung gibt es auf dem sechsten Studioalbum der Sängerin auch zu dem Song „99 Probleme“. In dem Lied „Murphys Law“ stellt sie sich abermals ihren dunkelsten Gefühlen und Dämonen, gibt ungefiltert einen Einblick in ihre Gedankenwelt und schafft damit einen sehr ehrlichen Song, der gleichzeitig auch unfassbar wehtut. Besonders Textzeilen wie „27 Jahre Selbstsabotage. Die schwärzesten Tage sind die, an denen nur du mich siehst. Bin bei mir in Bad Company“ berühren tief. So düster der Song aber auch sein mag, so mutig ist er auch.  Mit dem wunderschön atmosphärischen „Nur zu Besuch“ sowie „Version von mir“ zeigt Madeline Juno  ebenfalls Wahrheiten auf, die wehtun und nicht immer leicht anzuhören sind. Dennoch zeugen sie von unheimlich viel Reflexion und Stärke. Man durchlebt beim Hören all die Emotionen und fühlt mit. Madeline Juno hat dabei ein Talent, ihre Gefühlswelt so in die Musik zu integrieren, dass alles wahnsinnig nahbar daherkommt – Gänsehaut und Tränen inklusive.

Ein bisschen frecher und mit leicht ironischem Unterton begegnet die Sängerin dem Thema Mental Health im Opener „Sad Girl Shit“, der alleine für sich schon grandios getextet ist. Die Berlinerin zeigt mit dem Track sehr schön auf, wie wichtig es ist, die vermeintlichen eigenen Schwächen anzuerkennen und mit einer gehörigen Portion Humor zu sehen ( „Wenn du am Boden bist, triffst du wahrscheinlich mich. Herzlich willkomm’n: Wir machen Sad-Girl-Shit“).

Ein kleines Highlight des Albums stellt der Song „Mitte Zwanzig“ dar, indem Madeline Juno die Tücken des Erwachsenwerdens adressiert („Und dass alles so kaputt ist, ist das Part of the Process? Ich verlier‘ nicht den Verstand, ich bin einfach Mitte zwanzig“). Abermals sehr ehrlich gibt sie hier tiefe Einblicke in ihr Seelenwelt und stellt dabei so essenzielle Fragen auf, die heutzutage gerade in den Zwanzigern auftauchen. Sehr schön porträtiert sie die Zerrissenheit zwischen dem Erwachsen werden und dem wieder Kindsein wollen, den vielen Tiefen und Ängsten, die diese Phase im Leben mit sich bringt. Chapeau davor, dass du dieses Gefühl so perfekt in diesen Song eingekleidet hast, liebe Maddie! Ebenfalls großartig ist der Song „Nicht ich“, in dem sie sehr durchdacht eine frühere Beziehung reflektiert und dabei einen sehr versöhnlichen Ton findet. Gerade die Melodie ist dabei so schön eingängig, das sie nicht so schnell wieder aus dem Kopf geht.

Weniger traurig geht es auf Songs wie „Was zu verlieren“, „Was weiß ich schon“ und „Ich sterbe zuerst“ zu, die als Fortsetzungen zu „Plot Twist“ oder „Es hat sich gelohnt“ zu sehen sind. Die Sängerin schöpft hier Liebeslieder, die tief unter die Haut gehen und gleichzeitig einen inneren Frieden mit all dem Herzschmerz schaffen. Egal, ob es Zeilen wie „Ich misch‘ dir heimlich Vitamin C in deinen Drink, damit wir in hundert Jahr’n immer noch abhäng’n“ oder „Ich hab‘ endlich wieder Gründe, dass ich aufpass‘ an mei’m tiefsten Punkt und kein’n Scheiß mach‘, glaub‘, das liegt an uns“ sind, Madeline Juno besingt hier keine weichgespülten Liebesfloskeln, sondern liebt sich um Kopf und Kragen, mit allen Ecken und Kanten, mit allen Schwächen und Stärken. Auch die Tatsache, dass sie unverschont Unsicherheiten thematisiert, wie etwa in dem kurzen, aber gerade deswegen so faszinierenden „Life Goals“ („In seinen Augen echte Liebe. Ich glaub‘, dass ich sie nicht verdiеne“) macht den Inhalt auf „Nur zu Besuch“ sehr nahbar und aufrichtig.

Obwohl jeder Song auf „Nur zu Besuch“ einen ganz eigenen Vibe hat, hat Madeline Juno mit dem Album ein schönes Gesamtwerk geschaffen, das harmonisch stimmig und inhaltlich einander ergänzend ist. Sie nimmt auf den vierzehn Songs mit auf eine Reise durch ihr Leben, schafft dabei bittersüße, ehrliche Momente, die zum Nachdenken anregen und mitfühlen lassen. Noch besser: Sie adressiert Themen, bei denen es vielen ähnlich geht, und vermag es eindrucksvoll, ihre Gedanken und Gefühle in diese Songs zu packen. Es fühlt sich ein bisschen wie ein intimes Gespräch mit einer guten Freundin an, aus dem man unheimlich viel mitnimmt. Sie berührt mit ihren Gefühlen und schafft Lyrics, die bis ins Mark gehen und brilliert abermals gerade sowohl mit ihrer Stimme als auch mit der Feinfühligkeit, die sie in die Songs legt. Getragen wird dies von sehr harmonischen Melodien. Mit „Nur zu Besuch“ hat sie ein neues Kapitel aufgeschlagen, das dem Vorgänger „Besser kann ich es nicht erklären“ aber in nichts nachsteht. Die Songs des Albums sind genau deswegen, wie auch schon beim Vorgänger, fesselnd, mutig und zerbrechlich zugleich.

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