Run The Jewels – RTJ 4

Cover von Run The Jewels viertem Studioalbum "RTJ 4".

Der erste Frühling der 2020er-Jahre ist kein guter. Das Corona-Virus tobt. Politische und wirtschaftliche Systeme gelangen dank unangenehmen sozialen und menschlichen Gefügen und Lockdown-Maßnahmen an ihre Grenzen. Und struktureller Rassismus sowie Polizeigewalt sind erkennbarer denn je. Weitere exekutive und judikative Systeme – man denke nur an die Verfolgung von Straftaten innerhalb der exekutiven Gewalten – offenbaren auch hier tiefgreifende Mängel. Inmitten all dieses Chaos macht eine Band sich auf, sich über die Missstände auszulassen: Run The Jewels.

Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen

Politischer Aktivismus ist keine neue Disziplin für die Rap-Supergroup: Schon seit ihrer ersten Platte Anfang der 2010er-Jahre stehen El-P und Killer Mike neben deftigen Raps auch für überspitzte Sozialkritik. Im vergangenen Jahr erkundete letzterer in seiner Netflix Doku-Serie „Trigger Warning With Killer Mike“ zudem die Grenzen, die kapitalistische Umgebungen aktivistischem Verhalten aufzwängen.

Dass ein Run The Jewels-Album – es ist bereits das vierte – inmitten eines Sturms aus Chaos und Umwälzung erscheint, ist jedoch neu: Mit der Ermordung George Floyds und den damit einhergehenden, nun auch fernab Nord-Amerikas tobenden Protesten, schmeißt das Duo „RTJ 4“ in einen brodelnden Brandherd. Der Aktualität wegen beschlossen El-P und Killer Mike gar ihr viertes Studioalbum bereits zwei Tage früher zu veröffentlichen – wie gewöhnlich als kostenlosen Download über ihre Website. Anders ist nur, dass die Gruppe nebenher Spenden für den „National Lawyers Guild Mass Defense Fund“ sammelt, der Protestierenden rechtlich unter die Arme greift. Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen.

„On it is all our joy, humor, friendship and rage.“

„RTJ 4“ ist nun also erhältlich und vereint laut El-P all den „joy, humor, friendship and rage“, der die Gruppe auszeichnet. Tatsächlich schafft die Platte fernab ihrer politischen Komponente auch Platz für aggressiv gespitteten Poser-Manifeste samt Wortspielen und Punchlines. „yankee and the brave (ep. 4)“ beispielsweise nimmt die Perspektive einer fiktiven Fernseh-Show ein – die beiden Spitznamen verweisen auf die Geburtsstädte der zwei Rapper – und setzt statt hittigem Refrain auf bösartige Lines. Zum Schluss des Songs konkludieren die zwei: „Yankee and the brave are here // everybody hit the deck //
We don’t mean no harm but we truly mean all the disrespect.
“ Dieses Show-Motiv bildet den Rahmen der Platte und wird zum Schluss noch einmal final mit einer Abmoderation zu Ende geführt.

Zwischen all dem widmen sich Killer Mike und El-P auf „never look back“ über sphärischen Synthie-Arpeggios ihrem Werdegang. Immer wieder bäumt sich der Synthesizer zum vermeintlich großen Ausbruch auf. Er bleibt aus. Wie auch die Vorgänger produzierte El-P selber die große Menge der Beats. Die bleiben immer in Bewegung und klingen meistens modern ohne zu sehr in die New-School-Richtung abzurutschen. Auto-Tune? Fehlanzeige! Scratches und Kopfnicker-Beats? Na klar! „ooh la la“ zum Beispiel sampelt Oldschooler Greg Nice und ist anders als der flache Titel vermuten lassen würde ein wahrhaftiger Hit. An anderer Stelle gibt das Duo mehr auf die Fresse. So nähert sich „the ground below“ mit seinem stampfenden Schlagzeug, verschmitzten Gitarrenlicks und repetitivem Ein-Zeiler-Chorus vorsichtig dem Crossover. 

It’s all about money and power

Passend zu den kurzzeitig durchscheinenden Gitarrenmusik-Einflüssen holen sich die zwei 45-Jährigen für andere Momente bekannte Rock-Musiker ins Boot. Steuert Queens Of The Stone Age-Kopf Josh Homme für „pulling the pin“ psychedelische Chorale bei, so schlägt Rage Against The Machine-Schreihals Zach De La Rocha auf „JU$T“ einen deutlich wütenderen Ton an und schießt gemeinsam mit den zwei Run The Jewels-Rappern und Pharrell Williams gegen Korruption und Geldfokus politischer Eliten. It’s all about money and power. Mit den Mächtigen rechnet Killer Mike auf dem bereits erwähnten „ooh la la“ schon früher ab. Dort heißt es provokant: „Fuck a king or queen and all of their loyal subjects // I’ll pull my penis out and I piss on their shoes in public.

Empowerment

„RTJ 4“ liefert unzählige dieser spitz formulierten Verbalattacken. Auch wenn die Songs selber mal nicht direkt politisches behandeln, so bieten sie mit ihren Herkunftsbezügen und Killer Mike als Orientierungspunkt gerade in brisanten Zeiten wie diesen einen Anker für viele umhertreibende Seelen. Im Closer „a few words for the firing squad (radiation)“ wird das in Form eines Empowerments auf die Spitze getrieben. Dort heißt es: 

„This is for the do-gooders that the no-gooders used and then abused // For the truth tellers tied to the whippin’ post, left beaten, battered, bruised // For the ones whose body hung from a tree like a piece of strange fruit // Go hard, last words to the firing squad was, “Fuck you too“.“

Die vierte Run The Jewels-Platte ist deshalb auch fernab ihrer hohen Text- und Musik-Qualität des aktuellen Bezugs wegen eine der wichtigsten Veröffentlichungen der noch jungen 2020er-Jahre. Apropos Bezug. Zum Schluss dieses Textes sollen ein paar weitere Zeilen stehen, die gerne zum Reflektieren und Nachdenken anregen sollen. In „walking in the snow“ rappt Michael Render wie Killer Mike mit bürgerlichem Namen heißt:

„And every day on evening news they feed you fear for free // And you so numb you watch the cops choke out a man like me // And ’til my voice goes from a shriek to whisper, “I can’t breathe“ // And you sit there in the house on couch and watch it on TV // The most you give’s a Twitter rant and call it a tragedy.“

Nun wäre es mal an der Zeit daran was zu ändern, oder? Black lives matter.

Das Album “RTJ 4” kannst du dir hier herunterladen.

Und so hört sich das an:

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Die Rechte für das Cover liegen bei BMG.

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