Rammstein – Rammstein [Doppel-Review]

Rammstein - Rammstein

Die Meister der Provokation melden sich zurück! Knapp zehn Jahre nach „Liebe Ist Für Alle Da“ erscheint nun das bereits siebte Album der Band, die mit ihrem Schaffen immer für Wirbel zu sorgen weiß. Kann „Rammstein“ mit seinen älteren Geschwistern mithalten? Schocken die Berliner auch im Jahr 2019 immer noch?

Christopher sagt:

Das 25-jährige Bandjubiläum musste es also sein. Erst das war Grund genug für Rammstein, ein neues Album zu veröffentlichen. Dabei gab es mehrmals Andeutungen, dass eventuell nie wieder neue Musik kommt. Aber als erfolgreichster deutscher Export zieht man nicht einfach so von dannen. Stattdessen kommt man wieder mit einem Knall. Einem richtigen Knall.

Es ist komplett egal, ob die letzte Platte bereits eine Dekade zurückliegt. Wenn Rammstein rufen, tritt man an. So wurden bereits im Oktober weit vor irgendeinem neuen Track innerhalb weniger Minuten 27 Konzerte in ganz Europa verkauft – trotz personalisierter Tickets. Schwarzmarkt adé! Naja, so gut es geht zumindest. Das Video zur ersten Single „Deutschland“ löste dank eines kleinen Teasers mit Zweiter Weltkrieg-Thematik einen riesen Eklat aus – reicht, um genügend Medienecho zu bekommen. Marketing auf internationalem Megastarniveau, gipfelnd mit einem der bildgewaltigsten Musikvideos der letzten Jahre, einer linkspolitischen Message und einem wirklich starken Song. Weiter geht’s mit Spannungsaufbau bei der Tracklist. Zensierte Buchstaben, die dazu führen, dass fragwürdige Titelassoziationen entstehen, abgerundet durch Instrumentalschnipsel. Wem das noch nicht gereicht hat, konnte bei einer Videopremiere outdoor auf einer Häuserwand dabei sein. Das hätte eine Beyoncé oder Lady GaGa nicht besser gekonnt. Ob Rammstein diesen Vergleich wohl schätzen? Who knows.

Umso puristischer hingegen funktionieren Albumtitel und Cover. Es musste das siebte Album in der Bandgeschichte werden, bis der Bandname herhielt. Gruppenfotos knicken wir uns auch und zeigen stattdessen ein Streichholz auf weißem Hintergrund. Ambivalenz wie eh und je – auch beim Höreindruck. Die Platte mit der längsten Produktionszeit bis dato präsentiert rechtzeitig zehn Tage vor dem Tourstart auf elf Titeln 46 Minuten Musik und dürfte grade Hardcorefans ein wenig enttäuschen. Wer seit Anfang an dabei ist und die „Neue Deutsche Härte“ lebte, steigt womöglich nun aus. Einerseits wird zwar viel gewohnte Kost geboten, andererseits aber Popsounds, die in der Masse noch nie anzutreffen waren.

Wem jetzt schon Pippi in die Augen steigt und überlegt seine Bestellung ungehört zu stornieren, sei aber behutsam über den Kopf gestreichelt. So schlimm ist es dann alles doch nicht. Nur eben anders. Wenn eine Band so viel erreicht hat, dass sie ohne Höreindrücke die größten Stadien des Kontinents vollbekommt, braucht sie nichts mehr zu beweisen und auch nichts mehr zu bedienen. Stattdessen versteht das Sextett den neuen Longplayer als Spielplatz und macht einfach das, was sich irgendwie gut anfühlt. Rammstein sind Mainstream und machen sich genau das zu nutze. Till Lindemann singt und das gleich mehrmals. Refrains, in denen der Text nur aus dem Titel bestand wie bei „Feuer Frei“ sind passé – Melodien sind der neue Shit. Manche Beats brettern des Weiteren so elektronisch und im gut angezogenen Tempo daher, dass man in der Indie-Disco dazu dancen könnte und kurze „Lay All Your Love On Me“-ABBA-Samples hören mag („Radio“). Es wird immer gruseliger? Da geht noch mehr. Kirchen- („Zeig dich“) oder Kinderchor zum Beispiel („Ausländer“). Und ganz viel Synthie.

Textlich bewegt sich Rammstein in gewohnter Dirty-Manier zwischen Prostitution, Vergewaltigungen in Gotteshäusern, Entführung, Sextourismus oder dem Gefühl, von Medien ausgeschlossen und zensiert zu werden. Und selbst das altbekannte Thema „Liebe“ darf nicht fehlen. Inhaltlich ist also eher Old statt New School. Gänsehaut garantiert die intensive Horrormär in „Puppe“, die auch musikalisch spannend daherkommt, im blutigen Refrain alles entlädt und in Pianosounds endet. Storytelling, das an alte Klassiker a la „Spieluhr“ erinnert. Dass ein Album mit Kinderkidnapping endet, hinterlässt ebenso ein mulmiges, wie auch Rammstein-esques Gefühl („Hallomann“). „Diamant“ dient als kurzes Intermezzo für die Rockballadenfans, macht ebenfalls vieles richtig und dient als Hommage an „Seemann“. „Ausländer“ sorgt für Schmunzler und zeigt, dass Rammstein ihren Humor und Hang zur Mehrsprachigkeit definitiv nicht verloren haben. Auch Hymnen wie das treibende „Was ich liebe“ oder das mit Ohrwurmrefrain gespickte „Weit weg“ bocken und sollten Live zu epischen Momenten aufsteigen. Lowlights sind das berechenbare „Zeig dich“, das so auf jedes Album der Berliner gepasst hätte und deswegen mit dem plakativen „Sex“ in die Beliebigkeitsecke abrutscht. Der nervige Refrain von „Tattoo“ verführt sogar zum Skippen. Drei Liedchen, die den Gesamteindruck bei einer derartigen Überraschungsbox, die einem sonst so bevorsteht, doch etwas trüben.

„Rammstein“ ist kein so starkes Konzeptalbum wie die beiden Meisterwerke „Mutter“ und „Reise Reise“. Stattdessen hören wir elf experimentelle, spaßige und dennoch zum Großteil typische Songs, die einige Fans kosten werden – aber das sollte wenig bis gar kein Problem sein. Das haben die letzten Monate genug unter Beweis gestellt.

Und Jonas sagt:

Rammstein befinden sich auf ihrem Zenit. Arenen füllen? Das konnten die Berliner soweit man denken kann immer – selbst international. Stadien füllen? Kann man mittlerweile auch locker. Der Bandpause sei Dank! Als im letzten Jahr die erste Stadion-Tournee der Bandgeschichte in den Vorverkauf ging, waren alle Konzerte so schnell ausverkauft, wie es die Server der Ticketanbieter zuließen, ein großer Teil der Fans ging trotz der schier unendlichen Kapazitäten leer aus. Ein knappes halbes Jahr später stehen die riesigen Konzerte nun an. Passend dazu bieten Rammstein ihren unzähligen Anhängern ein neues Album, das die Band so selbstsicher wie noch nie in ihrer Rolle als populäres Aushängeschild deutscher Kultur auftreten lässt.

Um zu Beginn direkt eins klarzustellen: das erste selbstbetitelte Album Rammsteins ist auch gleichzeitig das eingängigste der bisherigen Diskographie. Ihren Metal-Anteil schraubt die Band deutlich zurück, dafür finden Pop-Einflüsse und vor allem Rock-Parts Einzug in den eigentlich so markanten Rammstein-Sound. Was mit epischen Gitarrenwänden beginnt („Deutschland“), weicht schnell tanzbaren Elektro-Rock-Beats („Ausländer“) und lässigen Riffs, die so ähnlich auch von den modernen Rock-Blues-Riffmastern Royal Blood stammen könnten („Sex“). Was beim poppigen „Ausländer“ noch unausgereift und billig wirkt, funktioniert an anderer Stelle jedoch bereits besser: die Vorabsingle „Radio“ zeigt, dass Rammstein auch Pop können und streut zwischen die Eingängigkeit thrash-metalige Stakkato-Gitarren. Die Ballade „Diamant“ weiß dahingehen nicht zu begeistern und scheint eher obligatorischer als essentieller Teil des Albums zu sein – vielleicht braucht nicht jeder Rammstein-Langspieler einen gezwungen ruhigen Track?

„Weit Weg“ zieht ebenfalls komplett vorbei, ohne auch nur im Ansatz hängen zu bleiben. Das einzige, was den Song als Rammstein-Lied erkennen lässt, ist die Stimme Lindemanns, sowie dessen markant gerolltes „R“. Eigentlich waren Rammstein doch immer eine Band, die sich nicht nur auf ihren Anführer reduzieren ließ. Schade. Gegensätzlich dazu stehen „Puppe“ und „Hallomann“, die Drama und Atmosphäre sowohl textlich als auch musikalisch gekonnt zu vermischen wissen und damit alles vereinen, was die Band auszeichnet. Zwischenzeitlich blitzt natürlich trotzdem immer wieder auch die Metal-Vergangenheit des Sextetts durch – auch der Refrain von „Zeig Dich“, sowie das Hauptmotiv von „Tattoo“ treiben in gewohnter Manier nach vorn.

„Rammstein“ ist das bislang kommerziellste Album der Berliner. Erstmals ecken die Songs der Band nicht so sehr an, dass sie nicht auch im Radio laufen oder in den populären Playlists großer Streaming-Anbieter neben OneRepublic und Ufo361 stehen könnten (pssst, in Spotifys „New Music Friday Deutschland“ ist das vielleicht sogar der Fall!). Die Band leugnet damit trotz zaghafter Versuche mit anzüglichen und schockierenden Texten bitter aufzustoßen – Spoiler: gelingt nicht wirklich – nicht mehr ihren Bekanntheitsgrad und suhlt sich wohlig im eigenen Ruhm. Hinzu fehlt es der Platte an Konzept, an dem großen Ganzen, das sie und ihre Einzelteile zusammenhält. So bleibt das siebte Rammstein-Album leider nur ein durchwachsenes Werk voller Höhen und Tiefen, das von einer gigantischen Tournee in den Schatten gestellt wird. Erfolgs-Zenit? Ja! Kreativ-Zenit? Nein!

Das Album „Rammstein“ kannst du dir hier kaufen.*

Und so hört sich das an:

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Rammstein live 2019:

27.05.2019 Gelsenkirchen, Veltins-Arena (Ausverkauft)
28.05.2019 Gelsenkirchen, Veltins-Arena (Ausverkauft)
05.05.2019 CH-Bern, Stade de Suisse (Ausverkauft)
08.06.2019 München, Olympiastadion (Ausverkauft)
09.06.2019 München Olympiastadion (Ausverkauft)
12.06.2019 Dresden, Rudolf-Harbig-Stadion (Ausverkauft)
13.06.2019 Dresden, Rudolf-Harbig-Stadion (Ausverkauft)
16.06.2019 Rostock, Ostseestadion (Ausverkauft)
22.06.2019 Berlin, Olympiastadion (Ausverkauft)
02.07.2019 Hannover, HDI Arena (Ausverkauft)
13.07.2019 Frankfurt, Commerzbank-Arena (Ausverkauft)
22.08.2019 AT-Wien, Ernst-Happel-Stadion (Ausverkauft)
23.08.2019 AT-Wien, Ernst-Happel-Stadion (Ausverkauft)

Die Rechte für das Cover liegen bei Vertigo/Capitol.

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